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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 16
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Vierzehnter Brief

Erinnerst Du Dich wohl noch einer Uebung, Theure, die ich einst eifrig mit Dir anstellte? Unbewußt kommst Du jetzt wieder darauf zurück, Du wirst Dich freuen, wenn ich Deine Gedanken bis auf jenen Quellpunkt der Freundschaft hinführe.

Eben so schön als wahr hast Du die dissonirenden Verhältnisse der Weltharmonie nach Deiner großartigen Kenntniß des Contrapunctes auseinandergesetzt. Selbst Beruhigung für die wechselnden Erscheinungen des Lebens muß eine Ansicht gewähren, die die Wahrheit alles Schönen und Edeln erst in dem Streite anmuthiger und mißfälliger Formen, der Liebe mit dem Hasse findet, die an einem Gott nichts Ehrfurcht- und Andachterweckendes findet, wenn er nicht ebenso einen Teufel zu einem seiner Person freilich ausgeschiedenen, seiner Idee aber integrirenden Bestandtheile anerkennt.

Nun aber die Erinnerung. In jener Zeit, als die Liebe noch wie mit süßem Kindeslallen an der Wiege unserer Jugend stand, bracht' ich Dir wohl öfter dichtbeschriebene Blätter, scheinbar in ungebundener Rede, die ich Dir zum Binden in gereimte Sträuße aufgab. Wie freuten wir uns, wenn Du bis auf Reim und Maßbewegung das in Prosa aufgelöste Original wiederherstelltest! Auf der lateinischen Schule hatt' ich diese Kunst von einem Lehrer gelernt, der einem Schüler Apollo's freilich wenig ähnlich sah.

Solche Turbatverse sind alle Dinge unserer irdischen Anschauung. Gott sitzt auf seinem Throne, und spielt auf der Harfe, deren Saiten Himmelssphären sind, die Harmonie der Welt. Jede Blume, der Krystall, ein leuchtender Edelstein sind die zerworfenen Glieder eines großen Gedichts. An sich auch einzelne Worte, ohne Zusammenhang, auch ohne Sinn und tonlos; wem es aber gelingt, ihre erste Fügung, wie sie der Dichter oben einst geordnet hat, wiederzufinden, an dessen Ohr mag es wohl wie himmlische Sphären klingen.

Du wirst mich fragen, ob der Dichter den Dichter, oder der Philosoph ihn besser verstünde? ob ein kindlich Gemüth in Einfalt mehr sähe, als der Verstand der Verständigen? ob ein Mädchen, das sich eine Rose bricht, die Lieder, die in der göttlichen Blumensprache gedichtet sind, besser vernähme, als der Sänger eines westöstlichen Divans?

Die Stellung mancher Fragen deutet schon oft auf die kommende Antwort. Laß Dich aber dadurch nicht bestimmen, mein Urtheil schon für entschieden zu halten.

Den Begriff des Menschen hat man ausgekleidet bis auf die nackte, natürliche Unschuld. Die Menschen selbst bleiben dabei so verhüllt, wie sie es bisher waren. Wenn ich Gelüst in mir fühlte, auch meinerseits der Menschheit den Rock aufzuheben, so würd' ich mich über mich selbst ärgern. In der That, schon aus Grundsätzen der Kunst, geht mir Nichts über den Reiz des Verhüllten, wenn sich zumal nasse Gazegewänder so recht schimmernd an die rosenfarbenen Glieder anschmiegen. In das Reich der Gedanken haben die Empfindungen unserer Dichter und besonders der dichtenden Philosophen eine solche aufgestreifte prüde Unschuld eingeführt, daß mir seitdem die ganze Welt nervenschwach und somnambul vorkommt. Ist es nicht lächerlich, zu modischen Cravatten, Frack und Manschetten vorn einen mächtigen Blumenstrauß zu stecken? Welche Inconsequenz, Niemand glaubt an den Teufel, und Alles ist Allen voller Engel! Die alten Herren, die unsere deutsche Philosophie und Poesie gemacht haben, kann ich mir nie ohne Perrücken und Puder denken. Welch ein Anblick, wenn sie immer die Hand ans Herz legen, wenn sie bei jeder Blume auf ihre dicken, rothen Wangen Thränen rinnen lassen! Jakobi hat diesen Entzückungen durch seine Lehre von der Unmittelbarkeit eine höhere Weihe gegeben. Ich beiße mir an den hölzernen Definitionen einer Wolff'schen Metaphysik noch lieber die Zähne aus, als daß ich an jenes endlose Küssen gar meine Lippen verliere.

Du siehst nun wohl, daß ich den Stein der Weisen höher achte, als jeden Ritt ins romantische Land. Ich habe Hegels Tod am schmerzlichsten empfunden, und hoffe, wenn nicht sein Nachfolger, doch sein großer Verehrer zu sein.

Man will bei Euch die Statue der Minerva wieder in die öden Hallen Eurer Akademie einführen. Zu dieser Feierlichkeit hast Du mich eingeladen, ich werde nicht ausbleiben; denn die Formeln, mit der die verstoßene Tochter in ihr Erbe wird eingeführt werden, müssen ergötzlich sein. Wenn im Saale bei den Worten: und somit ist die philosophische Classe der Akademie wieder eröffnet! Jemand niest, so bin ich es.

Eure Akademiker glichen vor einiger Zeit jenem Manne, der, um den Feind nicht durch die Thür des Hauses eindringen zu lassen, lieber das ganze Haus abriß. Ein Narr zündete einen Wald an, um sich zwei Eier zu kochen; Jene gaben dazu das extreme Gegenbild. Man weiß, daß die beste Art, sich der Könige zu entledigen, die Abschaffung des Königthums ist, darum wollte man lieber die Philosophie aufheben, als einem Philosophen dieses oder jenes Namens seine Verehrung zuwenden. Zu Fichte sagte man einst: Theurer Fichte, nur noch zwei Stimmen, und Sie wären einer der Unsrigen gewesen! Zu Hegel sagte man: Verehrter Herr Hegel, wir hätten's uns für eine Ehre geschätzt – mais la Philosophie n'existe plus. Jetzt ist nun dieser gestorben, oder wie F. Förster sich ausdrücken würde, er sitzet zur Rechten Gottes, was steht da noch zu fürchten? Der Convent decretirt das Dasein Gottes, die Philosophie ist wieder Facultät der Berliner Akademie, und das Zweigespann des preußischen Pascal und des preußisch-christlichen Sokrates ihre Heroen.

Du hegst die Besorgniß, alle Dinge im Himmel und in Preußen seien nun ausgedacht. Aber Hegels Einfluß war doch nur unwesentlich im Preußischen, der Organismus des Landes und der Regierung ist noch immer Fichtisch. Fichte hat eine tiefere, mehr auf Grundlagen gebaute Stellung zum preußischen Staate gehabt. Hegel hat dem Gerüst zwar erst die Krone aufgesetzt, doch nach abgehaltener Baurede muß man sie wieder abnehmen und mit Schornsteinen ersetzen. In friedlichen Zeiten mag der Staat die Eitelkeit besitzen, sich sogar in einem philosophischen Systeme wissenschaftlich construirt zu sehen. Im Augenblick der Noth ruft man aber jene kräftigeren Naturen wieder auf, die mit Rath vorangehen, dann selbst Hand ans Werk legen, wenn der Feind vor den Thoren ist, Schanzen aufwerfen, und sich als Landsturm auf die Pike legen.

Fichte kann die Folgen nicht geahnt haben, die seine Bestrebungen für das Wohl des Staates, der ihm einst Schutz und Sicherheit gewährte, dort nach sich gezogen haben. Die schroffe, nüchterne Manier des Borussianismus ist die den allgemeinen deutschen Zwecken meist so feindselige Consequenz eines Systems, das sich an seinen Namen am passendsten anschließen läßt. Unter seinem leitenden Compasse hat man dort eine Welt entdeckt, die tiefer begründet sein will, als die gemeine Wirklichkeit, aber auch höher liegen soll, als die Gesetze der Vernunft. Ich will Dir die Beweise nicht schuldig bleiben.

Die Traumbilder schönerer, glücklicherer Zeiten, die Hoffnungen für Menschenwohl und Völkerglück spiegeln sich nie reiner, als in den klaren, unverdorbenen Gemüthern der Jugend. Welcher für das hohe Ideal der Menschheit Begeisterte hätte seine Lehren und Ermahnungen den schwachen, gefangennehmenden Vorurtheilen des Alters gepredigt? Von Lykurg bis Pestalozzi ließen sie Alle die Kinder zu sich kommen, denen die Verheißung des Himmelreiches schon auf Erden gewiß schien. Als Erzieher lernt auch der ärgste Pedant schwärmen. Man hat oft solche Bildner wie Kirchenräuber betrachtet, die aus den jugendlichen Heiligthümern durch ihr methodisches Einprägen und Eindrücken die schönsten Gefäße, Natürlichkeit, ungekünstelte Empfindung stehlen, und oft mit Recht. Aber Fichte suchte der jugendlichen Seele auch das Treiben der äußern Welt verständlich zu machen, und diese Absicht rechtfertigt ihn, wenn aus den kleinen Stämmen der großen preußischen Baumschule freilich nur die Enthusiasten des preußischen Cocardennationalismus geworden sind. Konnten die Anhänger seines Systems ahnen, daß die Zeiten und Interessen der Befreiungskriege von den Forderungen des Zeitgeistes fünfzehn Jahre später so sehr verschieden sein würden? Der Grundsatz der öffentlichen Erziehung bleibt richtig, nur kann die Thatsache jenes preußischen Radicalübels dadurch leider nicht ungeschehen gemacht werden.

Du kennst den Schaden, aber es ist gut, sich ihn recht deutlich zu machen. Der öffentliche Geist in Preußen bricht sich in drei Fulgurationen: Die Beamten oder die Altpreußen, die Geistreichen oder die Cavaliere und Liebhaber des preußischen Staates und endlich die sogenannten preußischen Liberalen. Der Schlüssel dieses harmonischen Dreiklangs ist die Erziehung, wie sie war und noch ist. Die erste Classe bildet sich durch die vaterländischen Erinnerungen, sie ist die solideste Grundlage des preußischen Systems; fast anziehend, wenn man sie in ihrer Seligkeit gewähren läßt, unerträglich, wenn sie in einen Kampf mit fremden Ansichten geräth. Das Herz dieser Patrioten schlägt für Friedrich Wilhelm so rein, wie es nur eine Braut verlangen könnte. Wenn einem Gliede der königlichen Familie die Nase blutet oder ein Ohr saust, so sind sie traurig, und sehen sich einander bedenklich an. Ließe sich ein Prinz eine Gemahlin aus dem Reiche der Irokesen kommen, die Patrioten kämen zu keinem Gastmahle zusammen, wo nicht der indianischen, schwiegerväterlichen Majestät ein entzücktes Hoch gebracht würde. Es ist liebenswürdig, man möchte Thränen vergießen. Die Schulen erhalten diesen Sinn, vaterländische Erinnerungsfeste belehren ihn, die Frauen machen ihn poetisch. Wir haben hier ein Gedicht, ein Epos der Ueberzeugung. Welche Stellung dazu Fichte einnimmt, könnt' ich aus meinem eignen Leben beweisen. Meine erste Jugend fällt in jene Zeit, wo die preußische Regierung so sehr Kind wurde, sich vor Kindern zu fürchten. Wenn wir einst auf dem Exercierplatze bei Berlin vor Hoheiten und Majestäten Uhren und dergleichen Habseligkeiten von weit über hundert Fuß hohen geschälten Fichten herunterbrachten, wie konnten wir da gefährlich werden? Es ist wahr, wir glaubten an ein freies, unabhängiges Leben, aber die Jugend ist nie folgsamer, als wenn sie unter dem Schein vollkommener Wissensfreiheit erzogen wird. Ich kenn' einen jungen Seiltänzer, der sein Gewerbe längst verflucht hat und vergebens den Schutz der Obrigkeit gegen die Tyrannei seines zwingenden Vaters nachsucht, aber er ist der beste Freund seines Despoten und seines halsgefährlichen Gewerbes, wenn ihm der rauschende Beifall einer versammelten Menge gezollt wird. Es ist noch mehr wahr, wir traten in die Burschenschaft, substituirten in unsern Liedern statt Landesvater Vaterland, wir declamirten viel vom Nibelungenhorte, der im Rhein läge, von der deutschen Kaiserkrone, aber wer unter uns hatte sie nicht Friedrich Wilhelm dem Gerechten zukommen lassen? Es ist wahr, wir ließen uns einen längern Bart stehen, als der militärisch gut gethan wurde, war das aber ein Grund, die angeblich hölzernen Urquellen dieser Begeisterung abzubrechen, die sandigen Laufgräben in der Hasenhaide zu verschütten, jenen herrlichen Irrgarten ebenda zu zertreten? Die Freiwilligen, die Lützow'schen, die Turnenthusiasten sind Preußens festeste Grundlage; konnte irgend ein anderes deutsches Territorium ihrer Begeisterung größeren Spielraum geben? Wenn so ein purificirter preußischer Demagog es bis zu einem Oberlehrer etwa in Märkisch Friedland gebracht hat, so schreibt er als Ritter des eisernen Kreuzes noch nach den Julitagen ein kleines Gemälde der großen Völkerschlacht bei Leipzig, als Zeitgemäßestes. Ein Arndt, der den Franzosen vorwerfen kann, daß sie nicht wie wir germanischen Blutes sind, ist in den Burschenschaftstrümmern der Preußischen Universitäten noch immer der Prophet und Gesalbte. So sehr ich Dich, meine Theure, als Ritterin des Louisenordens verehre, und die Nadelstiche segne, mit denen Du den erblindeten preußischen Kriegern das himmlische Auge der Wehmuth und des gerührten Dankes öffnest, so hat es doch immer Händel gegeben, wenn meine Collegen nicht nur mit 13 und 14, sondern sogar mit Anno 6 anfingen, und von Louisa, Thusnelda's Kinde und der einsam blühenden Rose sangen. Also das Preußenthum kann gar nicht untergehen, denn die Sentimentalität geht nie aus. Nein, auch das ist nicht Grund; die Regierung dürfte nur die Empfindungen des Herzens verbieten, sie würden dennoch ein Organ finden, mittelst dessen sie ihre Gesinnungen an den Tag legten. Es geht in Preußen, wie in einem alten Mährchen, wo die Feinde des tugendhaften Sultans, selbst wenn sie ihn schmähten, verdammt waren, nur sein Lob auszusprechen. Und wenn ich nun, edler Fichte, deinen verklärten Geist anrufe, und meinen Zeigefinger freundlich drohend gegen deinen Schatten erhebe, so hörst du von mir lieber, daß du der Vater dieser Dinge bist, als von der Mainzer Centralcommission, daß du es nicht bist!

Die zweite Classe sind die königlich preußischen Staatsnarren, die in Preußen, Gott weiß, was, verwirklicht sehen. Den Kennern der deutschen Literatur kann es nicht fremd sein, daß der Fichteschen Lebensansicht die Steffens'sche sich gegenüberstellt. Sollte Steffens wirklich den Hegelschen Lehrstuhl erhalten, so ist diese zweite Classe nach einer gewissen historischen Typik sogar mathematisch richtig bewiesen. Die tieferen in der Burschenschaft genährten Ideen über Volksthümlichkeit, Einfluß der Religion auf die Individualität der Völker, über die Nothwendigkeit gewisser theokratischer Lebensformen, gehören hierher. Du weißt, ich war einmal ein leidenschaftlicher Verehrer dieser Ansichten. Du tolles, unruhiges Weib, nanntest mich damals einen Quietisten, und wolltest mich stricken lehren. Auf einer Reise wollt ich Dir die Beweise vorbringen. Wir durchstrichen die deutschen Gauen, gingen immer nur Flußgebieten und Bergrücken nach, suchten und forschten nach den natürlichen Gränzen der einzelnen deutschen Staaten. In den tiefsten Gegenden lauschten wir, ob wir nicht wo die Quellen der sogenannten alten Naturempfindung sprudeln hörten. Springruthen legten wir des Tages wohl zu hundert Malen an, ob uns nicht wo die sogenannten historischen Bedingungen wie Erz und Silber entgegenblinkten, aber die Brüste der Mutter Natur waren schlaff und ausgeleert. Mitten unter duftigen Rebenhügeln, unter winkenden, dunkelblauen Trauben lagen ihre Söhne. Es ist wahr, die Glocken läuteten zur Kirche, es war ein schöner Sonntagsnachmittag, sie hielten alte und neue, Paul Gerhard'sche und Witschel'sche Gesangbücher unterm Arm, aber, wie in der norwegischen Heimath unseres Ideenmentors, waren sie berauscht von einem Tranke, dessen Namen ich in Deiner Gegenwart vergebens suche. Himmel, damals sprang mir Etwas im Kopfe über, und seither waren wir geschworne Republicaner.

Die Mathematiker mühen sich mit der Quadratur des Cirkels ab, jene sublimen Theoretiker mit der Centralisation eines Vierecks. Sie suchen den Mittelpunkt des preußischen Staates, sie glauben ihn in Diesem oder Jenem gefunden zu haben. Der Kampf des Mechanismus und Organismus in der Politik ist ihnen für Preußen durch den Sieg des letztern entschieden. Wir wollen abwarten, wie sich ihre Illusionen aufdecken, wie die nackte Wahrheit einst sprechen wird.

Der preußische Liberalismus wird von Raumer repräsentirt und Hegel ist ihm sehr verwandt. Man liest mit Theilnahme die fremden Zeitungen, und wagt Einiges für Preußen zu hoffen. Man hört nicht ungern die Vorlesungen des Professors Gans und liest mit Vergnügen Börne's und Heine's Schriften. Die Fashionables von Berlin lassen heimlich Maltitzens Pfefferkörner zusenden, auch spricht man hier und da noch ohne entschiedenes Urtheil, von den neuerdings erschienenen Briefen eines Narren an eine Närrin, die ich Dir beiläufig empfehle. Nur wird an allen diesen Richtungen eines freiem Geistes nicht der Inhalt, sondern nur die Form beachtenswerth gefunden; mißfällt die letztere, so ist jener völlig verloren, statt daß umgekehrt die Wahrheit die Schwäche ihres Organs entschuldigen sollte. Zu den preußischen Liberalen rechnet man Juden, als äußerste Linke, den Handelsstand als Centrum, die gemäßigtsten sind junge Beamte, Juristen und einige vom Militair. Hegel gehört in diese Kategorie; nicht so sehr durch sich selbst, als durch seine Schüler. Obschon Raumer von ihm ziemlich entfernt stand, so kann man doch sagen, daß Hegel die Doctrin des preußischen Liberalismus mit Ueberzeugung in seiner Art a priori construirte, Raumer übersetzt sie ins Altpreußische, Gans ins Französische. Dem Letztern magst Du vorläufig ankündigen, daß ausländische Deutschland würd' an ihn eine Adresse richten, und sich über seine Stellung zu den politischen Ansichten seines Meisters eine Erklärung ausbitten. Nicht nur das Vaterland, sondern auch das Publicum hat ein Recht dazu.

Wie ich aber heut nur zu den Philosophen komme! Die Philosophie wird nicht aufkommen, wenn nicht die Restauration wieder eintritt; die Restauration tritt aber nicht ein, und sollten wir leeres Papier statt Journale verkaufen. Käm' es aber doch noch zu einem Flor der deutschen Philosophie, so wollt' ich den Hegelianern in die Flanken fallen, aber nur zum Spaß. Die Hegelschen Schüler hast Du sehr gut mit Instrumenten verglichen, die nur auf eine bestimmte Anzahl Musikstücke gesetzt sind. Von der Geschichte der Philosophie wissen sie nicht mehr, als ihres Meisters drei Stellungen zur Objectivität, die Philosopheme, die wir Beide schon vor Jahrtausenden lehrten, kennen sie gar nicht.

Die harte Nuß des Nachfolgers ist noch immer nicht geknackt. Sollten denn die ständischen Zuhörer aus Nro. 8, Herrn Wilhelm Beer an der Spitze, noch nicht reif sein? Wie ist's mit Herrn von Henning, Hegels von Staatswegen berufenem und verordnetem Hermeneuten und Dolmetscher, zugleich auch seiner militärischen Sauvegarde erstem Flügelmann? Hat Herr Michelet mit seiner demonstrirenden linken Faust sich noch nicht Nachdruck genug gegeben? O, bitte, verschweig' mir Nichts!

Um aber von Etwas Anderem zu sprechen, Du willst Lieder herausgeben, Wanderlieder, unter dem Titel einer fahrenden Jungfer. Nur eile damit, ehe so etwas aus der Mode kommt, und recht persönlich, rath ich Dir!

Und nun seh' ich, ist auf diesem weißen Bogen schon wieder die Nacht mit ihren schwarzdintenen Rabenfedern gezogen. Der Wächter ruft auf der Zinne. Die Stunde des Scheidens hat zum Schlagen schon angerückt. Noch einmal, Geliebte, lüfte Deinen Schleier! Hörst Du, da oben auf dem Balcone! Du schönster Stern der Nacht, wann wirst Du mir wieder aufgehen? Fahre wohl! Der Kalender unserer Herzen wird uns Kunde geben, wann sich unsere Bahnen wieder durchkreuzen. Fahre wohl!

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