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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Freitag Abends den 28sten.

Ein herziges harmloses Leben führ' ich in diesem Pathmos. Mit der Sonne steh ich auf... gehe zu meinem Quell, und schöpfe mir aus ihm meinen Kaffee... lasse dann von Hanne Hübnern mir eine tüchtige Butterschnitte reichen, die ich, auf dem hohen Gestade, hin und her spazierend, verzehre. Dann versteck' ich mich in meiner Grotte... lese dort in Shakespear oder Aeschylos (denn zur Noth sind sie wieder lesbar geworden)... steig' an den Strand hinab, und sammle Petrefacten... geh zu Hause, um Vater Hübnern ausspannen, oder seiner Mieke Holz spalten zu helfen... speise... schwärme weit und breit auf dem ganzen Eilande umher... setze mich, da die Abende izt schon länger werden, nach dem Nachtessen in Vater Hübners Großvaterstuhl, der gar nicht begreifen kann, wie ich, ein Seemann und ein Gelehrter, nicht einmal ein Pfeifchen mit ihm zu schmauchen verstehe, und verplaudere mit diesen schlichten gutmüthigen abergläubigen Leuten eine oder zwo Stunden; worauf ich harmlos und vorwurflos auf meine Streu mich strecke, und eben so flugs und fröhlich einschlafe, wie weiland Doktor Martin, wenn er Tags vorher mit dem Antichrist oder der großen Babylonischen Hure eine Lanze gebrochen hatte.

Einen Zug aus unsern Gesprächen von heut Abend muß ich euch doch noch erzählen, meine Guten. Indem ich den ehrlichen Leuten nun wohl schon zum zehntenmal die Geschichte meines Schiffbruchs erzählte, versicherte Vater Hübner mich mit großer Ernsthaftigkeit, und nahm seine Frau und seine Tochter deshalb zu Zeugen, daß er schon vor acht Tagen gewußt, wie unser Schiff auf den Strand laufen würde. Und wie denn? fragt' ich. Ja, sagte der Altvater, ich habe es wafeln sehn. Ich ließ mir das erklären, und vernahm zu meiner großen Erbauung, daß auf diesem zweifelsohne verwünschten und verzauberten Lande die Schiffe ordentlich vorher spucken, und ganz, wie sie leiben und leben, sich sehen lassen, ehe sie in natura auflaufen. Meine Leute glaubten das so fest, und wußten von diesem Gewafel mir so viel wunderbare, und ihrer Meinung nach ganz unbezweifelbare Geschichten zu erzählen, daß sie in Professor Hennings Buche von den Ahndungen, und Visionen leichtlich ein eigenes Kapitel verdienten.Der Glaube an dieses Wafeln oder Umgehn der Schiffe ist in unsern an Schiffbrüchen so reichen Gegenden ganz allgemein. Ich habe mich sorgfältig darnach erkundigt und vernehme, daß die verunglückenden Schiffe an dem Orte, wo sie verunglücken werden, einige Tage oder Wochen vorher bei Nachtzeit erscheinen, und zwar wie dunkle Luftgebilde, deren Figur aber alle Theile des Schiffs, Rumpf Tauwerk, Maste, Segel in einem blassen Feuer getreulich darstellt. – Es wafeln indessen nicht bloß Schiffe, sondern auch Menschen, die ertrinken werden, Häuser, die abbrennen werden u. dergl. Dem Namen und dem Ursprunge dieser allerseltsamsten Art des Aberglaubens hab' ich bis jezt noch nicht auf die Spur kommen können.

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