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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 13
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Eilfter Brief

Welche Thaten, welche Begebenheiten! Tausende von Kriegern verlassen ihre heimathlichen Fluren, die, mit dem Blute ihrer Brüder getränkt, ihnen keine Früchte brachten; eine neue Völkerwanderung. Der rechte Flügel der Pforte versagt länger den Dienst, und die wilden Scharen von den Ufern des Nil's und den brennenden Sandsteppen des innern Afrika's ziehen kampfgerüstet in die Thäler Syriens. In Frankreich und England wird den Standesprärogativen, die Jahrhunderten getrotzt haben, jubelnd heimgeleuchtet. Roms weltlicher Thron hat keine andere Stütze mehr, als fremde Bayonette, die schwächste, die es für Staaten jetzt noch geben kann. Deine treue Philine, das liebe Thier ist gestorben. Welch' eine Zeit!

Tröste Dich, Geliebte, gib dem Schmerz nicht allzusehr Raum! Lies einstweilen Fichte's Schriften, bis ich Dir einen Trost a priori geben werde.

Es ist ein Jammer, schon wieder von Deinem Unglück zu reden. Aber es ist so, Du bist die ewige Jüdin. Welch schmerzlicher Gedanke!

Da irrst Du nun über Berge und Meere, suchst die tiefste Nacht, und Deine Augen wollen sich nicht schließen. Ich sehe Dich mit scheuem Blick durch die Erde wandern; Dein zitternder Fuß ist das Piedestal einer todten Statue. Du klagst, man fliehe vor Dir, man fürchte Deine unheimliche Nähe, man verstehe Dich nicht, weil Du in fremder, nie gehörter Zunge sprichst. O, Du Liebe, laß sie mit ihrem kalten Sinne Alle! Eile zu mir unter mein friedliches Dach. Genieße die Freuden, die ich mit liebendem Herzen Dir schaffen will. Unsere Leiden werden wir so leichter ertragen.

Wie will ich an Deinem Munde lauschen, wenn Du von den Bildern der Zeit beginnst, die schon alle an Dir vorübergegangen! Jeder Kuß soll eine Ewigkeit sein, die ich von Deinen Lippen sauge, jeder Händedruck ein Pulsschlag, der durch Jahrhunderte, die Adern der Zeit, mich berührt. Du lehrst mich die Freuden des Todes und den Schmerz der Unsterblichkeit. Dafür wirst Du an meinem Grabe, wie Dein Gemahl an dem des Erlösers die Ruhe Deines Herzens finden!

Nach Deinem Manne sehnst Du Dich wohl nicht mehr? Hast ihn wohl vergessen über die ungeheuere Last, die in Deinem Gedächtnisse liegen muß? Treulose, hat er Dich nicht gesucht vom Aufgang bis zum Niedergang? Schrickt er nicht noch, wie ein schüchternes Reh, vor jedem rauschenden Blatt zusammen? Immer erwartet hast Du ihn immer getäuscht. Sein linkes Auge war der Welt und ihrem Treiben bestimmt. Tausende sah' er unter Flammen oder Schwert untergehen, und es blieb trocken, kalt, er wäre ja so gern mit ihnen hinabgestiegen. Sein rechtes aber suchte Dich, und das schwamm ewig in Thränen, und dämmerte wie ein flackernd Licht.

Sieh' um Dich, und forsche nach der Gegend, da Du jetzt weilst! Wachsen in der Mark etwa Palmen, und die riesige Frucht der Ananas? Siehst Du dort, wie hier, Dattel- und Feigenbäume, und den zweitausendjährigen, verdorrten, da unten im Thale? Blick hin, dort drüben vor den Thoren Jerusalem's, siehst Du Golgatha, den rechten Kreuzberg? Schon läutet es zur Messe. Komm, Du blindes Weib, tritt herein in die dunkle Pforte dieses heiligen Hauses! Dort unten in der nächtlich finsteren Höhle, wo Du die Kerzen, wie Irrlichter, leuchten siehst, wessen Grab ist dies? Erkennst Du mich noch nicht? Ich bin Dir fremd? wie ? Wahnsinnige? Du hast mich vergessen?

Freundin, einzige Geliebte, willst Du mich denn so allein auf diesen eisigen Schollen treiben sehen? Zerküsse mit warmem, liebewarmem Munde die winterliche Schneedecke, unter der ich begraben liege. Laß Du einen neuen Frühling um mich aufblühen! Feire mit mir die Sonne der Auferstehung! Du hast immer meine Wünsche erfüllt, noch ehe Du sie vernahmst, jetzt wirst Du diesen lesen, wenn ich schon der Erhörung mich zu erfreuen habe.

Es muß doch wahr bleiben, wir Beide bilden ordentlich eine Aristokratie der Einverstandenen, die noch stärker ist, als die der Ueberzeugten. Ich erkläre mich bestimmter.

Im Einverständniß können auch Nichtüberzeugte handeln. Ueberzeugte sind oft muthig auf eigne Hand, darum aber auch meist unglücklich. Die Kunst des Lebens fängt nicht mit dem Sprechen, sondern mit dem Hören an. Kommen wir aber endlich doch einmal zur Oeffnung des Mundes, so will man von uns weniger Gehorsam, als Beifall. Die Macht, die Tyrannei liebt nicht so sehr den Diener, der aus Eifer handelt, als den, der sich überredet stellt. Der Egoismus setzt zwar nie einen fremden Willen, aber immer eine fremde Meinung voraus. Bis er die Hände seines Opfers braucht, wird er sie gefesselt lassen, den Mund kann er sich schon nicht enthalten zuweilen von seinem Zaume zu lösen, wie sollt' er anders sein Lob und die Beistimmung des Andern vernehmen!

Wie glücklich die Unterthanen doch sind! Auf beiden Wegen wird immer noch ein wenig Luft und Sonnenschein in den Kerker unseres Lebens kommen. Wir billigen, und aus Dankbarkeit macht man das Gehorchen weniger schwer. Wir gehorchen, wollen aber nicht billigen, wird man uns dann jenes nicht auch erleichtern, um uns nur zu diesem zu bewegen! Als Galiläi die Daumenschrauben und die Schmerzen der Tortur fühlte, ließ er die Bewegung der Sonne um die Erde gelten: so oft er wieder frei war, trat er heftig mit dem Fuß auf, und rief: es ist doch nicht wahr! Warum sollen es wir nicht ebenso machen?

Die Herrscher wollen ihre Forderungen gern für eine Wahrheit, am liebsten für eine Wohlthat anerkannt wissen. Darum liegt auch nichts so sehr in ihrem Interesse, als jedem ihrer Vorrechte und Gewaltschritte die Form eines Vertrags und einer den Unterthanen selbst schuldigen Verantwortlichkeit zu geben. Man wird nie einen Krieg beginnen, ohne sich vorher durch ein Manifest der europäischen Meinung, oder auch nur der im eignen Lande versichert zu haben. Die Verfassungen, wie gern sie aus eigner Gnadenfülle und Machtvollkommenheit hergeleitet werden, sollen nach ihrer Abschließung meist dazu dienen, die gleichmäßige Abwägung der Rechte und Pflichten nach den höchsten Gesetzen des Rechtes und der Billigkeit zu bezeichnen, und wie Keiner etwas sein nennen dürfe, ohne das Eigenthum des Andern anzuerkennen. Wie aber Lug und Trug über den ehrlichen Willen immer den Sieg davonträgt, beweisen bis jetzt noch die meisten deutschen Formen dieser Art. Man wird bei ihnen fast an jene Mutter erinnert, die ihren Kindern Pflaumen kaufte, um ihnen die Kerne zum Spielen zu geben, das Fleisch aber für sich zu behalten.

Darum, meine Gute, wo es Dir nur irgend möglich ist, verleite die Herrscher zu Gewaltschritten, befördere die Ordonnanzen, damit wir zu neuen Juliustagen kommen. Stift' an den Höfen, wo du Zutritt hast, Factionen, Camarillen; spiegle den Schwächern das Uebergewicht an Gewalt vor, das die Mächtigeren besitzen, und diesen selbst noch die Kleinigkeit, die Jenen gelassen ist! Ich wette, es muß zu Fortschritten kommen, zu neuen Verträgen, zu Revisionen der alten. Oder kannst Du glauben, daß in dem Rechte einiger Unterthanen, ihre Abgeordneten zu Landtagen nach der Residenz zu schicken, die Beruhigung für die Zukunft liegt? Begnügst Du Dich für das tägliche, außerlandtägliche Leben mit jenem Schimmer der Habeascorpusacte, die Dir die Sicherheit Deines Eigenthums zusagt? gibst Du Dich mit diesen schwächlichen Formen wirklich zufrieden?

Ha, Du Falsche, jetzt erkenn' ich Dich! Also bis zu diesem Punkte, bis zu solchen Fragen, wo ich meine sämmtlichen süddeutschen Freunde schon gegen mich empört sehe, hast Du mich reden lassen, und nun ich eben den Stab über alle Parteien des Tages brechen will, verlässest du mich? Treuelose, womit hab' ich das an Dir verdient! Nun hast du mehr als meine Liebe verscherzt, mein persönliches Vertrauen, das Dir sonst in die geheimsten Falten meines Herzens den Zugang nicht verwehrte! Wie werden sie in den Museen von München, Stuttgart, Carlsruhe mich verdammen, mich Deinen ehr- und pflichtvergessenen Freund nennen! wie wird man in den berliner Schachklubbs, auf dem Casino über mich frohlocken!

Wenn man an diesen letzten Oertern noch nicht weiß, daß ich ein Erzschelm von Republicaner bin, so wär' ich ja zu Gnaden wieder aufgenommen. Nenne mich ihnen als einen Radicalreformer, einen Hunt, so haben sie mich doch noch lieber, als wenn ich irgend einen Anklang an französisches Leben verrathe.

Um Dir ein Beispiel zu geben, wie in Frankreich zu manchen Zeiten auch kein einziges Moment vorhanden ist, an das sich das Interesse eines preußischen Herzens anschlösse, wähl' ich die Lage Frankreichs zu Anfang des verflossenen Jahres. Die Deputirtenkammer war damals den französischen Patrioten ein Gräuel, sie lobte Lafayette, um ihn zu tadeln, sie hatte sowohl jene Partei gegen sich, die sie als Unruhstifter bezeichnete, als auch die Regierung, die sie im Einverständniß mit dieser handeln sehen wollte. Welcher Gesichtspunkt bleibt nun da für ein preußisches Auge übrig? Die Kammer wird gehaßt, weil constitutionelle Formen in Preußen a priori ein Gräuel sind. Lafayette gilt in Berlin als der lächerlichste alte Geck, der sich auf seinem revolutionairen Steckenpferde fast kindisch gebärdet. Vor Blättern, wie die Tribune, die Revolution, der National schlägt man ein Kreuz. Eine Regierung, die einen Odillon Barrot zu ihren Gliedern zählte, die die Affichen der Studierenden billigen konnte, scheint das gefährlichste Beispiel. Die Karlisten tadelt man, weil Louis Philipp von den europäischen Monarchen als Bruder anerkannt worden ist. Nach Jesuiten hat man, wie billig, keine Sehnsucht, Simonisten sind die Preußen längst gewesen, wie die Allgemeine Zeitung jüngst berichtet – was bleibt da übrig? vielleicht das schöne, erhabene Beispiel eines Staates, der frei, unabhängig von den Wirren dieser Zeit sein Glück in sich und seinem Könige findet?

O Theure, laß auch uns aus dem Lärm heraustreten, und hinaufsteigen auf einen poetischen Hügel. Sollten uns selbst da die Gegenstände der Politik begegnen, so werden wir doch so viel Phantasie besitzen, uns durch das Rauschen einer Wassermühle nicht an die Jammerrufe Brot, Brot! erinnern zu lassen, sondern nur die schäumenden Diamanten des Wogenfalls im Auge behalten.

Wie uns dort aus der Tiefe des Thals das frische Grün entgegenlacht! Die Sonne beleuchtet die tausend Thauperlen, als wären sie Rubinen auf weichem Sammet. Sollte denn der blaue Bach nicht mehr als Kiesel enthalten, und zu einer Edelsteinwäsche sich eignen, so funkelt's um ihn herum! Fließt derselbe Bach nicht aus dem Schatten des Waldes heraus, als hätt' er da an seiner Quelle Gespräche oder Liebesklagen abgelauscht, so geheimnisvoll thut er, der sonst so geschwätzig helle Gesell! Freundin, richt' einmal Dein Auge scharf über jenen ersten Hügelvorsprung hinaus, der dunkle Punkt da in weiter, blauer Ferne, ist das vielleicht eine Burg? Geliebte, eine Burg? Ohne Burgen kann ich nicht leben, ohne Burgen keine Poesie und ohne Poesie kein Leben. Darum erklär' ich mich auch unbedingt mit Walter Scott gegen die Reform, ich halte den Mann für die letzte Stütze der Romantik, er und sie fallen aber mit den Burgen.

Wenn die Reformbill siegt, so ist es mit der Poesie vorbei. Diese braucht die verfallenen Flecken, jene hat ihnen den Untergang geschworen. Sinkt die Aristokratie, so gelten auch die Sitze ihrer Väter nichts mehr. Sie selbst wird dann eilen, Meiereien und Fabriken auf ihren Trümmern anzulegen. Die Erinnerung der Vergangenheit – und das ist alle Romantik – beweist für die Gegenwart nichts mehr, für die Gedanken der Zukunft wird diese selbst sorgen. Die Lumpen der Fabrikarbeiter in Manchester und Birmingham sollen künftig die Rolle spielen, die bis jetzt nur der Seide und dem Hermelin zugetheilt war. Der Irrthum, daß der Mensch immer so groß ist, als die Scholle Landes, die er besitzt, ist jetzt erwiesen. Darum wird mit dem Ansehen des Adels auch seine ungeheuere Ländermasse zerfallen. Das Bedürfniß ist jener tribunus plebis, der die neue lex agraria vorschlägt, da es keinen Senat mehr geben wird, da man weiß, wem es gegolten hat, wenn gerufen ist: à bas les hauteurs immesurées! so wird sie siegreich durchgehen. Die Art, wenn die freien Güterbesitzer aufkommen müssen, wird die seyn. Erst freie Schußgerechtigkeit, man wird in den unermeßlichen Forsten der Aristokratie jagen dürfen. Ist man erst in ihnen, so werden sie abgetragen, theils zur Feuerung, theils zur Erlangung eines urbaren Bodens, theils endlich zu Scheiterhaufen für all den Tand und Flitterstaat, den die erstürmten Burgen enthalten. Mich schmerzen die herrlichen Gemälde- und Büchersammlungen, diese prächtigen Kupferstichgallerien, diese mit so beispiellosem Aufwande zusammengebrachten Schätze; aber in Irland wird der Lärm seinen Anfang, in England noch nicht sein Ende nehmen. Wo soll da noch der Sinn für das Schöne, Edle gedeihen! Mordbrenner sind zwar die besten Staffagen der Schönheit, wie der Teufel, aber eine Welt voll solcher Bösewichter!

Doch ich beschwöre Dich, Freundin, hör' endlich mit solchen Schreckbildern auf! Du kennst die schwache Verfassung meiner Nerven, und wenn ich über solche Aussichten, wie Du mir sie da eben gegeben hast, nicht einmal weinen kann, so steigert sich mein Schmerz zu einer Höhe, auf der ich vergehen muß. Du bist auch so schonungslos, und deckst die grellen Seiten Deiner Gemälde so ganz ohne Rücksicht auf! Ich fürchte und zittere für Dich, Du möchtest Dich beim Verweilen in solchen Anschauungen zu einer Kälte der Empfindung und Grausamkeit des Gedankens steigern, die entsetzlich ist. Du gehörst zu jenen gräßlichen Schriftstellern, die auch Nichts, gar Nichts zeigen, woran man sie noch als Menschen, als empfindungsfähige Herzen erkennen möchte! Ich liebe es, und freue mich darüber, wenn der Heuchelei die Larve abgerissen wird, wenn sich die entdeckte Schuld vor ihrem Richter im Staube windet, aber ich wende mich dann ab, und fliehe das grausame Entzücken dieses Anblicks. Zeige immerhin den Stachel Deines gerechten Spottes, Du brauchst ihn nicht einmal zu verhüllen, nur entferne ihn zuweilen, tritt dann mit menschlich fühlendem Herzen zu dem wehmüthig klagenden Bruder, zu mir, der ich ja an Nichts glaube, als an Liebe und Treue, weine dann in meinen Armen. Selbst einen Galgen haben die Mädchen in Posen mit Blumen bekränzt, und Du willst nicht einmal von Deinen blutigen Dornen gestehen, daß sie an dem Stengel sitzen, auf dem oben sich eine Rose wiegt!

Ja, Geliebte, ich hoffe es bei Dem, was Dir nur am heiligsten sein kann, bei diesem Gefühle für Recht und Wahrheit, bei dem, was Dich zu solchen Ansichten und Urtheilen treibt, öffne Dein erstarrtes Herz dem milden Sonnenstrahle des Friedens. Küsse mich, Du holder Engel, und ein Frühling von Himmels- und Sternenblumen wird Dir an Deinen Locken grünen. Aus einer Tochter des Hasses wirst Du eine Tochter der Liebe werden. Die Hölle dieser Welt wirst Du Dir zu einem Himmel machen.

Seligste, hab' ich Dich jetzt wieder? Mich nenne ewig Dein!

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