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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sonnabend den 29sten.

Izt, da ich das Land in der Länge und Queere durchstreift bin, und über dieses und jenes mich bei einem oder andern sachkundigen Manne Raths erholet habe; will ich Ihnen, lieber Edward von seiner natürlichen und moralischen Beschaffenheit einige Nachricht geben.

Wittow ist das nördlichste Land in Deutschland. Es hängt vermittelst der sogenannten schmalen Hayde (eben jenes Landstrichs, an welchem wir gestrandet sind) mit der Halbinsel Jasmund, und vermittelst dieser und einer zwoten Landenge, die man die Prora nennt, mit dem größern Lande Rügen zusammen. Unter dem Namen Wittow kommt es zuerst bei Saxo dem Grammattiker vor, welcher dieses Land bei Gelegenheit des Dänischen Feldzugs wider die Feste Arkona im Jahr 1168 selbst bereiste und beschrieb. Er beschreibt es aber als ein ringsumflossenes Land,Insula Archonensis, quae Withova dicitue, a Rugiae complexa, parvula freti interrivatione, quae vix fluminis magnitudinem aequare videatur, abrumpitur. L. XIV, Sect. 4. so daß die schmale Hayde, die freilich aus bloßem angeschwemmten Sande bestehet, erst seit seiner Zeit entstanden seyn müßte.

Ueber den Ursprung des Namens Wittow sind die Ethymologen uneins, wie immer. Die einen leiten ihn von den weißen Kreideufern des Landes her; die andern von dem heiligen Vitus welchem Kaiser Lotharius dieses Land im neunten Jahrhundert verehrte. Wieder andre meinen, Wittow sey so viel, als Witt-au, eine weiße oder gute Aue; und wirklich sind witt (weiß) und gut noch heutigen Tages bei den Einwohnern Synonimen. Min lewe witte Herr! ist die gewöhnliche Cajolerie, mit welcher ich auf meinen Streifereien mich ansprechen höre.

Die gegenwärtigen Einwohner sind ein gemengtes Ueberbleibsel von den mannichfaltigen Völkerstämmen, die sich nach und nach in diesen und den benachbarten Inseln ansiedelten; von Teutonen, den Aborigenen des Landes, die vermuthlich aus des weitläuftigen Scythiens fast unbestimmbaren Grenzen einwanderten; von Suevo-Wandalen, die zu den Zeiten des Tacitus in diesen Gegenden saßen; von Rugianern, die zu den Zeiten der Völkerwanderung von der Weichsel und Oder her in diese Insel rückten; von Slaven, die im sechsten Jahrhundert den Ruganiern nachdrängten, und in den Gegenden, die die Wuth des Auswanderns beinah in Wüsten verwandelt hatte, auf eine friedliche Art sich niederließen; von Sächsischen Kolonisten, die zu Ende des zwölften Jahrhunderts ins Land gezogen wurden, und von denen fast alle adeligen Familien des Landes abstammen. – Von dem so verschiedenartigen Karakter, den Sitten, Meinungen und dem Aberglauben dieser mannichfaltigen Völker finden sich noch häufig Spuren unter dem Volke; so wie von ihren unterschiedlichen Sprachen sowohl in den Patois des gemeinen Mannes, als in den eigenthümlichen Namen der Länder, Berge, Ufer, Dörfer und selbst der Familien.Bei weitem die meisten Namen sind indessen Slavisch – ein Beweiß, wie vieles Verdienst dem friedlichen, fleißigen und sinnreichen Volke der Slaven um den Anbau des Landes gebührt. Bis auf einige wenige in den neuesten Zeiten angelegte Gehöfte, verdanken alle übrigen Dörfer und Ortschaften ihnen ihren Ursprung; wie die Roschillische Matrikel, die bald nach Arkonens Zerstörung ausgefertigt wurde, ausweist. Sie theilt das Land in zwei Kirchspiele, die es noch enthält, und zählt folgende Dörfer zu ihnen; zu Medow oder Wiek: Dranseghe, Ghotze, Lanke, Starsevitze, Trepsitz, Gramtitze, Varnevitz, Baantze, Ganselitze, Lüttekevitze, Conentop, Woldenevitze, Malmevitze, Parchow, Svantewitze, Lützitze, Krakevitze, Bulendorp, Vansenevitze, Veygervitze, Sürkevitze. Zum Kirchspiel Oldenkerke: Mornevitze, Ghudavitze, Susitze, Swarbe, Matzhowe, Varnkevitz, Panderiz, Lüttenitze, Putgarde, Ghure, Nobbyn, Karsevitze, Sülitze, Rydervitze, Wollyn, Brisanzeke, Drewolke, Breghe, Banssenebitze, Lobkevitze. Alle diese Namen, einen und andern ausgenommen, sind Slavisch, und noch heutiges Tages, mit ganz unbedeutenden Abänderungen, gebräuchlich.

Die jetzige Zahl der Einwohner beträgt gegen dreitausend. Von diesen dreitausenden sind höchstens nur vierhundert freie Personen. Die übrigen drittehalbtausend sind – Sachen, Mobilien so zu sagen, die mit der Erdscholle, auf der sie geboren wurden, verkauft, vertauscht, verspielt oder verpfändet werden, und keine andre Aussicht haben, als den Boden, dem sie einmal angehören, zeitlebens für andre zu bauen, und mit ihrer Asche ihn endlich zu düngen. Die Krone inzwischen beginnt seit einiger Zeit, das Schicksal ihrer Angehörigen auf das kräftigste zu mildern. Sie zertheilt die großen Domanialgüter in mehrere kleinere Parzelen. Sie entläßt dem Bauersmann die herabwürdigendste und niederschlagendste Art der Unterdrückung, die Frohne. Sie erlaubt ihm, sein Geschäft und Feld selbst zu pachten, ermuntert solchergestalt seine Betriebsamkeit, sichert sein Eigenthum, und erhöht sowohl sein häusliches als moralisches Wohlbefinden. Einzelne Güterbesitzer, fahren dagegen noch immer fort, dem entgegengesezten, dem Staate nicht minder als den Individuen so schädlichen Systeme zu folgen; entsetzen den Bauern seiner Wehre, schleifen ganze Dorfschaften, errichten auf den ächzenden Laren derselben staatliche Höfe, und genießen dann der hohen Wollust des verwüstenden Engels in der Messiade der Wollust – sich umzusehn!Noch in diesem Jahre haben die Administratoren des St. Annen und Brigittenklosters in Stralsund zwei jenem pio corpori zugehörige Bauernwehren in dem Dorfe Drewoldke, zu gunsten eines benachbarten größeren Pachtgutes, geschleift. Umsonst erboten die Bauern sich, das Kloster völlig schadlos zu halten. Umsonst verwandten sich mehrere angesehene Männer für sie. Umsonst wagt' ichs selbst, durch das Flehen meiner Beichtkinder gedrungen, eine Fürbitte für sie einzulegen. Weit entfernt, daß auf meine, gewiß des Aufmerkens nicht unwerthe, Vorstellung die geringste Rücksicht genommen wäre, hat man mich nicht einmal einer beantwortenden Zeile gewürdigtDiesmal so wenig, als in einem früheren, noch ungleich dringenderen Falle. mich, dem noch nie ein König, ein Fürst, ein wahrhaftig Großer und Edler unsere Volkes eine Antwort schuldig blieb.

Bleiben wir indeß bei weniger invidiösen Gegenständen! – Wittows Flächenhalt mag höchstens anderthalb gevierte Meilen betragen. In Osten und Norden hebt sich das Land mehrere hundert Fuß, in Süden und Westen kaum dreißig bis fünfzig über den Spiegel der Ostsee. Boden und Luft sind kälter, als man nach dieser unbeträchtlichen Erhebung und nach der geringen Breite vermuthen sollte, und sind durch die Ausrottung der Wälder, die nach den Volkssagen sowohl, als nach einigen uralten Schenkungsbriefen, die nordöstliche Spitze des Landes bedeckten, ohne Zweifel noch mehr abgekältet worden. Gegenwärtig ist das Land von Hölzungen durchaus entblößt. Einzeln findet man noch wohl eine Espe, eine Pappel, oder Abele neben den Gehöften stehen; Buchen, Linden, Eichen aber nirgends. Auch die Fruchtbäume, selbst die so nützliche Weide, gedeihen äußert selten; gehn in den ersten Jahren wieder aus, oder verkrüppeln bald anfangs, und bleiben Krüppel zeitlebens.

Zum Ersatz für diesen Mangel hat das Land einen sehr ergiebigen Kornboden. Die Erndte ist so eben vollendet. Ich habe also des Anblicks verfehlt, den diese weiten fruchtbaren Fluren, die äußerst selten durch eine irgend beträchtliche Höhe unterbrochen sind, dem Auge in den schönen Sommermonaten gewähren müssen. Die MiethenGarbenhaufen, die man aus Mangel des Raumes unter freiem Himmel kegelförmig aufführt. sind indessen Zeugen von dem Reichthume des diesjährigen Einschnitts. In der That versendet das kleine Ländchen, dessen sandige Aecker gewiß noch lange keine Quadratmeile betragen, ein Jahr ins andre gerechnet, nicht weniger denn tausend Lasten allerlei Korns. Die Felder liegen gewöhnlich in sechs Schlägen. Das erste Jahr säet man Weizen und Roggen; das zweite Gerste; das dritte Erbsen; das vierte wieder Gerste; das fünfte Hafer und gemengtes Korn; das sechste ruhet das Land, oder trägt Wicken, die jedoch grün abgetüdert werden. Im Durchschnitt erndtet man das achte Korn. Der Weizen giebt gewöhnlich das zehnte und zwölfte; seltner das sechzehnte und zwanzigste.

Auch dem flüchtigsten Beobachter drängt sich die Ueberzeugung entgegen, daß Wittow, wie ohne Zweifel auch Jasmund, ganz Rügen, und dieser ganze kleine Inselhaufe, ein späteres angeschwemmtes Land sey. Alles zeugt davon; die Ordnung der Erdlagen; die Gestalt des Gerölles; die horizontalen Uferschichten; die Menge der Petrefacte; die gänzliche Abwesenheit des Urfelsen und aller Minern.

Die Erdlagen wechseln, wie Sie erwarten werden. Zu oberst Garten- und Dammerde, das Produkt zerstörter Vegetabilien und organisirter Körper. Sie streicht in Süden und Westen mehrere Fuß, an den nördlichen und östlichen Gestaden nur einige Zoll tief. Unter ihr folgen der Thon, der Lehm, der Mergel und ähnliche aus Feldspath und aufgelöstem Granit zusammengeschlemmte Materien, bis in eine noch unbestimmte Tiefe. Der Sand der Dünen ist zerriebener Quarz. Der Sand des westlichen Strandes besteht aus Muscheltrümmern und einem grobkörnigten Quarzkiese. Arkona hält Kreide, aber von der unreinsten Art.

Geschiebe und Gerölle durchsetzen den solchergestalt gebildeten Boden allenthalben; und so viele Millionen Granitblöcke und Quarztrümmer die Betriebsamkeit der Menschen auch gesprengt, versenkt, verbaut, in Garten und Ackermauern aufgethürmt hat, so ist der nordöstliche Theil des Landes doch noch immer von ihnen so zu sagen übersäet. Die meisten, können Sie denken, sind Granite, Quarze, Feldspathe; seltner sind Hornblenden, Schörle, Breccien; Basaltproben hab' ich überall nicht gefunden – gestern fand ich einen Blutstein. Die abgerundete abgeschliffene Gestalt dieser Felsentrümmer zeigt, welch einen weiten Weg sie durch die Gewalt mächtiger, von unbestimmbaren Höhen ohne Zweifel herunterbrausender Gewässer über einander müssen hergewelzet seyn; von den Sudeten etwa, oder von Schwedens Gebürgen. – An einheimischen Produkten glaub' ich nur eins gefunden zu haben – den Feuerstein. Ueberall durchsezt dieser den Boden, bildet in den Kreideufern itzt weitläufige Nester; itzt wasserrecht streichende Schichten; unten am Fuße der Ufer liegt er aufgethürmt in erstaunlicher Menge. Nichts gerolltes, gewalztes, gerundetes ist an ihm zu erkennen. In rauhen eckigten Massen, in den allerbarockesten Figuren liegt er da, ganz und roh, wie die Natur ihn scheint erschaffen zu haben.

Petrefacte sind überall. Folgende hab' ich bis itzt gefunden: Echiniten, runde, ovale, herzförmige, von der Größe einer geballten Faust bis zur Größe einer Haselnuß; Judennadeln; Warzensteine; Vermiculiten; Enkriniten; Trochiten; Entrochiten; Sternsteine; Sternsäulensteine, Pecktiniten; Pektunkuliten; Chamiten; Belemniten in Menge; Gryphiten in noch größerer; Turbiniten; Tubuliten in einem rothen Kalksteine, der von Gothland, wo er häufig seyn soll, herzustammen scheint; Madreporiten, Milleporiten, Fungiten, Ceratophyten.

Alle diese so mannichfaltigen Steinkerne sind durchweg reiner gediegener Feuerstein, und was meynen Sie, lieber Edward, sollte nicht der Feuerstein überhaupt animalischen Ursprungs seyn? Sollte jene Gallerte, in welche das Schalenthier nach dem Tode zerfließt, nicht die Kraft haben, den Sand zu kütten; das Phlogiston, das in ihm enthalten ist, jene, die Erde zu verhärten, und solchergestalt nach und nach den festen Steinkern zu bilden? Woher sonst jene Nester, jene Schichten von Feuerstein in den Kreiden- und Kalkflözen so vieler Länder? Sollen auch diese hergewälzt seyn, wie die Granite, die Quarze, die Feldspathe? Ihre durchaus heterogene Figuren widerstreiten ihm. Sie müssen sich also noch an ihrer Geburtsstätte befinden. Und was hinderts dann, anzunehmen, daß die Kreide, der man ihren animalischen Ursprung noch nicht hat rauben können, den Feuerstein bilde, und in ihn übergehe? Jenes Axiom etwa der Mineralogen, daß eine reine Erde nicht übergehe in die andre? – Und ist denn diese Behauptung nicht mehr Postulat, denn Axiom? Und wissen wir schon, daß nur sogenannte reine Erde absolut rein, daß sie schon elementarisch sey? – Und ist das System der Uebergänge widerlegt dadurch, daß man es persiflirte? – Ist doch überall in der Natur ein ewiges Uebergehn, Zersetzen, Verkütten, Verwittern, Präcipitiren, Krystallisiren, Amalgamiren u.s.w.! Gehet doch der Jaspis in Thon über, und die Steinkohle in Schiefer! Hat man doch schon Holz gefunden, das in wahren Quarz verwandelt wurde; und ein neuerer Mineraloge auf diesem Fund die verwegene Hypothese gebaut, daß der vermeinte Urfels, der Quarz selber, animalischen Ursprungs sey.

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