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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 26
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Vier und zwanzigster Brief

Du hast mich falsch verstanden, Gute.

Nicht die großen Talente werden einst aufhören, sondern nur ihre Pläne. Die Unternehmungen des Genies, die Absichten des großen Geistes, waren immer nur Entwürdigungen der Menschheit, da diese von jener als Maschine gebraucht wurde. Nur Wenige haben die Völker beglückt, ohne dabei ihren Ruhm zu bedenken. Die großen Männer waren selten Freunde des Volkes.

Ich ehre Deine Absicht, denn sie ist so uneigennützig; aber den Lohn Deiner Bemühungen wirst Du verfehlen.

Du wohnst den Uebungen des Militairs bei, forschest in den Gesichtern nach gewissen Ausdrücken, nach einer trotzigen Miene, einer Erhabenheit des Auftretens, nach einer gewandten Bewegung, nach der Farbe des Haars, der Form des Kinns, der Sprache der Augen, und so willst Du jene Helden finden, an denen die Gegenwart freilich arm ist, von denen ich aber behaupte, daß wir ihrer nicht bedürfen.

Du mischst Dich unter die Spaziergänger vorm Thor, beobachtest einzelne Gestalten, die aus dem Gewühl heraustreten, und bist schon oft einem Bettler zu Füßen gefallen, weil Du ihn einer Krone, und seine Begleiterin eines Diadems für würdig hieltest.

Ich bin Dir zuweilen nachgeschlichen, wenn Du Dich von dem offenen Lustwege entferntest, in die Seitenalleen tratest, um die einsamen Spielplätze der Jugend aufzusuchen. Ich seh' es dann, daß Du Gebacknes unter die Fröhlichen austheilst, aber wohl auf die bedacht wärest, die sich mißtrauisch von Dir wandten und die Leckerbissen Deiner spendenden Hand verschmähten. Solchen Knaben liefest Du dann nach, lasest in ihren Augen, suchtest die Falten der Stirn zu zählen, verglichst das Profil der Nase gegen den Vorstand des Mundes und die Rundungen des Kinnes, und wie oft hört' ich Dich entzückt ausrufen, Du habest einen großen Feldherrn, einen geschickten Staatsmann, ein philosophisches Genie, ein dichterisches Talent, einen scharfsichtigen Mathematiker entdeckt!

Für solche Opfer Deiner Liebe und Begeisterung kannst Du nicht einmal den Dank Deines wärmsten Freundes ernten, Du Arme!

Ich will nicht unbillig sein. Ich weiß, daß in dem stillen Niveau der Masse Tausende sich befinden, die die Plätze der gegenwärtig Berufenen und Verordneten am Ruder des Staates oder im Rathe des Feldherrn oder an der Spitze einer Colonne besser ausfüllen möchten, als diese. Man erschrickt, wenn man dies geistige Capital bedenkt, das in den untersten Classen angelegt ist, diese dynamische Kraft, die durch die Energie eines äußern Umstandes plötzlich zu den herrlichsten Wirkungen könnte geweckt werden. In dem unscheinbarsten Kreise, der sich auf einer Landstraße oder in einem Wirtshause zusammenfindet, werden alle Fähigkeiten des Geistes, Witz, Scharfsinn, Beobachtungsgabe, wie leichte Federbälle einander zugeworfen; man sieht, es fehlte nur eine angemessene Stellung, ein würdiger Gegenstand, und der Geist hätte hier von sich ein erhabenes Zeugnis gegeben. Es ist mir oft, als hört' ich im Innern der Masse ein heimliches Rollen und Schnurren, als wenn alle Räder und Wellen eines Uhrwerks losgelassen wären, und ich erstaune vor meiner Umgebung, daß sie mir Gesetze vorschreiben könnte, wenn sie nur wüßte, daß ich ihr gehorchen, oder daß ihr die Kraft nicht fehlen würde, mich dazu zu zwingen.

Daß dem nicht so ist, muß wohl eine weise Anordnung sein, die uns zugleich aber auch bestimmen kann, das Heil der Welt von keinem Einzelnen zu erwarten! Nicht durch die Riesenpläne eines Eroberers oder die Träume eines Staatsweisen wird die Welt regiert, sondern durch die zufällige Begegnung verschiedener Entwürfe, durch die Macht der kleinen Umstände.

Die Züge Alexanders sind vielleicht der Menschheit zu einem Segen gewesen, wenigstens behaupten es die Philologen, weil man in Alexandria seither anfing, die Alten zu tractiren; aber wahrlich, nicht zu dem, den der junge Eroberer beabsichtigte. Brachten Cäsars Legionen auf ihren Triumphzügen jene Güter heim, nach denen sich das römische Volk sehnte? Ist Napoleon darum groß, weil er das Wohl der Völker wollte, oder weil er so außerordentliche Fähigkeiten entwickelte, um es zu zerstören?

Das große Gebiet der Geschichte ist nur ein falscher Schein der wahren Fortschritte der Gesellschaft. Stellen die Historiker nicht immer das Krampfhafteste in den Bewegungen der Völker als die Gränzpunkte der Perioden hin? Gleichen sie nicht Kindern, die sich im Theater an dem Lärm der blechernen Gefechte, an brennenden Lagern, an feierlichen Umzügen immerhin mehr ergötzen mögen, als an der meisterhaften Schürzung des Knotens, der geschickten Wendung der himmlischen Intrigue, die man im Trauerspiel Schicksal nennt, an dem zermalmenden Schmerz des vierten Acts und der versöhnenden Schlußscene des fünften? Unsere Historie spielt immer nur im Vordergrund, da doch die Vollendung des großen Planes der Menschenerziehung in jener Mittelgegend zwischen der gährenden Masse und den lenkenden großen Geistern liegt. Hier, wo nicht die Drohungen der Tyrannen, nicht die Einflüsterungen eitler Gecken, die sich zu Rathgebern der Fürsten hinaufgeschlichen haben, entscheiden, wo andrerseits der Ungestüm der wilden Menge keine Schreckengesetze vorschreibt, entwickeln sich jene bleibenden Folgen, die dem Leben sein Glück und seine Würde geben.

Auch im Gebiete der Wissenschaften haben sich die kleinen Umstände erfolgreich bewiesen. Columbus sah am Ufer des Meeres die Gewächse fremder Zonen herantreiben, ein Menschenleib von wunderlichen Farben bestimmte ihn, ein Land zu entdecken, das in der Geschichte jetzt schon die glänzendste Rolle spielt. Galiläi mochte in der Kirche zu Pisa sehr zerstreut gewesen sein, als sein Blick auf eine in der Luft schwebende Ampel fiel, die ihm Veranlassung gab, die berühmten Gesetze der Pendelschwingungen in Anregung zu bringen. Newton mochte unter seinem Apfelbaume eben gedacht haben, er wäre durch seinen heutigen Fleiß der Unsterblichkeit mit vollen Segeln näher gekommen, als ein Apfel vom Baume herabfiel und er anfing über den Einfluß der Schwere und der Höhe auf die Beschleunigung des Falles nachzudenken, Untersuchungen, die zu seinen größten Verdiensten gehören.

Ich weiß wohl, daß mir tausend Aepfel auf die Nase fallen könnten, ehe ich anfinge, darüber Berechnungen anzustellen, daß ich stundenlang den Seifenblasen meiner Kinder zusehen möchte, ohne daß mir dabei gewisse Gesetze von der Brechung der Lichtstrahlen einfielen; aber was wär dem Galiläi und Newton ihr Genie, wenn die Wünschelrute des Zufalls es nicht auf einen silberhaltigen Gang geführt hätte?

Ebenso in der Geschichte. Der Tyrann Hipparch hätte seinen Nachkommen vielleicht auf Jahrhunderte den Besitz Athens und von hier aus des ganzen Griechenlands gesichert, wenn er nicht in einen nackten Jüngling entbrannt gewesen wäre, ihn zu seiner Lust gezwungen und die Rache des Liebhabers des schönen Harmodius auf sich gezogen hätte. So wurde eine Tyrannei vertrieben, die die schlauen Kunstgriffe der Despotie, die sehr oft in dem Scheine eines milden Regimentes und der übertriebenen Förderung der Kunst und Wissenschaft bestehen, schon vortrefflich zu üben wußte. Die Gänse des Capitols sind bekannt.

Der neapolitanische Aufstand unter Mas Aniello kam von einem Fruchtkorbe her, der auf dem Markte in Neapel versteuert werden sollte.

Die Fortschritte der deutschen Reformation würden nie allgemein geworden sein, hätte sich das persönliche Interesse der Fürsten nicht eingemischt. Dem Calvinismus half nur ein Gassenhauer auf, dessen Refrain hieß: o Mönche, Mönche, ihr müßt freien! Die englische Kirche sagte sich in jener Nacht von Rom los, als Heinrich VIII. zum ersten Male in den Armen der schönen Anna Boleyn schlief.

Und was wär' aus der französischen Revolution geworden, hätte ein berüchtigtes Halsband nicht dem Königthume die Kehle zugeschnürt?

Noch eine kurze Zeit und die Oeffentlichkeit hat alle weit angelegten Pläne zerstört. Weder verzweigte Verbindungen einzelner Stände oder Individuen, noch die Verschwörungen der Fürsten gegen die Völker können nicht nur glückliche, sondern überhaupt keine Folgen mehr nach sich ziehen. Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, aus jeder Bewegung der Hand die Absicht dessen, der sie macht, zu erfahren; wir können untrüglichst von einer unbewachten Haltung des Kopfes oder der leisesten Krümmung der Nase auf die geheimsten Absichten des Herzens schließen; ein absichtlicher Betrug wird bald nicht mehr möglich sein. Wir haben uns zu viel gerührt, sind zu mannigfach thätig gewesen, als daß wir uns in unserm Thun nicht sogleich errathen sollten. Alle Anstöße kommen von Außen; es wird Zeit sein, die Menschen an eine höhere Lenkung der Ereignisse zu erinnern.

Es ist eine thörichte Verblendung der Fürsten, wenn sie durch Couriere, versiegelte Depeschen, Privataudienzen und Gesandtschaften die Wünsche der Nationen zu befriedigen denken. Man braucht Herrn Martens Guide diplomatique nicht zu studieren, und wird doch finden, daß die Diplomatie kein Geheimniß mehr ist. Ich habe einen Vetter in London, Gesandtschaftssecretär im Auswärtigen Amte, der mir die Entwürfe der Protokolle schon mittheilt, die in einem Jahre erst sollen publicirt werden. Aber auch ohne ihn wüßt' ich den Inhalt der officiellen Noten, die gegeben würden, wenn sich Irland von England, Italien von Oesterreich, Polen von den drei Mächten und Deutschland von sich selbst, vom Bundestage losgerissen hätten. Diese Kunst des Regierens ist vorüber, wie die großen Entwürfe des Genies, die sich nie anders, als mit Tyrannei endigen. Die kleinen Umstände werden regieren.

Eine Revolutionirung Deutschlands hat unendliche Schwierigkeiten. Den Bewohnern des flachen Landes fehlt es für ihre Coups an Concentration. Die Anzahl der schlagfertigen Masse in den Hauptstädten ist zu gering, als daß sie Garnisonen von 10–50,000 Mann widerstehen könnte. Eine Revolution Deutschlands wäre interessant, weil sie zur Poesie des Lebens gehören müßte, aber einen glücklichen Ausgang nimmt sie nicht, wenn man nicht etwa die Dictatur eines militärischen Befehlshabers einen solchen nennen will.

Die kleinen Umstände werden uns helfen. Die dreisten Plänkeleien, die Rücksichtslosigkeiten der Presse, die Huldigungen, die man einzelnen Freunden des Volks darzubringen nicht aufhören wird, müssen die Gegenmacht ermüden; sie wird unter Zischen und Pochen von der Bühne treten.

Fast alle Völker haben eine Sage von einem hartherzigen Könige oder Priester, den zwar nicht das schwache, hungernde, entwaffnete, gefesselte Volk, aber der Zorn Gottes bändigte. Es ist dann von Mäusen oder Ratten oder anderem kleinen Gethier die Rede, das den gottlosen Mann um Liebe und Leben gebracht hat. So wird unser deutsches Fürstengeschlecht jener Kölner Bischof sein, der für den frevelhaften Uebermuth, mit dem er seine Unterthanen täuschte und würgte, durch diese Macht der kleinen Umstände bestraft wurde. Er baute sich, von Mäusen verfolgt, einen Thurm auf einer Insel im Rhein, auf den ihm aber seine Peiniger auch folgten, bis er jämmerlich zerfressen war.

Die Polen haben eine Sage von einem Könige, namens Popel, den Gott für seinen Frevel durch dieselben Geschöpfe strafte. Der russische Nikolai dürfte vielleicht einst dieser polnische Popel werden, den die kleinen Unannehmlichkeiten seines Sieges bis aufs Blut zerfleischen.

Ich gönne es diesem verdüsterten Fanatiker, der es auf den Straßen von Petersburg unter dem freien Himmel, dem wir auch unsere Blicke zuwenden, gewagt hat, einen Gott, den diese Tollen den christlichen, also unsern Gott, nennen, um Rache und blutige Zeichen anzuflehen.

Dich eigentlich sollt' ich zur Verantwortung ziehen, dieses Kaisers eifrigste Vertheidigerin! Ich denke mir, Du willst in Dorpat angestellt, Collegienrath und Wladimirritter werden. Denn nur ein deutscher Professor kann auf den Gedanken kommen, daß eine solche Erscheinung, wie sie Nikolai darbietet, erhaben ist.

Das nennt Ihr Religion, wenn man von Gott Dinge verlangt, die nur ein Bewohner der Wüste dem Götzen, den er unter dem Sattel seines Pferdes trägt, zumuthet?

Das kann Dich rühren, wenn Nikolai als russischer Kaiser anderes handeln müßte, denn als ein ruhiger Beobachter, dem keine Rechte verletzt, keine Pflichten aufgekündigt sind?

Muß Nikolai aufhören, Mensch zu sein, wenn er anfängt, russischer Kaiser zu werden?

Solche Fragen, meine Verblendete, sind diese Mäuse und Ratten, die ohne viel Geräusche das große Netz zernagen werden, worin der tapferste Löwe gefangen liegt, und bei der Gelegenheit Dich auch auffressen dürften.

Sieh' Dich vor! Du russisch-polnischer Popel!

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