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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sonntag Abend d. 30sten.

Eine ganz eigne Ueberraschung hatt' ich heute.

Meiner Weise nach ging ich heute Mittag am Ufer spazieren. Das Wetter war, wie ich's gerne habe; lau, linde; der Himmel bedeckt. Verloren in Gedanken mancher Art wandert' ich immer stracks vor mir hin, grade auf die nordöstliche Landspitze zu. Mittlerweile senkten sich die Wolken, und es fing an zu regnen. Ich ließ mich das nicht anfechten; ging, da dem Naßwerden nun doch einmal nicht mehr zu entrinnen war, langsam vorwärts, stieg eine etwas höhere Uferspitze hinan, und sah mit einmal tief unter mir eine geräumige, vielfach gewundene Uferschlucht liegen, und innerhalb derselben etwa ein Dutzend Hütten, kleinere und größere. Zwischen den Hütten irrte eine größere Anzahl Menschen herum, als dem kleinen Dörfchen allein schien zugehören zu können. Alle waren sonntäglich gekleidet, und alle drängten in eine der geräumigeren Hütten hinein. Neugierig, die Ursache dieses unerwarteten Zusammenflusses zu ergründen, stieg ich eiligst hinab, und folgte dem Gedränge in die Hütte. Diese fand ich bereits gepfropft voll Menschen, Männern und Frauen, deren einige standen, die meisten aber auf einer Reihe Bänke gedrängt da saßen. Noch begriff ich nicht, was hier beginnen sollte, als mit einmal ein einzelner schwarzgekleideter Mann, in einem hellen Tenor das Lied anstimmte: O Gott, von dem wir alles haben... Die Gemeine fiel ein – die Schuppen fielen mir von den Augen, und ich entdeckte neben jenem Sänger itzt noch einen Schwarzrock, einen schmächtigen blassen Mann mit schlicht niedergekämmten Haaren. Ich fragte den nächsten besten Nachbar, wer der schwarze Herr sey. Er wunderte sich höchlich, daß ich ihren Herrn Pastor Finster nicht einmal kenne. – »Und wird denn der Herr Pastor hier auch itzt etwa predigen?« – »Was sonst!« erwiederte mein Krauskopf trotzig, drehte sich von mir, und sputete sich, die voreilende Gemeine wieder einzuholen. – Ich drückte mich demüthig in meinen Winkel, und hörte zu. – Rührender, meine Liebe hat der Gesang einer Gemeine mir noch nie geschollen, als in dieser Hütte. Es war so eng um uns her, und so vertraulich. Wir waren so zusammengepreßt, und so eingeschlossen. Das wenige Licht, das zu der meerwärts geöffneten Thüre hereinglitt, erleuchtete nur sparsam die schwarzgeräucherten Wände, die Netze, Reusen, Maschen und andre Fischergeräthe, die über unsre Köpfe hingen, und die Reihen singender Männer und Frauen, die alle da saßen mit einem Ausdruck ungewöhnlicher Andacht. Das Ganze athmete eine Ruhe, Einfalt, Herzlichkeit und Traulichkeit, die mich zurück versezte in die Jahrhunderte der ältesten Kirche... Nachdem das Lied geendigt, ein Psalm verlesen, und nun der sogenannte Hauptgesang gesungen war, erhub sich Pastor Finster. Mit einer dumpfen, etwas zerquetschten Stimme, die jedoch vermittelst der lauschenden Stille umher ziemlich vernehmlich war, hub er an aus tiefer Brust, und wie mich däuchte, aus vollem Herzen: »Großer und guter Vater, wir beten dich an in dieser stillen Hütte. Des Armen Hütte ist dir so lieb, wie der Großen Pallast. Das Lallen der Unmündigen ist köstlich vor dir, wie der Chorgesang versammelter Gemeinen. O so schaue dann mit Wohlgefallen herab auf unser kleines Häuflein. Segne die Bewohner dieser friedlichen Hütten. Segne sie in ihrem Berufe und Gewerbe. Segne sie in ihrem Ehestande und in ihrer Kinderzucht. Segne alle, die mich heute hören! Segne auch mich, guter Vater, Amen.« – Nach diesem Eingange erzählt' er seinen Zuhörern, wie er darauf gerechnet, heute im schönen freien weiten Naturtempel Gottes mit ihnen zu reden; und sich also eigentlich darauf vorbereitet habe, ihnen des guten himmlischen Vaters Weisheit und Güte aus einigen seiner Naturveranstaltungen begreiflich zu machen; da der Regen sie aber unvermuthet in diesen engern Raum gejaget habe, so woll' er jenen Vortrag für eine gelegenere Zeit sparen, und für diesmal mit ihnen von Tugenden reden, welche den Einwohnern der Hütten am meisten geziemten, und solchen das Leben am meisten versüßeten. Und nun sprach er nacheinander von der Häuslichkeit, von der Reinlichkeit, von der Arbeitsamkeit, von der Eintracht, von ehlicher, älterlicher und nachbarlicher Liebe, und von der Gottesfurcht, der Krone von allem. Er zeigte, wie diese Tugenden grade in den Hütten am besten gediehen, und am leichtesten auszuüben wären; und mich däuchte, ich sah es den heiteren Angesichten mehrerer Zuhörer an, wie lieb ihre ärmlichen Hütten ihnen in diesem Augenblick waren. Meine eigene Hüttenliebe hat wirklich auch durch diese Predigt gewonnen, und ich wollte wohl wetten, daß dieser Pastor Finster ein Mann ist, mit dem ich in mehreren Hinsichten, als in dieser Einen, sympathisire.

Er ging nach geschlossenem Gottesdienst in eine der benachbarten Fischerhütten, um sich dort, uralter Gewohnheit nach, mit in Milch gebrocktem Brode, und einem frischgefangenen Hering bewirthen zu lassen. Ich blieb bei dem Hauswirthe; der mir dann erzählte; daß dieses Dorf die VitteEs giebt der Vitten mehrere auf Rügen. Alle werden von Fischern bewohnt, so daß das Wort ohne Zweifel mit Hytte, Hütte, Fischerhütten völlig einerlei ist. sey; daß er und seine Nachbarn Fischer seyen, die des Sommers fischeten; daß itzt die Zeit des Heringsfanges sey; daß sie während derselben Tag für Tag auf den lieben Hering harren müßten, und also nicht Zeit hätten, das Altenkircher Gotteshaus, das fast eine Meile entfernt wäre, zu besuchen; damit sie nun doch nicht ganz des lieben Gotteswortes entbehren möchten, so sey seit undenklichen Zeiten der christliche Gebrauch gewesen, daß während des Heringsfanges acht Sonntage nach einander bei ihnen Kirche gehalten werde, und zwar bei gutem Wetter im Berge, bei schlimmen aber so wie heute, in seinem Hause. Ihr Herr Pastor Finster habe eigentlich nicht nöthig, diese ziemlich beschwerlichen Predigten selbst zu halten; sondern dürfe nur seinen Kapellan hersenden, welches denn auch sein seliger Vorfahr die meiste Zeit gethan; er aber habe bald anfangs eine besondere Liebe zu ihnen, ihrem Dorfe und Gewerbe gewonnen, wie denn auch unser Herr Christus gar gern unter den Fischern habe seyn mögen; sey auch schon ein paarmal mit ihnen auf den Fang gefahren, um die Allmacht Gottes zu betrachten, und lasse sich diese Predigten nicht nehmen; sie ihrer Seits hätten ihn auch von Herzen lieb dafür, und wenn der liebe Gott ihnen was Gutes in ihre Netze beschere, so vergäßen sie nicht, ihn zu bedenken. Der redselige Mann erzählte mir noch viel mehr, beschrieb mir die Einrichtung ihres Dorfes, erklärte mir die Ordnung, die sie unter sich hielten, belehrte mich über die Verschiedenheit der Netze, und lud mich endlich ein, einmal mit ihnen auf den Heringsfang auszuziehen, das ich denn keinesweges ablehnte. – Vor allen Dingen aber will ich nun erst hin, und den Pastor Finster näher kennen lernen.

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