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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 19
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Siebzehnter Brief

Also ist der Krieg unvermeidlich! Theure, schon kanonendonnern hast Du es gehört? Das Reich der Farben droht dem Reiche der Töne schrecklichen Untergang. Zwei Gebiete, die seit undenklichen Zeiten in dem friedlichsten Verhältnisse neben einander bestanden haben, die die Ursprünge ihrer Bewohner auf dieselbe Quelle zurückführen, wollen sich nicht mehr gegeneinander dulden. Die allgemeine Verwirrung, der Haß und die Leidenschaft dieser Zeit hat auch sie ergriffen, und die entsetzlichsten Folgen stehen zu erwarten. Es ließ sich voraussehen. Schon nach physikalischen Gesetzen ist jede Erschütterung diesen Gebieten gefährlich. Die Farben wechseln nicht nur unter sich die Farbe, sondern sie sind dann auch zu schwach, sich noch länger zu halten, und sie klingen allmählich in die Region der Töne über. Umgekehrt verstummen die Töne bei fortgesetzten Schwingungen, die werden farbig, vor Scham roth, vor Aerger blau. Diesmal aber soll nur einer von Beiden übrig bleiben. Zwar wissen wir noch nicht mehr, als Crösus, da ihm die Wahrsager sagten: ein großes Reich wird untergehen! Aber das ist klar, einem gilt es gänzliche Vernichtung. Werden die Maler oder die Tonkünstler aufhören? Wird man Gemälde aus Dur oder Moll schaffen, oder werden die Sonaten mit dem Pinsel componirt werden? Wird statt Abendröthe und Azurblau der Himmel voller Geigen hängen oder wird man die Winde nicht mehr blasen und wehen, sondern leuchten und dämmern hören? Werden die Blumen auf dem Felde, die Blätter im Walde nicht mehr in Farben spielen, sondern klingen wie Stimmen der Seligen, oder wird man den Jubel der Lerche, die Klage der Nachtigall in Bildern malen, die Farben sprühen wie funkelnde Krystalle? Geliebteste, der Regenbogen sollte der Himmelsbrief sein, den ich mit jedem meiner Blicke, jedem meiner Worte, jedem Seufzer an Dich schreibe? Theuerste, die Aeolsharfen, die in meinem Garten hängen, sollten nur dunkle Gluth Deiner Augen, Dein leuchtend Haar, Dein rosenrother Mund sein? Und, wie artig! statt daß ich Dir früher etwas gepfiffen habe, werd' ich Dir künftig immer etwas weiß machen! wenn Du mich besuchst, wirst Du auf der Gasse Dich schon melden, wie ein Saitenspiel! Wenn wir glauben, im Concerte zu sitzen, werden wir eigentlich in einer Gemäldegallerie sein.

Wenn ich nun, Geliebte, Dir offenherzig gestehe, daß wir längst die Vortheile dieses Kampfes ohne ihn errungen haben, so will ich damit nicht Deinen Stolz aufregen, und auch den meinen nicht verrathen. Wenn ich Dich, Du herrliche Titanide, mit den geflügelten Rossen auf goldenem Wagen im fernen Osten aufsteigen sehe, wenn der Rosenschein Deiner Purpurfigur auf die Spitzen der Berge leuchtet, dann läßt mich die Sage, weil ich Memnon bin, leise klingen: mein steinenes Gewand klingen: den Granitblock Deines Herzens klingen: o Gott, Freundin, hast Du je einen Stein klingen gehört, so hast zu mich gehört!

Sollten nun die Farben besiegt werden, sollten wir uns unsere dreifarbigen Sacktücher und Halsbinden umsonst angeschafft haben, so werden die Töne aufjubeln, und Alles, was Odem hat, wird sich auf den Gesang legen.

Ich begreif aber nicht, daß Du heut meine Bilder gar nicht verstehen willst. Bis jetzt waren das alles nur Redensarten, und ich sprach eigentlich nur von der kommenden Reaction. Hast Du die Reaction schon gesehen? Bist Du es, die da kommen soll, oder sollen wir einer andern warten?

Gestern sollt' ich für die Tasse Kaffee zwei Kreuzer mehr zahlen. Warum das? Das macht die Reaction und der neue Zollverein!

Im Theater werd' ich heut' Abend zwei Offiziere statt des gewöhnlichen einen in den Zwischenacten zu uns Parterristen kommen sehen. Der neue ist von wegen der Reaction. Denn der Bundestag hat beschlossen, daß von nun an wieder in allen deutschen Bundesstaaten die Reaction herrschen soll.

Peter der Große fing seine Civilisation damit an, die ungeheuern Bärte seiner Russen zu stutzen. In Hessen reagirt daher die Reaction die Stutzbärte ad nihilum.

Das constitutionelle Deutschland ist verboten. Desgleichen die deutsche Tribüne, der Westbote, die Zeitschwingen.

Die österreichischen Buchhändler verbitten sich die Zusendung deutscher Verlagsartikel u.s.w.

Das sind die kleinen Thaten der großen Reaction! O, man wird sie noch größer machen! Man wird seines Einverständnisses mit allen gegenwärtigen Ministerien Europa's gewiß werden. Man wird eine größere Planmäßigkeit in seine Verfahrungsart bringen. Man wird den Samen des Unfriedens zu vertilgen glauben, wenn man die Blüthen abschlägt. Gleich als fielen dabei nicht Tausende von reifen Körnern auf den Boden, um in Kurzem mit üppiger Kraft neu aufzuschießen.

Ein thörichtes Weib (die Legitimität) hatte ein Kästchen voll schönster Pretiosen, Ringe, Kronen, Diademe. Um es vor jedem Einbruch aufs Sicherste zu verwahren, verriegelte sie es dreifach und vierfach. Ein Dieb mühte sich aber über Nacht nicht damit ab, es zu öffnen, sondern trug nicht nur die Kostbarkeiten, sondern auch das fest verschlossene Kästchen mit sich fort. Daheim mag er wohl Mittel gefunden haben, den Inhalt heraus zu bekommen.

Es ist wahr, wir haben Buchstaben beschworen, haben Verträge durch Handgelöbniß geheiligt: Aber Du bist ein einfaches Weib, und ein ironisches Lächeln setzt sich doch schon in Deine Mundwinkel. Wenn wir bei dem Schwur eine reservatio mentalis haben, so folgen wir nur dem Beispiel derer, denen wir geschworen haben. Der König und Kronprinz von Frankreich sprechen unaufhörlich von den couleurs chéries, sie nennen das Wort la Charte oder la Révolution de Juillet nie anders, als mit einer Art Andacht und religiöser Pietät, und doch gehen sie mit ihren Ratgebern den Weg, der ihnen beliebt. In Baiern hat die Camarilla des Hofes bis zum Ekel die Verfassung im Munde, und doch ist sie entzückt über Wasserburger und Gautinger Adressen, über die Erklärung eines Münchner militärischen Diogenes, er wolle jedem Gegner des Königs den Degen durch den Leib rennen.

Wir Deutsche sind doch sonderbar gestellt! In Baiern, Sachsen, Baden kann man ein Ausbund von Loyauté sein, und dabei den übrigen Residenten am Bundestage als bößwilliger Demagog erscheinen. Als Landstand irgend eines kleineren deutschen Staates könnt ich ordentlich aus Ironie meinem Fürsten und Herrn eine Macht zugestehen, seiner Würde eine so ungeheure Ausdehnung geben, daß er in die ärgste Verlegenheit kommen müßte. Sogar einen dramatischen Effect müßte so eine Scene geben, wenn er auf der einen Seite complimentirend und lächelnd ruft: Bitte recht sehr! und zum Publicum bei Seite grimmig flüstert: Die verdammten Verbindlichkeiten! Vor Souveränität kann ich zur höchsten Macht gar nicht kommen! Wenn man ihn dann allein läßt, wird er schweißtriefend mit Lafayette nach der berüchtigten Dankadresse der Kammer ausrufen: Es gibt Höflichkeiten, die man nicht ertragen kann! In der That, die deutschen Fürsten können uns doch auf keinem Wege, selbst auf dem langweiligsten, dem Wege Rechtens nicht entgehen! Man wird sie zu vernichten drohen, und sie zittern. Man wird sie verehren wollen, und sie entsetzen sich. Ueberall sind ihnen die Hände gebunden. Einer hat dem Andern ein Versprechen gegeben; sie möchten Alle davon befreit sein, und wagen doch ohne dasselbe nicht auf der Parade zu erscheinen. Selbst das verschlagene Preußen hat sich eine Grube gegraben. Warum gilt der Spruch scriptum manet? Warum mußten wir vor zehen Jahren Concessionen geben, nach deren Erfüllung sich jetzt Niemand mehr sehnt? Jetzt fühlt sich Alles glücklich und befriedigt; hätten wir je das Wort: allgemeine ständische Versammlungen brauchen dürfen? O hätten wir doch dem unseligen Edikt über Feststellung der Reichsschuld nie von »künftigen Reichsständen« gesprochen! Geliebte, was hilft Dir nun Dein sammtnes Kleid, Dein goldener Schmuck, Dein Glanzgeschmeid? Wohlangestellte Leute können es beweisen, daß wir Preußen ohne Vertretung glücklich sind; und nun dürfen wir die Kinder unseres eigenen Geistes, die schönen Früchte der Gesinnungen, die die Regierung bei uns nur hat aufkommen lassen, nicht anerkennen und genießen! Wir müssen einmal mit dem Papiere hervorrücken; denn Fürstenwort ist heilig.

Ob denn aber wirklich an die Restauration zu denken ist? Du siehst die weißen Stellen unserer Zeitungen und die Menge der Gedankenstriche. Soll das Restauration sein? O, Du weißt nicht, wie es in Deutschland während der Restaurationsperiode aussah! Erst wenn Du von zerknickten Fittichen eines sonst mächtigen rauschenden Adlers hörst, dann fürchte! Wenn Du den Wurm am Marke des deutschen Geistes nagen hörst, wenn man auf Sandhügel wieder schwache Hütten baut, wenn sich die Blätter des großen Geisterwaldes färben, falb und verdorrt zur Erde fallen, dann fürchte! Nur dann fürchte, wenn man Großes und Herrliches wieder zu sich herabzieht, weil man zu klein ist, es zu erreichen, wenn alle jugendlichen Herzen und Kräfte des Vaterlandes an die platte Gemeinheit der Mode, an die leere Alltäglichkeit sich wieder hingeben, wenn die Klänge einer sinkenden Kirche immer weiter, immer ferner hallen, und nichts mehr übrig bleibt, als die ausgebrannten Opferschalen. Dann werd' ich mein Angesicht abwenden, wenn ich sie die alten Werkzeuge ihrer kindischen Spiele wieder hervorsuchen sehe, wenn sie unersättlich sein werden im Verachten und schamlos im Preisen, wenn sie die gestürzten Götzen wieder aufrichten, und im Staube die Stirn baden. Dann flieh' ich mit Dir die Heimath, wenn die höllischen Geister der Tiefe, das schmutzige Froschgeschlecht wieder lärmen und jagen, und die müssige Menge sich an gemeinen Possen der Zotenreißer ergötzen wird.

Aber jene Tage sind vergangen. Können auch nie wiederkehren, so lange noch die Lehre gilt, daß man ein wenig ist, wenn man die Kraft hat, viel zu sein. Nur zu einer unreinen Mischung können sich die Elemente gesellen, die ein edles Getränk gährend von sich stößt. Ist je die Ruhe eines friedlichen, flachen Zustands mehr gewesen, als die verträgliche Wechselseitigkeit dessen, was man bot, und dessen, was man bieten konnte? Wie unrecht, wenn man die lange Nacht von den Befreiungskriegen bis auf die beiden letzt verflossenen Jahre nur denen zuschreiben wollte, die in die Nacht ein Licht hätten hineinstellen können, und nicht auch denen, die an der Finsterniß sich freuten, wie am Tage! Welche Beleidigung für die heutige Bildung unserer Zeitgenossen, sie unter dem Bilde einer tabula rasa zu fassen, auf die sich eben malen lasse, was die Pinsel dieser Welt nur wollen.

O, mein Kind, es ist ein Herrliches um jene Geister, die mit den schnaubenden Ungethümen jener argen Zeit gerungen haben. Gehe hin zu ihnen, wisch' ihnen den Schweiß von der leuchtenden Stirn, küß' ihnen die aufgelaufenen Adern ihrer Hände weg, und bedanke Dich schön! Wenn die Deutschen jene Jacken ansehen, in denen sie fünfzehn Jahre gesteckt haben, jenen Riesenpopanz, den sie so lange Zeit hindurch in Procession durch's ganze Land geschleppt haben, so sind sie darüber jetzt so verschämt, daß sie ihren damaligen Zuchtmeistern gern aus dem Wege gehen. Man denke an Menzel, Heine, Börne! Und immerhin – das beste Geständniß alter Thorheit liegt in guten, braven Handlungen. Facta loquuntur.

An Restaurationen glaube nicht, Du Gute! Wir haben gelernt, auch Ketten mit Anstand und Würde zu tragen. Man wird den tödtenden, edeln Blick unserer Augen nicht ertragen können, man wird vor der Hoheit unserer Tugend in den Staub sinken, und reuevoll die Bande lösen, die wir in alten Tagen für Rosengewinde hielten. Die Fürsten werden uns Feste und Gastmäler geben wollen, und Niemand wird sie besuchen. Die Schauspiele werden unsern Händen wieder anvertraut, in der Hoffnung, sie müßten uns zu solchen Narren machen, die wir in den Tagen von Versailles waren. Aber eine veredelte Kunst wird auf die Höhe des Kothurns jene würdevollen Gestalten bringen, die durch ihre Tugend und Hoheit die Züge des Guten in die Gluth der Begeisterung, die hohlen Furchen der Bösen in die bleiche Kälte der Scham und der Furcht versetzen müssen. Auf dem Sokkus gaukelt dann jener heitere Scherz, der nicht mehr von den Flicken seines Gewandes und den Wundern seiner Pritsche spricht, sondern von den wilden Sonnenblicken der Hoffnung, die aus dem bald lachenden, bald weinenden Auge leuchten. Ihre Bibliotheken werden sie eröffnen und die lernbegierige Jugend in die bücherreichen Säle führen. Aber die Pedanten, die hier früher lehrten, haben sich neben ihren Perrücken in die Ruhe des Grabes gelegt, und die muntern Knaben werden nur die Zahl, nicht den Inhalt der Folianten bewundern.

O, Du Herrliche, daß ich doch morgen erst lesen lernte! Daß ich so Vieles nicht wüßte, was mich verhindert, Besseres zu wissen! Daß ich jene Fülle von geistiger Spannkraft und Energie zurückbekäme, die ich einst an den todten Buchstaben verwitterter Pergamentblätter nach der Sitte jener Zeit vergeudet habe! Warum muß ich so alt sein, und in dieser Frühlingsgegenwart nur Eis und Schnee unter meinen Augen haben, daß ich nun an ewigem Thauwetter leide! O, ihr Glücklichen, die ihr heute zum ersten Male in die Welt blickt! Und ihr dort auf dem grünen Wiesengrund, nehmt mich doch auf in euren fröhlichen Reigen! Fürchtet euch nicht vor dem alten Manne, der ja so gern mit euch tanzte und Blumen pflückte! Ich will euch Sagen erzählen und Geschichten, die ich selbst erlebt habe, und wie ich gewandert bin aus weitem, fernem Lande, um von euren Händen begraben zu sein! Dort unter jene Linde legt mich hin!

Aber meine Stimme zittert. Ich sinke todesbleich zurück. Die Augen willst Du mir zudrücken, liebes Kind? O ich schlafe nur, und bringe Dir Köstliches aus dem Himmel mit! Einen Gruß magst Du noch bestellen, an meinen treuesten Freund, den ich hier auf Erden hatte! Denselben, der Dir immer so zärtliche, liebevolle Briefe schreibt. Sag' ihm doch, er sollte mir bald nachkommen, ich würd' ihm da oben seine Wohnung bestellen! Leb' ewig wohl!

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