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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 25
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Drei und zwanzigster Brief

Es war um die siebente Stunde, als ich Dein leises Klagen vernahm.

Ich war hinausgetreten in den blauen, duftigen Raum; die Hollunderhecken trennten sich in weite Gänge, um mich in ihre kühlen Schatten aufzunehmen; die frisch entknospeten Rosen nickten mir einen freundlichen guten Morgen; Bienen und Käfer summten heran, und küßten mir die Hand. Die ganze Natur schien in der Weinlaube mit mir Kaffee trinken zu wollen.

Aber, ich weiß nicht, die Lüfte wehten doch nicht, und die Käfer schwärmten nicht mehr, auch lag der silberfluthende See zu fern, als daß seine schäumende Brandung sich an meinem Ohre hätte brechen können, aber es hörte nicht auf, um mich zu flüstern, dann stärker zu rufen, bald wieder leiser, wie eine Harmonica, dann war's wie Sturmwind; und doch rauschte kein Blatt, keine Blume fiel.

Ach! daß ich Deiner Rede wohlbekannten Ton vergessen, daß ich die Freundin nicht erkannte, wie sie oft schon so aus der Ferne zu mir sprach!

Diese leisen Accorde waren die Vocale Deiner Aeolssprache, dieser schwellende Orgelton die bindenden Consonanten, die Du immer so weich und sanft, so lispelnd und westphälisch auszusprechen wußtest.

Und ich verstand Deiner süßen Klage bangen Sinn.

Vor vielen tausend Jahren solltest Du die Feuerprobe der Zeit überstehen, so war es des Schicksals und des Vesuves Wille. Glühende Lava, feurige Steine und lodernde Schwefelkränze begruben Dich einst in Herculanums Mauern. Die Feuermassen flossen damals in einander, und tauchten Alles, was nicht höher stand als die Bogenspitze Apolls auf der Kuppel seines Tempels, in ihren brennenden Pfuhl unter. So eben saßest Du noch an der Brüstung Deines Fensters, in Gedanken und Briefe an mich versunken; kaum röthete sich der ferne Spiegel des Meeres von den Zornesflammen Vulcans, da warst Du schon weggerissen von dem allgemeinen Strom, und standest eingegossen wie in einer ehernen Form.

Aber Du hast Alles, selbst das Feuer und die Zeit überwunden. Ich hatte Dich längst aufgegeben; nun aber weiß ich, daß Du noch lebst und auf den Augenblick harrst, da Dein treuester Gefährte Dich aus dem calcinirten Gestein herausmeißeln wird.

Da steh' ich nun mit Hammer und Brecheisen. Weit vor mir liegt das öde Feld einer Zerstörung, um die Jahrhunderte sich mit grauenvollem Schweigen gelagert haben. Der Vogel flieht über dieses weite Lavagebirg hinweg zu jenem grünen Kranze von Olivenbäumen und dem hohen Weingeländer, das sich wie ein krauser Haarwall um den nackten Scheitel der Tonsur gelegt hat. Die Kuppeln der Tempel blicken zur Hälfte aus den Schachten hervor, die die Wißbegierde der Dilettanten in diesen Felsengesteinen gebrochen hat. Hier und da der Kopf eine Statue, der Spieß eines Kriegers oder die Spitze seines Helmbusches.

Du warst immer eine Freundin der Kunst, und wohntest daher gewiß dem Theater in der Nähe. Ich kenne Deine Vorliebe für die schaukelnde Bewegung eines Kahns, also wird die Richtung Deines Zimmers dem Meere zugewandt gewesen sein. Du warst ein Muster der Sittsamkeit, und wirst, um die begehrlichen Blicke der herculanischen Elegants zu vermeiden, weit in den hintern Gemächern Deines Sitzes Dich befunden haben. Auch mußte die Landstraße fern von Dir gelegen sein, damit Dich das römische nach Bajä reisende Badepublicum nicht gleich am Thore, wo noch heute in unsern gegenwärtigen Städten die Unschuld nicht zu Hause ist, zu Augen bekam.

Medius fidius![Lat.; zusammengezogen aus (ita) me Dius Fidius (iuvet) = So wahr mir (der treue) Gott helfe! Bei Gott! Wahrhaftig!] (Ein römischer Schwur, der wohl schwer zu übersetzen, aber nicht unerklärlich ist.) Da bewegte sich der Erdboden! Ich höre die vertraute Stimme meiner Freundin! –

Nur einen Augenblick noch, Du steinenes Räthsel, ich will dich mit Pulver lösen!

Ach! Ich sehe Dein liebes Haupt, Deine blonden Locken sind noch so geringelt, wie zuvor. Du schlägst das Auge auf, mein tausendjähriger Engel?

Daß nur mein Meißel die Spitze Deiner griechischen Nase nicht verletzt!

Du athmest mit lebendigem Hauche. Von Deinen Lippen löst sich das steinene Siegel. Der Busen wallt unter dem warmen Schlage Deines Herzens.

O seliges Entzücken! Du breitest Deine Arme aus, entwindest Deinen schlanken Götterleib diesem marmornen Kleide. O weine nur, Du mehr als Sechswöchnerin, Du hast Dich ja selbst aus Deinem Schooße geboren.

Hörst Du, wie Vulcan drüben grollt und donnert, daß ich seine Venus aus einer Masche dieses großen Steinnetzes herausgelassen habe? daß das Göttergesindel dort unten, das kleine Gezwerg nicht mehr Stoff zum Lachen hat, wenn es vom Mahle berauscht aufsteht und hinausgeht, um sich an dem Anblick, wie Du in den Armen des kalten, gepanzerten Kriegsgottes erfrierst, zu weiden? Jene doppelte Flammensäule soll Dir und mir gelten. Wie er die Kugeln aus seinem krachenden Mörser auf uns zu zielen weiß! In seinem grauen Aschenblute will er uns ersticken; aber wir fürchten nichts; denn wir haben ein gut Gewissen, geben den Armen, was wir erübrigen, lieben Gott und den König – was kann uns die Hölle?

An der Thür jenes Theaters, das Dein staunender Blick wiedererkennt, standen wir oft vor Sonnenuntergang, und überließen unsere Körper aus Liebe zur Kunst den Stößen des harrenden Publicums, bis es mir gelang, zwei Parquetbillets zu erdrängen. Noch siehst Du jene steinenen Stufen, von denen wir auf die Spiele der Histrionen und Mimen lauschten, noch ist es als rauschten die Geigen durch die melodienreiche Luft, als ginge der Sorbettier mit Gefrornem durch die Logenreihen. Ach! die Herzen fühlen sich noch wehmühtig ergriffen von dem rhythmischen Fall der Declamation und den Empfindungen der Liebe, der Leidenschaft, des Hasses, der Begeisterung, des Schmerzes, den sie ausdrücken. Noch seh' ich Elektren in der Urne die Asche des Bruders tragen, noch den blinden Greis von Theben an dem stützenden Arme der Tochter wanken. Der Vorhang rollt auf, und Prometheus schmerzenvolle Klage stöhnt durch die hilflose Luft, die Danaiden tauchen aus den Gewässern mit fluthendem Haare, und der greise Meergott weissagt dem Unglücklichen seines Schicksals glücklichere Wendung und den Untergang der alten Götter des Neides. Klage nicht, Menschheit, daß dir die Götter mit ihrem Ebenbilde auch die Fesseln der Sclaverei gaben; in deines himmlischen Feuers allgewaltiger Flamme wird sich der goldne Thron dieser alten Despotie verzehren!

Wir wandern querfeldein nach Pompeji, dem Filiale Deiner Heimathstadt, dem die Auferstehung leichter geworden ist, weil es nur in Asche und nicht in Stein begraben war.

O, siehe dort das dunkle Gestrüpp von Myrtensträuchen, die sich zum wohlbekannten Landhause des Aorius Diomedes hinaufziehen! Ob man diese auch jetzt erst ausgegraben hat? Du weißt, wir sprachen einst so oft von ihnen, als von unserer Liebe.

Aorius war ein Freund der Wissenschaften, und darum aus seinem Sclavenstande frei gelassen, von uns geliebt und oft besucht. Aus diesem Brunnen im Vorhofe zogst Du oft den Eimer herauf, und erquicktest den Freund, der Dich hier am Sichersten traf. Dann traten wir in die Büchersäle unseres Gastfreundes, die er Jedem mit ausgezeichneter Liberalität zugänglich machte. Er zeigt uns die neuesten Erscheinungen in der Literatur, die Werke von Schiller, Göthe, die gesammelten Novellen von Wilibald Alexis, aber alle nur im Manuscript, weil damals die Buchdruckerkunst noch nicht erfunden war. Dann begleitete er uns auf einen terrassenförmigen Hügel in seinem Viridarium, wo wir Männer in einer Muschelgrotte Tabak rauchten, während Du uns den Kaffee einschenktest, aber dazumal noch ohne Zucker, weil dieser gleichfalls in neuerer Zeit erst erfunden worden ist. Wir sahen dann hinüber nach der fernen Fläche des Meeres, oder dem rauchenden Vesuv, von dem wir es nie erwartet hatten, daß er das bekannte königlich oder vielmehr prinzmitregentlich sächsische Sprichwort: Vertrauen erweckt wieder Vertrauen! so wenig beachten, und die Hoffnung, die die ruhigen Ansiedler auf seinen Fuß setzten, von Seiten des Kraters so sehr täuschen würde, oder endlich schweiften unsere Blicke nach der Stadt hinüber, die wir einst oft und immer mit so vielem Vergnügen betraten.

Die Kirchhöfe sind auch noch jetzt die Vorstädte unserer modernen Niederlassungen; Du weißt, daß wir unsern Eingang in Pompeji durch die Gräberstraße nehmen müssen.

Welche Todtenstille und wie lebendig scheint doch Alles! Ich denke, aus jener Taberne muß ein Mann treten, der sich so eben den Bart hat scheeren lassen. Ich höre, wie der geschwätzige Bartkratzer die neuesten Zeitungsnachrichten seinen Kunden nicht ohne Urtheil mittheilte.

In diesem Hause hier hab' ich mich oft gebadet und mit köstlichen Salben meinem Körper jenen eigenthümlichen Glanz gegeben, der immer so sehr Deinen Beifall fand. Der Bademeister war jener Rufus, den der Gott in Pästum einst einmal den Engel der Unschuld genannt hat, weil er nicht wie andere seines Gewerbes außer den Röhren, die in die Badewanne kaltes und warmes Wasser leiteten, noch eine dritte unterhielt, durch die junge Nymphen der Donau oder der Spree herzuströmten oder wohl gar Knaben von der Art, wie sie Graf Platen in seinen Gedichten besungen hat und Johannes von Müller sie liebte.

Ich höre noch immer in den Säulengängen, wo sich die Pompejaner in den langen Badehemden ergingen und transspirirten, den kleinen Lullus, dieses Poetengenie, das von hinten dem Aesop, von vorn dem Thersites glich, seine Priapea vorlesen, oder den liederlichen Milivius, der ohne Hut und Hosen bei Tage auf dem Markte lag oder in den Straßen umherrannte, und des Nachts draußen auf den Gräbern schlief, seine Spottgedichte auf den Kaiser und Senat krächzen, die ihn zuletzt in die Lautumien von Syrakus brachten, wo er unter dem Ruf: es lebe die Freiheit! sich von einem Felsen gestürzt haben soll, oder den wohlriechenden und wohlredenden Philosophen Capito, der auf die Toilette seines mächtigen Bartes täglich eine Stunde zubrachte, wie er pathetisch von der Unerschütterlichkeit der philosophischen Ruhe und der Göttlichkeit des Bestehenden declamirte und den Satz erklärte, daß alles Wirkliche auch vernünftig ist.

Ich habe dies Philosophenvolk nie leiden mögen, weil sie mehr Schuld an dem damaligen politischen Elende, das mit der Philosophie immer noch fortdauert, trugen, als die Schlechtigkeit der Kaiser selbst. Die Keime der edelsten Anlagen wurden durch den Pesthauch früher Schmeichelei erstickt. Die Auszeichnung des Mannes, die Würde des Regenten wurden in die thörichtsten Dinge gesetzt, so daß es kein Wunder nahm; wenn gerade die wohlerzogensten Kaiser eine tyrannische Herrschaft führten. Man kann nicht begreifen, wie Nero ein solches Ungeheuer werden konnte, da er doch die herrlichste Erziehung unter der Leitung eines Seneca genoß? Aber man vergißt, daß Seneca nächst seinem Schüler der eitelste Geck seiner Zeit war, der seinen Zögling glauben machte, durch wohlgestellte Redeformen, durch die Affectation moralischer Grundsätze lasse sich das Ruder des Staates am Weisesten lenken. Man lese Tacitus, und achte auf dies bittre Lächeln der Ironie, wenn er von dem gepriesenen Declamator und Stoiker Seneca spricht! Die Staatsphilosophen haben sich nie verläugnet.

Statuen, Münzen, Gemälde haben die Conservatoren nach Neapel und von dort die archäologischen Agenten nach allen Gegenden der Welt von hier weggeführt, die Todtenschädel will Niemand.

Diese hohe Gestalt da mit der zerbrochenen Rippe ist vielleicht mein Bruder, den die wüthenden Rabbiner bei der Zerstörung Jerusalems so gezeichnet haben. Er eilte in seine Heimath und kam durch Pompeji, um uns drüben in Herculanum zu begrüßen: da hat ihn der Vesuv vielleicht hier überrascht. Dort liegt das Skelett eines Kindes, das sich vor dem geharnischten Manne fürchtete und dem Eilenden aus dem Wege floh. Ein weibliches Geripp wendet den Kopf nach ihm um; denn er war schön und männlich, und hatte blaue Augen, wie sein gegenwärtig noch lebender Bruder.

O komm, Du geliebtes Bild, laß diesen Ort der Zerstörung und wehmüthiger Erinnerung! Eilen wir hinauf auf die flammende Höhe!

Hier windet sich der Weg durch lachende Weingärten, wir sehen noch einmal den fernen Golf, das grüne Ufer von Sorrent, die weite Ebene der Campagna Felice, und blicken nun hinauf auf den rauchenden Aschenkegel, dem wir durch schwarzes, furchtbares Lavageröll uns nähern.

Schon hör' ich unter mir das ferne, dumpfe Rollen der empörten Eingeweide des Berges, blaue Flammen zucken unter meinem Fußtritt, in eine Schwefelwolke bin ich eingehüllt, daß mir der Athem vergeht.

Jetzt steh' ich am Rande des Kraters, blicke noch einmal zurück in die Ferne, und dann hinunter in die grauenvolle Tiefe –

Mein Gott! ich habe in einer Psychologie gelesen, daß man vor Schwindel verrückt werden kann. Beharrst Du aber auf Deinem Vorsatz, daß ich das Gefährlichste unternehme, so schreibe mir mit nächster Post Deinen unwideruflichen Entschluß.

So lange harr' ich. Sagst Du Nein! so kehr' ich da zurück, wo ich heraufgekommen bin.

Sagst Du Ja! so setz' ich über den Krater weg, und geh' auf des andern Seite ins Thal zurück.

Du Wütherich dachtest wohl, ich sollte mich hineinstürzen?

Ja, daß ich doch ein Narr wäre!

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