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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 23
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Ein und zwanzigster Brief

Dieser Eindruck war unbeschreiblich. Ich hab' ihn wohl gefunden, den Brief, den Deine Liebe und meine Aufwärterin heut Morgen an das Fußende meines Bettes gebunden hatten, ich löste die rothseidenen Bänder, die ihn verschlossen hielten, und las die Ausbrüche Deiner Zuneigung und den unverstellten Ausdruck Deiner Theilnahme für mein Schicksal. Wie mich dieser sanfte Ton der Liebe rührte! Wie ich vor der Tiefe der Empfindungen bewundernd stand, und in den ruhigen Spiegel Deines sanftfluthenden Herzens hinuntersah! Nein, ich bin so hingerissen von diesen unvergleichlichen Zeilen, daß ich nichts Eiligeres thun kann, als Dich mit ihnen bekannt machen. Keine Freude ist wahr, als die wir gemeinsam theilen. Lies, und ich werde jauchzen, wenn es Dir wärmer ums Herz wird. Auf den wallenden Fluthen Deines Busens werd' ich in den Hafen meines Glückes segeln, und Dir, dem freundlichen Elemente, eine dampfende Hekatombe opfern.

* * * * *

»Nun mag es schon eine halbe Stunde sein, daß meine sehnsuchstvollen Beine auf Ew. Wohlgeboren endliches Erscheinen warten. Die meisten Paare sind schon ermüdet, es schwärmen die Tänzer mit ihren bis auf den Siedepunkt gekommenen Tänzerinnen schon durch das Dunkel der Seitenzimmer und Laubengänge, und neckend ziehen sie Alle an mir vorüber, die ich ihnen den Arm, ja den vielverlangten Arm abschlug, der zur ersten Ecossaise Ew. Wohlgeboren versprochen war. Was haben wir Weiber von den Versprechungen, die wir den Männern, und sie uns geben! Wer glaubt, dem Treue halten zu müssen, der keine Mittel besitzt, für Treulosigkeit sich zu rächen!

Die Marzurka beginnt, und noch weiß ich immer nicht, an welchen Mann ich meine Grazie bringen soll. Theseus, so holen Sie doch Ihre verlassene Ariadne!

Wie die glücklichen Wirbler im Fluge vorüberrauschen! In einem einzigen Pas liegt ein Kampf aller Charitinnen ausgesprochen, der sich immer zu Gunsten der Schönheit und Anmuth endet. Die ewige Unruhe des Beines, die leichte Hebung des Armes, die gesenkte Lage des Kopfes, aus solchen Exponenten ließe sich nicht die erhabenste Größe bilden? Mit Recht hat man den Tanz eine Musik für Auge genannt; warum wir Beide nur zögern, sie vollstimmig zu machen!

Der endlose Mechanismus unseres Lebens hat die neuern Völker verführt, bei der Vollendung der Künste da inne zu halten, wo man den Uebergang vom Schönen zum Nützlichen nicht entdecken konnte. Man hat sich gewöhnt, den Nutzen nur immer gleich im ersten Resultate einer Bemühung zu finden, für entferntere Beziehungen war unser Auge nie scharfsichtig genug. Die Gewöhnung an eingewurzelte Irrthümer hat aus vielen Dingen ihr Gegentheil gemacht. Die Philosophie ist unter unsern Händen und Büchern eine Wissenschaft geworden, die nur Sätze aufstellt über ihre eigne Nichtigkeit. Die Religion ist in Dinge gesetzt, deren Zusammenhang mit Gott man selten, den Zusammenhang mit dem menschlichen Herzen man nie einsehen wird. Die Wände unserer Kirchen sind mit weißem Kalk übertüncht, und kein Bild in ihnen, als das ein zärtlicher Liebhaber von seiner Schönen vielleicht auf der Brust tragen mag, da hingegen die Tempel der Alten selbst zeugen konnten, wie hoch sie die Kunst als das Opfer schätzten, mit dem man den Göttern dienen müsse.

Die Musik ist freilich längst in ein Recht getreten, auf das sie seit dem ersten Tone, der durch die zitternde Luft flog, so begründete Ansprüche hat. Niemand wagt mehr in die Oper zu gehen, um sich ein Vergnügen zu verschaffen, ja die Welt weiß längst, daß die Bühne der Kanzel gleich kommt, einem Orte, von dem nur Belehrung ausgeht: einen Prediger zu hören, macht ja so selten Vergnügen.

Auch die bildenden Künste haben eine willkommene Stellung gewonnen. Wir haben nicht nur Maler, die in den schattigen Friedenspalmen, die zu den Thronen führen, ihre Staffelei aufrichten, sondern auch Könige, die ihre Throne nicht auf die Herzen der Unterthanen bauen, sondern auf die Ateliers derer, die unter ihnen mit Pinsel und Meißel umzugehen wissen. Die Orchestik aber ist in diesen Begünstigungen sehr zurückgeblieben, wie eine Tänzerin, die auf ihren Tänzer wartet. Nein, es scheint, als hätten sie mich doch wahrlich vergessen!

Ich weiß wohl, daß die erste Sorge eines Finanzministers ein Plus für den Staat und die erste Tänzerin sein muß. Aber wie interessant sich auch die Beine einer Tänzerin mögen anatomiren lassen, so wissen wir doch mit den Fürsten zu gut, daß die Künstlerin außer jenem Gliede noch andere und ein fühlendes Herz hat, und daß sie nur den in ihre Arme schließen wird, der dieses gewonnen. Ich muß gestehen, gegen diese Theilnahme an der Kunst, in der man nur die liebt, die sie betreiben, sträubt sich meine Einsicht und in anderer Rücksicht mein weibliches Zartgefühl.

Wenn wir dem Tanze eine höhere Stufe in unserer Cultur einräumen, so denk' ich nicht an die wilden Völker, von denen wir freilich selten mehr hören, als daß sie schwarz oder braun oder gelb sind, Muscheln in der Nase tragen, sich das Gesicht zu einer blutigen Fleischmosaik schneiden, Menschenfleisch über Alles lieben, und endlich leidenschaftliche Tänzer sind. Das ist es eben: ich will die Begeisterung von der Leidenschaft reinigen und sie zur Besonnenheit zurückführen.

Die Griechen sind in allen Dingen meine Muster; auch über die Würde und Kunst des Tanzes können sie allein Aufschluß geben. Unter sanfter Begleitung einer lydischen Flöte tanzten sie auf dem Theater ihren tragischen Menuettreigen. Sie sprangen nicht; denn wie Jener, der aufgefordert wurde, einen Mann zu hören, der die Töne einer Nachtigall treffend nachahmen könne, erwiderte, er könne ja die Sängerin des Haines selbst hören, so hätt' auch jeder Athener gesagt, Böcke könn' er am Ilissus viele springen sehen. Menschliches wollten die Griechen überall; denn sie wußten, daß wir beständig zum Thiere tendiren und der vollkommene Mensch der göttliche ist. So fanden sie in den abgemessenen Bewegungen nur die Ausdrücke der Liebe und des Hasses, der Verwunderung und des Entsetzens; sie wußten, ob der Tänzer weine, wenn er den Fuß dorthin, ob er lache, wenn er ihn hierher setzte. Selbst die Römer waren, wie in Allem, so auch hierin ernst. Ohne daß Roscius sprach, entlockte er ihnen Thränen, und Roscius war nicht einmal Tänzer. Genug, wir können dem Tanze keine höhere Ausbildung geben, als wenn wir ihn einmal mit der Pantomime verbinden, und um die höchste Gelenkigkeit zu erzielen, außer den Beinen auch den Armen die Knochen, dem Nacken das Genick brechen, sodann aber ihn mit der großen Sache Gottes und der Priester, mit der Religion, verbinden.

Eine Annäherung an diese Vollendung, bei der die Kunst und die Religion nur gewinnen können, findet sich bei den Bekennern des römischen Glaubens. Ich seh' oft in ihren Tempeln eine Feierlichkeit, die der Pantomime vollkommen gleich käme, wenn man nur von einem neuen Concile noch einige Veränderungen in der hergebrachten Form der Procession festsetzen ließe. Statt der hölzernen Christuspuppe sollte sich besser ein lebendiger Gott, dem die scheinbar eingerammten Nägel am Blocke nichts schaden müßten, schicken, ja die Würde der Handlung höbe sich dann auch mehr, wenn die Größe des Schauplatzes sich der natürlichen näherte. Die Chorknaben, Priester und Leviten, die die römischen Kriegsknechte, jüdischen Priester und Leviten vorstellen sollen, würden bei einer größeren Entfernung des geistlichen Publicums mehr bedacht sein, auf ihre Bewegungen zu achten und ihnen jenen Reiz zu geben, den die Verbindung der Kunst und Natur immer nach sich zieht.

Bei uns Protestantischen – ob da nicht der Redner, statt mit den Händen zu declamiren, lieber tanzen könnte? ob sich nicht die Wiedergeburt, das Ausziehen des alten Adams und das Ankleiden des neuen, das Wälzen im Blute Christi, die Ewigkeit der Höllenstrafen durch untrügliche Gesten ebenso darstellen ließen, als würde die fürchterlich fechtende, auf den Rand der Kanzel schlagende Hand von Worten begleitet? Ließe sich nicht das Schlußgebet für das Wohl und die Fülle der königlichen Gesundheit und der blechernen Becken an den Kirchthüren ebenso charakteristisch ausdrücken? Das sind leise Andeutungen, deren Ausführung ich Andern überlasse.

Die südlichen Völker tanzen häufiger als die nördlichen. Unter einer Pinie ist im Campanerthale des Abends bald eine Partie arrangirt, während unsere Bauern immer bis auf den Sonntag und die Ankunft des Stadtpfeifers warten müssen. In Italien findet man die Blüthe des Ballets, die hier so gereift ist, daß der Ausländer gern von Extravaganzen spricht. Eine Reisende sah in Neapel ein Ballet aufführen, das die Geschichte Heinrichs des Vierten vorstellte. Dieser große König hielt es verträglich mit seiner Würde, seine Schritte nach den Touren des Balletmeisters einzurichten, und mit Sully ein Pas de deux zu tanzen. Dieselbe Dame, von der ich diese Notiz entlehne, wie sehr sie den Widerwillen gegen diese Art des historischen Ballets nicht zu unterdrücken vermochte, mußte doch eingestehen, daß ein junger Italiener ihr zur Seite ausrief: »Bei Gott, Heinrich war ein großer Fürst! Wie glücklich mußten die Franzosen sein, einen König zu haben, der ein so großer Tänzer war!«

Ein italienischer Balletmeister war in dem Grade von seiner Kunst ergriffen, daß er jeden Kampf mit der Musik wagen wollte. Lange genug schien ihm das Vorurtheil, daß man Worte und Thaten nur in Musik setzen könne, gegolten zu haben, er wollte beweisen, daß sich Beides mit ebenso gutem, vielleicht noch besserem Erfolge in Tanz setzen lasse. Und es ist wahr, er hat den Livius von seiner Truppe tanzen lassen, und gezeigt, daß man erst dann über den Tod des Cäsar weinen könne, wenn er mit einem Entrechat vor der Säule des Pompejus niedersinkt.

Du weißt, Freundin, daß ich jedes Ding in seiner Stellung zum Staate betrachte. Es ist das auch ein Despotismus, den wir Freunde der Freiheit ewig üben werden, weil wir nie aufhören dürfen, Menschen zu sein. Die Freiheit ist ein Talent, und als Anlage und ebenso nur angeboren, wie die Sclaverei. Um den Menschen als vollkommen zu erziehen, dient für beide Eigenschaften die Zuchtruthe. Die Sclaverei muß ebenso erlernt werden, wie die Freiheit.

Kann der Tanz im Staate geduldet sein? Ich erinnere mich, Dir gezeigt zu haben, daß der Staat im Tanze sich vortrefflich ausnimmt, daß die Sitten und Gebräuche der Völker von ihrer niedersten Stufe bis zur höchsten staatsrechtlichen Uebereinkunft wegen Rechte und Pflichten durch Nichts anschaulicher gemacht werden, als durch die fünf ersten Stellungen der Füße, gleichsam die Kategorien und Elemente des Tanzens, und die höchste Stufe, die nur ein Fuß im behenden Sprunge erreichen kann. Darf sich also auch der Tanz schmeicheln, zu dankbarer Anerkennung im Staate gern gesehen zu werden? Ich sage mit vollkommner Ueberzeugung: Ja! aus positiven und negativen Gründen.

Wir sind zum Leben im Staate nicht geboren. Es kann Gottes Wille nicht gewesen sein, daß wir Einem oder Mehreren gehorchen, die nicht er selbst sind, daß Männer für die Ordnung sorgen sollen, da die Unordnung an ihnen keinen Theil hat. Wir sollen friedfertig und einträchtig nebeneinander wohnen, und Rechte uns zugestehen, als seien wir Alle Brüder. Staat ist nur Uebergangspunct in einen andern Zustand, und daß dieser glücklich ist, muß aus der Monarchie sich noch die Republik, dann aber erst aus der Republik sich das große Philadelphia bilden. Der wahren Bestimmung des Staats dient also Nichts, als seine Zerstörung: sein zärtlicher Freund wird immer sein geschworner Feind sein müssen. Macht aus dem Erdenrunde einen Staat, und wir werden ihn selbst zerstören, weil wir das Bedürfniß des Bauens haben, und auf das Gebäude des Staates alles Material verthaten.

Freilich ist das Firmament ein Staat, und Gott ein Monarch, der sich die Gesetze und die Bahnen unterordnete, aber die Sterne des Himmels werden einst auf die Erde fallen, und Gott wird sein strahlendes Scepter und die Sonnenkrone von sich werfen, und den Menschen weinend in die Arme fallen, und die zitternden Seelen um Vergebung bitten, daß er sie so lange in seinen allmächtigen Banden gefangen gehalten. Siehe da! warum ich der Taglioni die Tausende gönne, mit denen sie in Hamburg aufs Dampfboot stieg, warum ich mich freue, wenn die Fürsten die Tänzerinnen zu Ehren erheben und sie und ihre Kinder ernähren. Die Pirouetten der Coupé, die Solopartien der Vestris waren die Präludien der Revolution, für die man ihnen Bildsäulen setzen sollte. Hätten die Damen Allart und Guiman nicht Gelegenheit gehabt, für sich einen Hof zu unterhalten, dessen Tafel allein über 100,000 Franken aus dem Einkommen der Prinzen, die zu ihren luftigen, wundervollen Füßen lagen, wegzehrte, so würden jetzt noch alle Höfe, solche Nebenhöfe, so würde die Revolution nicht bewirkt haben, daß auf den meisten Höfen schon nicht mehr zu ernten ist, als zweimal im Jahre Gras.

Ist dieser negative Nutzen der Tanzkunst mit der Monarchie erst untergegangen, hat man sich in der Republik daran gewöhnt, dem Ballet nur eine kalte und gleichgültige Theilnahme zu schenken, so wird in der Zeit, da die Heiligen, da Alle herrschen und Alle gehorchen, doch noch immer der Fuß sich heben, aber nur wenn auf dem Felde eine Schalmei, oder aus dem Walde ein Horn tönt. Ach! für eine solche Partie, Geliebte, bat ich mir das Recht des ersten Tanzes aus. Schon liegt mein leichter Hut bereit, und die seidenen Bänder flattern im Winde. Schon Viele sammeln sich zum Reigen, fröhliche Bursche und Mädchen, sie schenken sich Blumen und wieder Kränze. Hier um diese grüne Linde, auf diesem blumenreichen Rasen wollen die Paare zum Tanze gehen. Daß Du aber nur hier bist, wenn die Flöte beginnt, und ehe die Sonne sinkt! –

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