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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vormittags 10 Uhr.

Was das für ein Gefühl ist, das Gefühl, dem itzt zuschnappenden Lindwurm, dem Tode, entsprungen zu seyn! Welchen Hochgeschmack es dem Leben gewähret! wie man des Daseyns Nektar in sich schlürfet mit langen langsamen geizenden Zügen!

Eine gute Weile bin ich umhergeschwärmt oben auf dem hohen Ufer dieses meines Tinian. Dann hab' ich mich niedergeworfen in einen der einsamen Uferschründe, und selig, daseynsselig hineingestaunet in die unermeßliche Wasserfläche, die nun so zahm, so platt, so lockend da liegt, daß ein Säugling Lust bekommen könnte, in ihr herumzuplätschern.

Jezt, Beste, da mein Blut getischt ist, und meine Fibern wieder in gleichmäßigen Schwingungen vibriren, jezt will ich doch zusehn, ob ich die wunderbarliche und abentheuerliche Historia meines Schiffbruchs dir nicht fein nüchtern und ordentlich erzählen könne.

Wie du mein Gekritzel aber lesen wollest, da magst du zusehn. Mein Schreibzeug ist grade so gut und so schlecht, als der Schulmeister des Dörfchens es hat auftreiben können. Das Papier, wie du siehest, ist wenig besser, als Löschpapier. Die Feder hab ich von der ersten besten Gans aus dem Fittig gerupft, und mit einem tüchtigen Brodmesser zugeschnitten. Das Etwas aber, das mir statt der Dinte dienet, ist eigentlich nichts anders, als der verschimmelte und mit einem Aufguß sauren Bieres verdünnte Bodensatz eines Dintenfasses, darin seit Jahr und Tag keine Feder getunkt seyn mag. –

Jezt zur Erzählung! Mein leztes Schreiben wirst du erhalten haben. Ich schrieb es Angesichts des Sundes, und im Begriff, in ihn hineinzusegeln. Das Helsingörsche Felleisen hat ihn mitgenommen.

Mehrere Tage schon lagen wir vor der Enge, harreten sehnlichst auf irgend einen mitleidigen Südwind, der uns aus dem Baltischen Pfuhle in das große heilige Weltmeer trüge. – Itzt, schien es, sollten unsre Wünsche erhört werden. Die ewigen Nordwinde schwiegen. Eine Windstille folgte. Dann regt' es sich aus Westen. Lauter Jubel erscholl von mehr denn hundert Schiffen, die mit uns auf die Durchfahrt lauerten. Die Anker wurden gelichtet; die Wimpel flatterten. Aus hundert Schlünden brüllten wir einander unsere Glückwünsche zu. – Es war ein Leben, ein Regen, ein Wimmeln und Tummeln auf dem unwirthbaren Element, wie Vater Homer es zuweilen schmählet, daß einem das Herz im Leibe lachte.

Schon befanden wir uns am Eingang der Enge, als – husch! wieder jedes Lüftlein starb. Hoch von dem goldenen Flaggenknaufe schlenkerten die Wimpel leblos nieder. In tausend Falten zusammengeschrumpft schlakkerten die schlaffen Segel. Wie angenagelt lagen wir, ein jedes auf seinem Flecke. Die Ungeduld der Matrosen war unbeschreiblich. Kuhl up, oll Fader riefen sie von Zeit zu Zeit, possirlich-andächtig ihre Mützen lüpfend, und halb flehend, halb pochend gen Himmel blickend. Kuhl up, kuhl up, oll Fader, riefen sie. Aber der alte Vater blieb unerbittlich. – Nur Geduld, Jungens, sagte der Schiffer, ein ältlich gesezter Mann, der mich immer interessirt hatte; mögt leichtlich der Kühlung noch so viele kriegen, daß ihr vor Abend noch vor Top und Takel jaget. – Es fiel mir auf. Ich fragt' ihn, was er damit meine? Wenn nicht, sagt' er, alle Anzeichen mich trügen, so haben wir vor Sonnenuntergang Sturm; und da Sie mir eben nicht recht seefest scheinen, es auch nicht grade Ihres Berufes ist, die Nase in den Wind zu stecken, so thäten Sie am besten, Sie suchten das Trockne. Sprechen Sie und ein Paar meiner Jungens sollen Sie augenblicklich ans Land bringen. – Ich bedachte mich doch ein paar Augenblicke. Nein, sagt' ich dann, können Sie und so viel andre brave Leute ersaufen, so kann ichs auch – und mit dem Ersaufen wirds ja auch nicht so schnell hergehn. – Hartmuth schüttelte den Kopf. – Hastig kam der Schiffsjunge dahergestolpert – »Schiffer, Schiffer! schrie er, die Koye sizt euch da halt schon wieder voller Bauern!« – »Donnersjunge, rief jener, was hast du nun schon wieder zu kucken« – »Mein Treu, Schiffer, antwortete Olaf, drangvoll sizt sie euch – lauter dicke Lümmel, in schwarzen Jacken und alle die L-deckel auf der Glatze« – »Halts Maul, Narre!« sagte Hartmuth – und zu mir wendend, »der Wetterjunge sollte mir bald meinen Burschen Angst machen.« Der Verstand stand mir stille. Ich bat ihn, sich zu erklären. »Nicht gern, sagt' er, wiewohl ich weiß, daß die Herren Gelehrten an so was nicht glauben. Indessen wahr bleibt wahr. Der Junge da muß ein Sonntagskind, oder gar in den Zwölfen geboren seyn. Genug, er sieht und hört tausenderlei, wovon wir andern Menschenkinder nichts sehn und hören. Mehr denn einmal, und leider immer zu meinem Schaden hab' ich es erfahren. Als ich vorigen Herbst auf Gothland strandete, hatt' er gerade bei so schönem Wetter, wie heute, die selbige Erscheinung, und als nach zweimal vier und zwanzig Stunden, die Kerle, die uns geborgen hatten, in der Kajüte saßen und zechten – Seht Schiffer, sagt' er da! Just das sind die Kerle, die ich gesehn habe. – Aber Olaf, der ehrliche Olaf mag sich in Acht nehmen. Gar mächtig schwant michs, der arme Olaf habe zum leztenmal spucken gesehn!« – »Wie so?« fragt' ich. – »Ihnen kann ichs wohl sagen, antwortete Hartmuth. Gestern Nacht, als ich in der Koye liege, halb schlafend, halb wachend, hör' ichs zu mir in die Kajüte kommen – es war natürlich Olafs Gang. Aber quutsch! quutsch! ging es, just, wie wenn einer die Stiefeln voll hat – Olaf, schrie ich, Donnerjunge, was willst du hier? – Aber Olaf lag ruhig auf'm Oberlauf und schliefDiese Schifferfantasieen sind nicht erdichtet.. Und nun, Herr Volker, lassen Sie sich rathen, und suchen das Trockne, da es noch Zeit ist.« – Ich antwortete scherzend, da er nicht mich, sondern Olaffen habe umgehn hören, so scheine mir für diesmal noch nichts Unheimliches bevorzustehen; uns so wollt' ich immer bleiben.

Ich blieb also, voll Verwunderung über diese befremdende Menschenart, und zugleich – ich kanns nicht leugnen – voll Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen würden.

Es ward Vormittag. Es ward Mittag. Blachstill blieb es. Auch kein Wölkchen trübte den Himmel. Die Matrosen schäkerten und jachterten auf dem Verdecke. Nur Hartmuth blieb ernst und tiefsinnig; ordnete jedoch bald dieses, bald jenes, womit er dem geahndeten Sturme desto besser glaubte begegnen zu können. – Um drei Uhr Nachmittag stieg endlich eine sogenannte moye Kuhlung auf. Ganz leise begann die glatte Oberfläche sich zu kräuseln, begannen die Wimpel zu flattere, die Segel zu schwellen, die Wellen an unserm Kiel zu plätschern. Es bließ aus Westen – dann aus Südwesten – dann wieder aus Westen – itzt umlief es binnen wenig Minuten alle Punkte der Windrose – itzt sezt es sich in Nordwest zum Norden, und eh wirs uns versahn, war die moye Kuhlung angewachsen zum reißenden Sturm. Nun wohl auf, Jungens, rief Hartmuth, es gilt, zog sein Flaschenfutter hervor, und reichte jedem ein paar kräftige Schlucke. – Dein Freund ging nicht leer aus. Wo ist Olaf? rief er. Olaf saß oben im Mars und pfiff. »Wetterjunge, wer hat dich heißen da oben seyn?« – »I nun, Schiffer, werdet nur nicht bös. Wollt' nur 'n bissel zusehn, wie das aussähe.« – »Den Augenblick herunter!« Den Augenblick war Olaf bei uns. – Die Segel wurden eingerafft, das einzige Besansegel ausgenommen, mit dem wir vor Wind und Strohm daherjagten, daß Wind und Strohm um uns pfiffen und gischeten. Im Umsehen waren wir auf hohem Meere.

Nach der Logleine zu urtheilen, flog das Schiff itzt alle halbe Stunden eine deutsche Meile. Vorüber flogen nach einander die Küsten von Seeland – Langeland – Bornholm – Möne. Jezt stürmt' es grade aus Norden, eine Stunde nachher aus Nordosten.

Die Sonne ging unter. Fürchterliche Wolkenzüge überflogen den ganzen nachtschwarzen Himmel. Regenguß über Regenguß klatschte, Hagelschauer über Hagelschauer rasselte auf uns herab. Unsrer keiner barg einen trockenen Faden am Leibe. Dabei fror uns, daß uns die Zähne klappten.

Mitten auseinander riß das Besansegel. Unmöglich wars, die Stagsegel beizubringen – die große Rhaa krachte, sprang, stürzte, streifte im Vorbeifahren den armen Olaf und riß ihn mit sich in den Abgrund – Fare well, fare well, my boy, rief Hartmuth ihm nach, und eine Thräne drängte sich unter den buschigen Wimpern hervor. – Einige Secunden noch vernahmen wir sein Angstgeschrei. Dann erstummt' es im Brüllen des Sturmes.

»Nun sey Gott uns gnädig, seufzte Hartmuth. Dort liegt Witmund. Und dorten Jasmund.« Es waren zwei hohe Vorgebürge, weißschimmernd in dem eben hervorgleitenden Mondenstrahl. »Frisch, Bursche! Den Buganker ausgebracht.« – Aber das kostete Künste, den Buganker auszubringen. Binnen den wenigen Minuten, da die ganze Mannschaft mit dem Ausbringen des mächtigen Eisenblockes beschäftigt war, trieben wir der Spitze von Witmund so nahe, daß wir jeden nächsten Augenblick zu scheitern fürchten mußten. – Nun froren wir nicht mehr. Wir schwitzten vor Angst und Anstrengung. – Der Anker saß, und das Tau hielt.

 

Hier lagen wir nun. Hoch über uns thürmte sich der weiße Kreidenflöz des hohen Arkona. Um, und über, und neben uns war alles nachtschwarz. Dann und wann nur rollte der Halbmond blaß und ängstlich hinter den fliegenden Wolken hervor, und verschönerte und vergräßlichte, indem er der Wellen krause Häupter versilberte, die wilde Szene. An dem arbeitenden Taue schlenkerte das Schiff mit fürchterlicher Gewalt izt auf diese, dann auf jene Seite. Nicht möglich war es, sich aufrecht auf ihm zu erhalten. Auch einander zu vernehmen war unmöglich vor dem Heulen des Sturms, dem Klatschen der Brandung, dem Gerassel der Taue, und dem Krachen der Maste und Stangen.

Unsere und des Schiffs Erhaltung hing izt einzig und allein – wenn nicht an einem seidenen Faden, so doch an einem hanfenen Stricke, an jenem Taue des Bugankers nämlich. Inzwischen arbeitete das Tau so gewaltsam in den Kluysen, daß wir jeden Augenblick fürchten mußten, das Tau gesprengt zu sehn, und mitten in die Barren geworfen zu werden. Um dies zu verhindern, und dem Reiben des Taues gegen die Kluyslöcher möglichst abzuhelfen, umwickelten die Matrosen es unermüdlich mit Werg, Hehde, Lumpen und anderm Zeuge. Uebrigens war es ein starkes und neues Schiff, und kein Leck war zu spüren.

Es ward Mitternacht. Der Mond ging unter. Der Sturm ward zwar nicht stärker, aber auch nicht schwächer. Noch immer gossen Ströme von Regen auf uns herab, und eine dicke undurchdringliche Nacht umgab uns auf allen Seiten. Durchnäßt, erstarrt, halbverklommen mochten die Matrosen in der Besorgung des Taues lässiger geworden seyn. Genug, gegen drei Uhr morgens etwa brach es. Dahin schoß unser Schiff und binnen wenig Minuten saßen wir. Es gab einen Stoß, daß ich dachte, Kiel und Stewen und das ganze Gebäude würde in Millionen Splitter auseinanderbersten. Dennoch kamen wir mit gesprungener Haut, und ein paar gebrochenen Steegen davon. Dagegen drang das Wasser izt unwiderstehlich zu uns herein, und verloren wären wir gewesen ohn' alle Rettung, wenn das Leck sich nicht, wie oft geschieht, binnen wenig Minuten von selbst wieder gestopft hätte. Mittlerweile schlugen die Wellen unaufhörlich über uns hin, und wir standen bis an den Gürtel im Wasser.

Zwei unerträglich Stunden verschlichen schneckenlangsam. Dann graute der Morgen. Wir sahen, daß wir etwa einen guten Flintenschuß vom Ufer lagen. Das Ufer stellte nichts anders dar, als weiße nackende Dünen, jenseit welchen in einer Ferne von einigen Meilen ein hohes waldigtes Land emporstieg. Es war die berüchtigte Tromperwiek, in der wir lagen. Die Spitzen von Jasmund und von Wittow, welche beide Länder durch ihre Krümmung diese Wiek oder Bucht bilden, lagen izt in einer beträchtlichen Ferne hinter uns in der See.

Wiewohl wir uns nun dem gewünschten Lande so nahe fanden, so war unsre Errettung doch noch eben so mißlich, wie vorhin. Ans Land waden oder zu schwimmen war bei so hoher und wilder See nicht thunlich. Im Schiffe selbst stieg das Wasser, wiewohl sehr langsam, doch noch immer unaufhaltsam höher. Hunger, Frost, Erschöpfung und Entkräftung reichten allein zu, uns binnen wenig Stunden aufzureiben.

Eine Stunde etwa nach Sonnenaufgang zeigten sich einige Leute am Ufer. Es schienen Bauern zu seyn, oder Fischer. – Sogleich ließ Hartmuth an dem Kranbalken des Schiffes ein viele Faden langes Tau befestigen, und dann in die See werfen. Getreulich führten die Wellen es dem Ufer zu. Aber ach, die zurückkehrende Brandung peitscht' es beinahe eben so weit wieder zurück; als es hingeflossen war: Wir winkten und schrieen den Leuten zu, sich des Taues zu bemächtigen. Aber keiner ihrer hatte Lust, sich um unsertwillen dem Ersaufen auszusetzen.

Zwei Reuter kamen den Strand herunter geritten. Es schienen Befehlshaber der anwesenden Leute zu seyn. Sie sprachen mit diesen, sprachen unter einander, sahn uns an. – Ach, dacht' ich, wenn doch unter diesen ein Woltemade wäre! – Aber nein! unbeweglich hielten sie unserm Schiff gegen über, weideten sich an unsern Quaalen, wagten wenigstens nicht den geringsten Versuch, uns zu helfen.

Unfähig, es länger auszuhalten, rathschlagten wir schon, ob wir uns nicht dem lieben Gotte befehlen, über Kopf uns in die Fluthen stürzen, und solchergestalt, es sey nun, durch schleunige Rettung, oder einen noch schleunigeren Tod unserm durchaus länger unerträglichen Zustande ein Ende machen wollten – als, siehe! unser Erlöser erschien.

Ein zweispänniges offenes Fuhrwerk kam den Strand entlang gefahren. Eine Mannsperson saß auf ihm und ein Frauenzimmer. Halt! rief jener, sobald er der jammervollen Szene sich näherte, sprang ab, betrachtete unsere Lage, erkannte die drohende Gefahr, darin wir schwebten, und gerieth in die heftigsten Bewegungen. Wir sahen ihn, wie er dem gaffenden Haufen dringend zuredete; wie er mit den beiden Reutern sich lebhaft, und beinahe zürnend unterhielt; wie er hastig am Ufer auf und abging; die Entfernung zwischen uns und ihm mit begierigem Auge maß; dann gedankenvoll in die Fluthen staunete; dann wieder mit gerungenen Händen und gen Himmel stehenden Blicken am Ufer auf und niederging. Izt ließ er sein bestes Pferd ausspannen. Dann wandt' er sich, da sein eigner Kutscher zu dem kühnen Schritt etwa zu schwach oder zu furchtsam war, an einen unter dem Haufen, der ihm der entschlossenste scheinen mochte. Lange unterhandelt' er mit ihm. Endlich sahn wir mit unaussprechlicher Freude den Kerl das Pferd besteigen und in die Fluthen reiten. Das Pferd schauderte, schnob, schnarchte. Gleichwohl gehorcht' es den Aufmunterungen seines Reuters. Muthig theilt' es die schäumenden Wogen... Izt sezt' es durch die donnernde Brandung... Schon bückte sich der Reuter, um das schwimmende Tau zu erhaschen, als, o Jammer, die zurückkehrende Welle es wieder mit sich fortriß ins Meer, und Roß und Reuter zu ihrer eignen Rettung gezwungen wurden, sich wieder ans Land zurück zu arbeiten. Eine Minute etwa verschnauften sie. Dann wiederholten sie ihren Versuch... Und zum dritten... zum fünften... zum siebentenmal wiederholten sie ihn. Zum siebentenmal erst gelang es dem entschlossenen Reuter, sich des Taues zu bemächtigen, und es mit sich ans Land zu bringen. Ein Jubelgeschrei erscholl auf unserm Schiffe. Ein Jubelgeschrei antwortet' uns vom Ufer. Alles wetteiferte nun, das Uebrige zu thun. Ein Pfahl ward in die Erde gerammt. Das Ende des Taues ward um ihn herumgewunden, und schon sollte der lezte schlingende Knoten zugezogen werden, als das Tau den unvorsichtigen zu hastigen Leuten entschlüpfte, und wieder tief, tief in die See zurückflog. – Da standen die Armseligen, mit offnem Maul und weitoffenen glotzenden Augen. Unser Retter stampfte aus Unwillen. Noch einmal fordert' er den wackern Menschen auf zu einem neuen Ritte – dieser schien keine Lust zu haben. Er wies auf seine triefenden Kleider. Er wies auf das athemlose Pferd. Endlich ließ er sich doch noch zu Einem Versuch bereden – aber auch, wie wir nachher vernahmen, nur zu Einem. Und diesen Einen ließ die gnädige Vorsehung gelingen. Gleich im ersten Griff erhascht' er das Tau, bracht' es ans Ufer; und unser Unbekannter half nun selbst es auf eine solche Weise befestigen, daß kein weiterer Zufall zu besorgen war.

Geschlagen war also die Brücke. Es galt nur noch, sie zu passiren. »Wohl her, Kinder, rief unser Hartmuth, in Gottes Namen! Ich bin der Lezte, das versteht sich! Aber wer will der Erste seyn?« – Sie überließen ihm die Wahl. »Wohlan, Nelson, sprach er, reis' in Gottes Namen!« – Nelson nahm einen Strick, schlang aus dem einen Ende desselben eine laufende Oehse um das Tau; das andre Ende band er sich um den Leib, bestieg das Tau, umklammerte es mit Händen und Füßen, und rutschte nun das ausgespannte Seil langsam hinab, und erreichte wohlbehalten das Ufer. – Das geht gut, sagte Hartmuth: Nun Herr Volker, allons – Ich bat ihn, mich den Vorlezten seyn zu lassen, und er schüttelte mir herzlich die Hand dafür. – Wilke... Rickmann... Thuro... machten nach einander die nasse Reise, und alle mit eben dem Erfolge, wie Nelson. Nur Prebbert, unser Koch, der in einer Anwandlung plötzlichen Schreckens ohne jene nöthige Vorsicht, vermittelst eines kleineren Strickes sich an dem größern zu befestigen, sich auf das Tau geworfen hatte, ward von den wüthenden Wellen abgespühlt, und verschwand vor unsern Augen – Hartmuth und ich waren izt die einzig Uebrigen. Mit schwerem Herzen umarmt' ich ihn; mit möglichstes Sorgfalt bestieg ich das nasse Tau, sandte den allerkräftigsten Stoßseufzer meines Lebens gen Himmel, und begann die mißliche Reise. Mit den steigenden und sinkenden Wogen stieg und sank ich. Izt war ich über, izt unter dem Wasser. Indem ich die Barren erreichte, schleuderte die prellende Brandung mich hoch empor, und nur jenes wohlthätige kleine Seil hinderte, daß ich nicht fortgeführt wurde. Wenige Augenblicke nachher erreicht' ich, zwar athemlos, und einer gebadeten Maus ähnlich, übrigens aber unverlezt und wohlbehalten, das Trockene. Hartmuth war bald bei mir. Gemeinschaftlich sahn wir uns nun nach unserm Erretter um. Aber der war, sobald er unsre Rettung gesichert sah, ganz heimlich und unbemerkt, mit Sack und Pack davon gezogen. Nichts blieb uns übrig, als uns nach seiner Person zu erkundigen; da wir denn erfuhren, er sey ein Prediger vom Lande Jasmund, und dieses Weges gereist, um einen Anverwandten auf Wittow zu besuchen. – – Aber da trippelt ja so eben mein rothbackiges Hannchen herein, mit einer Schüssel dampfenden Fleisches, und einer Alpe so lieblich duftender Kartoffeln, daß ich der Versuchung und ihrer freundlichen Aufforderung nicht widerstehen kann, mein Schreibpult für eine Weile in einen Speisetisch zu verwandeln. Wenn ich mein einfaches Mahl werde zu mir genommen, und in einer der stillen Uferschlüchte mit einem kleinen Mittagsschläfchen mich werde erfrischt haben, will ich meine Erzählung endigen, Liebe. Weißt du mich doch nun in Sicherheit, und noch dazu meiner Favoritschüssel gegenüber.

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