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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 4
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Zweiter Brief

Theure, daß Du ein so weites Herz hättest, die Größe meines Schmerzes zu fassen!

Dort die Nebel auf den kahlen Bergen werden nie mehr sinken, die weißen Bäume, die sich mit ihren tausend Armen so ängstlich nach den rothen Wolken strecken, wird kein junges Laub mehr schmücken, kein Veilchen der Ankunft des Frühlings mehr entgegen duften.

Man ist dahinter gekommen, daß die schönste Pracht der Lenzesfeier in nichts Anderem besteht, als in den blühenden Pfirsichbäumen, wenn sie über Hecken und Gartenzäune uns mit ihren weißen carmoisingesprenkelten Blüthendolden grüßen. Der Frühling hat sich für die polnische Sache entschieden, und die Nationalfarben des Landes zu den seinen gemacht, darum soll er nun in keinem deutschen Bundesstaat eingeführt werden. Man will das Erwachen jeder Leidenschaft vermeiden, vielleicht setzt man auch voraus, daß zwar die Blindheit der Menschen diesen wunderbaren Fingerzeig des Gottes in der Natur wie alles Tiefe und Ahnungsreiche nicht finden wird, doch fürchtet man, daß die Vögel auf den Zweigen von den Farben verlockt und an schönere Hoffnungen und Träume erinnert, von der gehässigen Sache singen könnten. Man weiß es, daß die Deutschen auf diesem Wege der Dichtung immer zur Wahrheit kommen. Das will vermieden sein, daher diese Maßregel.

Die Bibel lehrt, daß der letzte König kein Mensch ist, die Thatsache, daß zum Haß, zur Rache immer zwei Personen gehören, beweist, daß der letzte Mensch kein König sein kann. Daraus lernt man einerseits, daß die Monarchie nicht ewig sein wird, andrerseits, daß die Völker nur ein Gedächtnis für empfangene Wohlthaten, die Herrscher nur eines für erlittene Beleidigungen haben. Von Alexander an, der Theben zerstörte, weil er dort den besten Theil seiner Jugend zubringen mußte, bis auf Karl X. haben Könige nicht vergessen und verzeihen können. Darum wird auch Rußland nie aufhören, Polen, dieses in der Reihe der europäischen Staaten jetzt anerkannte Reich, doch immer noch mit seinem verderblichen Einflusse zu verfolgen. Preußen verleitet die andern deutschen Staaten, den Befehlen des russischen Cabinets auch hierin Folge zu leisten. Und doch hat Polen seine Selbstständigkeit errungen, die heldenmüthigen Anstrengungen mußten von diesem glücklichen Erfolge gekrönt werden, es hat sogar einen Prinzen aus dem Hause Oestreich zu seinem Herrscher gewählt.

In alten Geschichten erzählt man von ruchlosen Kindern, die ihre Väter in die Wildniß führen, oder in tief verborgene Kerker, um nur desto früher in den Besitz ihres Erbes zu kommen. Von ihrer Schuld getrieben, lauschen sie ängstlich an den eisernen Gitterstäben, die das Opfer ihres Verbrechens verschlossen halten. Wie erschraken sie, als der gefesselt Geglaubte in voller Mannesschönheit neben ihnen stand. So feiert jetzt Polen das Fest seiner Wiedergeburt. Das noch rauchende Blut der erschlagenen Tyrannen wischen die Helden jetzt von ihren schartigen Säbeln, und wie sich in ihren Mienen dabei die Erhebung des Selbstgefühls und die Freude über den errungenen Sieg zu einem leisen, fast spottenden Lächeln mischt – das ist ein in der Geschichte nie gesehener Anblick! Die Freunde der Freiheit waren zwar bestürzt, als die Mehrheit des Reichstages für die Wohlthat des Friedens selbst die würdige Erfüllung besserer Hoffnungen zum Preise setzte, aber auf dem Grund dieses bestehenden Verhältnisses haben nun auch dieselben Freunde das Recht, zu fragen, warum Polen nicht ein Glück genießen soll, zu dessen Erreichung es dem Willen der Mächte das verlangte, bedungene Opfer, die Wahl eines fremden Prinzen, so großmüthig gebracht hat? Das Wiener Cabinet hat wohl nie geahnt, daß es mit dem Liberalismus einmal ein so gleiches Interesse haben werde. Die Geschichte ist reich an Beispielen, wie eine solche Noth des Augenblicks erst zur Gewöhnung, zuletzt zur Quelle der segenvollsten Folgen wird. In der That kann einmal Oestreichs auf so naturgesunden Grundlagen beruhender Einfluß für Deutschlands politische Gestaltung heilsamer wirken, als die Apathie und leidende Kraft, die in allen Entschlüssen der preußischen Regierung bis jetzt sichtbar geworden ist.

Ich gründe meine Ansichten der Zeit nie auf die Auslegung meiner Wünsche, sondern nur auf erklärte Thatsachen. Ich wage keine Behauptung für die Zukunft, selbst für die nächste nicht, aber das scheint unwiderleglich, daß die drei Personen der Allianz sich gegen einander zu rectificiren und ihre Einigkeit aufzulösen suchen.

Ich weiß, meine Theure, du liebst jene Kühnheit, die in dieser nur auf die materiellsten Dinge gerichteten Zeit noch auf Heiligkeit, auf höhere Weihe ihrer Handlungen zu provociren wagt. Du gestehst die Irrthümer, die einem solchen Muthe zugesellt zu sein pflegen, gern ein, willst aber das Erhabene, die Richtung auf das Ewige in jeder Form geehrt wissen. Wenn ich Dir aber die Inquisition in allen ihren Schrecken geschildert habe, fandest Du mich da nicht auch bereitwillig, die Mahnung der Liebe und Freundschaft, die freundliche Zurechtweisung des Irrenden, die Lehre des Erfahrnen und Weisen als die herrlichste Frucht eines frommen Lebens zu erheben? Wenn ich namentlich in Deiner Gegenwart die Thorheit des Cölibats lächerlich machte, bin ich da der Keuschheit, Deinem schönsten Schmucke je zu nahe getreten? Wenn ich die Irrthümer der Hierarchie aufdeckte, und von ihren die Geschichte der Menschheit unauslöschlich befleckenden Folgen sprach, hab' ich dabei je geläugnet, daß ein gottseliger Sinn auch die äußeren Formen unseres Lebens durchdringen soll? –

Ich ehre die Ansicht eines Jeden, wenn ich weiß, daß sie das Erzeugniß seiner Ueberlegung, oder ein Bedürfniß seines Herzens ist. Sie wird in meinen Augen verlieren, wenn sie auch für Andere eine Vorschrift sein will. Noch mehr! man paart mit der Zumuthung, seinen Beifall nicht versagen zu wollen, die Gefälligkeit, eine meist so lästige Tugend der Menschen. Man macht sich anheischig, für Andere das sein zu wollen, wozu ein Jeder sein eigenes Herz und seinen eigenen Kopf braucht.

Wenn die Monarchen, wie sie da alle Drei in Paris einzogen, das Bedürfniß fühlten, alte Sünden hintennach und neue im Voraus zu büßen, so werden sich ihre Biographen darnach zu richten haben. Für ihre Zeitgenossen aber durften sie nicht annehmen, daß sich die Richtung der religiösen Einsicht bei einem Jeden unter ihnen gerade so gestaltet habe, wie die ihrige. Wie thöricht für Andere fromm sein zu wollen! Und was nennt Ihr Frömmigkeit? bleibt die erste Frage in einer Sache, wo die stille Kammer des Herzens entscheidet, nicht ein Dekret vom Throne.

Ueberhaupt soll ein Fürst von einem Dinge weder annehmen, daß es gut, noch daß es schlecht sei. Er soll weder Kirchen nach seinem Geschmack, noch Pinakotheken und dergleichen bauen lassen, hinterher von seinen Ständen die Deckung der Kosten verlangen, er höre die Wünsche seines Volkes, und sei bei der Ausführung die rechte Hand.

Seine Meinung durch die That zu verwirklichen, kann das Zeichen eines ungewöhnlichen, eines kräftigen Geistes sein, sie auch dann zu verwirklichen, wenn eine Gegenansicht vorhanden, ist Kühnheit, und mehr als Kraft. Der Gegenansicht die Gelegenheit nehmen, sich gleichfalls geltend zu machen, ist die strafbarste Tyrannei, und in den letzten Fall kommen die Fürsten immer. Darum konnte aus der Consequenz eines Systems, das die Frömmigkeit oder was weiß ich, und die Aussicht auf den ewigen Frieden in die Schicksale der Völker spielen ließ, nur jene Kette von Ungerechtigkeiten sich entwickeln, die den wahren Frieden und das wahre Glück der Nationen noch in die Aussicht einer wild bewegten, wirren Zukunft verwiesen haben.

Schon seit einiger Zeit – zu erinnerst Dich wohl noch der Juliustage – wollte man an die Stelle der antiquirten Allianz das Princip der Nichteinmischung stellen. Wozu dient aber ein Princip, das von seinen Verehrern nicht beobachtet wird, noch mehr, das von denen befolgt wird, die es in thesi niemals anerkennen werden? Ist es Preußens Glücksstern oder die Besonnenheit seiner Diplomaten gewesen, daß es den Franzosen nicht fremd, den Russen nicht neu erschien, und durch dieselben Maßregeln, die jene und diese in die gespanntesten Verhältnisse versetzte, beiden Theilen Genüge that? Die Kunst des Temporisirens ist alt. Die erste Lehre des Diplomaten bleibt die: Werde Meister des Augenblicks! Es gibt nun aber bekanntlich keinen Augenblick, und wenn ich ihn gedacht habe, ist er schon zur Vergangenheit geworden, es gibt aber Politik und Minister. Nichts naturgemäßer, als daß diese aufhören, und ich glaube wirklich, das Bedürfniß, ohne Rücksicht und mit Offenheit zu handeln, Treue und Glauben an die Spitze aller öffentlichen Verhandlungen gestellt zu sehen, wird immer allgemeiner. Es ist leicht, sich selbst zu betrügen, aber immer schwerer wird es, Andere zu hintergehen.

Nun Oestreich Galizien, Preußen Posen, und Rußland sogar Litthauen an das neue polnische Königreich abgetreten haben, find' ich Deine Theilnahme, die Du bei diesem Zugeständniß für die Verlegenheit der europäischen Opposition empfindest, allerdings begründet. Man weiß, daß alle drei Mächte zwar nicht den Zustand ihrer Finanzen, aber den Kern ihres Heeres geschwächt haben. Sie haben sogar die Bibel citirt, und von der Sühne aller Frevel gesprochen. Welcher Edelmuth! Welches großartige Beispiel! Bestände die Opposition nur aus deutschen Elementen, vor Rührung und Sentimentalität würde sie sich jetzt auflösen. Wir können nun einmal, wie Kinder und Hunde, Niemanden weinen hören, ohne mit einzufallen. Doch wir Andern, durch Erfahrung gewitzigt, die wir wissen, daß gerade der sentimentalste Schlingel der Satan ist, haben nicht einmal nöthig, an die in Spanien, Italien und Deutschland selbst noch nicht geheilten Wunden, die zuletzt dem europäischen Fechter ans Leben gehen müssen, zu erinnern; die Zukunft wird zeigen, daß die neue Dynastie in Polen nur darum den Thron bestiegen hat, um dem Lande, wie in alten Zeiten unseligen Andenkens durch allerhand Ränke zu zeigen, daß es im Grunde unfähig sey, ein Volk, noch unfähiger, ein constituirtes Reich mit eigener Autonomie zu sein. Wir wissen es, Polen wird noch einmal aufstehen, den trügerischen Tyrannen verjagen, und die Möglichkeit seiner Existenz mit Sense und Schwert demonstriren.

Allein ich vergesse, daß selbst bei der gegenwärtigen Lage der Krieg nicht ausbleiben kann. Die polnischen Damen verlangen von dem Reichstage die Ringe zurück, die sie einst zum Schmelzen der künftigen Krone bestimmt haben. Der Insignienschmuck und die Reichskleinodien, die in den tiefsten Schluchten der litthauischen Wälder von einem hütenden Drachen bewahrt wurden, sind richtig gefunden und dem Drachen abgerungen worden. Die Ringe aber haben sich beim Friedensschlusse zur Aufmunterung für die deutschen Publicisten die drei alliirten Mächte ausbedungen. Die Wiedererlangung dieser Ringe ist nun für die jungen Polen Ehrensache, und der eigentliche Grund, warum unzählige Scharen in Deutschland herumschwärmen. Die Zeitungsschreiber, denen ihr böses Gewissen schlägt, nennen sie Flüchtlinge, als wenn sie nicht wüßten, wo ihre Heimath wäre!

In solch böser Zeit sehnt sich mein krankes Herz nach Deiner heilenden Nähe. Du bist der Blumenkelch, in dem ich meine Thränen ausweine.

Aber, Theuerste! Du hast es vergessen, mir in Deinem letzten Briefe den Ort Deines Aufenthaltes zu bezeichnen. Bist Du in Wien, oder in Frankfurt oder gar in Berlin? Nach dem letzten Orte will auch ich reisen, um mich mit eigenem Aug' und Ohre zu überzeugen, wie sie die Stumme von Portici, die jetzt laut Cabinetsordre wieder gesungen werden kann, aufnehmen werden.

Man will den Todesgöttern nach überstandener Cholera einen stummen Dank darbringen. Ist doch die Cholera selbst von dem berüchtigten Göthe ein furchtbares Geheimnis genannt worden, worin man einen neuen Beweis für die Tiefe der Objecivität dieses Mannes sehen kann: mein Nachbar zur Rechten denkt darüber gerade eben so, und der zur Linken auch so.

Sollte meine Speculation, den von Hegel verlassenen Lehrstuhl besteigen zu dürfen, gelingen, so blieb ich dann auf immer bei Dir.

Aber diesen Brief wirst Du schon erhalten. Ich lege ihn des Abends ans Fenster, und die Geister der Liebe werden es wissen, wo Dein fühlend Herz jetzt für mich schlägt. Lebe wohl! alle meine Affecten wetteifern in Liebe und Verehrung für Dich!

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