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Briefe an Ottla und die Familie. Auszüge

Franz Kafka: Briefe an Ottla und die Familie. Auszüge - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeletter
authorFranz Kafka
titleBriefe an Ottla und die Familie. Auszüge
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorHartmut Binder und Klaus Wagenbach
year1981
isbn3-596-25016-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120622
projectid13ce7673
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1924

Nr. 116

[Berlin-Steglitz, 1. Januarwoche 1924]

Liebe Ottla, ein schönes Bild, Věra, die alte Unschuld und Ruhe, übrigens Du hast Recht, ich fühlte mich von ihrem Blick gleich wiedererkannt. Ist sie nicht ein wenig schmäler im Gesicht oder ist es das kurze Haar, das diesen Eindruck macht. Großartig wie sich Helene (die deutsche Sprache nimmt fremde Vergleiche ohne weiters auf) zum Leben meldet. Und was Fini betrifft, so machte D. beim ersten flüchtigen Hinsehn die richtige Bemerkung, daß Du kaum wiederzuerkennen bist. – Die Marmelade ist wirklich Deine? Also ein weit vom Ziel abgelenktes und doch gut angekommenes Kompliment und wirklich aufrichtig, aber Linzer Torten kannst Du freilich nicht machen. Übrigens eine wirklich uneigennützige Frage: wie sind die Reineclauden ausgefallen? Ich frage nur weil ich doch gewissermaßen mitgearbeitet habe. – Noch eine andere viel traurigere Frage liegt mir am Herzen: wie ist Fräuleins Weihnachtsabend (die Schrift wird unwillkürlich klein, verkriecht sich) ausgefallen? Voriges Jahr hat sie mir die Hälfte des Geschenkes mit Bitten wieder aufgedrängt, ich habe es genommen und dieses Jahr muß man mir nichts mehr wiederaufdrängen. Schande? – Der Brief der Anstalt, den ich Dir verdanke, ist sehr freundlich und gar nicht kompliciert, zwei kleine Übersetzungen sind notwendig, diese: »Im Sinne der geschätzten Zuschrift der löblichen Anstalt vom –, für die ich ergebenst danke, erkläre ich, daß ich meine Eltern Hermann und Julie Kafka bevollmächtige meine Pensionsbezüge in Empfang zu nehmen.« Dann noch ein kleiner Dankbrief: »Sehr geehrter Herr Direktor! Erlauben Sie mir noch, sehr geehrter Herr Direktor, für die günstige und so freundlich gefaßte Erledigung meines Ansuchens persönlich von Herzen zu danken, insbesondere auch für die liebenswürdige Aufnahme meiner Schwester und für die gütige Einsicht mit der Sie die nach außen hin vielleicht etwas sonderbare nach innen hin nur allzu wahre Geschichte meines letzten Jahres beurteilen.

Ihr herzlich ergebener

 

Das wären die zwei Übersetzungen, sie sind nicht groß, nicht wahr? (dafür war allerdings die vorige wohl eine schreckliche Arbeit? Was soll ich aber armer Junge – das gilt sowohl mir als Pepa – jetzt tun, nachdem ich nun schon einmal die Lüge meines prachtvollen Tschechisch, eine Lüge, die wahrscheinlich niemand glaubt, in die Welt gesetzt habe) und da sie nicht groß sind, könnte ich sie bald haben? Als Honorar schließe ich einen Zeitungsausschnitt über »mein schönstes Goal« bei. – Was macht Klopstock? Schlecht, schlecht geht es ihm wohl. Bei dieser Kälte sich noch nach unsicherem Verdienst herumzutreiben, was für Helden, die das können. Außerdem hat er in seiner Not immer das verständliche Bedürfnis nach irgendeinem phantastischen Luxus, etwa der Věra ein Spielzeug zu kaufen oder – diesmal – nach Berlin zu fahren. Soll ich ihn aufmuntern? Ihm umsonst irgendwo ein Nachtlager für 2 Tage verschaffen wäre nicht schwer, sagt D., das Essen wäre auch leicht zu beschaffen, zwei Tage, aber soll ich ihn in die Riesenausgabe für die Reise treiben (wenn er auch bis Bodenbach ermäßigt fährt), nein ich werde es wohl nicht tun. – Meine Ernährung, nach der Du fragst, ist weiter glänzend und mannigfaltig (nur wird sich diesen Monat das Wunder des Auskommens mit 1000 K wohl nicht wiederholen trotz der großartigen Unterstützungen von zuhause) es gibt auch sonst keine Hindernisse. Kochen ist so leicht, um Sylvester herum gabs keinen Spiritus, trotzdem verbrühte ich mich fast beim Essen, es war auf Kerzenstümpfen gewärmt.

F

Alles Gute

 

Nur einen recht, recht herzlichen Gruß. So müde! Ich schlafe schon. Gute Nacht

 

Nr. 117:

An Julie und Hermann Kafka

[Postkarte]

Kierling, Ende April 1924]

Liebste Eltern, der Postweg hierher scheint sehr lang zu sein, also auch der Weg von hier, laßt Euch dadurch nicht beirren. Die Behandlung besteht vorläufig – das Fieber hindert anderes – in sehr schönen Wickeln und in Inhalieren. Gegen Arseninjektionen wehre ich mich. Vom Onkel bekam ich gestern eine lang umhergeirrte Karte aus Venedig. Von täglichen Regenfällen stand dort aber nichts, vielmehr das Gegenteil. Das Fieber dürft Ihr Euch nicht zu arg vorstellen, jetzt früh habe ich z. B. 37. Herzl. Grüße

F

 

Nr. 118:

An Julie und Hermann Kafka

[Postkarte]

[Kierling, 5. Mai 1924]

Ich mache von der Schreibfaulheitserlaubnis Gebrauch, auch hat D. schon alles gesagt.

Herzl. Grüße F.

 

Nr. 119:

An Julie und Hermann Kafka

[Kierling, ca. 19. Mai 1924]

Liebste Eltern, also die Besudle, von denen Ihr manchmal schreibt. Ich überlege es jeden Tag, denn es ist für mich eine sehr wichtige Sache. So schön wäre es, so lange waren wir schon nicht beisammen, das Prager Beisammensein rechne ich nicht, das war eine Wohnungsstörung, aber friedlich ein paar Tage beisammen zu sein in einer schönen Gegend, allein, ich erinnere mich gar nicht, wann das eigentlich war, einmal ein paar Stunden in Franzensbad. Und dann ›ein gutes Glas Bier‹ zusammen trinken, wie Ihr schreibt, woraus ich sehe, daß der Vater vom Heurigen nicht viel hält, worin ich ihm hinsichtlich des Bieres auch zustimme. Übrigens sind wir, wie ich mich jetzt, während der Hitzen öfters erinnere, schon einmal regelmäßig gemeinsame Biertrinker gewesen, vor vielen Jahren, wenn der Vater auf die Zivilschwimmschule mich mitnahm.

Das und vieles andere spricht für den Besuch, aber zu viel spricht dagegen. Nun, erstens wird ja wahrscheinlich der Vater wegen der Paßschwierigkeiten nicht kommen können. Das nimmt natürlich dem Besuch einen großen Teil seines Sinnes, vor allem aber wird dadurch die Mutter, von wem immer sie auch sonst begleitet sei, allzusehr auf mich hingeleitet sein, auf mich verwiesen sein und ich bin noch immer nicht sehr schön, gar nicht sehenswert. Die Schwierigkeiten der ersten Zeit hier und in Wien kennt Ihr, sie haben mich etwas heruntergebracht; sie verhinderten ein schnelles Hinuntergehen des Fiebers, das an meiner weiteren Schwächung arbeitete; die Überraschung der Kehlkopftuberkulose schwächte in der ersten Zeit mehr, als sachlich ihr zukam. –

Erst jetzt arbeite ich mich mit der in der Ferne völlig unvorstellbaren Hilfe von Dora und Robert (was wäre ich ohne sie!) aus allen diesen Schwächungen hinaus. Störungen gibt es auch jetzt, so zum Beispiel ein noch nicht ganz überwundener Darmkatarrh aus den letzten Tagen. Das alles wirkt zusammen, daß ich trotz meiner wunderbaren Helfer, trotz guter Luft und Kost, fast täglichen Luftbadens noch immer nicht recht erholt bin, ja im Ganzen nicht einmal so im Stande, wie etwa letzthin in Prag. Rechnet Ihr noch hinzu, daß ich nur flüsternd sprechen darf und auch dies nicht zu oft, Ihr werdet gern auch den Besuch verschieben. Alles ist in den besten Anfängen letzthin konstatierte ein Professor eine wesentliche Besserung des Kehlkopfes und wenn ich auch gerade diesem sehr liebenswürdigen und uneigennützigen Mann – er kommt wöchentlich einmal mit eigenem Automobil heraus und verlangt dafür fast nichts ..., so waren mir seine Worte doch ein großer Trost – alles ist wie gesagt in den besten Anfängen, aber noch die besten Anfänge sind nichts; wenn man dem Besuch – und gar einem Besuch wie Ihr es wäret – nicht große, unleugbare, mit Laienaugen meßbare Fortschritte zeigen kann, soll man es lieber lassen. Sollen wir es nicht also vorläufig bleiben lassen, meine lieben Eltern?

Daß Ihr etwa meine Behandlung hier verbessern oder bereichern könntet, müßt Ihr nicht glauben. Zwar ist der Besitzer des Sanatoriums ein alter, kranker Herr, der sich mit der Sache nicht viel abgeben kann, und der Verkehr mit dem sehr unangenehmen Assistenzarzt ist mehr freundschaftlich als medizinisch, aber außer gelegentlichen Spezialistenbesuchen ist vor allem Robert da, der sich von mir nicht rührt und, statt an seine Prüfungen zu denken, mit allen seinen Kräften an mich denkt, dann ein junger Arzt, zu dem ich großes Vertrauen habe (ich verdanke ihn wie auch den erwähnten Professor dem Arch. Ehrmann) und der allerdings noch nicht im Auto, sondern bescheiden mit Bahn und Autobus dreimal wöchentlich herauskommt.

 

Nr. 120

An Julie und Hermann Kafka

[Postkarte]

[Stempel: Wien – 26. V. 24]

Liebste Eltern, nur eine Richtigstellung: meine Sehnsucht nach Wasser (wie es bei uns immer in großen Gläsern nach dem Bier auf den Tisch kommt!) und nach Obst ist nicht kleiner als nach Bier, aber vorläufig gehts nur langsam.

Herzl. Grüße F.

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