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Briefe über die Vaterlandsliebe

Friedrich II. von Preußen: Briefe über die Vaterlandsliebe - Kapitel 3
Quellenangabe
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typetractate
authorFriedrich der Große
booktitleHistorische, militärische und philosophische Schriften, Gedichte und Briefe
titleBriefe über die Vaterlandsliebe
publisherAnaconda Verlag GmbH
editorGustav Berthold Volz
illustratorAdolph von Menzel
year2006
isbn3866470347
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090212
projectidd979bff6
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3. Brief des Anapistemon

Tausend Dank für die Mühe, die Sie sich geben, mich über einen Gegenstand aufzuklären, den ich nur wenig untersucht und über den ich nur sehr unbestimmte Begriffe habe! Ihr Brief erschien mir nicht nur nicht zu lang, sondern vielmehr zu kurz; denn ich ahne schon, Sie werden mir noch mancherlei erklären müssen. Inzwischen wundern Sie sich bitte nicht, wenn ich einige Einwendungen mache. Klären Sie meine Unwissenheit auf, zerstören Sie meine Vorurteile oder bestärken Sie mich in meinen Ansichten, wenn sie richtig sind!

Kann man sein Vaterland wirklich lieben? Ist diese sogenannte Liebe nicht die Erfindung irgend eines Philosophen oder eines grüblerischen Gesetzgebers, die von den Menschen eine Vollkommenheit fordern, die ihre Kräfte übersteigt? Wie soll man das Volk lieben? Wie kann man sich für das Wohl irgend einer Provinz unserer Monarchie aufopfern, auch wenn man sie nie gesehen hat? Das alles läuft für mich auf die Frage hinaus, wie man mit Inbrunst und Begeisterung etwas lieben kann, was man gar nicht kennt? Solche Betrachtungen, die sich dem Geiste schier von selbst aufdrängen, haben mich überzeugt, daß es für einen verständigen Menschen das klügste ist, ein ruhiges, sorgloses und müheloses Pflanzendasein zu führen und sich so wenig wie möglich anzustrengen, bis wir ins Grab sinken, das uns allen beschieden ist.

Nach diesem Plane habe ich stets gelebt. Da begegnete mir eines Tages Professor Garbojos, dessen Verdienste Sie kennen. Wir unterhielten uns über diesen Gegenstand, und er erwiderte mir mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit: »Ich gratuliere Ihnen, Herr Baron, daß Sie ein so großer Philosoph sind!« – »Ich? Durchaus nicht!« entgegnete ich. »Ich kenne diese Art von Leuten gar nicht und habe nichts von ihren Machwerken gelesen. Meine ganze Bibliothek besteht nur aus sehr wenigen Büchern; Sie finden darin nur den ›Perfekten Landwirt‹, die Zeitungen und den laufenden Kalender; das genügt.« – »Trotzdem«, fuhr er fort, »sind Sie voll von den Grundsätzen Epikurs. Wenn man Sie so hört, sollte man glauben, Sie wären in seinem Garten heimisch.« – »Ich kenne weder Epikur noch seinen Garten«, erwiderte ich; »aber was lehrt denn dieser Epikur? Bitte, unterrichten Sie mich darüber.« Da nahm mein Professor eine würdevolle Miene an und sprach also: »Ich sehe, daß die schönen Geister sich berühren, da der Herr Baron ebenso denkt wie ein großer Philosoph. Epikur lehrte, sich nie in Geschäfte noch in die Regierung zu mischen, und zwar aus folgenden Gründen. Um sich jene Seelenruhe zu bewahren, worin nach seiner Lehre das Glück besteht, darf der Weise seine Seele nicht der Gefahr aussetzen, von Verdruß, Zorn und anderen Leidenschaften erregt zu werden, die die Sorgen und Geschäfte notwendig mit sich bringen. Es sei also besser, jeden Anlaß, jede unangenehme Tätigkeit zu meiden, die Welt gehen zu lassen, wie sie geht, und alle Kräfte zur Selbsterhaltung zusammenzunehmen.« – »Guter Gott«, rief ich aus, »wie entzückt bin ich von diesem Epikur! Bitte leihen Sie mir sein Buch.« – »Wir besitzen von ihm«, erwiderte jener, »kein vollständiges Lehrgebäude, sondern nur verstreute Bruchstücke. Lukrez hat einen Teil seines Systems in schöne Verse gebracht. Einzelne Brocken finden wir in den Werken von Cicero, der einer anderen Sekte angehörte und alle seine Behauptungen widerlegt und vernichtet.«

Sie können sich nicht vorstellen, wie stolz ich war, in mir selbst das gefunden zu haben, was ein alter griechischer Philosoph vor fast dreitausend Jahren gedacht hat! Das bestärkt mich mehr und mehr in meinen Ansichten. Ich beglückwünsche mich zu meiner Unabhängigkeit; ich bin frei, bin mein eigener Herr, Fürst und König. Ich überlasse ungestümen Toren den trügerischen Traum von Größe, dem sie nachjagen. Ich lache über die Habgier der Geizigen, die eitle Schätze sammeln, die sie im Tode verlassen müssen, und stolz auf die Vorzüge, die ich besitze, erhebe ich mich über die ganze Welt.

Ich hoffe auf Ihren Beifall; denn ich denke wie ein Philosoph, den ich weder gesehen noch gelesen habe. Die Natur allein muß diese Übereinstimmung der Meinungen erzeugt haben; sie müssen also Wahrheit enthalten. Haben Sie die Güte, mir zu sagen, was Sie darüber denken. Vielleicht stimmen wir überein. Wie dem aber auch sei, nichts wird die Gefühle der Achtung und Freundschaft vermindern, mit denen ich bin usw.

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