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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dienstag Morgens d. 2ten Oct.

Meinem vorgestern gefaßten Entschlusse getreu wandert' ich gestern nach Mittage nach Altenkirchen. Das Gehöft des Pastors, das man hier zu Lande die Wedem nennt, liegt etwas abwärts vom Dorfe, gar ländlich und vertraulich zwischen Weiden, Kornfeldern und schattigten Gärten. Unter den Kastanienbäumen vor der Hausthür saß des Pastors kleines Töchterchen, ein dreijähriges Kind etwa, mit ein paar hellen braunen Augen und seelvollem Gesicht, und puzte ihr Püppchen. Ich fragte sie, ob Papa zu Hause wäre? – Vaterchen, sagte sie, ist oben; und ohne zu warten, bis ich sie's hieße, stand sie auf, trippelte zum Fuß der Treppe, und »Vaterchen! rief sie, komm herunter. Hier is Wer!« – Gleich, mein Kind! scholl es von oben herunter; aber es verzog sich mit dem gleich doch mehrere Minuten. Mittlerweile plaudert' ich mit der Kleinen. Sie erzählte mir, daß ihre Puppe Ida heiße, daß sie sie an ihrem Geburtstage habe geschenkt bekommen, nebst einen Kuchen mit vier Lichtern, und einem Gedichte dabei vom Vater! – Jtzt kam der Vater. Ein leichtes Gewölk hing um die Augenbraunen, und schien zu bezeichnen, daß ich in irgend einem lieben und interessanten Geschäffte ihn unterbrochen habe. Auch war seine Bewillkommung ziemlich kalt, und in seiner Freundlichkeit lag etwas Gezwungenes. Nun ist unter allen Gefühlen, das Gefühl lästig zu seyn, mir das unerträglichste, ich besann mich auch schon, ob ich Hut und Stock überall ablegen, und nicht auf der Stelle wieder meines Weges ziehen wolle. Inzwischen gelang es ihm, seiner Unzufriedenheit sich zu bemeistern. Ein Strahl von Humanität erhellte den untern Theil seines Gesichtes, während Stirn und Braunen noch im Schatten lagen, und so blieb ich. Es ward bald Kaffee gebracht und allerlei gleichgültiges gesprochen... von der schönen Herbstwitterung... von meinem Schiffbruche... von Anmuth und Beschwerden des Seereisens... von den Kupfern, die in der Stube hingen, u.s.w. Ich hatte ziemliche Langeweile. Um sie zu verscheuchen, ersucht' ich Finstern, mir die Umlage zu zeigen: Er war bereit dazu. Also besahen wir seinen Hof, der reinlich und geräumig ist; seine Gärten, die simpel und schattigt sind; sein Dorf, das etwa sechzig Familien hält, deren Regierung ihm zustehet; seinen Kirchhof, der mit Silberpappeln umpflanzt, ein gar friedliches und ruhiges Ansehn hatte; seine Kirche, die in sehr reinen architektonischen Verhältnissen gebaut, nur etwas zu dunkel ist, und übrigens nichts merkwürdiges enthält. Im Eingange fanden wir jedoch eine Antiquität – einen alten rügischen Götzen aus Stein gehauen, mit der (freilich erst in spätern Zeiten aufgeklecksten) Inschrift: S. Vitus, oder Swantewit. Finster sagte aber, es sey weder Sanct Veit, noch Swantewit, sondern der Götze Withold. Wir gingen nun aufs Feld, das um diese Jahreszeit freilich eben nichts behagliches darstellt. Auch sezten wir uns bald an einer kleinen Anhöhe nieder, von welcher wir die See, Jasmund und Hiddenseee übersehen konnten. Das Wetter war köstlich; die Luft ganz lau; die Sonne schien aus dem herbstlichen Gedüfte, so warm, so freundlich zu uns hin, daß selbst die Kleine, die mit uns war, ihre Einflüsse zu fühlen schien, – »Aber Vater, fing sie, da wir eben still und staunend da saßen, mit einmal an; aber, Vater, wer hat denn die liebe Sonne gemacht?« (Sieh da! dacht' ich, eine Magisterfrage!) Der Vater that, als hört' ers nicht. Die Kleine fragte noch einmal, und nun mußt' er freilich antworten. »Die liebe Sonne, mein Kind? Wie meinst du? Sollte die liebe Sonne wohl seyn gebohren worden?« – »O nicht doch, Vater!« – »Nun? und warum nicht?« – »I! die is ja nicht lebendig!« – Eine Pause. – Herzvater schien nicht Lust zu haben, sich weiter einzulassen. Aber die Kleine hielt ihn fest. »Nun, Vater fuhr sie fort, wer hat denn recht die liebe Sonne gemacht?« – »Was meinst du Liebe? Sollte ich sie wohl gemacht haben?« – »Nein, Vater!« – »Oder Mutter?« – »Nein Vater!« – »Oder Meister Lieger?« (ein Maurer) – »Nicht doch, Vater!« – »Nun, und warum nicht?« – »I! ihr könnt ja nicht an kommen!« – Abermal Pause. – »Aber, Vaterchen, wer hat die liebe Sonne denn gemacht?« – Itzt nahm der Vater das holde Kind auf seinen Schooß. Mit sanft-eindringendem Tone sprach er: Ich will dirs sagen, Liebe, wer die liebe Sonne gemacht hat. Der liebe Gott ists, der sie machte! – »Der liebe Gott??« sagte die Kleine, und sah mit ihren hellen Augen ihn staunend an. »Wo ist denn der liebe Gott?« – »Da oben im Himmel!« – »Wo Lina Linden is?« – »Ja!« – »Wo die schönen Blumen sind?« – »Ja!« – »Wos immer Sommer is?« – »Eben da!« – »Wo der schöne bunte – i wie heißt er nu doch?« – »Regenbogen, mein Kind?« – »Ja, Vater, wo der schöne Regenbogen hingeht?« – »Eben da, mein Kind! und den schönen Regenbogen gestern hat der liebe Gott auch gemacht.« Jedoch es würde zu weitläufig seyn, dies interessante Gespräch noch ferner durch seine mannichfaltigen Schwingungen und Wendungen zu verfolgen. Genug, die Kleine ließ den Vater nicht loß, und da ihr Herz einmal offen, und ihr Verständnis aufgeschlossen schien, so nutzte der Vater den Augenblick, um gegen den großen Unbekannten, den er ihr itzt zum erstenmal genannt hatte, ihr Liebe und Ehrfurcht einzuflößen. Er beschrieb ihr, wie gut der liebe Gott sey, wie viel Schönes er uns schenke, wie er den frommen Menschen und den frommen Kindern insonderheit so gewogen wäre, u.s.w. Er erklärte ihr nun zum erstenmal, was es auf sich habe, daß Vater und Mutter vor Tische die Hände zusammenlegen und eine Weile so still wären; daß sie sich nehmlich dann für das Essen bei dem lieben Gott bedankten; imgleichen, was die Leute in der Kirche machten, was das Predigen und Singen bedeute u. dergl. – Mittlerweile neigte sich die Sonne zu ihrem Untergange; es ward kühl, und thauete in aller Fülle der Herbstabende. Wir brachen also auf, und wanderten langsam zum Dorfe zurück – die Kleine, sehr still und sinnend, an der Hand des Vaters – Ich meinen Theils, der bisher eine stumme Person gespielt hatte, war itzt Sünder genug, meine unvorgreifliche (nicht einmal aus eigener Kraft empfangene, sondern nur dem Trosse heuriger Pädagogen nachgehallte) Meinung zu äußern, daß dergleichen Begriffe einem dreijährigem Kinde wohl zu hoch seyn möchten! »Zu hoch? sagte Finster lächelnd. Daß die Sonne von jemanden gemacht sey, daß dieser jemand Gott heiße, daß er im Himmel wohne, daß er gut sey, daß er mächtig sey, daß er alles sehe und höre – dünkt Ihnen das so etwas Hohes? – Lieber Freund, fuhr er fort, was wir von Gott zu wissen brauchen, das kann ein Kind fassen. Das übrige haben nicht Sie, nicht ich, nicht Simonides, Aristoteles, Carthesius, nicht Kant begriffen, und werden es nie begreifen.«

Nach unsrer Zurückkunft führte mich Finster auf seine Studierstube. Im Golde der Abendsonne flammete sie uns entgegen, und enthüllete über Wittow, Hiddensee und das weite blaue Meer eine schöne Aussicht. Während ich, einer mir anklebenden Unart zufolge, über des Pastors Bücher herfiel, und denen kramte, lag er im offenen Fenster, und staunte tiefsinnig in die blendende Gluth hinein. Sein kleines Töchterchen stand neben ihm auf einen Stuhl, und schaute auch zu. Auch ich trat endlich zu ihnen. Ich rühmte die schöne Aussicht. – »Ja wohl, sprach Finster, ist sie wunderschön!« – Und nach einer Pause – »Wie doch alle meine Jugendschwärmereien itzt in Wesen übergegangen sind! Grade so eine Lage, so eine Studierstube, mit so einer Aussicht... auf die See... auf irgend ein fernes Gestade... im rothen Glanz der Abendsonne... hab' ich mir immer gewünscht, und hab' es erhalten. – Nur schöner noch, viel schöner und reizender, als ich mirs fantasirte.« – Er schwieg, in seinem emporschauenden Blicke aber schien mir des Altvaters Jakob' Gefühl zu schwimmen: Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an mir gethan hast; ich hatte nicht mehr denn diesen Stab, als ich über diesen Jordan ging; und nun bin ich zweier Heere worden. – »Ich bin, fuhr er nach einer Weile fort, auf diesem einsamen Flecke nun schon so eingewohnt; mir ist so wohl auf ihm, und so einheimisch, daß mir's sauer wird, mich auch nur auf einen halben Tag von ihm zu entfernen.« – »Ja wohl, mein Lieber, fiel seine Gattin ein, die auf dem Sofa saß, auch sind wir schon wieder unsern Nachbarn rings in der Runde die Visite schuldig. Preißlers haben wir noch nicht gratuliert; Prangens noch nicht condolirt; Henningsens sind wie überall noch den Antrittsbesuch schuldig. Glaube mir mein Bester, die Leute dünken sich von uns vernachlässigt, und kennen dich noch nicht genug, um es uns nicht zu verdenken.« »Ists möglich, antwortete er. Kann mans einem auch verdenken, daß er die einfache Kunst versteht, sich selbst genug zu sein? – Ich gestehe es, fuhr er, zu mir wendend, fort. Diese Visiten sind mir eine halbe Frohne. Theils hab' ich hier alles um mich her versammelt, was einem Geiste, wie der meine ist, das Leben versüßet und verschönert, und natürlich find ich das an jedem andern Orte nicht so beisammen. Theils erfordert die Schwäche meiner körperlichen Konstitution eine anständige Gleichförmigkeit der Lebensordnung, die sich nur im eigenen Hause beobachten läßt. Theils ist durch den täglichen Umgang mit der Natur und mit diesen meinen todten Freunden (seine Bücher ansehend) mein Geist so verwöhnt und verzärtelt worden, daß die gewöhnliche Unterhaltung auch der sogenannten besten Gesellschaften mich in eine höchst unbehagliche Atonie versetzet. – Dazu kommt, daß ich selbst wenig oder gar kein Talent zur Unterhaltung besitze, und daher andre gewöhnlich in eben dem Maaße ennüyire, in dem ich mich selbst ennüyirt finde – Jedoch, es ist Unart an mir; es ist Verstimmung! Ich will mich bessern, Liebe, und morgen nach Tische laß anspannen!«

Gegen zehn Uhr Abends ging ich. Aber meinst du, daß er mich gebeten habe, ihn einmal wieder zu besuchen? – Nicht mit einer Sylbe!

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