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Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mittwoch Abends d. 10. Oct.

Zum letzenmal, meine Theuerste, schreib ich dir aus dieser Insel.

Alle meine kleinen Angelegenheiten sind im Reinen. Mein Koffer ist gepackt, mein Mantelsack geschnürt. Zum letztenmal hab' ich mit den redlichen Bewohnern dieser Hütte mein harmloses Abendmahl genossen; und Hanne Hübnern, die zum leztenmal mir meine Streu bereitete, schleicht so eben von mir, trauernd und mit gesenktem Haupte, gleich einer Feldnelke, deren Halm der Sturm knickte.

Auch mir, scheint es, wird es nicht ganz leicht werden, von diesen Gegenden mich zu trennen. Diese einsamen und abgeschiedenen Gestade haben jenes vertrauliche Gefühl von Koexistenz in mir hervorgerufen, was einem sonst nur die väterlichen Fluren einzuflößen pflegen.

Gegen Abend, da ich eben hin, und meinem Freunde Finster Lebwohl sagen wollte, kam er selbst dahergegangen, um mir das seinige zu bringen. Lange wanderten wir neben einander auf dem hohen Ufer auf und ab, sprachen viel Ernstes mit einander... von dem Traume des Lebens... von dem unbekannten Ich... von des Herzens Unersättlichkeit... von dem noch unaufgerathenen Räthsel unsrer Bestimmung... und unsre Seelen öffneten sich eine der andern unverhohlner, denn bis itzo. – Die Sonne senkte sich. Die langen Uferschatten verlängerten sich immer mehr auf den geschwärzten Fluthen. Auf dem Rücken einer vorspringenden Uferspitze standen wir, und staunten in Jasmunds blauende Gestade hinüber. Ich gedachte der manchen stärkenden und lebendigen Gefühle, die ich aus dem Anschaun der großen Natur in mich gesogen hatte, und noch künftig in mich saugen hoffte. Finster billigte diesen Hang, und wünschte mir Glück, ihn befriedigen zu können. »Auch ich, sprach er, bin von diesem süßen Hange noch kaum genesen. Immer hab' ich auf und davon gewollt; immer hab' ich bei dem bloßen Wollen es bewenden lassen. Manche schmeichlerische Pläne hab' ich entworfen... wie ich diesen oder jenen auserwählten Strich unsers Erdtheils bereisen... wie ich die geweihten Gegenden besuchen wollte, auf denen Homer und Ossian und Tasso lustwandelten... wie ich jene Höhen besteigen wollte, auf welchen die Gemse und der Isard wandeln... oder jene, auf denen die blauen Enziane und das bescheidene Rhododendron blühen. – Kränklichkeit, Verhältnisse, Verflechtungen mancherlei Art haben die schönen Pläne allezeit vereitelt. – Jetzt sind mir die Würfel gefallen. Und wohl mir, dem die Hand der Vorsehung sie so lieblich fallen ließ! Dieser Himmel, diese Erde, diese Ufer, dieses Meer, und der volle stille Totaleindruck dieses erhabenen Ganzen, wird meine Seele ohne Zweifel sich immer mehr assimiliren, wird ihre noch übrigen Mislaute in immer reinern Einklang stimmen, wird ihre noch unbefriedigten Wünsche bis zu einer andern Daseynsperiode beschwichtigen, und solchergestalt immer reifer, immer fähiger und würdiger machen, aus dieser sichtbaren Welt hinüber zu schreiten in jene Unsichtbare, von welcher die Erstern den ahndungsseligen Alten nicht selten, und gewiß nicht mit Unrecht, eine bloße Vision und Allegorie gemahnte!«

So sprach er, drückte mir schweigend die Hand und wandelte ohne einiges fernere Lebewohl am grauen Gestade langsam und tiefsinnig hinunter.

Volker.

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