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Briefe eines Narren an eine Närrin

Karl Gutzkow: Briefe eines Narren an eine Närrin - Kapitel 10
Quellenangabe
typeletter
booktitleBriefe eines Narren an eine Närrin
authorKarl Gutzkow
firstpub1832
year2001
publisherKulturverlag Kadmos
addressBerlin
isbn3-931659-19-4
titleBriefe eines Narren an eine Närrin
pages3-5
created20041006
sendergerd.bouillon
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Achter Brief

Es geht mir auch so, verehrte Freundin. Kein Vogel in der Luft kann sich mehr nach dem Frühlinge sehnen, als ich. Warum man nur die schöne alte Sitte des Winteraustreibens abgeschafft hat!

In meinen Thälern hier bin ich so ungern. Rings um mich her stehen nur todte Skelette, die sich gar nicht anschicken wollen, durch ihre gähnenden Knochengebilde endlich einmal frisches Laub durchgrünen zu lassen. Zwischen den Hügeln fluthen nur Nebelströme, an denen das Licht der Sonne, die so ängstlich, wie ich, das dunkle Blättergrün, das mit Reben und Trauben hier einst gestanden, sucht, rein verschwendet ist.

So wie Heine's Frühlingslieder im Morgenblatte stehen, so schicke sie mir. Dafür sollst Du das erste Veilchen haben, das ich finde.

Warum mußt' es doch ein Heine sein, der den Philistern die triviale Wahrheit, daß die Extreme sich berühren, wieder scheint bewiesen zu haben. Ich war so vergnügt, als Byron in seinem schönsten Alter starb; denn wenn er wirklich noch katholisch geworden wäre, so hätt es mich nicht seinet-, sondern Scott's wegen, der die Prophezeiung gab, geärgert. Nur das versöhnt mich mit dem abtrünnigen Heine, daß er den Umfang seiner Jakobinermütze nicht nach und nach kleiner gemacht hat, sondern plötzlich wie ein Gott mit seinem neuen Glauben, dem consequentesten Royalismus, dastand. Und es ist wahr, auch die Art seines Uebertritts ist consequent, ist schön, und die poetische Wahrheit darin ergreifend. Er hat seine Maria, die todte Marmorbraut, wie ein neuer Pygmalion – aber nicht der Immermann'sche – durch warmen Liederkuß wieder zurückgerufen in das dunkle Leben, in dem sie ihm einst als leuchtender Stern aufgegangen war. Nun ist aber auch der Schleier ihrer Geburt gefallen, sie ist eine Fürstin, und weist den Vermessenen, der sie doch vom Zauber dieses langen Traumes erlöst hat, zurück. Sie nennt seinen Liederkuß einen Judaskuß, verlacht die Thorheit, wenn er sie nach dieser Auferstehungswonne recht eigentlich sein lieblichstes Poema nennt. Kann eine Fürstentochter mit einem Jakobiner Freundschaft halten? Darf sie je zugeben, daß ihr, wie einer Vagabondin, der freie Zutritt in civilisirte Staaten, wie Preußen, untersagt ist. Nun klagt der Arme, singt Palinodien auf Gott, Sklaverey und Unsterblichkeit, will nie an Götter, Freiheit und ewigen Tod geglaubt haben. Ich gönne ihm die Vortheile dieses Widerrufs recht gern, aber das ärgert mich, wenn nun so ein Wilibald Alexis in den Leipziger Unterhaltungsblättern drucken läßt, von dem jungen, talentvollen Heine ließe sich noch nichts festsetzen, da er den eigentlichen Fittig seines Schwunges noch nicht entfaltet habe.

Ach! Geliebte, ich sattle am Ende auch noch einmal um. Es ist einem doch nicht um die Strecke, sondern nur ums Reiten zu thun. Wer nur die Jugend wieder findet, hat der nicht Alles gefunden? Ich wandere und wandere, und wenn ich auch im Cirkel gehe, so sehe ich doch die liebe Heimath wieder, und höre den Alpenreigen und das wohlbekannte Glockengeläute, jenes wonnesüße Weh empfindend, an dem ich einst sterben möchte.

Wenn ein Fürst die Art seiner Anschauungsweise auf 1777 zurückdatirt, so hat er gewiß verstanden, was Börne darunter meinte, wenn er sagt: der hat das Ziel erreicht, der da ankommt, von wo er ausgegangen ist. Wenn wir einmal 1900 schreiben werden, so müßten wir die Uhr der Zeilen um hundert Jahre zurückstellen, aber die Uebereinkunft darüber muß allgemein sein. Jetzt stehen die Versuche der Fürsten und Regierungen in dieser Art noch zu isolirt, und finden beim Volke nicht die bereitwilligste Theilnahme.

Nicht ohne poetische Kraft und mit höchst blendendem Farbenschmuck schilderst Du mir Deinen Aufenthalt auf dem St. Bernhard, auf dessen Wipfeln Du in dem Hospiz der menschenfreundlichen Klosterbrüder so liebevolle Aufnahme fandest. Die Zelle, wo Du schliefst, ging nach den Gräbern des verschneiten Kirchhofes hinaus, der auf Erden seines Gleichen sucht. Auch mich wolltest Du dort unter den müden Schläfern treffen, und nur, weil ich Dir so lange nicht geschrieben, hast Du die ungeheure Reise gemacht. So viel habe ich daraus gelernt – so führt der erkannte Irrthum immer zur verfehlten und noch zu einer neuen Wahrheit – daß ich dort auf jenem kosmopolitischen Höhepunkte einst am liebsten ruhen möchte. Die Gebeine welcher Menschen lägen dort neben mir! Pilger, müde Wanderer, die vielleicht nicht mehr besaßen, als den Stab, auf den sie sich stützten, die wie ich auf Erden zwar noch Glauben an Liebe und Edelmuth, aber diese selbst nicht angetroffen haben!

Du weißt, ich hasse jede Täuschung, und fliehe mit Freuden eine Welt, die Versprechungen und Hoffnungen an die Stelle der ersehnten Güter selbst setzt. Wäre die Welt in einem steten Untergange begriffen, so vermöcht' ich vielleicht noch aus ihren Trümmern verkannte Tugend, beleidigte Unschuld zu retten, so aber soll sie ja erst gebaut werden, höchstens das Modell und Gerüst ist vorhanden, man appellirt an das goldene Zeitalter der Zukunft, und hab' ich für Alles Glauben, zu dieser Hoffnung fehlt er mir.

Man will, daß wir ringen und streben sollen, das Errungene aber und Erstrebte nicht außer uns suchen, sondern in dem hoffenden, noch glaubensfähigen Gemüthe. Da soll an der Liebe nicht der Besitz das Wahre sein, sondern die Liebe selbst. Nicht auf die erkannte Wahrheit käm' es an, sondern auf den erkennenden Geist. In sich selbst müsse man Ersatz für nicht gewürdigtes Verdienst finden.

Meine Theure, war's nicht Sokrates, der die Philosophie vom Himmel holen und in die Wohnungen der Sterblichen einführen wollte? War aber dies die Befriedigung und der Ruhepunkt seiner Absicht, daß er den Giftbecher trinken mußte? Cato träumte den schönen Traum von einer ewigen römischen Republik. War dies die große That, die ihn seinem Ziele näher führte, daß er mit eigener Hand mordendes Eisen in seine Brust senkte und seine große Seele aushauchte. Cäsar und Napoleon – was hätten Beide in sich selbst gefunden, wenn ihre Unternehmungen nicht ein glücklicher Erfolg gekrönt hätte? Oder war wirklich für Cäsar das das Höchste, daß er an der Säule des Pompejus starb? Für Napoleon, daß er auf die Felsen von Helena geschmiedet wurde?

Da stand ich auf den Höhen des Simplon, mitten unter versprengten Felsblöcken. Ich sah die Tiefe der Landstraße hinab, die eine von den Chiffren ist, in denen menschliche Kühnheit und Ausdauer spricht. Die Gluthen der untergehenden Sonne leuchteten schon in weiter Ferne über die Wellen des Genfer See's. Da sprang der letzte Strahl von dem nackten Felsen, an den ich mich lehnte, ab, und es wurde lebendig um mich, leises Murmeln, wie aus den Gräbern der Abgeschiedenen, umflüsterte mich immer dringlicher. Deutlich konnt' ich unterscheiden, wie aus der Tiefe der Straße über Klippen und jähe Felsen mannigfache Gestalten zu mir hinaufstiegen. Braune, gluthverbrannte Leiber, mit Bogen und Pfeil umgürtet, wie auch Afrika's und Numidiens Steppen. Fußgänger und Lanzenträger mit Helm und Schild, in ihrer Mitte ein flatterndes Fahnenwimpel, oben drauf ein goldener Adler. Lange Grenadiere und Flügelmänner mit buschigen Bärten und riesenhohen Bärenmützen, Bajonette blitzten wie Stahlfunken durch die Nacht.

Ich aber that meinen Mund auf und begann mit einer Anrede, die sie, auf einem Bergabsprunge in mannigfache Gruppen gelagert, anhörten. Denn sie blieben dort.

Wenn vielleicht einer unter Euch – begann ich – mit mir Philosophie der Geschichte bei Hegel gehört und verstanden hat, so wird der seinen Cameraden die Erklärung geben können, warum ich Jedem unter Euch gleiche Gerechtigkeit wider fahren lasse. Dir da unten, Numidier, der Du Dir das Tabackrauchen angewöhnt hast – wo könntest Du sonst Deinen Nebenmann um Schwamm bitten? – Bist eben so gut ein Moment der welthistorischen Idee, als dieser schwammreichende Nebenmann, den ich nach meinen antiquarischen Kenntnissen für einen halte, der in Cäsars Commentarien mitgefochten hat. Und selbst Du da, bärtiger Schelm, irr' ich nicht, ein Krämerssohn aus Toulouse, hast die Objectivität Deiner historischen Stellung schon gewonnen. Erwartet also nicht, daß ich die Bivouakgemeinschaft, die Euch so brüderlich zu vereinen scheint, durch vorwitzige Bemerkungen über Eure etwaige Classification stören werde. Solche kurzsichtige Ansichten der Geschichte überlassen wir denen, welche die historischen Personen so gern zu Vehikeln ihres leeren Raisonnements machen. Beklagen würd' ich auch also müssen, wenn Ihr etwa in der Absicht auf die Höhe dieses Standpunktes gestiegen seid, um in diesen wilden Natur- und Gesichtsschauern aus meinem Munde Declamationen und großartige Parallelen zu vernehmen. Hannibal, Cäsar und Napoleon sind für mich jetzt nicht mehr, als was mir ein Jeder von ihnen zu seiner Zeit gewesen wäre. Ich bewundere oder tadle gern in den Thaten historischer Helden auch zugleich die Reihe der durch sie veranlaßten Folgen, nie aber sollen wir von diesen letzteren aus, jene zu messen suchen. Es gibt nun einmal in der Geschichte außer der göttlichen keine andere Gerechtigkeit; politische ohnehin nicht, die poetische steckt nur in der Einbildungskraft schwacher Gemüther. Nichts thörichter, als den zweiten Band der Weltgeschichte wie einen Roman mit Augen zu lesen, die sich schon nicht enthalten können, nach dem sechsten zu schielen. Was in Beziehung auf Kommendes Vorurtheil ist, davon ist die extreme Umkehr eine gleichsam retrograde Charakteristik der Vergangenheit. Die Wiege der Thaten eines Hannibal muß der Schwur ewiger Feindschaft am Altare der Hausgötter bleiben. Hat es denn Cäsar verschuldet, daß ihn der Anekdotenkrämer Plutarch mit Alexander in eine Parallele brachte, und umgekehrt? Haben Napoleons fingirte Zwiegespräche mit den an St. Helena brandenden Wellen des Oceans, mit den Sternen, die sich in ihnen spiegeln, je für die Geschichte einen solchen Werth, wie die Poesie ihnen leihen möchte?

Unstreitig findet man jetzt darum so wenig glückliche Erfolge großartiger Versprechungen, weil man sich gerühmt hat, die Geschichte nur als stupenden Marmorblock zu betrachten, dessen ungefüge Masse schon jedes kleine Wort, jede noch kleinere That zu bilden beitrage. Es verhält sich freilich wirklich so. Doch wird man im Handeln immer besser thun, die Wahrheit, die verwirklicht werden soll, so zu wissen, als wisse man sie nicht. Man soll die höchsten Zwecke der Menschheit befördern helfen, sich aber nicht zugleich auf eine Ehrensäule stellen. Diese Ansicht hatte auch in der Schreckenszeit die französische Republik, als sie in einem naiven Decrete bei den größten Anstrengungen für die Wohlfahrt der Republik noch zum Schluß von Jedem die Bescheidenheit verlangte.

Die deutschen Fürsten sollten unsere Historiker aus der Johannes Müller'schen Schule, die weltepochirenden und weltzeitalternden, vor Allem den Hegel'schen Geschichtsstupor in ihr Interesse ziehen. Große Geister kann zwar Nichts mehr entflammen, aber die kleinen auch Nichts mehr entmuthigen. Doch wird von jenen die eine Hälfte meist immer unpraktisch sein, die andere ist nun einmal da, als nothwendiges Uebel, wenn schon in der geringsten Anzahl. Aber die Legion der Halben, die die Masse bilden, wird durch eine schwere Arbeit am leichtesten niedergehalten, und so nie gefährlich werden.

Aber auch wir Beide, Theure, werden uns nie gefährlich werden. Darum weiß ich auch nicht, warum wir bei unserer Liebe und den Schwüren für ihre Ewigkeit noch immer mit zwei Seelen und zwei Körpern leben! Ich opferte Dir gern meinen Leib, so daß uns ein Körper Beide enthielte, aber der Zwiespalt der Seelen dürfte in dem Einen nicht genug Spielraum haben. Darum empfehl' ich Dir den Vorschlag, unsere Körper gegen einander zu behalten, beide aber nur mit einer Seele zu beleben. Was dann Du denkst, waren meine Gedanken, und was ich fühle, hast Du schon längst empfunden. Deine Seele will ihren Körper an meine Brust werfen, und ich falle schon an die Deinige. Es umdämmert mich die Nacht der Wehmuth, und aus Deinen Augen gehen die Thränen als Sterne auf. Unsere Communalseele wird – nach bekannten physiognomischen Gesetzen – die Züge unseres Gesichtes ausgleichen und ähnlich machen, und dann werd' ich nicht mehr wissen, ob ich Du bin, und Du nicht, ob Du ich bist. Du willst Dir Rosen zum Kranze winden, und mich schmückt der Blumenkranz. Die schönste entfällt ihm, mir will ich sie anstecken, und schon ziert sie den Doppelthron Deines Busens. Entzückt wollen wir uns in die Arme fallen, wollen die Treue unserer Liebe mit heißen Küssen besiegeln, und ich umarme mich selbst, Du küssest Dich selbst.

Ueberschicke mir also zur Mischung Deinen Geist und fürchte während des Experiments nicht, Du möchtest um Deinen Verstand kommen. Wir wollen für Deutschland die erste Probe des Gemeingeistes aufstellen.

Warum mußt Du doch so weit von mir wohnen? Geliebte, warum theilst Du meine Hütte nicht mit mir? Wir Beide erleichterten uns so den schweren Miethzins, könnten Beide ein Licht brennen, so daß es Jedem nur auf die Hälfte käme.

Lebt denn Papchen noch in seinem messingenen Ringe? Das Thier muß schon sehr alt sein. Schon zu meiner Zeit hatte es alle Federn verloren. Ich glaube an Deinem Einsegnungstage wurd' es geboren. Dein Einsegnungstag! die paar Jahre, seit das her ist, kommen mir wie ein halbes Jahrhundert vor.

Wenn doch erst der Winter aufhörte! Noch ist Alles weiß und voller Schnee um mich her, auch mein Haupthaar und Bart. Ich sehne mich nach dem Frühlinge und nach Dir!

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