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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 22
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Zwanzigster Brief

Es summt mir noch immer im Kopfe. Wie viel Fledermäuse waren wohl gestern Nacht auf dem Schlosse? Die Sterne schienen so hell wie flackernde Kerzen, der Mond glänzte so milchweiß, daß ich's um mich herum noch immer leuchten und blitzen sehe. Auch klang's aus den Schläuchen des Aeolus so träumerisch süß, die Käfer strichen so tactfest mit dem Fidelbogen ihrer haarigen Schuppenfüße auf den summenden Flügeln, und Eule, Primadonna, erntete bei ihrem Debüt als erste Kammersängerin so rauschenden Beifall, daß ich's noch immer musiciren und klatschen höre. Die bunten, bemalten Scheiben wurden lebendig und Türken, Polen, Griechen, Lindwürmer und heilige George schritten abgemessen durch den weiten Saal, der vom Jubel der Fledermäuse, von Denen Du eine, meine Ewige, warst, wiederhallte. Auch Alpenkinder, Tyroler, Barfüßer, Ritter von Blech und Damen, die französisch sprachen, gingen im bunten Gewirr durch einander, und lachten einen zusammengeflickten Lumpenkerl aus, einen Lappenhanswurst, der ich selbst war. Du weißt, ich kann nie fröhlich sein, wenn man es von mir erwartet, und mache meinem Kleide immer selbst die größte Schande. Ein Polizeiofficiant hatte sich an der Thür des Redoutensaales davon überzeugt, daß in meiner Pritsche kein Dolch, kein Stoßdegen, noch sonst eine tödtliche Waffe verborgen sei, aber ich brach mir und meinem Schneider das Wort. Statt wacker unter die tanzenden Paare zu stürmen, hierhin, dorthin lustige Schläge auszutheilen, zweimal, dreimal über mich selbst wegzuspringen, lehnt' ich mich wie ein blinder, enthaarter Simson an einen Säulenpilaster, und sah nach Dir und schwamm in Thränen. Ein weinender Hanswurst!

Ich bin ein Kind meiner Zeit, und trage mein braunes, haariges Muttermal drittehalb Zoll vom Herzen. Statt die Freude zu genießen, zergliedr' ich sie. Ich will sehen, was man nur hören darf, und wie die Kinder Alles zum Munde führen, zieh' ich Alles zu Gemüthe. Die Maskerade war im Schlosse des Fürsten. Seine jüngste Tochter, die aber schon sehr alt sein muß, weil ich Dich schon so lange kenne, hatte die Hand eines werbenden Prinzen angenommen, und weil Heirathen gleich Demaskiren ist, so pflegt in diesem Falle Freiredoute zu sein. Es war ein Lärm entstanden. Pierrot hatte Colombinen küssen wollen, und traf sie mit Harlekin in einem dunkeln Winkel. Beide beriefen sich auf das Versprechen der Kleinen, und alle Drei auf die Maskenfreiheit. Einem Sensenmann wollte die einzige Person, die auf Redouten ohne Maske erscheint, die Polizei, das Recht des Bartes und der Ueberladung mit Emblemen der polnischen Nationalität streitig machen, aber auch dieser berief sich auf die Maskenfreiheit. Ja, selbst der muthwillige Spaß eines kleinen Essenkehrers, der Bäuerinnen und Königinnen die Schleppen nicht nur schwärzte, sondern selbst arge Figuren, Eselsköpfe, Brillen, Hexenkreuze anmalte, mußte durch diese Maskenfreiheit entschuldigt werden. Und ich sah's, wie selig die Uebermüthigen auf ihre Freiheit trotzten, wie neckend sie die Artikel jener uralten Charte des Herkommens citirten, und unter den Masken Gesichter schnitten, daß ihnen vor Lachen die Augen ausgingen. Zum ersten Male in meinem Leben ward' ich an der Republik irr. Ich kenne den Zauber, den die Neuheit auf die Menschen ausübt, kenne den Reiz des Versteckten, und war für jenen Augenblick davon überzeugt, daß man eine Freiheit, die zuweilen harte Opfer verlangt, verkaufen würde gegen eine Sclaverei, die jährlich zur Carnevalszeit den Leuten viermal erlaubt, sich mit Vergnügen frei zu nennen.

Auch auf die Masken hat sich die Politik der Könige ausgedehnt. Sie sind ursprünglich demokratischer Natur, und verbargen oft den Schmerz, den Unwillen und den Spott, den ein Hof wie der römische und das Treiben der norditaliänischen Aristokraten veranlassen mußte. Der alte Kunstgriff der Schlauheit, den Gegner in ihr Interesse zu ziehen, ließ sich in diesem Falle vortrefflich anwenden. Seitdem haben die Fürsten nicht aufgehört, die geflissentlichste Sorgfalt auf die Maskeraden zu wenden, damit es nicht heiße, der Grundsatz der Gleichheit gelte in den Monarchien nirgends. Und es ist wahr, jede andere Art Belustigung wurde in den Zeiten der französischen Republik zugelassen, die Bälle ermangelten des alten Glanzes nicht, die Theater waren nicht verschlossen, aber die Maskeraden hörten auf. Natürlich; denn für jeden Tag im Kalender war ja damals die Freiheit als Heiliger angesetzt. Aber was kümmert das die Natur der Menschen, die so gern das Außerordentliche dem Gewöhnlichen vorziehen, selbst wenn sie Schlechteres statt Besseres eintauschen!

Ich weiß nicht, bist Du es, die mich heute so monarchisch stimmt? Die Republik versagt jedem Bunde die Existenz, der nicht so groß ist, als sie selbst. Nun ist es aber wieder ein altes Gesetz, daß die Gesellschaft sich gern in Gruppen sondert, abgelegene Oerter sucht, um im Stillen mit den Liebhabereien seines Herzens zu buhlen. Man flüstert sich zu, und auf dem mondscheinglänzenden Rüttli hebt man so gern die drei vermessenen Finger zum Schwure auf. Die Monarchie macht keinem Geheimbunde sein Recht streitig, wenn sie sich von seiner Unschädlichkeit überzeugt hat. Dagegen wurde z.B. die Freimaurei von der Republik untersagt, ein Verbot, das der Menschheit grausam scheinen muß, weil sie weiß, daß in einem Lande vielleicht in der That kein Raum für den salomonischen Tempel, aber doch immer Platz genug für eine Tafel von hundert Gedecken vorhanden sein wird.

Die Brücke, die zur Wahrheit führt, ist oft nur eine Eselsbrücke. Auf diesem Weg kommen vielleicht noch einmal die Freimaurer zu ihr. Ich hätte mich schon längst Dir gegenüber zum wärmsten Vertheidiger dieser modernen Tempelherren aufgeworfen, wenn ich die Menschheit und ihr großes Ideal mit dem rothen Adlerorden, dessen Band fast Jeder in der preußischen Staatsgesellschaft nach oben hin angestellte Maurer im linken Knopfloche trägt, in rechten Einklang bringen könnte. Ich muß lachen, wenn ich in den Tabernen der Antiquare nach alten Büchern stöbere, und auf die als Manuscript geduckten Lieder der Maurer stoße. Da umschlingen sich Millionen und reichen sich den warmen Bruderkuß, Freude, der schöne Götterfunken, Tochter aus Elysium, senkt sich auf die seligen Zunftgenossen herab, sie jubeln und jauchzen den Brüdern aus fernen Zonen entgegen, und, wenn ihr Tritt schwankend wird, so gilt's der geliebten Antipoden. Die Absicht bleibt schön und wahr. Seitdem keine Peterskirchen und Straßburger Münster mehr gebaut werden, baute man Casinos, Börsen, Admiralitäten. Man begegnet sich im gesellschaftlichen Verkehr, den fremden Zungen ist ihr Fremdartiges genommen, von den Vögeln und Früchten Indiens ist der mythische Farbenstaub gewischt, die Menschen werden stückweise wie die Pferde auf die Maschinen gerechnet, die Arbeit der Hände ist in Dampf aufgegangen, der mathematische Calcül ist der Mittelpunkt, um den sich die Tellerscheibe der Welt mit ihren Bewohnern equilibrirend herumdreht – ach! wir werden vor Steinkohlen und Prosa nichts, gar nichts mehr sein, als Freimaurer. Du erlaubst, Gute, daß ich an dieser Stelle einige Thränen rinnen lasse, denn ich habe sämmtliche Schriften von Henrik Steffens gelesen, habe in alle Bäume, die im Thiergarten der Rousseauinsel nahe stehen, die verschlungenen Buchstaben K und R eingeritzt, und dabei Gedichte gemacht an Sie! Aber dennoch, würd' es nicht thöricht sein, einen Zustand, den uns die flache, kahle Zukunft schon zurecht fegt, dadurch noch betrübter zu machen, daß man das Schöne in ihm nur durch die Vergleichung der Vergangenheit nicht bemerkt, das Wahre und Nothwendige gar nicht anerkennt? Gewiß, die Maurer sind in ihrer Art auch poetisch ; sie haben so schöne, dunkle Laubengänge, so nette Partien hinter ihren heimlichen Clausen, und ich kenne viele geheime und wirkliche Räthe, die ordentlich schwermüthig sind, wenn sie einmal am Besuch der Loge verhindert werden. Wenn ich nur erst das gesetzliche Alter, einen ehrlichen Nahrungszweig und soviel damit erübrigt habe, daß ich die Rechnungen des Bruder Speisewirths und Armenpflegers honoriren kann, so laß' ich mich in Royal York oder in die große Landesmutterloge zu den drei Weltkugeln einschreiben, und magst Du mir tagelang zu Füßen liegen und nach Deiner Anhänglichkeit an den alten Volksglauben mich vom Bunde mit dem Satan abhalten wollen. Es fehlt den Maurern nichts mehr, als was der Christenheit vor drei Jahrhunderten, ein Reformator. Die Maurer sollen geschworne Feinde der Standesunterschiede sein, aber sie bilden sich ein, damit sei nur der Brudername gemeint und die Freiheit, in vertraulichen Mittheilungen den Titel Wohlgeboren wegzulassen. Sie müssen nach ihren Evangelien die Freiheit lieben, müssen in jedem Staate die Opposition bilden, und die Rechte des Bürgers wahren, weil sie die allgemeinen Menschenrechte verehren. Sie müssen sich für die Cortes todtschlagen lassen, und keine Theorie des Staates höher schätzen, als die eines Jeremias Bentham. Ich habe eine Festrede gelesen, in der dem Könige gedankt wird, daß er es nicht unter seiner Majestät gehalten, das Schurzfell vorzubinden, und an dem Tempel der Humanität bauen zu helfen. Wahrlich, wenn die gesellschaftliche Stellung der Bundesglieder bei ihnen so viel gilt, daß sie ihrer selbst nicht in den stillen Hütten ihres Wirkens vergessen können, so sieht man leicht, bis zu welcher Ferne sie die Gesetzte ihrer Einigung verlassen haben, und es wird nicht mehr auffallend scheinen, wenn sie selbst von einem schon längst eingetretenen Untergang ihrer ursprünglichen Heimlichkeiten reden. Aber ich vergeß' es ja! Verstehen wir nicht schon längst die Kunst, Diener zweier Herren zu sein? Die Freiheit zu lieben, wenn wir dem Aristokratismus Vorschub leisten? Hat die Torheit nicht schon oft den Demokraten den Rath gegeben, sich zur Erreichung ihrer Zwecke bei den Aristokraten einzuschmeicheln? Und sind wir nicht stark und unermüdlich in seiner Befolgung?

Du drohst schon wieder mit dem Zeigefinger, Geliebte! Erschrickst vor den sengenden Blitzen, die jetzt durch mein grollendes Redegeroll zucken wollen, und ahnst, daß meine Worte immer mehr sagen wollen, als sie zu bedeuten scheinen. Ja, Wolken können über die klare Bläue des Himmels ziehen, selbst Fliegen in der Milch sind mir nicht so zuwider, wie Coalitionen fremdartiger Elemente. Jeder freie Geist ist ein geborner Scheidekünstler. Die reine Hand darf sich nicht in die schmutzige legen, sonst geht's wie in dem schlechten Sprichworte, daß eine die andere wäscht. Der Republicaner haucht im Arme eines Royalisten seine Seele aus. Man redet soviel von gesetzlicher Freiheit, aber dies Ding hat nur dann Sinn, wenn sich die Freiheit diese Gesetzlichkeit selbst gegeben hat. In den constitutionellen Staaten Süddeutschlands trifft man aller Orten auf Leute, die von der Regierung ein Privilegium erkauft haben, Demokraten sein zu dürfen, Demagogen, die der Staat schon im Mutterleibe purificirt hat. Die Absicht dieser Männer kann edel und rein sein, aber sie thun selbst Nichts, daß man sie mit jenen Hochgestellten, die ohne zu wissen wie? in den Ruf des Freiheitsliebe gekommen sind, nicht verwechsele. Wir haben nämlich genug besternte und bebänderte Herren, die man für Freunde des Volks ausgibt. Ich pflege bei der Namennennung dieser Personen an jene Ludwig den Vierzehnten vorstellenden Reiterstatuen zu denken, an deren Schwerte, diesem hochverrätherischen, liberticiden Schwerte das entzückte französische Volk in den ersten Jahren der Revolution mächtige Nationalcocarden von Eisenblech anheftete, ein Scherz, der als Scherz zu viel Wahrheit enthält, als Ernst aber mindestens geschmacklos ist. Die Freiheit trägt nie den Kammerherrnschlüssel.

Warum nur die Frauen nicht frei mauren dürfen? Wie geschickt würden Deine Schwestern Kalk und Mörtel herantragen! Wie angenehm würden sie die Freuden des Mahles würzen! Leider hast Du mich einmal vor Jahren versichert, Du Himmlische wollest Dich in keinen andern Bund einlassen, als in einen mit meinem Herzen; zu welchem Zwecke? hab' ich vergessen: wollten wir nicht Beide einen königl. sächsischen Mäßigkeitsverein ausmachen? oder wie war das? Eines aber darf mir Deine seelenvolle Güte nicht wehren, nach Vollendung des großen Tempels der Weisheit Dich zu vergolden und als die Kuppel oben aufzusetzen. Ach! dann werd' ich gläubig in dem Heiligthume beten, denn ich weiß ja, daß Du den himmlischen Friedensbogen über mich ausbreitest! Lebe wohl! –

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