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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 5
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Dritter Brief

Deutschen Gruß und Handschlag zuvor, edle Biederfrau! Ich schätze in Dir mehr, als man an Wesen Deines Geschlechts zu schätzen gewohnt ist. Du bist nicht unbekannt mit den Grazien, und doch ein Frauenzimmer von der ernsthaften Gattung. Du gleichst dem chinesischen Glockentempel, wenn er den Ernst bedeuten soll, eben so sehr wie der Maiblume, wenn ich darunter die Freude verstehe; nur daß die letzte duftende Glocke oben im Wipfel sich den Strahlen der Sonne öffnet, und ich schmeichle mir, diese Sonne immer für Dich gewesen zu sein.

Du sendest mir eine Haarlocke, mit einem rosaseidenen Bande geziert. Sie muß auf der Reise schlecht gelegen haben, das sonst so dunkle Haar war ausgebleicht, und schien sehr grau. Das Gräuliche hat auch mich angesteckt, mein dunkelblonder Haarwuchs ist seither so weiß geworden, wie die schneebedeckten Fluren, die sich dort drüben vor meinen Augen ausbreiten.

Ich weiß nicht, ob Dir auch so ist. Mein Leben ist mir schon so alt, und doch fühl' ich mich zuweilen jung, als lebt' ich noch immer, obschon ich gewiß weiß, daß ich wenigstens einmal gestorben bin.

Glaubst auch Du nicht daran, daß ich im Grunde nur ein Mährchen bin? Mit dem Greisenhaupte meines Januskopfes seh' ich in die dunkeln Nebenpforten fernster Vergangenheit, und mit dem Jünglingsblicke auf die Wiege, als wär' ich erst gestern geboren. Da hab' ich ein altes Buch voller wundersamer Geschichten, ich spiel' in ihnen immer die Hauptrolle, die verzauberten Prinzen. Jetzt in einen schwarzen Käfer, dann in eine glühende Kröte, oder auch in ein todtes Marmorbild verwandelt, harr' ich auf Liebe und Unschuld, die meinen Zauber lösen können.

Deine Liebe und Unschuld hören gewiß meine Klagen, die jetzt einsam durch die Nacht tönen, und von den Vögeln in Musik, von den Blumen in Duft gesetzt werden. Liebste! erinnerst Du Dich wohl noch jener Zeit, als ich die Anatomie Deiner Blicke studierte, als ich bei Deinem Herzen ansprach um einen gefälligen Beitrag zu der Collecte, die ich nach dem großen, von Deinen Augen in mir angerichteten Brande bei allen himmlischen Wesen sammeln ging? Oder wie war das? Man vergißt seine Freuden leichter, als seine Leiden. Ich habe so viel vergessen, waren das Alles Freuden?

Nun aber theil' ich Dir ein Geheimniß mit, das Du Dir gewiß nicht hast träumen lassen; fürs Erste mußt Du aber noch reinen Mund halten.

Der Sultan hat mich als Redacteur des konstantinopolitanischen Moniteurs berufen. Findest Du das ungereimt? Und auch auf Dich, Du herrliches Weib, hat er sein gnadenreiches Auge geworfen. Du sollst mit mir ziehen, und die Stelle der Frau von Hübsch vertreten.

Du fragst nach den nähern Umständen dieses Rufes? Nun so höre, wem ich den Rang abgelaufen habe! Mein Mitbewerber war der berühmte Bibliothekar Dr. Ernst Münch, ein Lichtfreund, den Ignoranten ein Wetterblitz, der den freimüthigen Hutten, wenn nicht nachgeahmt, so doch herausgegeben hat. Er hatte zwar gegen die Osmanen, oder richtiger die Feldzüge gegen die Osmanen geschrieben, aber die sultanische Majestät war auf diplomatischem Wege unterrichtet worden, daß der Bezeichnete zur Classe der Desultoren, denen jeder Sattel gerecht ist, gehörte, überdies daß er das Haager Doppelkreuz wäre. Es kam zu einem Examen, das ich Dir schildern will.

Der westöstliche Divan hatte sich versammelt. Der Großherr saß in einer Loge, die mit goldgestickten Sammtvorhängen zum Theil bedeckt war. Ihm zur Seite seine Gemahlin: in Reichsangelegenheiten hält er streng auf Monogamie. Die hoffnungsvollen Prinzen übten sich an hölzernen Puppen im Kopfabschlagen.

Wir Candidaten traten ein. Ein blondhaariger, blauäugiger junger Mann – Du kennst mich ja, Liebe, das war ich. Mein Rival nicht minder anziehend, nur etwas stark und wohlgenährt; seine Brille empfahl ihn. Zum Zeichen unserer russischen Gesinnungen schlugen wir mit unsern Armen dreimal ein Andreaskreuz über die Brust. Mein Gegner nahm das Wort, Folgendes sprach er:

»Geist und Talente stehen über den Interessen der Machthaber und Völker. Das ist der Vorzug unseres erleuchteten Zeitalters. In den barbarischen Zeiten des Mittelalters trugen Söldner den am meisten Zahlenden ihre körperlichen Kräfte an, ja die Schweizer, denen ich entsprossen zu sein eingestehe, setzen diese Gewohnheit noch heute fort. Ich glaubte das geistige Pfund, das in mir vergraben liegt, nicht besser anwenden zu können, als es unabhängig zu machen von all meinen Jugendträumen und Idealen, und den Bedürftigen es zuzuwenden. Ich bin stolz auf den Kosmopolitismus meines Volkes, und seien Sie außerdem bei meiner Wahl der Beistimmung des großmüthigen Nikolaus gewiß. Ich habe viel zum Untergange der polnischen Sache beigetragen. Wir Deutsche sind überhaupt weder Polen, noch Philopolen, sondern nur Bibliopolen.«

Der Divan lachte um ein wenig schwächer, als der Bibliopole selbst.

Es kam zu einigen Fragen. Mein Gegner vermied zu antworten. Er kramte und berief sich auf seine Documente, die er nach Zeit und Ort geordnet hatte. Sie fingen von Freiburg an und hörten am Neckar auf. Man sprach von der Legitimität. Er citirte eine Nummer des Morgenblattes, wo er die Legitimität selbst der Liebe in schlichten Versen bewiesen hätte. Ich aber machte mich heimlich an die Großfrau heran, und flüsterte ihr leise zu, ich könnte ihr Alles, selbst die Legitimität ihrer Strumpfbänder beweisen. Das empfahl. Die hohe Frau geruhte ihrem Gemahl zu erklären, daß ich der Mann zu sein schiene, der die Sache des Hofes in gegenwärtiger Verwickelung vertheidigen könne, man möchte den Gegner entlassen. Dieser ging. Ich blieb.

Welch eine Staatszeitung soll die meinige werden, in dem Artikel Inland kann ich zwar nicht gut über die Schranken der Barbarei hinausgehen, da die hiesige Censur für dieses Fach äußerst streng ist, aber im Ausland ist sie nachgiebiger.

Da will ich den deutschen Brüdern im Zeitungsspott eine Regel geben, die sich ihnen als nützlich bewähren wird.

Es drängt die Bekanntmachung einer Thatsache über inländische Angelegenheiten. Die Scheere des Censors wird sie nicht schonen. Was thut man?

»Wenn Sie, verehrter Herr Regierungsrath, in meiner Zeitung den Abdruck dieses Handels unterdrücken, so schick' ich ihn in ein englisches oder französisches Blatt. Man liest ihn auf unserem Museum. Wie könnte dann noch der Abdruck unter der Rubrik London oder Paris ohne Aergerniß gehindert werden!«

Eine tolle Zeit, wo man, um ehrlich zu sein, ein Spitzbube werden muß! Scheinbar scherzt man freundlich mit einem Kinde, und hat es doch nur auf die artige Magd abgesehen, die es trägt. Dieselben Handlungen, die bei dem Einen als Muster von Kühnheit und Muth gelten, müssen uns bei dem Andern in den Ruf der Bescheidenheit bringen. Es gibt eine hoffähige Demokratie wie in Milet eine Quelle, die süßes und salziges Wasser zugleich enthielt.

Unter der Rubrik Ausland hab' ich in meinem Moniteur noch ein stehendes Capitel über Maßregeln. Du verstehst mich. Ich meine die Protokolle des Bundestages.

Eine eigene Spalte ist die Poetenspalte, wo ich das Phantastische und Alles, was in der Politik auf der Einbildungskraft beruht, in zierlicher Darstellung berichte. Ich sorge hier fleißig für das Tragische, Schrecken- und Schauererregende, und rechne dahin alle Hessen-Kassel'sche Angelegenheiten, die schon Stoff genug darbieten zu einem Trauerspiel. Atreus und Thyestes oder das Haus der Pelopiden ist ein Gemälde von Familienhaß, Maitressenwirthschaft, Volksaufläufen und Gardeducorpssäbeln geworden.

Eine solche Wuth losgelassener Leidenschaften ist unerhört; und in der That, es fehlte noch, in diese Iffland'schen Familienscenen die Interessen des ohnehin schon genug geplagten Volkes zu verwickeln. Wenn Ruhe die erste Bürgerpflicht ist, so haben wir noch weit mehr das Recht, sie auf dem Throne zu erwarten. Sollten wir wirklich noch solche Scenen erleben, wie sie in den kalten, öden Todesmauern des byzantinischen Kaiserhauses vorkamen? Wenn du gut thust, hieß es schon in dem Königsspiel bei Horaz, so wirst du König sein, wo nicht, nicht.

Wie ich höre, geht es in Hanau schon wieder hoch her. Die Zollhäuser auf der Frankfurter Straße sind kaum zerstört. Wovon ich mich selbst überzeugt habe, ist die ganze Angelegenheit so sehr in das moralische Bewußtsein der Leute dort eingegangen, daß selbst der Schenkwirth im Zollhaus nie mehr sein Gebäude zu einem solchen ruchlosen Zwecke hingeben wollte. Man weiß es, daß sich Unzählige für einen zugesteckten Thaler eher todtschlagen lassen, als daß sie den Wiederanfang des kaum beendeten Unwesens duldeten. Aber das Alles wird nicht gefürchtet, man vergibt sich Nichts, und wird nicht nur den Zoll für neue Waaren verlangen, sondern selbst für die, die seither ohne Beleg durchgiengen. Den Kaffee und Zucker, den man längst verdaut hat, können die Kaufleute und wir noch hintennach veraccisen. Man wundre sich nicht, wenn die Bürgergarden bei solchen Cravallen zusammengetrommelt werden, und nicht erscheinen. Ohne Uniform sind sie selbst der Feind, gegen den sie agiren sollen.

Siehst Du, Vertraute meines Herzens, so geht es im Türkischen Reiche her. Mit solchen Anekdoten füll' ich die Spalten meines Moniteurs. Sonst lebt man hier besser, als bei Euch. Der Brand von Pera ist eine verdammte Lüge, die der östreichische Beobachter ausgeheckt hat, um die Aufmerksamkeit von Westen nach Osten zu lenken, und den Leidenschaften des Hasses und der Erbitterung eine unschädlichere Richtung zu geben.

Ich habe gerade von Pera aus die herrlichste Aussicht auf die stolzen Wellen des Marmormeers. Rings um mich her liegen die anmuthigsten Landhäuser, versteckt in bergendes Waldgrün. Dunkle Fichten erheben ihre Riesenhäupter in die wolkenlose Himmelsbläue. Die Trümmer einer verfallenen Burg ragen hinter Bergen, die mit den edelsten Weinen bepflanzt sind, wie Abenddämmerungen der Erinnerung beim Entzücken der Liebe und Freundschaft, hervor.

Ach, daß Du in diesem Augenblicke die Rührung meines Herzens theilen könntest!

Die friedlichen Klänge der Abendglocke des Klosters hallen aus der Tiefe des Thals zu mir herüber. Sie läutet den schlummernden Sonnengott in die Wiegenruhe seiner Purpurgluthen dort über jene Hügel hinunter.

Geliebte, Du hast mir schon so oft versprochen, Du wollest auf den Fluthen des Mondscheinlichtes zu mir segeln. Daß Du in diesem Augenblick der Wonne an meine bewegte Brust sänkest! Siehe! diese Rose würf ich in die Wogenfluth Deines Busens, und ließe mich in ihrem Kelche nach dem Sonnenaufgang Deines Augenstrahles tragen!

Uebrigens kennst Du über Thränen meine Ansicht. Ich hasse sie. Die unnatürlichsten Bäume, die je gepflanzt sind, nennt man Trauerweiden. Aus den geringfügigen Dingen, die den Menschen die Augen naß machen, lernt man ihre Schwäche kennen – ein Christbaum, ein Ostermorgen, die untergehende Sonne – und sie sind weg! Ich empfehle Dir Kant's Kritik der praktischen Vernunft. Das Glück des Menschen hat ganz andere Grundlagen. Mein Ideal der Glückseligkeit hab' ich mir jetzt festgestellt und mir zugleich vorgenommen, zur Beglückung der Menschheit mich einem deutschen Fürsten als Janitscharenmusik zu vermiethen.

Bist Du also heute zur Rührung aufgelegt, so werd' ich das Vergnügen haben, Dich nicht zu sehen.

Sonst ergreif ich diese Gelegenheit, Dich zu versichern, daß, wenn Du mein Alpha bist, ich Dein Omega bin und bleibe!

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