Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gotthard Ludwig Kosegarten >

Briefe eines Schiffbrüchigen

Gotthard Ludwig Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleBriefe eines Schiffbrüchigen
authorGotthard Ludwig Theobul Kosegarten
year1994
publisherEdition Temmen
addressBremen
isbn3-86108-107-5
titleBriefe eines Schiffbrüchigen
pages15-114
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sonntags den 7ten.

Heut Morgen hab' ich fleißig Mineralien und Petrefacte gesammelt, um Ihnen, lieber Edward, wenn wir einander einmal wieder sehn sollten, etwas Liebes mitzubringen. Ein ganz köstliches Stück versteinerten Holzes fand ich ganz unten am Fuße von Arkona. Es ist größtentheils agathisirt, und die Ritzen und Spalten sind voll kleiner Quarzkrystalle.

Heute Nachmittags war wieder Ufergottesdienst, und zwar, da das Wetter schön war, diesmal unter freiem Himmel. Es ist eigentlich ein schmales grünes Thal in der Nähe der Vitte, in welcher der Gottesdienst gehalten wird. Drei Seiten desselben sind von Hügeln eingeschlossen; gegen Süden und Südosten ist es offen. Mehrere hundert Zuhörer waren gegenwärtig. Die Männer lagerten sich an dem östlichen Hügel, die Frauen an den westlichen. Der Prediger stand etwas höher neben einem großen Steine fast in der Mitte des Thales. Ich und mehrere andere angesehnere unter den Zuhörern stellten uns dicht neben ihn. Dieser Standort war sehr vortheilhaft. Die stille Vitte, die See, und Jasmunds blaue Gestade lagen offen vor uns. Zu unsern Füßen saß die gelagerte Gemeine. Auf den nahen Hügeln weideten Pferde, Kühe, Schaafe. Das Ganze war äußerst mahlerisch und interessant.

Ueber die Worte: »Sehet an die Vögel unter dem Himmel!« predigte Finster diesmal von den Vögeln – erzählte, wie wunderbarlich der liebe Gott sie gebildet habe – ihren Kopf, ihre Augen, ihre Schnäbel, ihren Rumpf, ihre Zähen und Krallen, ihr Gefieder und insonderheit die Flügel – wie sie haushielten und wirthschafteten – wie sie sich gatteten, wie sie nisteten, wie sie brüteten – wie sie ihre Jungen erzögen – wie und wovon sie sich nährten – wo sie wohneten, wie sie wanderten und reisten – welche wichtigen Zwischenglieder sie in der Kette der Kreaturen wären, wie unentbehrlich in dem Haushalte der Natur, und wie nützlich insbesondere dem Lieblinge der Natur – dem Menschen! – Den Schluß der Predigt weiß ich noch auswendig. Er lautete ungefähr so: »So sehet nun die Vögel unter dem Himmel! Sehet an, liebe Freunde, ihren wunderbaren Bau, ihre wunderbare Erhaltung und Ernährung, und lernt glauben an das Daseyn, und an die Macht und Liebe eines großen allversorgenden Hausvaters. Sehet an, liebe Brüder, die Vögel unter dem Himmel, und lernt von diesen immerfröhlichen Kreaturen Freude, Fröhlichkeit und Frohsinn! Seyd ihr traurigen und niedergeschlagenen Gemüths, ist eure Stirn bewölkt, und eure Seele verfinstert – Sehet an die Vögel unter dem Himmel! Mit Jubel erwachen sie. Mit Jubel durcharbeiten sie den ganzen Tag. Mit Gesang begrüßen sie noch den lezten abschiednehmenden Strahl der Sonne. Und ihr, die ihr so viel edler seyd, denn sie, die ihr so viel mehr Ursach euch zu freuen habt, denn sie, die ihr so viel mehr Aufforderung habet zur herzlichsten Zufriedenheit, wenn ihr denkt an euren hohen Adel und eure ewige Bestimmung – ihr wolltet trauern? – Aengsten euch die Sorgen der Nahrung, quält der Gedanke euch an eine aussichtslose Zukunft; sehet an die Vögel unterm Himmel! Sie säen nicht, sie erndten nicht, sie sammeln nicht in ihre Scheuren. Und unser himmlischer Vater nährt sie doch. Seyd ihr fremd und einsam auf Erden, wißt ihr nicht, wo ihr unterkommen, noch wo ihr euer müdes Haupt hinlegen sollet? Sehet an die Vögel unterm Himmel! Sehet an den bauenden Storch! Sehet an die mauernde Schwalbe! Sehet an die flechtende Möwe! Sehet an die strikkende Golddrossel! Der diese schwachen Kreaturen lehrte, sich so künstlich anzusiedeln und einzunisten, sollte der euch nicht helfen, euch einen eignen kleinen Herd zu erbauen? Sollt' er euch ein Obdach versagen, das vorm Regen und Schnee euch schützte? Aengstigt ihr euch um das Häuflein eurer unversorgten Kinder, wißt ihr nicht, wie ihr sie speisen, wie ihr sie kleiden, wie ihr ihnen und euch ehrlich durch die Welt helfen wollet – meine Lieben, seht doch an die Vögel unterm Himmel. Sehet an die Schwalbe unter eurem Dache. Sie hat der Jungen ein ganzes Nest voll. Sehet an die Wachtel in eurem Weizen. Sie hat ihrer nicht weniger, denn vierzehn. Sehet an die Henne auf eurem Hofplatze. Sie führt ihrer ein ganzes Völkchen hinter sich her – und diese alle wollen essen; ihre gierigen Schnäbel stehen immer offen, und werden immer ausgefüllt. Sie essen alle und werden satt. – Und euch, meine Lieben, euch und eure Kinder sollte der himmlische Vater darben lassen? – Nein gewiß er wirds nicht thun. Der die Vögel unter dem Himmel versorgt, der wird auch euch versorgen, die ihr besser seyd, denn ganze Schwärme von jenen. Nur müsset ihr auch nachahmen die Tugenden dieser unschuldigen Kreaturen. Ihr müsset nachahmen ihre unverdroßne Arbeitsamkeit. Ihr müsset euch befleißigen ihrer stillen Genügsamkeit. Ihr müsset euch zu eigen machen ihre häusliche Betriebsamkeit, ihre standhafte ehliche Liebe, und ihre rührende Zärtlichkeit gegen ihre Jungen. Thut ihr solches, meine Lieben, so werdet ihr bald ebenso fröhlich und sorgenlos werden, wie die fröhlichen Vöglein. Ihr werdet jubiliren, wenn der Tag erwacht, gleichwie die jubilirende Lerche. Ihr werdet jauchzen bei eurer Arbeit, wie die bauende Schwalbe und die nistende Grasmücke zwitschert und flötet bei den ihrigen den ganzen langen Tag. Ihr werdet frohlocken in den Umschattungen der Trübsal, gleichwie die Nachtigall am schönsten singt im Dunkel der Mitternacht. Ihr werdet, wenn einstens Gottes Bothe euch von hinnen ruft, gleich dem sterbenden Schwane, mit Gesang und Jubel niedersinken in das stille Bette des Grabes, Amen!«

Ich kann dir sagen, meine Beste, daß seit dieser sonderbaren Predigt die Vögel unterm Himmel mir ein gut Theil merkwürdiger geworden sind, denn vorhin; und Wunder sollt es mich nehmen, wenn das nicht mit mehrerern meiner Mitzuhörer der Fall wäre.

– – Nach geschlossenem Gottesdienst fuhr ich in Finsters Gesellschaft zu einem der benachbareten Pächter, wo wir lachten, schwatzten, jachterten, Best Bauer spielten, gewaltig viel aßen, und gegen Mitternacht mit gegenseitigem herzlichen Wohlwollen aus einander schieden.

– Glück auf, liebes Mädchen! Morgen gehts nach Hiddensee, Donnerstags, so Gott will, unter Segel!

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.