Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gotthard Ludwig Kosegarten >

Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Dienstag Abends den 9ten.

Wittows nordwestliche Spitze bieget sich in einen anfangs südwärts herablaufenden, dann aber südwestwärts sich wendenden langen Haken, welche man den Bug nennet. Diesem Buge gegenüber liegt das nördliche Ende der Insel Hiddensee, zu welcher man sich von der äußersten Spitze des Buges übersetzen läßt. Wollt' ich also jene sehn, so mußt' ich mir gefallen lassen, den Bug zu durchwandern. Da der Weg weit ist, so macht' ich mich gestern früh wieder eine Stunde vor Sonnenaufgang auf, ging quer durch das Land, und gelangte dann an den Eingang des Buges. Der ganze lange Haken scheint bloß aus Meer- und Muschelsande, aus Kiesel- und Feuersteinen zusammengeschwemmt zu seyn. Seine Länge beträgt über eine deutsche Meile, seine Breite, da wo sie am geringsten ist, kaum zwanzig Schritt. Die größere südliche Hälfte desselben wird zur Viehweide genutzt, und zur Sicherung der Heerden von der nördlichen durch ein Verhack abgesondert, zu welchem ein sogenannter Bugvoigt den Schlüssel hat. Füßgänger können durchschlüpfen oder übersteigen, und brauchen also den Bugvoigt nicht zu begrüßen.

Ziemlich langweilig war dieser öde Weg. Auf dem Kiese und den Kieselsteinen ging es sich sehr beschwerlich, und Hiddensees unter immer ändernden Ansichten sich zeigenden Berge waren das einzige, was in die Einförmigkeit meiner Wanderung einige Abwechslung brachte. Ein paar Stunden erst vor Mittage erreichte ich die Spitze des Bugs. Hier ist zur Erleichterung des Zusammenhangs zwischen dem Hauptlande und der Provinz ein sogenanntes Posthaus angelegt, in welchem das Schwedische Postcomtoir in Stralsund einen des Seewesens kundigen Inspector hält, der, sobald in Stralsund von einem dazu bestimmten Thurme geflagget wird, sich bereit hält, mit der Paketjagd unter Segel zu gehen. Das Haus ist bequem und geräumig. Umher läuft ein mit Bäumen bepflanzter Wall. Einige Küchengärten sind in dem freilich undankbaren Boden angelegt. Die Umlage ist durch die Aussichten auf die Rügischen, Pommerschen und Hiddenseeschen Küsten sehr interessant. – Das Ganze ist ein so heimlicher, abgesonderter und dabei interessanter Winkel, daß mich däuchte, mit einem Kopfe voll Kenntnisse, und einem warmen sich selbst genügenden Herzen müßte ein Sterblicher, der es mit der Welt verdorben hätte, oder die Welt mit ihm, seine Tage hier sehr ruhig und ohne Langweile verleben können.

Dem Posthause gegenüber, einen Flintenschuß kaum vom Lande liegt ein kleines Inselchen, Neu Busin. Sein Name sowohl als seine Bestandtheile beweisen, daß es erst in späteren Zeiten über die Meeresfläche hervorgetreten sey, wie denn überhaupt in dieser Gegend der Meeresgrund immer mehr erhöht, mithin das Fahrwasser immer seichter wird. Ich ließ zu der kleinen Insel mich übersetzen. Sie ist mit Schilf und Rohr und Riedgras überall bedeckt, und beherbergt unzählbare Schwärme von Möwen, Strandläufern und wilden Enten, deren Eyer den Bewohnern des Posthauses wohl zu statten kommen. An mehreren Stellen ihres Ufers sah ich Adern eines schwarzröthlichen aus Eisenblättchen und zerriebenen Granaten bestehenden Sandes hervorquillen, der einen sehr guten Streusand abgeben muß. Nachdem ich das kleine Land in Augenschein genommen, stieg ich wieder zu Boot, und ersuchte meine Führer, mich nun des kürzesten Weges nach Hiddensee zu bringen. Diese kleine Ueberfahrt war sehr angenehm. Das Seewasser ward von der Sonne bis auf den Grund erleuchtet, dessen silberfarbiger mit unzähbaren Muscheltrümmern durchsezter Sand einen schillernden Glanz von sich warf. Schwärme von Plötzen, Barschen und andern Fischen spielten in dem grünlichen Element, und schossen pfeilschnell unter unsern Rudern fort. – Um Mittag etwa sezten meine Führer mich auf dem Alten Busin aus, einem Haken des Hiddenseeischen Landes, welchen ich nun erst umwandern mußte, um den bewohnten und angebauten Theil der Insel zu erreichen. Dieses Alte Busin ist wahrlich das allerödeste Land, was ich je gesehen. Weder Gras noch Gebüsch bekleidete den abgestorbnen Boden. Einige verkrüppelte Hagebuttensträucher schienen bloß dazustehn, um den Mangel alles Schattens und alles Labsals desto fühlbarer zu machen. – Der Haken zog sich mehr in die Länge, als ich erwartet hatte, und das Gehen ward mir sehr beschwerlich. Es war Mittag und drückend schwül. Die Luft schien alle Elastizität verloren zu haben. Einzelne matte Wellen plätscherten kraftlos an das dürre Ufer. Lechzend nach Schatten und Erquickung, mit schmerzendem Haupte und durchgeborstnen Lippen, vermocht' ich nur sehr langsam mich fortzuschleppen, und der verwünschte Haken nahm gar kein Ende. Anderthalb gute Stunden dauert' es, eh ich seine Krümmung hinter mir, und itzt mich wieder auf bewohntem Boden sahe. Ganz erschöpft warf ich auf dem ersten grasigen Abhange unter einer Gruppe noch dichtbelaubter Weiden mich nieder, und versank in eine schlummerähnliche Betäubung. Ein großer Jagdhund, der des Wegs gelaufen kam, und mir seine kalte Schnauze an den Backen legte, erweckte mich. Ich sprang auf, und fühlte durch die minutenlange Anspannung meiner Fibern nicht nur mein Kopfweh verstreut, sondern auch meine Kräfte völlig wieder hergestellt. Voll jenes Vergnügens, welches der Anblick nie gesehener Landschaften mir allezeit gewährt, sezt' ich meinen Stab weiter. Eine Allee noch grünender Weidenbäume zog sich den Strand entlang. Zur Linken hatt' ich das Ufer. Zur Rechten thürmten sich die Berge, deren nächste Abhänge, so steil sie auch zum Theil schienen, dennoch Spuren des Anbaus verrtethen. Durch Grieben, das nördlichste Dorf des Landes, gelangt' ich bald zu dem sogenannten Kloster, wo der Besitzer der Insel und der Prediger wohnen. Bei lezterem sprach ich ein. Er sowohl als seine gastfreie Gattin empfingen mich mit vieler Freundschaft. Er ist auf dem Lande geboren und erzogen, äußerte auch mit seinem einsamen Aufenthalt und sehr mäßigen Einkommen eine mir sehr rührende Zufriedenheit. Nachdem ich mich ein wenig erfrischet hatte, führt' er mich in die Berge. Schöne romantische, wild durcheinander geworfene Berge, größtentheils ohne Spuren einiger Kultur, und aller Kultur unempfänglich. – Du weißt, Liebe, wie ich an den Bergen hänge. Berge gehn mir nächst dem Meere über alles. Inselberge nun gar, umrauscht vom heiligen Vermögen des Meeres, sind mir der höchste Gipfel aller Naturerhabenheit. Kein Wunder demnach, wenn ich nicht müde werden konnte, in diesen Höhen umherzuschwärmen. Bergauf, bergab, uferhinan, uferhinunter rannt' und kletterte ich, während der ehrliche etwas schwerfällige Pastor, an der besonnten Seite des Abhanges gelagert, in Frieden sein Pfeifchen schmauchte, und sich herzlich freuete, daß ich an seinem Vaterlande ein so großes Behagen fände. Ich sahe die Sonne untergehn von diesen Bergen, doch hinter drohenden Wolkengebirgen. Ich sahe den Mond hervortauchen aus den Wellen in seinem vollen Licht, und diese öden Gipfel mit mildem Strahl versilbern. Bis tief in die Nacht hinein würd' ich in den Bergen herumgeschwärmt seyn, wenn mein freundschaftlicher Führer nicht angefangen hätte, vor Frost zu schüttern, und über den sinkenden Thau sich zu beschweren. Also begleit' ich ihn wieder zu seinem Hause, wo ein gastliches Mahl und dann ein weiches, nur zu weiches und zu heißes Bette meiner harrete!

Mit dem grauenden Morgen brach ich wieder auf. Meine Fenster trugen auf den gebürgigten Theil der Insel. Rasch kleidet' ich mich an, um diese interessanten Berge noch einmal zu durchirren. Es stürmte stark aus Westen, und das Grollen des Meeres, das Rauschen der an dem hohen Gestade sich brechenden Wogen erhöhete die Herrlichkeit der Szene über alle Beschreibung. – Gewaltsam mußt' ich mich ihr entreißen, weil ich gerne noch den übrigen Theil der Insel sehn, und doch vor Abend noch wieder zu Hause seyn mußte.

Ich kehrte zu meinem lieben Wirthe zurück, der sich höchstlich wunderte, daß ich schon wieder in den Bergen gewesen sey, und sich erbot, mich itzt auch in das flachere Land zu führen. Gleich hinter seinem Dorfe nämlich senket sich das Land mit einmal in einem beinahe wasserrechte Fläche, welche mehr denn anderthalb deutsche Meilen bis an das südliche Ende der Insel fortläuft, ganz aus Moor und Sumpf und Sande besteht, und zwar wohl einiger Viehzucht, des Ackerbaues aber fast gar nicht empfänglich ist. Wir spazierten den westlichen Strand hinunter bis zur Hiddenseeischen Vitte, dem größten Dorfe des Landes, dessen Einwohner sich größtentheils vom Fischfange nähren. Armseligere Hütten als die, so ich in diesem Dorfe fand, sind mir noch nicht vorgekommen. Da es der Insel an Lehm fehlt, um die Wände aufzukleemen, und an Schooff, um die Dächer zu decken, so sind ausgestochene Rasen das einzige, womit sie wider die Unbilde der Witterung sich schützen können. Das Innere dieser Hütten aber war so rauchigt und so unrein, daß ich mit aller meiner Hüttenliebe nicht im Stande war, nur wenige Minuten in ihnen auszudauern.

Das Dorf ist volkreich; aber wenig Menschen waren vorhanden. Man sagte uns, sie wären all am Strande und fischten Bernstein. Neugierig, diese ungewöhnliche Fischerei zu sehn, eilten wir hin, und fanden eine Menge Menschen, welche barfuß in die stürmende See hineinwateten, und den von den Wellen herangespühlten Tang und Unrath in genezten und an langen Stangen befestigten Beuteln auffingen. Diesen Unrath durchsuchten sie dann am Lande, und fanden den Bernstein darin. Ihre diesmalige Fischerei war nicht sonderlich ergiebig. Nur Einer unter dem Haufen, der bisher noch nichts gefangen hatte, lief in einem Anfall von Verzweiflung bis an den Gürtel in die Fluthen hinein, warf sein Netz aus, und fing eine so schwere Masse darinnen, daß er sich selbst nicht getraute, sie für etwas anderes als einen Stein zu halten. Schwankend zwischen Furcht und Hoffnung schleppte er seine Beute an Land, leerte seine Kezzer aus, reinigte die Masse, und fand zu seinem äußersten Entzücken, daß es wahrer Bernstein sey, und zwar von der gelben undurchsichtigen Art, die sich am besten verarbeiten läßt, und daher auch am theuersten bezahlt wird. Die Masse wog ein Pfund zwölf Loth, und ward gegen hundert Thaler werth geschäzt.

Der Bernstein kommt hauptsächlich in den Herbstmonaten mit westlichen Fluthen angetrieben, und zwar allezeit in Gesellschaft eines bestimmten Krautes und einer gewissen verfaulten Holzart. Mit diesem Holz und Kraute zusammen findet man ihn auch als Fossil viele Ellen tief im Ufer. Noch vor wenig Jahren pachteten einige Stralsundische Juden ein unbeträchtliches Stück Erdreich der Insel für dreihundert Thaler, wandten auf die Durchwühlung desselben noch gegen hundert und fünfzig Thaler, und hatten gleichwohl Ursache mit der Ausbeute zufrieden zu seyn.

Tiefer in das Land zu dringen, hielt ich für unnöthig, weil mein Begleiter mich versicherte, daß es dem, worauf wir uns itzt befänden, überall vollkommen ähnlich wäre. Ich will also den Rest meiner kleinen Anmerkungen hier kürzlich zusammenfassen.

Beim Saxo heißt diese Insel Hythimö, oder Hütteninsel – von den Hütten der Fischer ohne Zweifel, die das Land vermuthlich zuerst bevölkerten. Es war vor Zeiten nicht nur mit großen Waldungen versehen, sondern auch stärker bebaut und bevölkert, als es itzo ist. Die Roschildsche Matrikel gedenkt zweier Kirchen auf dem Lande, der Klosterkirche, die noch itzt vorhanden ist, und der Kirche zum Yöll, oder Gellen, der südlichen Landspitze, wo auch zu gunsten der Seefahrenden ein Leuchtthurm unterhalten wurde. Seitdem aber das neue Tieff, das zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts entstand, den Seefahrern einen kürzern und sicherern Weg eröffnete, ward die Schifffahrt durch den Gellen vernachlässigt, und Kirche und Leuchtthurm gingen ein.

Die Insel hält zwei Meilen in die Länge; aber die Breite ist desto unbedeutender. Man bemerkt, daß der flache Theil des Landes ansetze, der gebürgigte aber von den Wellen immer mehr weggespühlt werde.

Die Zahl der jetzigen Einwohner beträgt zwischen vier und fünfhundert. Sie nähren sich von einigem Ackerbau; hauptsächlich aber vom Fischfang und der Schifffahrt. So arm das Land auch ist, so hegen sie doch eine so unüberwindliche Vorliebe dafür, daß sie fast nie ermangeln, aus der Fremde zurück zu kommen, und auf dem undankbaren Boden, auf dem sie geboren wurden, ihr Leben zu beschließen.

Der fühlbarste Mangel des Landes ist der gänzliche Mangel des Brennholzes. Statt seiner müssen sich die Einwohner mit gedörrtem Kuhmist behelfen, und mit einem Torfe, dessen unerträglicher Gestank die Hütten, die Kleider, die Geräthe, ja selbst die Speisen und Getränke der Einwohner durchdringt, und dem Fremden, der seiner nicht gewohnt ist, Uebelkeit und Erbrechen erregt.

Gleich nach Mittage beurlaubt' ich mich bei meinem gastfreiem Wirthe, und bestieg eine Jölle, die auf den Heringsfang ausfuhr, und mich an dem Posthause aussezte. Ich hielt mich hier nicht lange auf, sondern eilte, die friedliche Goor zu erreichen, wo ich eine Stunde etwa vor Sonnenuntergang wieder angelangt bin. – Hartmuth ist mittlerweile hier gewesen, und hat den Bescheid zurück gelassen, daß wir Uebermorgen ganz gewiß absegeln werden.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.