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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 27
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Fünf und zwanzigster Brief

Die Gesellschaft war von der Tafel aufgestanden, hatte sich in mehrere Gruppen gesondert, und trat aus dem hochgelegenen Pavillon heraus.

Eine Terrasse, deren Seitenwände aus den duftigsten Blumenstöcke aufgeführt waren, führte in den Garten hinunter, dessen vielfach sich kreuzende Gänge bald die fröhlichen Gäste aufnahmen.

Das lachende, mit tausend Blumenfarben gezierte Hellgrün der Beete, die Parallelen großer fruchtreicher Feigen- und Orangebäume verloren sich bald in den dunkleren Rebenlauben, deren hohe, und gewölbte Dächer die Strahlen der Sonne schützend zurückhielten, bis selbst dies Dunkelgrün in den Schatten eines sich um die Lustwandelnden öffnenden Parkes aufgenommen wurde.

Einen Erlenpfad, der sich in vielen Windungen allmählich zu einem Hügel hinaufdachte, hatte ein Theil der zersprengten Gesellschaft eingeschlagen, während man durch das nächste Gebüsch und weiterher das fröhliche und lebhafte Gespräch der andern Spaziergänger noch unterscheiden konnte.

Unsre Gruppe war vielleicht durch Zufall aus den heterogensten Elementen zusammengesetzt. Die Uniform glänzte neben dem Civilrocke, der sich bei dem Einen kühner, bei dem Andern bescheidener an den Leib schloß. Ordenskreuze und Bänder der verschiedensten Nationen vereinigten sich nur in der einen Bestimmung, Belohnungen des Verdienstes und Zeichen der Ehre zu sein. Der trotzige, ungeduldige Gang des Kriegers konnte mit dem bedächtigen Fuße des Diplomaten und Geschäftsmannes nicht immer gleichen Schritt halten. Nur die Frauen vermittelten die Lücken, die durch eine so ungleiche Bewegung entstanden, obschon auch sie wie Rosen und Schneeballen gegeneinander abstachen.

Jetzt schien aber das lose Gewebe sich immer dichter zusammenzuziehen. Das lebhafteste Gespräch legte sich um die Spaziergänger wie ein bindender Reifen oder eine magische Zauberformel. Ein Jeder nahm Antheil an einer Unterhaltung, über deren Gegenstand die Meinungen eben so verschieden, als das Interesse daran groß zu sein schien. Man war durch einzelne Uebergänge unvermuthet auf eine Debatte gekommen, die eine Ausgleichung der verschiedenen über das Wunderbare gefällten Urtheile bezwecken sollte.

»Sie verfahren zu kriegerisch gegen unsern Gegenstand, Herr General, – sagte eine Dame, die Schwester des Wirths zu einer kräftigen Gestalt, die sich nachlässig den goldstarrenden Rock lüftete – Sie hauen in die Wunder ein, als gält' es ein Quarré zu zersprengen. Ich mag nicht behaupten, daß Alles, was die Phantasie oder das Vorurtheil für Wunder ausgibt, vor den Richterstuhl eines Unbefangenen treten darf, ohne zu erröthen; aber wir sollten Sorge tragen, die verschiedenartigsten Erscheinungen, nach ihren Ursachen und Absichten zu unterscheiden.«

»Das Leben selbst – fuhr ein jüngerer Mann mit lebhaftem Ausdruck fort – ist ein Räthsel. Obschon es uns zuweilen gelingt, es zu lösen, so wird uns doch der wunderbare Zusammenhang des Willens und der Fügung ewig unerklärlich bleiben. Die Gränze zwischen der Erklärung und dem Erstaunen ist sehr bestimmt abgesteckt. Ich halt' es für eben so unzulässig, das Wunderbare alsbald zu verwerfen, wenn wir jene Gränze nicht auffinden können, als von einem gelösten Räthsel auf die zu schließen, die ewig ihres Oedipus harren werden.«

Der General wandte sich zu dem letzten Sprecher um und sagte: »Ich hör' es Ihnen an, Verehrtester, daß Sie einst in einer Synode sitzen werden. An dieser raschen Trennung zwischen Ja und Nein erkennt man den Theologen. Ich hab' es bei solchen Fragen immer für nöthig gehalten, vor der Unterscheidung der Gegenstände nach jenem trennenden, sondernden Prinzip mich umzusehen, das doch unstreitig den von Ihnen verlangten Gränzwall aufwerfen müßte.«

Den jungen Mann verdroß die Beschuldigung, als Theolog gesprochen zu haben, wo er voraussetzen mußte, Jeden beschäftigte nur der Gegenstand, Keinen sein Interesse. Er entgegnete also: »Sie sehen in mir ungern einen Advocaten des Positiven, Herr General, und doch zwingt mich Ihre Entgegnung auf dem Felde der interessirten Doctrin stehen zu bleiben. Sie sprachen von diesem ersten Gesetze, dessen Sie früher gewiß sein müßten, als des Gegenstandes, worauf es sich anwenden lasse. Allerdings! das ist die alte Frage der Philosophie, die ich aber nicht vertheidigen will, nicht sowohl der Abstrusität wegen, als wegen der Aussicht auf den künftigen Katheder.«

»Der Mensch ist das Maß aller Dinge!« – sagte eine Figur, deren sonderbarer Aufzug mit der Achtung contrastirte, die man ihr allgemein bewies, der kleine Mann trug sich in seinen Kleidern durchaus nach dem Schnitte einer längst vergessenen Mode, nur sein graues Haar flatterte unter dem dreieckigen Hute, den er bald lüftete, bald wieder aufsetzte, ohne Zwang in langen Locken, deren natürliche Kräuselung sich noch nicht ganz verloren hatte. Seine Mienen sprachen Jugendmuth und eine Begeisterung aus, die er auf das Lebhafteste mit einem starken, goldknöpfigen Bambusrohre accompagnirte. Schnell fuhr er fort: »Wir müssen die Welt in unserer Brust tragen. Der Schmerz, der einem Andern Thränen auspreßt, kann mir oft sehr lächerlich vorkommen, ohne daß ich Jenem darum zu verstehen gebe, mit seinem Schmerze sei es nur Scherz. Für die Bergleute, die in Wielicza arbeiten, sind die Sterne nicht geschaffen, so wie diese meine Dose für Keinen da ist, der sie nicht gesehen, oder wie Sie jetzt thun, Herr Präsident, daraus geschnupft hat. Mit dem Wunder hat es seine ähnliche Bewandniß. Das Wunder ist etwas Zwiefaches: eine verborgene Erkenntniß und ein unerklärtes Gefühl: Geist und Herz muß an ihm Nahrung haben. So lange mir der Schlüssel des Geheimnisses fehlt, werd' ich an das ganze Wunder glauben. Hab' ich ihn gefunden, so bleibt mir das Wunder des Herzens, die erwärmte Lebenskraft, das gläubige Gefühl noch übrig, und es wird lange währen, ehe mir dieses klar wird. Für mich sind keine Todten auferstanden, keine Geschiedenen ins Leben zurückgekehrt, keine Irdischen bei lebendigem Leibe in den Himmel gefahren: und dennoch weiß ich die frommen Zustände zu achten, in die solche Nachrichten die Gemüther zu setzen pflegen.«

Eine junge Dame von ausnehmender Schönheit, die sich mit zärtlicher Sorgfalt dem alten Manne, der so eben gesprochen, angeschlossen hatte, begann mit anmuthiger Stimme: »Es freut mich, daß sich endlich Gelegenheit darbietet, unsre Frage in ein Gebiet zu spielen, in dem ich und meine Freundinnen vielleicht heimischer sind. Wenn nur die Verschiedenheit der Individuen die Frage des Wunders entscheiden soll, so werden auch die Zeiten mitzusprechen haben, deren Werth dem Interesse der Poesie genau verbunden ist. Die alte Sage hat von Wundern zu erzählen, die sich in einem modernen Epos lächerlich ausnehmen würden, in einem Drama vollends abgeschmackt sind. Was trägt davon die Schuld? Sind die Menschen andre in einer andern Gattung der Poesie, oder sind die Lagen, in die sie kommen, ungleichartig? Ist die Illusion die Ursache, daß wohl in einem Epos Ritter mit Lindwürmern kämpfen dürfen, in einem Drama dagegen schon ein ganz besonderer Duft dazu gehört, eine Fee oder einen bösen Dämon einführen zu dürfen? Wer trägt die Schuld? die Handelnden, der Ort, die Zuschauenden oder die Gattung?«

»Sie würden Unrecht thun – antwortete ein junger Officier – eins dieser Momente zu vergessen. Sie geben alle eine Sylbe zu jenem mystischen Abrakadabra, das man Wunder nennt. Der Glaube der Völker und Zeiten entscheidet nicht nur über seinen Werth, sondern die Völker und Zeiten selbst haben ein Anrecht auf gewisse Gattungen der Poesie. Es wird schwer fallen, das volksthümliche Epos von jenen himmelstürmenden Riesen, den neckenden Zwergen und Goldhütern, das künstliche von den Feenpallästen und den Zauberregionen Ginnistans zu trennen, eben so schwer, als auf der heutigen Bühne ein Wundervogel zur Personenrolle eines Trauerspiels sich würde zählen lassen. «

Inzwischen hatte die bis auf einige Wenige geschmolzene Gesellschaft den Hügel schon hinter sich. Die Fehlenden hatten sich oben auf eine Rasenbank niedergelassen, um die Aussichten, die sich durch einzelne Lücken der dichten Bäume öffneten, zu verfolgen. Die Weitergehenden näherten sich einem Thale, das zwischen dem eben verlassenen Hügel und einem noch höhern sich ausbreitete. Einige Ruinen alterthümlicher Bauart auf dem letztern gaben dem General Veranlassung, das vorher abgebrochene Gespräch wieder anzuknüpfen.

»Unstreitig – begann er – machen solche Ueberbleibsel einer vergangenen Zeit einen Eindruck auf Sie, dessen Zusammenhang mit dem geheimen Schauer des Wunderbaren Ihnen zu errathen nicht schwer sein wird. Ich sage Ihnen aber, dieser Schauer ist nur die Folge der Ueberraschung, der Neuheit, einer gewissen poetischen Erziehung. Mein Schicksal hat mich nicht nur oft in die Nähe solcher geheimer, abgelegener Oerter, auf die die Zeit ihr geheimnißvolles Siegel gedrückt hat, geführt, sondern ich war selbst in einem Lande, wo solche Ruinen von all den Gestalten, die unsre Phantasie und Romanenkenntniß uns nur vorführen kann, belebt waren. Ich war Offizier in dem letzten Invasionskriege Frankreichs gegen Spanien. Die Geschichte einer Liebe verwickelte mich in Verlegenheiten, die alle die Absicht hatten, mich durch Ueberraschung, durch den Reiz des Wunderbaren zu verwirren. Die geheimen Umtriebe einer pfäffischen Partei, die Vermummungen an geheimen Oertern, die sonderbarsten Begebnisse, die mir wie aus dem Stegreif zufließen, waren aber alle so natürlich, daß ich die Absichten des Eigennutzes, das Schleichen der Intrigue und die Bosheit des Neides bald errathen könnte.«

Die Zuhörer waren überrascht, den sonst so verschlossenen General aufthauen zu sehen. Es war Niemand mit seinen nähern Lebensverhältnissen genauer vertraut. Nur der junge, angebliche Theolog, spanischer Geburt, aus einer angesehenen Familie, und in der That zum geistlichen Stande bestimmt, schien von der Erzählung betroffen. Die Frage des Wunders ganz vergessend, sagte er bald ungestüm, bald forschend:

»Ich kann die Geschichte der Zufälle, die den Herrn General in meinem Vaterlande betroffen haben, nicht errathen. Die Andeutung einer Liebe und einer fremden Intrigue führt mich aber auf Folgendes: Es gibt Lagen, wo man keine Mittel scheut, um sich eines lästigen Verhältnisses zu erwehren, und wo man die Wahl dieser Mittel durch dies Verhältniß selbst, seinen Unmuth, das Gefühl seiner Schwäche im offnen Kampfe, durch die Sitten eines Landes entschuldigen muß. Ich hatte einst das traurige Geschäft, einen französischen Officier, dessen Name und Rang mir niemals bekannt geworden sind, von einer Leidenschaft zu heilen, die meiner Ehre und dem Glücke einer angebeteten Schwester hätte Gefahr bringen können. Meine Schwester verschmähte den Officier als einen Fremden, und als Verlobte eines Tapfern, der die Sache der Cortes vertheidigte, und in einem der spätem Einfälle Mina's seinen Tod gefunden hat. Der Beichtvater meiner Schwester und ich haben vielleicht lächerliche Mittel gebraucht, um unsern Zweck zu erreichen, aber die schwierige Stellung gegen einen mächtigen Feind entschuldigte sie. Meine unglückliche Schwester, deren Verlobter von seinem heimathlichen Boden verbannt, und sich nur auf Augenblicke in ihrer Nähe sehen lassen durfte, ist vor einiger Zeit an Schwermuth, über den Verlust ihres Geliebten gestorben.«

Der General blieb betroffen stehen, wandte sich um, und sah dem Spanier einen Augenblick flüchtig ins Gesicht. Dann fuhr er scheinbar beruhigt fort: »Sie vergessen unsern Gegenstand! Wir sprachen von Wundern und ähnlichen Geschichten. Es ist merkwürdig, daß wir oft Jahre lang einem bestimmten Ziele nachgehen, es aber niemals treffen, weil es die schlimme Eigenschaft hat, selbst wandelbar zu sein, und einen freien Willen zu haben. Um zwei mir theure Menschen aufzufinden, hab' ich mich zuletzt sogar auf Divinationen gelegt, weil die Register der Municipalitäten und Paßbureaux nicht mehr helfen wollten. Ich habe mich gewöhnen wollen, an Ahnungen zu glauben, und – wie sie mich zu täuschen pflegen, davon find' ich in diesem Augenblick ein Beispiel – Ich würde das heutige Gastmahl nicht besucht haben, wenn ich mir nicht wieder hätte zuraunen lassen, die vergebens Gesuchten sollten auf diesen Ruinen, die wir jetzt erstiegen haben, gefunden werden. Ja, selbst dieser Stein, auf dem Sie, Fräulein, stehen, war mir traumartig als der Ort des Wiedersehens bestimmt. Aber, mein Gott, warum erblassen Sie?«

In der That schwankte die junge Dame in die Arme des altmodischen Alten. Dann hob sie ihre Augen wieder auf und rief, dem General zugewandt: »Mein Vater!«

Das Erstaunen war allgemein. Der General erkannte sein vergeblich gesuchtes Kind, und in dem Alten einen von ihm nie gesehenen Oheim, dem er jenes beim Marsche nach Spanien durch einen Diener anvertraut hatte. Mannigfache Schicksale, die ihre Aufklärung in den Verhältnissen zu dem spanischen Geistlichen fanden, hatten ihn längere Zeit von seiner Heirath zurückgehalten, bis er in diesem Augenblicke das geliebte Pfand seiner ersten Liebe an sein väterliches Herz drücken konnte. Die spanische Verirrung löste sich bald durch einige Verständigungen mit dem Geistlichen, und man sah, daß der General sich eine Thräne aus dem Auge wischte. Die auf dem andern Hügel zurück gebliebene Gesellschaft staunte über diese sonderbare Wendung, die ein Disput über das Wunderbare genommen hatte.

* * * * *

Nicht wahr, Geliebte, ich kann den Romanschreiber machen? Einzig durch eine Schlußscene hab' ich Dir ein so großartiges romantisches Gemälde hingestellt, daß Du alle Vorgänge leicht wirst ergänzen können. Du wirst Dir die Spukscenen auf den spanischen Schlössern, die Heimlichkeit der Liebe der Donna zu ihrem Constitutionellen ausmalen können, ohne daß ich davon mehr erwähne, als ich that. Es muß Dir die Ergänzung dieser Andeutungen noch besonders leicht sein, weil wir beide zu den handelnden Personen der Geschichte gehören. Leider hab' ich nur vergessen, welche Rolle ich eigentlich spielte.

Der General hat bei Don Pedro Dienste genommen, der junge Officier ist seiner Tochter Gatte geworden, und fiel bei der Eroberung von Constantine in Afrika, seine Tochter ist darüber wahnsinnig geworden, der alte Oheim soll auch immer schwächer an Verstand werden, und den Spanier haben die Pariser als einen Jesuiten in die Seine geworfen – wer von diesen bin ich? und wer bist Du?

Und es sollte keine Wunder mehr geben?

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