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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mittwoch Nachmittags d. 3ten.

Finster hat mir gestern einige Erläuterungen über die natürliche und politische Geschichte des Vorgebürges Arkona gegeben. Um diese mit seiner itzigen Beschaffenheit zu vergleichen, stellt' ich heute eine eigne Wallfahrt nach der berühmten Uferspitze an. Zwei Wege führen dahin, der eine quer durch das Land, der andre längst dem Gestade. Natürlich wählt' ich den lezteren romantischeren.

Gleich von dem Dorfe Nobbyn an, wo sich der Weg aus dem Innern des Landes an das Ufer lenket, wird das leztere steiler, abschüssiger und stickler. Die Liethen folgen häufiger auf einander. Die Quarz- und Granittrümmer sind dichter gesät. Die Erdart fängt an, nach und nach aus Lehm und Thon in eine grobe und unreine Kreide überzugehn. Einige Schritte etwa jenseits Nobbyn stieß ich auf ein majestätisches Hynengrab, das imposanteste und zugleich am besten erhaltene, was ich auf dieser Insel noch gesehen habe. Es streichet von Norden nach Süden. Der länglichte Steinkreiß mißt gegen dreißig Schritte in die Länge, und gegen zehn in die Breite. Die Zahl der Steine, die ihm umsetzen, ist neun und dreißig. Es sind mächtige Blöcke darunter. Die beiden mächtigsten aber bilden den Eingang, und würden leichtlich einen Reuter zu Pferde bedecken. Der Grabhügel selbst ist sanftgerundet, und streicht bis hart an das Ufer hinunter.

Erwärmt durch den Anblick dieses edlen Maales, und umlispelt, wie es mir vorkam, von Erinnerungen aus der grauen Vorwelt, ging ich mit verdoppeltem Schritte weiter; erreicht bald die friedliche Vitte; umging die weite Schlucht, in welcher sie vergraben liegt, und sah nun die alte Arkon thürmend vor mir liegen. Die Ansicht ist noch ganz genau die nehmliche, unter welcher Saxo der Grammattiker sie vor sechshundert Jahren sah und schilderte.Haec (Arcona) in excelso promontorii cujusdam vertice colloratu, ab ortu, meridie et aquilone non manu factis, sed naturalibus praesidiis munitur, praecipitiis moenium specien praeferentibus, quorum cacumen, excussae tormento sagittae jactus aequare non possit. Ab iisdem quoque plagis circumfluo mari sepitur, ab occasu vero vallo quinquaginta cubitis alto, concluditur; cujuinferior medietas terrea ereat, superior ligna glebis intersita continebat – Septentrionale latus ejus fonte irrigno scatet, ad quem muniti callis, beneficio, oppidanis iter patebat. Lib. XIV.

Scharfzugespitzt, und beinahe lothrecht abgeschnitten springt das mächtige Vorgebürge in die See hervor; ost- nord- und südwärts durchaus unzugänglich. Die Abendseite, vermittelst deren es allein mit dem Lande zusammenhängt, verschanzet ein noch itzt beträchtlich tiefer Graben, hinter welchem ein noch immer schwer ersteiglicher Wall zu einer Höhe von dreißig Ellen halbzirkelförmig hinanschwillt. Hart am Rande des nördlichen Gestades ist der Wall durchschnitten. Hier war der Eingang, durch welchen die alten Rugier in ihr Heiligthum gelangten, und auch ich verfügte mich durch ihn in sein Inneres. Nichts war hier zu sehen, als ein ganz flaches Feld von einigen Ackern Landes, auf denen einige grasende Kühe herumirrten. Ich beschrieb den ganzen Zickzack der mannigfaltig ausgeschweiften Uferwände, untersuchte die mancherlei Erdlagen, aus denen sie in dem Laufe von Jahrhunderten aufgeschichtet wurden, sah an mehreren Stellen das unten hohlgespühlte Erdreich gleich schwebenden Gewölben über den Abgrund hängen, und erstieg dann die sogenannte Jaromarsburg, die steilste Spitze des Walles, die sich zur Rechten des Eingangs hart am nördlichen Ufer befindet, und dem Wanderer eine der herzerhebendsten Aussichten eröffnet. Größer, hehrer, unendlicher ist die grenzenlose Schöpfung mir bisher noch kaum erschienen, als auf diesem unbekannten Erdflecke. Über Wittows gartengleiche Ebenen, über Jasmunds blauenden Gestade, über Rügens labyrinthische Gefilde, über die mannichfaltigen Buchten, Wieken, See- und Landengen des ganzen Inselmeeres irrte der trunkene Blick bis in eine unbestimmte Ferne, wo im Flore eines dünnen Nebels Himmel und Meer sanft ineinander zerflossen. Interessanter noch ward ohne Zweifel die große Scene durch die eigne Art der Beleuchtung. Die Luft war bewölkt. In Süden und Westen standen Donnerwolken. Furchbare Schlagschatten warfen über einen Theil der See und der Inseln einen schwarzen Schleier. – Noch war die See ganz stille. Itzt fing sie an zu murmeln... dann zu grollen... dann zu brausen. Itzt stieg ein Wirbelwind auf, und geißelte die krausen schäumenden Wogen wild durch einander. – Ich lag auf der Jaromarshöhe, und weidete mich an dem erhabenen Schauspiel. – Das Gewitter verzog. Die Wolken theilten sich. Einen Augenblick trat die Sonne hervor, und das Meer, die Ufer, die Inseln und die Halbinseln erglänzten in ihrem fließenden Strahle. Sie verbarg sich wieder. Das Gewölk schloß sich, und ein lichter trüber Flor umschattete das Ganze. Staunend und träumend lag ich auf dem nackten Gipfel. Meine Seele lustwandelte in den Jahrhunderten einer fernen Vorwelt, vergegenwärtigte sich die mancherlei Zeiten, Völkerschaften und Begebenheiten, die dieses Vorgebürge sah und überlebte – jene graue Zeit, wo die alten Teutonen von Scythien und Sarmatien aus am Gestade der Ostsee sich herunterzogen, das herrliche Vorgebürge entdeckten, es benannten,Der Name Arkona ist offenbar Mungalisch, als in welcher Sprache Ark, eine Bergspitze, ein hohes Ufer, Kon aber eine Ecke, eine Kante bezeichnet. S. Strahlenberg vom Norden und Osten Europens und Asiens. Wo bleibt bei so erweislicher Verwandtschaft Celtischer und Tatarischer Völkerstämme jene berühmte Hypothese von zweyen gleich ursprünglichen Menschenrassen, der Altaischen und Caucasischen? erstiegen und bevölkerten – jene späteren Jahrhunderte, wo Sveven, Wandalen, Heruler und Rugier sich aufmachten in zahlreichen Schwärmen, um die Tyrannin des Erdbodens, die alte Rom, zu stürzen und die Gestalt des halben Erdbodens umzuwandeln – jene noch näheren Zeiten, wo Slaven und Wenden, ein friedliches und emsiges Volk, in die öde gelassenen Provinzen einrückte, die Wälder lichtete, das Feld baute, in zahllosen Dorfschaften sich ansiedelte, und Swantewit, dem Fürsten der Götter, keine würdigere Wohnstätte anzuweisen wußte, als die schon damals weit berühmte Arkona – jenes kriegerische Jahrhundert, in welchem Woldemar ins Land fiel, die wackern Rugier in ihre Feste drängte, durch Wassermangel sie zur Uebergabe zwang, ihren Tempel zerbrach, ihren Gott in Brennholz zerhieb, und die Anbeter Swantewits und Witholds in Anbeter Mariens und des heiligen Vitus umschuf – und nun die heutige friedliche Zeit, wo der Putgarder Bauer im Innern des heiligen Burgringes sein Vieh weidet, den Boden, wo seine Väter anbeteten, mit dem Pflugschar aufreißt, und Sonntags zur nahen Vitte wallfahrtet, um dort seinen Pastor den wahren Gott verkündigen zu hören. – O Fluth der Zeiten, die du Menschen, Völker, Sprachen und Religionen unaufhaltsam mit dir fortreißest, und mit jeder späteren Woge die Spuren der früheren vertilgest, kann doch die denkende sich ewig wähnende Seele deinem vertilgendem Strudel nicht zuschauen, ohne daß sie fürchte für sich selber. Wie lange, und die Scene, welche so manche Völkerschaften auftreten, handeln und verschwinden sahe, wird verschwinden wie sie selber. Arkona wird fallen. Stubbenkammer wird einstürzen. Die Riesenkoppe wird ihre graue Scheitel senken – Montblanc und Chimborasso werden zusammentaumeln. Die Schöpfung wird wieder in Chaos zerfallen, und du, mein armes Ich, solltest den Schiffbruch aller Dinge überdauern?

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