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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 9
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Siebenter Brief

Verzeih', Unsterbliche, daß ich heute mit mir beginne, nachher verweil' ich desto länger bei Dir. Ich schildere meine Leiden ausführlicher, um den Werth Deines Trostes in ein desto helleres Licht zu setzen.

Es war schon spät, – doch weißt Du, mir ist Nacht, wie der Tag – die Flammen in meinem Ofen waren erloschen, die in meiner Brust loderten hell auf. Meine Zähne klapperten vor Winterfrost, in meinen Adern rollte es wie Gluthenstrom.

Ich trat hinaus in die heilige Stille meines Gartenparadieses. An seiner Himmelspforte hielt der Mond mit brennender Fackel schon Wache. Die Sterne waren seine Trabanten, was ich selbst astronomisch beweisen will.

Wie badete sich mein krankes Herz in dem Dufte der Violen! Unter einer Blumenhecke legt' ich mich nieder, und schwamm in den duftigen Seufzern der Rose. Der schlummernden Unschuld der Lilie ward ich zum süßen Traum. Aus ihrem Kelche tauchte ein holder Engel auf, und neigte sein Blumenantlitz auf mich träumenden, traumerregenden Endymion nieder. Der Mond war es aber, der sich in gnadenreicher Herablassung auf mein liebestrahlend Auge senkte. Ich lächelte ihm freundlich, denn ich wußte wohl, daß zur selben Stunde an der mir abgekehrten Seite der Scheibe Deine Blicke hingen. Denke Dir, wenn wir einmal die Scheibe mit unsern Augenpfeilen durch und durch sähen! Wenn wir uns durch das so entstandene Loch küssen könnten! Welch ein Adoniskuß!

Ist es Dir bekannt, daß der Mond nicht das Symbol der Liebe, sondern nur der Ehe ist? und zwar der ewig schmollenden? Der Mann im Monde, nicht der Pseudo-Claurensche, der auf keine Nerve mehr wirkt, sondern jener, den ich täglich sehen kann, wenn ich an meiner Rosenhecke die Nacht abwarte, lebt in zwistigen Verhältnissen mit der Frau im Monde, die Du von Deiner Wohnung aus sehen kannst. Der Streit soll daher kommen, daß der Mann nur sein Gesicht in Thätigkeit setzt, und übers Küssen nicht hinausgeht. Die Hunde bellen den Mond auch wirklich nur dann an, wenn sie läufisch sind; sie machen ihm damit ordentlich Vorwürfe. Bewundere aber das große Naturgesetz daran. So lange die Eheleute im Monde sich den Rücken zukehren, herrscht die himmlische Liebe hienieden im irdischen Jammerthal. Versöhnen sich die aber da oben, und wenden sich die Vordertheile ihres ganzen Körpers zu, so geht die Welt unter, also eigentlich vor Liebe. Wie ich immer gesagt habe, wird der Untergang der Welt eine wahre Lust sein.

Wie natürlich. Die Freuden des Himmels werden nur dann genossen, wenn die der Erde vorüber sind. Man würde nie glücklich sein, wenn Andere nicht unglücklich wären. Vier Arme, die sich umfangen, setzen vier voraus, die sich abstoßen.

Durch Deinen edlen Entschluß, den ich bald gebührend loben werde, bist Du einem schönen Ziele merklich näher getreten. Du willst durch den Gegenstand Deiner Freude den leidenden Theil der Menschheit ebenfalls glückselig machen. Daß ich die Erfüllung Deines großartigen Wunsches voraussähe!

Der Patriotismus ist den Pariser Damen, wenn nicht in, doch an den Leib gefahren. Sie lassen sich auf dem Wege der Subscription seidene Kleider anmessen, um so den unglücklichen Lyonesen zu helfen. Du willst nicht zurückbleiben, und ich werde nicht ermangeln, Dir das verlangte Dutzend Seidenhüte, das Du zugleich tragen magst, zu besorgen. Ich werde mich mit eben so vielen Schnupftüchern ausrüsten. Glaube mir aber, die Absicht unseres Willens ist besser, als sein schwacher Erfolg.

Ein Capitel aus einer neulich von mir gemachten Reise führe mich an die Stelle, wo ich Dir für diese traurige Aussicht die Beweise liefern werde.

Hast Du je von Contumazleiden gehört? Die hessische Quarantaineanstalt in Raßdorf drohte mit mir auf den Flügeln des Sturmwindes, der aus dem Thüringer Wald und dem Rhöngebirge in fürchterlichem Duett tobte, davon zu gehen. Nur die Erinnerung an die ferne Freundin fachte neue Lebensflammen in mir an, warum auch Amor mit Pfeil und Bogen in erhabener Arbeit am Ofen meiner Clause angebracht war. In Sturm und Regen verließ ich den unseligen Aufenthalt mitten in der Nacht.

In Hünefeld priesen mir der Posthalter und seine Frau die Thaten des heil. Bonifacius an, des Patrons dieser Gegenden. Sie hielten mich für katholisch, weil ich den Schwärmer lobte. Aber es war mir nur um einige Seitenblicke auf die Nationalisten zu thun, die dem Manne es heut noch nicht vergeben können, daß er im neunten Jahrhunderte lebte, und ihm über den Stuhl Petri weder Luther noch sonst etwas ging.

Mit dem inzwischen angekommenen Eilwagen fuhr ich gen Fulda, schnitt dem Könige in Baiern ein Duodezstück von seinem Lande ab, weshalb mir auch die Frankfurter weder den Eingang in ihr Gebiet noch in ihre Stadt – warum sie nur Beides so sondern! – schlechthin verweigerten.

Noch vor Fulda zog der Morgen den Schleier der Nacht von einer Gestalt, die mir gegenüber saß. Aus einem dunkelgrauen, verschossenen Mantel flogen blitzende Pfeile. Die Augen, die sie entsandten, lagen tief wie grauer Nebel in den Thälern zwischen den Stirn-, Nasen- und Wangenknochengebirgen.

Du weißt, ich liebe die Todtenköpfe. Die schwarzbeschlagene Capelle mit dem Altar, Crucifix und versilberten Schädel führ' ich noch immer bei mir. Wenn ich den küsse, so denk ich immer an Dich. Solltest Du denn schon todt sein? Welche Frage! wie könnt' ich dies sonst an Dich schreiben!

Die Reden jenes Unheimlichen waren entsetzlich. Seine Lippen schienen aufzuthauen und doch war es kaltes, furchtbares Eis, das an ihnen hing. Ein Pole saß an meiner Seite, klagend bald über die verlornen Hoffnungen, bald mit lustigen Liedern sich tröstend, ein echtes Sarmatenkind. Unser Gegenüber empfand zwar Theilnahme für das Schicksal des unglücklichen Landes, aber in jener dumpfen, kalten Weise, die uns Norddeutschen, die wir von keiner Kunst, über Politik zu reden, sondern von einer, über sie zu schweigen, wissen, eigen ist. Gegen einen solchen Jubel wie bei den Triumphzügen der Ramorino, Langermann, Ledochowski im südlichen Deutschland, würd' er kalt und unempfindlich geblieben sein. Wir sympathisiren hier aber nie mit Leidenschaft.

Vom Finanzjammer der Zeit ging die Rede. Der Fremde sprach darüber in Tönen, die mich entsetzen machten. Kalt und bitter verwarf er das Geschrei des Tages. Die Parteien schienen ihm über einem fürchterlichen Abgrunde, dessen Existenz sie nicht ahneten, ein frevelhaftes Spiel zu treiben. Die Gefahr werde von einer Seite kommen, da man sie am wenigsten erwarte. Der gemeine Mann sorge zwar nicht für den morgenden Tag; dazu besäß' er zu viel Christenthum. Aber auch für den heutigen habe er nichts als die geistliche Speise, die keinen Magen satt mache. Dieser Magen, nicht die Vernunft, werde um Befriedigung schreien. Die Vernunft müsse ja immer einen Widerstand haben, da sie anders sich nicht bewähren könne, aber den Magen habe Gott ohne Widerrede auf Sättigung angewiesen.

Was ich froh war, als uns dieser böse Dämon in dem freundlichen Gelnhausen verließ! Sein Weg führte ihn nach der Wetterau hinauf. Man bezeichnete ihn mir als einen Samenhändler. Vielleicht eine boshafte Anspielung auf den Samen der Unruhe und Empörung, den er auszustreuen suchen mochte.

Diese Bekanntschaft hat mir das Verständniß der Zeit erleichtert. Ich weiß jetzt, daß sie sich in Frankreich mit Karlistischen Umtrieben, den republicanischen Institutionen und monarchischen Scheinformen, mit Quasilegitimität, erblicher Pairie und der Wahrheit der Charte dem Brenn- und Zielpunkt der Zukunft nur entfernt nähern. Die Fabrikarbeiter werden das Königthum anschreien: gib uns unser täglich Brod! Wer kann diese Bitte erhören, so lange das Königthum die andere Bitte an Leute wie Rothschild: vergib uns unsere Schuld! nicht erfüllt erhält. Wie lange dauert es noch, so werden die droits réunis und dergleichen wie niedergebundene Weiden mit furchtbarer Gewalt aufschnellen. Noch von Alters her verstehen sich die Lyonesen aufs Säcken und Ersäufen in der Rhone, und so ein Kronprinz, wie sie ihn da drüben haben, der noch voll ist von Curtius und Cäsars Commentarien, wird mit dieser Classikerweisheit nichts ausrichten, mit jener Gnade aber, die sein Papa auf den Spitzen der Bayonette überschickt, die Gemüther nur noch heftiger erbittern.

Die infima plebs in Frankreich, die Kleinbürger und Bauern in Deutschland verstehen nichts von Formeln und Meinungsfarben. Jenen sind die Reichen, diesen die Herren ein Anstoß. Dort begnügt man sich für heute mit einem hingeworfenen Franken, und verspricht, den Tumult erst morgen anzufangen, hier will man mehr. Man will nicht satt, sondern wieder wohlhabend, wie ehemals, werden. Man will nicht geduldet, selbst nicht gefürchtet, man will geachtet sein. Mützen und Rundhüte, Beides wird verworfen. In Norddeutschland sollen die rundkrämpigen Barbierbecken, in Süddeutschland die dreieckigen Nebelstecher das allgemeinste Ansehen wieder gewinnen.

Die Fürsten kommen dabei vollends aus ihrer Stellung. Sie vergessen ihre alten Wege, und die neuen führen nur zu ihrem Untergange. Da läßt sie ein Drittel ihrer Unterthanen dreimal hoch leben, wenn sie drei Propositionen der Stände im Laufe eines vollen Jahres bewilligt haben. So ein Vivat ist nicht nur ein schreiender, sondern selbst ein rührender Beweis treuer Anhänglichkeit; wenigstens macht es ihre Umgebung lebendig. Es ist meist so unheimlich, so still und einsam jetzt in der Nähe der Fürsten. Wer größeren Muth besitzt, nimmt beim Zusammentreten der Stände zwei oder drei servile Publicisten in Sold. Die Staatszeitung, die die Sache der Regierung vertheidigen soll, will unterstützt sein. Man erkennt den Fehdehandschuh der Opposition an, indem man ihn aufnimmt. Der Todtentanz beginnt, man spielt sich selbst auf zum Grabe. Denn endlich wird das Residuum der gährenden Hefe, die diesen Spectakel- und Balllärm bezahlen muß, aufbrausen, und man kann versichert sein, daß es weder nach dem Einen, noch nach dem Andern fragt. Wir Freisinnigen werden die ersten Opfer sein, dann die Könige, und so fort. Noch kann die Geschichte jeder Revolution dafür zeugen.

Aber es ist doch herrlich. Die Fürsten können ohne den Kampf mit der Opposition nicht mehr existiren. Darüber verlieren sie aber den Zutritt zu jener noch ziemlich ungetrübten Quelle der Liebe und Anhänglichkeit, die die Unterthanen an ihre alten Regentenstämme bindet.

Ha! Ich grüße Euch, Brutus und Cassius, Robespierre und St. Just! des heiligen Dreikönigstages Abend dämmert heran. Die Throne wanken, und der Boden, auf dem sie stehen, zittert zusammen. Schon neulich bebte im Preußischen die Erde bei Aachen zusammen.

Aber dessen kannst Du gewiß sein, mögen auch Berge sich thürmen, und drohen uns zu vergraben, mögen Wolken und schwarze Wetter heraufziehen, und alle Stürme des Lebens es auf uns anlegen, dennoch werden wir –

Ach! ich kann nicht ausreden, weil ich mir vor Wuth die Zähne verbissen habe. Wenn mich nun dieser böse Umstand verhindert, von meiner Liebe laut zu reden, so begnüge Dich diesmal mit diesem leisen Gemurmel, womit ich andeuten will, daß Du von meiner Umarmung nicht hören, sondern sie empfinden magst.

Der Gott der Liebe heilige Dich ganz und gar, daß Du sammt Leib und Seel unsträflich behalten werdest, bis auf die Zukunft meiner baldigen Gegenwart!

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