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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 6
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Vierter Brief

Ein Räthsel hast Du mir vorgelegt, einen Vorschlag mitgetheilt, ich komme auf Beides, meine Beste.

Du fragst mich, ob ich einen Begriff von krystallisirter Wehmuth habe? Ich gebe Dir eine Gegenfrage, ohne eine Antwort zu verlangen.

Warum muß sich doch schon an die wonnigen Tage der Jugend, wo die Phantasie noch mit solchen Blumengewinden die Welt umzieht, wie mich die meinige mit ihren riesigen Himmelsblüthen, jener eisige Schauer des Winters legen, der die brennenden Lippen erstarren, und die bebenden Küsse erfrieren macht? Nicht wahr, ich komm' ans Ziel?

Legionen solcher erstarrter Thränen und erfrorenen Küsse schweben wie Engel und unsichtbare Eiszapfen durch die lange Nacht des Winters, bis sie erst der milde Strahl der Frühlingssonne zu glänzenden Perlen auflöst. In einigen Monaten kannst Du das an mir selbst erleben.

So wie sich erst die Morgensonne in dem frischen Grün wieder spiegeln wird, so nehm' ich meinen Thränenkrug, und sammle auf den Auen. Durch Vermittelung des Salzes macht der chemische Proceß alles Flüssige fest, und so krönt endlich meine Mühe das beneidenswerthe Gefühl, Dein Problem aufgelöst zu haben.

Daß eigentlich die ganze Welt nur aus dieser Materie besteht, erräthst Du wohl nun leicht, daß die Erde – im Vertrauen gesagt – nur ein ganz winziges Ding, eine Thräne im großen Weltenauge.

Nun aber Dein Vorschlag. Ja wohl! sehr empfehlend. Der Enthusiasmus reißt mich hin, Holdseligste, ich fange an zu schwärmen

Das leichteste Mittel, der Macht des Despotismus und Königthums zu steuern, liegt in der Erweckung des schlummernden, religiösen Parteigeistes. Man stürze die Sitze der weltlichen Fürstenthümer, und errichte an ihrer Statt Christenthümer.

Z.B. hat das Christenthum Hengstenberg, mit so und so viel Tausend Einwohnern, auch Seelen genannt, die sich meist von sitzenden, webenden Geschäften, spinnender Lebensart und geistlichem Fischfang ernähren. Man arrondirt es aus dem Wupperthale, dem mildthätigen Elberfeld, Kielern, Glauchensern, Baslern und ist dabei die Wilhelmsstraße oder die Wallachei in Berlin nicht zu vergessen.

Wir werden der Erfüllung dieses Planes die größten Opfer angestrengter Kräfte bringen müssen. Ein Truggewebe von Irrthümern ist aufzulösen. Die Fürsten stehen in dem Rufe, die Religionsübung zu schützen, und die Wenigsten sehen ein, daß sie sich jenen nur als ein sanftes Bindemittel ihrer Herrschaft bewährt. Der Scepter nimmt so gern die Gestalt des Krummstabes an. Wir können sogar Staaten aufweisen, deren System eine weltliche Hierarchie ist. Preußen, dessen historische Existenz nur durch Vertrag und Uebereinkunft gesichert werden kann, wies die schriftliche Abfassung einer solchen nur darum bis jetzt zurück, weil es sich auf die Herzen seiner Bürger als auf die sicherste Garantie der Zukunft beruft. In so fern in diesen Herzen das Vertrauen die köstliche Perle sein soll, überläßt man die Entscheidung der Frage der Zukunft, man weiß, daß sich die Regierung verpflichtet hat, den Mangel jenes Vertrauens durch einen künftigen Act der Gesetzgebung anzuerkennen. Aber das Religiöse an diesem Verhältnisse bleibt einer allgemeinen, von dermaligem Staatsverbande unabhängigen Welt- und Geschichtsansicht unterworfen. Je mehr die religiöse Stimmung unserer Zeit über das bloße Bedürfniß des Glaubens hinausgeht, und eine bestimmte Ansicht über Christenthum als eine Thatsache anerkannt wissen will, je stärker sich früher in Preußen die Meinung befestigt hatte, der Thron könne in Religionsangelegenheiten mehr sein, als eine schützende Macht, er könne auch entscheiden, desto einseitiger mußte sich nach der Erklärung, die Regierung lasse Jeden schaffen, wie er wolle, das Interesse der Partei auf sich selbst zurückziehen, und gegen den Schutz, der ihr von oben gleichgültig gewährt wird, selbst immer gleichgültiger werden. Der preußische Staat ist durch die Chancere dieser Zeit gezwungen, dem Zuge des alltäglichen Treibens zu folgen. Er ist verurtheilt, mit eigner Hand das poetische Gewand, in das er sich durch sonderbare Zufälle hüllen konnte, zu zerreißen.

Du befürchtest, ich würde mich noch einst zum Schirmvogt der Pietisten aufwerfen; aber Folgendes belehre Dich, daß ich meinen Kopf denken, nicht hängen lasse!

Die Liebe darf einen Rechtgläubigen noch nicht bewegen, sich mit zwei oder drei oder mehrern Brüdern zur gemeinschaftlichen Uebung im christlichen Leben zu vereinigen. Nur durch den Satz von der Priesterschaft eines jeden Christen sind Conventikel möglich geworden, dadurch aber auch gegen jede Staatsreligion feindselig gestellt. Man versichert, und hängt mit voller Hingebung an dieser Lehre, daß die Berufung eine allgemeine sei, Jeder dürfe sich zu jeder Stunde als ein Gefäß des göttlichen Geistes ansehen. So lange dieser Glaube noch nicht untergraben ist, und damit kann es anstehen, weil er dem natürlichen Selbstgefühle die verklärteste Weihe gibt, so lange sind noch Elemente zu einer republicanischen Ordnung der Gesellschaft vorhanden. Man wird die Uebertragung des Lehramtes an gewisse durch menschliche Wahl Bestimmte, die ganze Form der Kirchenconstitution ewig nur als einen Uebergangspunkt ansehen, und gegen die weltliche Seite des Lebens, die jene Gestaltung der kirchlichen zur Garantie ihrer eignen Dauer bedarf, unablässig reagiren. Liebe und Vertrauen soll das schönste Band des Lebens bleiben, aber die Verbundenen müssen Alle Priester und Könige sein.

Ich schreibe jetzt an einer Geschichte der Zukunft. Jede Gewalt wird in ihr an den zwei höchsten Mächten politischem und religiösem Fanatismus scheitern. Das Bedürfniß, glücklich zu leben ist eben so mächtig, als das andere, seinem Glück die Unterlage eines höhern Lebens zu geben. Beides sind die Factoren der entscheidendsten Schläge in der Geschichte gewesen, die Explosionen der Zukunft werden wiederum durch ihr Zusammentreffen herbeigeführt werden. Die Zukunft wird uns unzählige Charaktere zeigen, in denen die Flammen der Begeisterung für das hohe Ziel aller politischen Freiheit, Republicanismus, mit dem heiligen Feuer religiöser Andacht und Hingebung zusammengeschlagen werden. Hier wird mehr sein, als die furchtbare, imponirende Sittlichkeit eines Robespierre. Vor der Tugend allein erschrickt der Despotismus nicht. Sie bedarf des Lasters als hebender Folie, und pflegt mit ihrer Selbstbeschauung zu enden. Die Macht des Christenthums reicht höher hinaus, in ihrer richtigen Stellung zum Staate ist sie unüberwindlich.

An der Lehre der St. Simonisten ist dies das Wahre, daß sie das Bedürfniß einer Coalition unseres geistigen und materiellen Lebens aussprechen. Sie ist ein Symptom des Zeitgeistes und hat daher nur ein vorübergehendes Interesse. Ihre Lehren selbst befriedigen jenes Bedürfniß nicht, sie müßten dazu weniger die Resultate eines speculirenden Kopfes sein, aber sie haben im Schematismus der mannigfachen unsere Zeit durchkreuzenden Tendenzen eine so mathematisch richtige Stellung, wie keine andere neuere Erscheinung im Gebiete der geistigen Cultur. Herr Carové, Licencié en droit, findet zwar in dieser Bedeutung der Simonisten Jakobinisches, Sitten- und Staatsgefährliches, – spricht der Mann nicht, als hätt' er einst zu Mainz als Centralinquisitor gesessen? – aber das zeichnet eben ihre Lehre mehr aus, als ein selbstverstandener Satz von la Mennais, Cousin oder wohl gar Hegel.

In Deutschland kann man nie auf den Bürger wirken. Das hat Rußland vortrefflich verstanden und daher Sorge getragen, diesen deutschen Michel in Polen einheimisch zu machen. Aber die Bewohner des platten Landes, das starke Geschlecht der Gebirge, die Grenzbauern sind jene geheimnißvollen Gestalten und Zaubergrößen, aus denen ich jetzt ein System der Demagogie schaffe. Du erschrickst und vergissest, daß ich ja nur als Schriftsteller in diesem Fache auftreten will. Das Publicum will Charakteristiken der Zeit, Bilder aus der Gegenwart. Es ist zu wenig Walter Scottisch mehr, als daß man mit Karlistischem Romanticismus, mit Prätendentenscenen und Aristokratischer Hingebung aufwarten dürfte. Es will an seine nächsten Interessen erinnert sein, aber nur andeutend, nicht so, daß es sich heute ein Buch kauft, und morgen das befolgen muß, was es darin gelesen hat. Es will Anklänge an den Augenblick, doch es scheut sich, sich wieder mitten in den leidenschaftlichen Kampf der Parteien versetzt zu sehen. Es will Ernst als Scherz vorgetragen wissen. Wer nun in der Tat die Kunst besitzt, durch irgend eine untergelegte Diction, etwa daß er einen Narren an eine Närrin Briefe schreiben ließe, seine Stellung zu den Parteien nur versteckt durch den Schleier des Indifferentismus anzudeuten, der mag sich schmeicheln, hier und da seinen freundlichen Leser zu finden. Aber unnatürlich bleibt darum doch dieses Verhältniß, und beweist, wie weit wir die Franzosen im Leichtsinn übertroffen haben. Der Leser hebt sich lachend von seinem Morgensitze, verläßt sein Negligé, wirft den Amtsrock über die Schulter und officielle Falten ins Gesicht, und kaum auf seinem Beamtensessel, gewöhnlich einem Schraubstuhle, angelangt, decretirt er dem vorher so liebenswürdigen Autor ein Halseisen – des Princips wegen.

Unsere Zeit ist zum Märtyrerthum nicht mehr gemacht. Wenn es zwar an treuen Seelen nicht fehlen möchte, die sich gern für die erkannte Wahrheit hingäben, so fehlt den Gegnern doch der Muth, durch offene Gewaltthat die Partei zu reizen und ihren Willen mit Leidenschaft durchzusetzen. Und ich gestehe Dir gern, daß ich kein Märtyrer der Wahrheit sein möchte, wenn nicht Jedermann dieselbe Wahrheit an allen Wegweisern auf der Landstraße lesen könnte. Wie Göthe und sonstige Unsterbliche unter den Sterblichen wird man nie mehr sein, als wozu man gemacht wird. Man pflücke Nichts vom Baume des Lebens, es fallen genug Blätter von ihm ab, die auf der ruhigen Spiegelhelle des Daseins umhertreiben und immer so ansehnlich sind, daß sich ein Lorbeerkranz daraus winden läßt. Wohl dem, dessen Ueberzeugung nicht weiter reicht, als die Augen seiner Zeitgenossen! Er wird ihnen nun erscheinen – denn wer würde meinen, nur Alltägliches zu sehen! – und doch der alte, liebe Freund, der dem Herzen so nahe steht, sein. Wem diese marmorne Ruhe nicht zusagt, der mag sich die Gegenstände seines Kampfes fingiren. Er kann dabei so viel Anstand und Würde entwickeln, daß er nie für den spanischen Abenteurer, immer nur für einen Heros gehalten wird. Neben der Coketterie der Liebe gibt es auch eine des Hasses. Wenn man sich flieht, um sich zu haschen, so gibt dies den angenehmen Eindruck eines Anakreontischen Ballets. Wenn man sich aber in die Haare fällt, nur um auseinander zu kommen, so ist dies neben der Feigheit eine Lächerlichkeit, die leider nur von den Wenigsten erkannt wird. Vom Lächerlichen zum Erhabenen gibt es bekanntlich nur einen Schritt, wer bemerkt diesen einfachen Sprung? Falstaff wird von seinen Gesellen wirklich für tapfer gehalten. Die vermeinten Herren der Freisinnigkeit sind bei uns in dieser Weise oft die Unterthänigsten. Sachsen steckt voll solcher Leute, die in jedem ernsten Triumvirate nur den Lepidus abgeben müßten, die aber als Erzketzer im deutschen Reiche verschrieen sind. Sie schießen Jahr aus Jahr ein die giftigsten Pfeile in die Weite, noch kann ich mich aber keines entsinnen, den sie getödtet hätten. Sie könnten aber Satyren auf die Religion des sechsten Welttheils schreiben, sie würden noch immer als Heroen der Freiheit gelten.

Man kommt aber so am besten durch die Welt. Also, wohlan, du alte Stimmgabel, du hast mit den beiden Klammern deiner Fangarme schon so manches hoch schlagende Herz in den Kammerton zu stimmen gewußt, leg' einen guten Ton für mich ein, ich will fromm und geduldig werden, wie ein Lamm, und reden, als redete ich nicht. Verschaff mir mit deiner silbernen und darum immer noch Goldes werthen Stimme irgend einen Lehrstuhl, etwa der politischen Natürlichkeiten, dem ich in frommer Ergebenheit Ehre machen werde. Echt biblisch will ich lehren, daß es natürlich war, als Petrus seinen Herrn und König verleugnete, daß er hinausging und weinete sehr; daß es natürlich ist, den biblischen Satz zum höchsten Princip der Finanzwissenschaft zu machen, daß, wer hat, dem gegeben, wer aber Nichts hat, dem genommen werde; daß es natürlich ist, nicht nur die Irländer und Juden, sondern auch die Fürsten zu emancipiren, wenn man nicht erwarten will, daß sie, begeistert für die Sache ihrer Freiheit, mit den Waffen in der Hand den Völkern, ihren Unterdrückern, gegenübertreten. Sag's ihnen nur, daß ich nicht müde werden wolle zu rufen, sie sollten von den Schranken der Caste entfesselt, von ihrem Pariastand erlöst werden, an öffentlichen Orten beim Gottes- und Musendienst nicht mehr allein, wie auf Armensünderbänken sitzen, es solle ihnen der Zugang zu ehrlichem Erwerb und Nahrungszweig nicht versperrt werden. Sprich, du alter Chimborasso, warum sollen ihre liebesiechen Herzen an den Lippen der Bürgertöchter sich nicht erwärmen dürfen? Und wenn du geantwortet hast, so hebe Dich weg von mir!

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