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Briefe an Ottla und die Familie. Auszüge

Franz Kafka: Briefe an Ottla und die Familie. Auszüge - Kapitel 7
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typeletter
authorFranz Kafka
titleBriefe an Ottla und die Familie. Auszüge
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorHartmut Binder und Klaus Wagenbach
year1981
isbn3-596-25016-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1921

Nr. 89

[Matliary, 3. Januarwoche 1921]

Liebste Ottla um Zeit zu sparen, schreibe ich im Liegestuhl. Zuerst eine Bitte. Kein »Weg«. Wege hast Du vielleicht nicht mehr gern. Es handelt sich um einen Brief an den Direktor den ich in schönes Tschechisch gebracht haben möchte. Ich werde ihn jetzt zusammenstellen:

Sehr geehrter Herr Direktor

Jetzt bin ich schon über 4 Wochen hier, habe schon einen gewissen Überblick und erlaube mir Ihnen sehr g. H. D. kurz über mich zu berichten. Untergebracht bin ich gut (Tatr. Matl. Villa Tatra) die Preise sind zwar viel höher als in Meran, aber für die hiesigen Verhältnisse doch mäßig. Mein Leiden und seine Besserung kann ich im allgemeinen nur am Gewicht, Fieber, Husten und an der Atemkraft erkennen. Das Aussehn und Gewicht hat sich sehr gebessert, ich habe – kg zugenommen und werde wohl weiter zunehmen. Das Fieber tritt immer seltener auf, oft tagelang nicht und ist ganz gering, allerdings liege ich ja meistens und vermeide jede Anstrengung. Der Husten ist noch kaum geringer geworden, aber wohl leichter, er schüttelt mich nicht mehr. Hinsichtlich der Atemkraft schließlich hat sich noch kaum etwas gebessert. Es ist eben eine sehr langwierige Sache, der Arzt behauptet, ich müsse hier ganz gesund werden, sehr hoch muß man natürlich solche Behauptungen nicht einschätzen.

Im ganzen fühle ich mich hier besser als in Meran und hoffe mit bessern Ergebnissen zurückzukommen. Übrigens werde ich vielleicht nicht dauernd hierbleiben; gegen das Frühjahr zu soll es hier sehr lebhaft werden, wie man mir sagt und da ich Ruhe fast mehr brauche als Essen und Luft würde ich dann wahrscheinlich in ein anderes Sanatorium nach Nový Smokovec übersiedeln.

Indem ich Ihnen sehr geehrter Herr Direktor nochmals für die Güte danke, mit der sie mir den Urlaub gewährt haben, bleibe ich mit herzlichen Grüßen

Ihr sehr ergebener

 

Das ist also der Brief. Du mußt ihn richtig verstehn, er ist zwar im wesentlichen richtig, aber doch absichtlich etwas düster gehalten, ich sehe nämlich, daß ich länger werde bleiben müssen, wenn ich der Sache irgendwie gründlicher beikommen will, anders wird es kaum gehn, sonst komme ich wieder nach Prag, zwar besser als aus Meran, aber doch unfähig einen vollen menschenwürdigen Atemzug zu tun. Darauf also soll der Brief den Direktor vorläufig leise vorbereiten. (Was das Fieber betrifft, so ist das nicht Prager Fieber, denn hier messe ich unter der Zunge, was 3 bis 4 Zehntel höhere Ergebnisse hat, hienach hätte ich in Prag unaufhörlich Fieber gehabt, während ich das Prager Fieber hier überhaupt nicht mehr habe) Auch hinsichtlich Smokovec siehst Du daß ich nicht hartnäckig bin, vorläufig aber ist es hier viel besser, verschiedene Berichte haben mir das noch bestätigt, das einzige was mich von hier vertreiben könnte, wäre Lärm. Schließlich hat der Brief natürlich noch einen Zweck und deshalb ist er so ausführlich, Herr Fikart soll etwas Großes zum Einlegen haben.

(Schon Mittagessen-Läuten! Der Tag ist so kurz. Man mißt 7mal die Temperatur und hat kaum Zeit das Ergebnis in den Bogen einzutragen, schon ist der Tag zuende) Für die Übersetzung wirst Du, denke ich, nicht genügen, Dein Mann wird mir die Freundlichkeit tun müssen, zumindest Deine Übersetzung durchzusehn, ich vergesse hier Tschechisch. Es kommt vor allem darauf an, daß es klassisches Tschechisch ist, also gar nicht auf Wörtlichkeit (fällt Dir etwas dazu ein, kannst Du es auch einfügen) nur auf Klassicität.

Von mir schreibst Du viel, von Dir wenig, mach es nächstens umgekehrt. Denk nur, wenn ich länger hierbleibe, werde ich ja das kleine Ding nicht einmal aufwachen sehn. Darüber hätte ich noch einiges zu schreiben, aber es ist zu spät, nächstens. Herzliche Grüße Deinem Mann, grüß auch besonders Elli und Valli. Auch das Frl. natürlich.

Dein F.

 

Nr. 91

[Matliary, ca. 10. Februar 1921]

Liebe Ottla, die erste Stunde am ersten schönen Tag gehört Dir. Mir war nicht ganz gut, es war zwar nicht mehr als ich den Eltern geschrieben habe (von andern in der Erinnerung noch viel kleineren Störungen abgesehn) immerhin, ich mußte auf die Gewichtszunahme koncentriert bleiben. Manchmal komme ich mir, mit der kleinen Gewichtszunahme im Arm, vor wie der Vater im »Erlkönig«, die Gefahren sind vielleicht nicht so groß wie dort, aber der Arm ist auch nicht so fest.

Wie ist es mit Tante Julie ausgegangen? Die Mutter schreibt mir nichts von ihr, ich will nicht fragen. Merkwürdig ist sie mir in der Erinnerung, es kommt mir vor, als hätte ich niemals ein Wort mit ihr gesprochen, was ja auch wahr sein wird, aber ohne Bedeutung ist sie für mich nicht.

Du erwähnst daß es für mich schwer ist, »Ruhe zu gewinnen«. Das ist wahr, aber Du erinnerst mich damit an ein sehr gutes Mittel gegen Nervosität, es gehört dem Herrn Weltsch-Vater und ist aus den »Hugenotten«. In der schrecklichen Bartholomäus-Nacht, in der alle Protestanten in Paris ermordet wurden, alle Glocken läuten, überall hört man Bewaffnete, öffnet (ich glaube, ich kenne die Oper nicht) Raoul das Fenster und singt wütend: »– – ist denn in Paris nicht Ruh zu gewinnen?« Der hohe Ton liegt auf Ruh, laß es Dir von Felix vorsingen (ich habe ihm noch immer nicht geschrieben und habe ihn so gern, auch Oskar nicht). Also das ist ein gutes Mittel. Wenn z.B. unten der Zahntechniker mit seinen Patienten dreistimmig zu singen anfängt – ich will nicht übertreiben, es ist bisher nur einmal geschehn: er selbst aber singt und pfeift eine Menge, er ist wie ein Vogel, kaum berührt ihm die Sonne den Schnabel fängt er an, aber auch bei Mondschein, aber auch bei finsterem Himmel, und immer erschreckend, plötzlich, kurz abbrechend, mir schadet er jetzt nicht mehr sehr viel, ein Freund von ihm, der Kaschauer der auch sehr gut zu mir ist, hat mir viel geholfen, aber seinem Zimmernachbar, einem Schwerkranken, macht er das bittere Leben noch bitterer – wenn also etwas derartiges geschieht, beugt man sich über das Geländer und denkt: ist denn in Paris u.s.w. und schon ist es nicht mehr ganz so schlimm.

Du fragst nach Freunden. Zuerst wollte und konnte ich ganz allein bleiben, später gieng es doch nicht ganz. Von den Frauen als solchen habe ich mich zwar nach Deinem Rat ganz zurückgehalten, es macht mir nicht viel Mühe und ihnen kein Leid, sonst aber waren zunächst die Tschechen da, in einer höchst unglücklichen Zusammensetzung, drei die gar nicht zu einander passen, ein schwerkranker älterer Herr, ein schwerkrankes Fräulein und ein wohl nicht sehr krankes junges Mädchen, nun war da zwar noch ein vierter Tscheche, ein jüngerer Herr, äußerst gefällig, besonders gegenüber Frauen ein Muster uneigennütziger Ergebenheit und Aufopferung, der hat gut vermittelt und mich unnötig gemacht und seit gestern ist er auch wieder hier, aber er war längere Zeit verreist und da fühlte ich den verschiedenartig unglücklichen Drei gegenüber eine unbedingte Verpflichtung. So verloren zu sein zwischen Ungarn, Deutschen und Juden, alle diese zu hassen und wie z.B. das Fräulein außerdem schwer krank zu sein, das ist nicht wenig. Es gibt hier zwar genug tschechische Offiziere aus einem nahen Barakenspital und aus Lomnitz, aber sie ziehen im allgemeinen die Ungarinnen und Jüdinnen vor. Und die Kleine, wie schmückt sie sich für diese schönen Offiziere! Ich will nicht beschreiben, warum sie unmöglich begehrenswert werden kann, es ist ja auch nicht so schlimm, manchmal sprechen sie auch mit ihr, von einem hat sie auch schon einen Brief bekommen, aber wie wenig ist das gegenüber dem, was wahrscheinlich in dem Marlittroman, den sie liest, jeden Tag zu geschehen pflegt.

 

Dann war gestern Mittag, nachmittag war zu kalt zum Schreiben, abend war ich zu traurig, und heute, heute war wieder zu schön, starke Sonne. Traurig war ich abend, weil ich Sardellen gegessen hatte, es war gut zubereitet, Mayonnaise Butterstückchen, Kartoffelbrei, aber es waren Sardellen. Schon einige Tage war ich lüstern auf Fleisch gewesen, das war eine gute Lehre. Traurig wie eine Hyäne bin ich dann durch den Wald gezogen (ein wenig Husten war das menschliche Unterscheidungszeichen) traurig wie eine Hyäne habe ich die Nacht verbracht. Ich stellte mir die Hyäne vor, wie sie eine von einer Karawane verlorene Sardinenbüchse findet, den kleinen Blechsarg aufstampft und die Leichen herausfrißt. Wobei sie sich vielleicht vom Menschen noch dadurch unterscheidet, daß sie nicht will aber muß (warum wäre sie sonst so traurig warum hätte sie vor Trauer die Augen immer halb geschlossen?) wir dagegen nicht müssen, aber wollen. Der Doktor hat mich früh getröstet: warum traurig sein? Ich habe doch die Sardellen gegessen und nicht die Sardellen mich.

 

Also weiter von den Menschen: Die Kleine hat mich also ein wenig beschäftigt z.B. am Abend vor dem Nachtmahl sieht sie, daß im Saal 2 Offiziere sitzen, sofort läuft sie in ihr Zimmer und schmückt und frisiert sich, kommt viel zu spät zum Nachtmahl, die bösen Offiziere sind inzwischen fortgegangen, nun soll sie in ihrem schönsten Kleid nutzlos gleich wieder schlafen gehn? Nein, wenigstens getröstet will sie sein. Dann ist also noch das schwerkranke Fräulein da, ein armes Wesen, dem ich am ersten Abend sehr Unrecht getan habe, ich war so entsetzt über die neue Nachbarin, sie kam vor etwa 14 Tagen, daß ich abend noch in meinem Zimmer an der peinlichen Erinnerung fast körperlich litt, ich will nicht die Einzelnheiten erzählen.

 

Entzückt war ich nur von einem Ausspruch den sie damals nicht zu mir, sondern zu jenem gefälligen Herrn getan hatte: die ihr liebste Zeitung sei der Venkov undzwar wegen der Leitartikel. Ich beschloß die Enthüllung (es ist ein Unglück, daß man sich niemals gleich vollständig vorstellen kann) erst dann vorzunehmen, wenn sie etwas auf keine Weise mehr Gutzumachendes gesagt haben würde; dann würde ich von ihr befreit sein. Aber es zeigte sich, daß mein erster Eindruck hinsichtlich aller der nicht erwähnten lästigen Einzelnheiten übertrieben war, daß sie ein armes freundliches Wesen ist, sehr unglücklich (die Krankheit hat in ihrer Familie gerast) aber doch fröhlich, hat mich auch nach der Enthüllung nicht »ausgerottet« sondern war noch ein wenig freundlicher zu mir, wie auch ich zu ihr, nachdem ich von ihrem Unglück gehört hatte und als sie jetzt mit ihrem ewigen Fieber eine Woche lang in ihrem kalten Nordzimmerchen lag (nicht jeder wagt sich in meine sonnige Villa) war sie mir sehr leid.

[Das ist übrigens ein Gewinn des Zusammenseins mit andern Kranken: man nimmt die Krankheit ernster. Sie wird zwar nicht für vererblich gehalten und ich meinesteils glaube auch an Ansteckung nicht, aber der schönste Glaube hilft nicht gegenüber den Tatsachen und mit dieser Krankheit besonders kleine Kinder küssen oder vom gleichen Teller essen lassen, ist ein abscheuliches Unrecht] Dann ist also noch der ältere Herr da, sehnsüchtig nach ein wenig Unterhaltung dabei leider nicht wählerisch in der Richtung seines Hustens, was soll er mit den zwei Frauenzimmern anfangen? Aber allein kann er auch nicht sein. Nun, jetzt ist jener gefällige Herr wieder da und der macht alles ausgezeichnet.

Dann habe ich noch zwei junge Leute da, einen Kaschauer und einen Budapester, die sind wirklich wie meine Freunde. Als ich jetzt drei Tage im Bett lag, kam z. B. der Budapester, er ist Medicinstudent, noch um 9 Uhr abends von der Hauptvilla herüber um mir einen (an sich unnötigen) äußerst sorgfältigen Prießnitzumschlag zu machen. Was ich will, holen sie mir, verschaffen sie mir, richten sie mir ein, und alles genau und sofort und ohne die allergeringste Aufdringlichkeit. Es sind Juden, aber nicht Zionisten, der Kaschauer ist ungarischer Socialist mit Betonung des Ungarischen, den Budapester führen Jesus und Dostojewski. Dem Budapester der sehr literarisch ist möchte ich gern eine Freude machen und ihm paar für ihn wichtige Bücher borgen. Wenn Du in meinem Bücherkasten etwas von folgenden Büchern findest, schick es mir bitte rekommandiert (vielleicht zuerst 2 und später wieder 2 oder wie du willst): Kierkegaard: Furcht und Zittern, Plato: Das Gastmahl (von Kassner übersetzt), Hoffmann: Biographie Dostojewskis (ich glaube, es ist von Hoffmann, Du kennst ja das Buch), Brod: Tot den Toten. Die Rundschau schick vorläufig nicht, für das Inhaltsverzeichnis danke ich, ich dachte schon: Solltest Du inmitten Deiner vielleicht jetzt großen Arbeit das Inhaltsverzeichnis zu schicken vergessen haben. Nein, Du hast es nicht vergessen.

Wege? Du willst Wege? Ist das kein Spaß? Dann könnte ich also 2, 3 Gilettemesser brauchen, sie können wohl in den Brief gelegt werden. Sind sie nicht zu haben, genügen Mem-Messer. Es hat aber gar keine Eile. An die Selbstwehr könntest Du mit dem beiliegenden Erlagschein 56 K schicken. Die Karte an Ewer hast Du wirklich weggeschickt?

Übrigens kannst Du ausgezeichnet einkaufen. Die Seife die Du mir zuletzt von Prochaska gebracht hast und wegen der ich Grimassen gemacht habe, hat mich hier in den Ruf gebracht, daß es in meinem Zimmer am besten riecht undzwar merkwürdig, unerforschlich gut. Zuerst hat es die Verwalterin bei einer Inventuraufnahme bemerkt, dann das Stubenmädchen, schließlich hat es sich herumgeredet. In aller meiner Eitelkeit hätte ich es gern durch mein Nicht-Fleischessen erklärt, aber es war doch nur die Seife.

Noch Wege? Es wird wohl ein Weg in die Anstalt nötig werden, aber ich bin noch nicht entschlossen. Übrigens hast Du ja das Geld geholt, hast Du mit niemandem gesprochen? Ein kleiner Geldbetrag in Mark sollte für mich in die Anstalt gekommen sein, etwa 125 M.

Und wann ist der Tag?

Alles Gute und Liebe und Schöne

Franz

Und Elli grüßen und Valli und die Kinder. Das Fräulein grüßen.

Ist nicht eine Rechnung von Taussig gekommen?

Von Minze kam ein einziger Brief, sie hat unglaubliche Sachen ausgeführt, ernährt sich selbst, ich bin sehr stolz auf sie.

 

Nr. 93

[Matliary, 9. März 1921]

Liebste Ottla nur paar Worte, ich komme ja bald, eigentlich liegt schon lange ein Brief für Dich da, so lange bis er veraltet ist und ich ihn weggeworfen habe.

Zunächst noch Dank für alles, alles hast Du sehr gut gemacht, – außer bei Taussig! Das war sehr schlecht, den Rat einen Schwindler nennen! – so als wärest Du nicht schon eine große Frau, die nur noch für große Dinge Zeit hat. Wie bist Du doch eigentlich im Rang verändert seit dem letzten Jahr!

Auf dem einen Bild ist die tschechische Gesellschaft, neben mir die 18jährige, neben ihr das kranke Fräulein, unten der gefällige Herr. Warum ich gar so verkrümmt dastehe, weiß ich nicht.

Auf dem andern Bild ist der Aufrechtstehende mit den Schneeschuhen der Kaschauer, die hebräische Widmung ist von ihm. Es heißt: »Als Zeichen der großen Ehre, die ich habe Dir gegenüber«. Es ist nicht ganz verständlich, aber gewiß sehr gut gemeint, wie alles, was er für mich tut. Überhaupt, erstaunlich gut war man hier mir gegenüber.

Noch 2 Porträts von mir lege ich bei, das eine ist von der 18jährigen, es ist leider meine Schuld, daß ich nicht so aussehe, so süß und stark.

Die Bücher haben dem Mediciner große Freude gemacht. Sein erster Dank als ich sie ihm gab, bestand darin, daß er »Herr Doktor!« rief und mit den Büchern weglief. Er hat mich übrigens in der letzten Zeit sehr beschäftigt.

Was Du von der Anstalt und Palästina sagst, sind Träume. Die Anstalt ist für mich ein Federbett, so schwer wie warm. Wenn ich hinauskriechen würde, käme ich sofort in die Gefahr mich zu verkühlen, die Welt ist nicht geheizt.

Jetzt kurz vor der Abfahrt von hier werde ich unsicher, wie übrigens bei jedem Abschied (nur in Meran wußte ich, daß es höchste Zeit war wegzufahren aus jenem Bergkessel, der Kessel in jeder Hinsicht war) die wunderbaren Tage jetzt nach dem überstandenen Winter locken zu bleiben (zeitweilig war das Wetter eine Qual für mich wie noch niemals), der Doktor droht mir täglich mit allem Bösen wenn ich wegfahre und verspricht mir alles Gute wenn ich bis zum Herbst bleibe, aber ich bin müde des um-Urlaubbittens, müde des für-Urlaub-dankens, nur dann würde ich es gern annehmen, wenn der Direktor mir z. B. schriebe: »Lieber Herr Kollega, gestern in der Nacht ist mir eingefallen, ob Sie nicht vielleicht noch länger draußen bleiben sollten. Ich bitte Sie dringend noch ein Jahr Urlaub anzunehmen. Telegraphieren Sie mir einfach »ja« und Sie haben den Urlaub; mit tschechischen Gesuchen und Dank-Briefen müssen Sie sich nicht anstrengen, Sie würden ja damit doch nur Ihre Frau Schwester und Ihren Herrn Schwager bemühen. Einer hoffentlich günstigen Antwort entgegensehend und Ihnen baldige oder spätere Genesung wünschend, bleibe ich Ihr dankschuldiger u.s.w.« Ja, dann würde ich gern noch bleiben. Auch deshalb würde ich gern bleiben, weil mir hier Lungenkranke (und andere, ihnen nicht sehr entfernte, noch schlimmere Leute) viel verdächtiger geworden sind als früher. Ich glaube auch weiterhin nicht an Ansteckung, die Küchenmädchen hier z. B. essen die Überreste von den Tellern solcher Kranker, denen gegenüber zu sitzen ich mich scheue, und sie werden dadurch gar nicht krank, sondern noch blühender und ein liebes kleines Kind ist hier in der Küche (seine Mutter arbeitet dort, sein Vater ist unbekannt) das wird auch ganz bestimmt nicht krank werden, trotzdem es sich von solchen Resten nährt. (Übrigens das abgerissenste und fröhlichste Wesen hier, auch sehr klug, ich kann mich aber mit ihm nicht verständigen, es spricht nur ungarisch; als jemand sah wie es nahe der Rodelbahn spielte und in Gefahr war überfahren zu werden – es ist noch kaum 5 Jahre alt – sagte der Mann, es solle sich in achtnehmen. Der kleine Junge aber sagte: Mich dürfen sie nicht überfahren, ich bin doch ein Kind) Also an eine Ansteckung der Gesunden glaube ich nicht, aber in der Stadt ist niemand ganz gesund oder wenigstens nicht so stark daß er unter allen Umständen der Ansteckungsgefahr widerstehen könnte. Ich verstehe diese Ansteckungsmöglichkeit nicht, (die ärztlichen Erklärungen, soweit ich sie verstehe, gefallen mir nicht) aber an diese Möglichkeit glaube ich, auch deshalb also gehe ich nicht gern auf meinen Platz in das häusliche Nest zurück, wo sich ringsherum die kleinen Schnäbel aufmachen, um vielleicht das Gift aufzunehmen, das ich verteile.

Ich schreibe wie wenn ich doch nicht schon in paar Tagen käme, nun bis Sonntag hat der Direktor Zeit den Brief zu schreiben. Im übrigen aber freue ich mich schon, Dich zu sehn und Elli und Valli.

Dem Fräulein Skall danke besonders schön für ihren Gruß. Traurig, was Du von ihr schreibst. Aber diesem Verhältnis (nicht ihr) stand das Unglück auf der Stirn geschrieben.

Von Tante Julie schriebst nun auch Du nichts mehr. Nun ich komme ja.

Dein

Übrigens fahre ich vielleicht schon Montag oder Dienstag von hier weg, weil die Lomnitz-Poprader Bahn vom 15. III. bis 15. V. nicht fährt und es mit der elektrischen Bahn zu umständlich ist.

 

Nr. 94:

An Julie und Hermann Kafka

[Matliary, ca. 13. März 1921]

Liebste Eltern, durch besondere Folgerichtigkeit zeichnen sich meine Briefe nicht aus, zuerst will ich fort, dann will ich bleiben, dann will ich wieder fort und schließlich bleibe ich. Aber es erklärt sich ein wenig dadurch, daß es mir im Ganzen hier sehr gut gefällt, gar in diesen wunderbaren Tagen, daß aber doch andererseits auch ¼ Jahr eine lange Zeit ist, man ist hier schon zu häuslich eingerichtet und auch das Essen wird einförmig. Nun also, da Ottla so gut war und mir – ich kann nicht verstehn auf welche Weise, ein ärztliches Zeugnis habe ich erst später Max Brod geschickt – 2 Monate erwirkt hat bleibe ich vorläufig. Nächste Woche werde ich nach Polianka fahren – der leitende Arzt des dortigen ausgezeichneten Sanatoriums – es ist freilich fast so teuer wie Smokovec – ist jetzt verreist und kommt erst nächste Woche zurück – werde mich dort untersuchen lassen, hören, was er hinsichtlich einer Kur und besonders ihrer Dauer sagt und dann vielleicht wenn ich aufgenommen werde – es wird nicht jeder aufgenommen auch ist das Sanatorium voll besetzt – hin übersiedeln (vorausgesetzt daß ich die Kraft habe mich hier loszureißen). Der Vorschlag des Onkels – Sommerfrische, Gartenarbeit – gefällt mir allerdings besser als alle Sanatorien, nur ist es jetzt für eine Sommerfrische noch etwas zu früh, auch weiß ich nicht, wo es sein sollte, wenn Ihr vielleicht von etwas derartigem hört, schreibt mir bitte.

Wenn ich nun noch länger hier bleibe, werde ich allmählich verschiedene Sachen brauchen, leichtere Kleider u.s.w. – eigentlich habe ich hier nur ein Kleid in welchem ich schon ein ¼ Jahr jeden Tag herumgehe und liege, ein Festkleid ist es nicht mehr – wie wird man das herschaffen? Dringend ist es aber noch nicht. Dann ist auch zu überlegen, was ich mit den Wintersachen machen soll, die übrigens den ganzen Winter über – es ist hier nicht Sitte – nicht geklopft worden sind.

Ein wenig habe ich diese Woche doch zugenommen 63.50 wiege ich, 6 kg 10 Zunahme.

Herzliche Grüße allen

Euer Franz

 

Nr. 95

[Matliary, 16. März 1921]

Liebste Ottla, vor paar Tagen fragte mich ein Bekannter ob ich nicht doch vielleicht noch länger hier bleiben wollte. Ich sagte ja, ich möchte noch bleiben und ich habe auch nach Prag so geschrieben, aber ich habe es nur als Spaß geschrieben und gleichzeitig um der Sache jede Möglichkeit des Ernstes zu nehmen, den Abfahrtstermin so festgesetzt, daß in der Zwischenzeit fast unmöglich bei der Anstalt etwas unternommen werden könnte. Der Bekannte fragte, was für einen Sinn ein solches Schreiben habe. Mir fiel dazu eine chassidische Geschichte ein, die ich allerdings nur sehr unvollkommen kenne, sie ist etwa so: ein chassidischer Rabbi erzählt, er habe von 2 betrunkenen Bauern in der Schenke eine große Erkenntnis bekommen. Die Bauern saßen dort einander gegenüber, der eine war traurig und der andere tröstete ihn mit Schmeichelworten, bis der Traurige ausrief: »Wie kannst Du behaupten, daß Du mich lieb hast und weißt doch nicht einmal was mir fehlt«. Alles war in der Trunkenheit gesagt, der Traurige wußte gar nicht warum er traurig war.

Ich war überzeugt, daß Du nichts machen würdest, vor allem, weil Du nichts machen könntest, deshalb schrieb ich 2 Tage später an Max und wollte Dich so umgehn aber Du hast Dich nicht umgehn lassen.

Es ist so schwer um Urlaub zu bitten aus vielen Gründen von denen Du ja die meisten kennst. Wenn man vor ihm steht und er nun wieder die so und so vielte Urlaubsbewilligung aussprechen soll, verwandelt er sich fast in einen Engel, man senkt unwillkürlich die Augen, es ist ebenso wunderbar wie widerlich, man könnte vielleicht mit äußerster Zusammenfassung einen Engel auf freiem Feld ertragen, aber in der Direktionskanzlei? Wo man doch gerechterweise immer nur auf die gröbste irdische Weise ausgeschimpft werden sollte. Sein »ja« möchte ich als Elli's Bruder am liebsten mit verstopften Ohren überleben wollen. Ähnlich geht es mir sogar gegenüber Deinem geschriebenem Bericht. Das einzige, was mich ein wenig tröstet ist der südafrikanische Plan. Es ist so wie wenn er sagen würde: »ich gebe ihm Urlaub in das schöne Land, wo der Pfeffer wächst.« Aber das sind Dummheiten, unglaublich gut ist er, ich begreife nicht, warum; bloß die Rücksicht darauf, daß ich sachlich höchst entbehrlich bin, kann doch nicht der einzige Grund dafür sein.

 

Ich bin unterbrochen worden, wie jetzt öfters: Der unglückliche Mediciner. Ein solches dämonisches Schauspiel habe ich in der Nähe noch nicht gesehn. Man weiß nicht, sind es gute oder böse Mächte die da wirken, ungeheuerlich stark sind sie jedenfalls. Im Mittelalter hätte man ihn für besessen gehalten. Dabei ist er ein junger Mensch von 21 Jahren groß breit stark, rotbackig – äußerst klug, wahr selbstlos, zartfühlend. Näheres später einmal im Badezimmer in ruhigen Zeiten, wenn das Kindchen schläft.

Auf der Hetzinsel ist es freilich schöner als oben in den traurigen Gassen. Aber vor allem ist es ja die Armut die Dich lockt, nur daß man nicht arm ist, wenn man Geld hat und daß man von außen nur in sehr glücklichen großen Ausnahmsfällen die Armut erreichen kann, im allgemeinen ist das was man dann an Stelle der Armut findet, nur Elend. Das nebenbei, aber über der Insel werde ich in Gedanken wachen mit allen Kräften.

Ist der Arzt nur ein Freund, dann mag es angehn, sonst aber ist es unmöglich sich mit ihnen zu verständigen. Ich z. B. habe 3 Ärzte, den hiesigen, Dr. Kral und den Onkel. Daß sie verschiedenes raten, wäre nicht merkwürdig, daß sie gegensätzliches raten (Dr. Kral ist für Injektionen, der Onkel gegen) ginge auch noch an, aber daß sie einander selbst widersprechen, das ist unverständlich z. B. Dr. Kral hat mich wegen der Höhensonne, an der ihm sehr viel lag, hergeschickt, jetzt da sie zu scheinen anfängt, rät er mir das tiefliegende Pleš an, weiter, er hat mir sehr zugestimmt, daß ungarische und tschechische Sanatorien deutsche nicht erreichen können und rät mir doch Pleš an. Ich bin ja nicht eigensinnig (nur der Qual des Fleischessens, der ich auch jetzt zum Teil ausgesetzt bin, möchte ich gern entgehn) ich gehe auch nach Pleš, nur möchte ich, ehe ich von hier fortgehe einen Platz irgendwo gesichert haben um nicht wochenlang den Urlaub, den Du mir so großartig verschafft hast, in Prag zu verschwenden. In den nächsten Tagen fahre ich übrigens nach Smokovec und Polianka und lasse mich dort untersuchen. Hat Dr. Kral das Gutachten gelesen, ich habe noch eine Abschrift, die ich ihm schicken könnte.

Wandern? Ich weiß nicht. Und Bayern? Das hat mir noch kein Arzt angeraten (trotzdem sich auch ein solcher finden würde) auch nehmen sie dort Fremde nur sehr ungern an und Juden nehmen sie nur auf, um sie zu erschlagen. Das geht nicht.

Das Zeugnis hast Du also, das Gesuch liegt bei, ich schicke es Dir, weil ich eben das Zeugnis mir nicht noch einmal schreiben lassen will. Von den Tschechen ist nur die 18jährige hier und ihre Kenntnisse sind mir verdächtig, sie bewundert nämlich mein Tschechisch. Den Brief schreibe ich vielleicht Deutsch.

Aber hast Du denn noch immer Zeit und Lust für anderes als für die Hauptsache? Und ist das recht?

Dein

Elli, Valli schön grüßen. Und das Fräulein

 

Ich habe auch noch die Zeugnisabschrift beigelegt, übrigens übersichtlicher angeordnet als das Original, diese Abschrift ist eventuell für Dr. Kral oder den Onkel, zum Gesuch ist natürlich das Originalzeugnis beizulegen. Ich spiele damit, wie wenn es das Gutachten über das Innere einer kostbaren Geige wäre und doch ist da nur Knistern und Knacken u. dgl.

 

Nr. 96

[Briefkopf: ein Blatt Tatranské-Matliary, klimatischer Höhenkurort]

Matliary, April 1921]

Liebste Ottla und Věruška (? die Mutter schrieb den Namen so, was ist das für ein Name? Věra etwa oder Vjera so wie Frau Kopals Tochter heißt? Was für Überlegungen giengen der Namensgebung vor?) also ein Weg bitte! Frau Forberger braucht für ihren Bruder den Markensammler

100 Stück 2 Heller Eilmarken  
" 80 " Marken mit dem
Bild von Hus
" 90 " "

Laß Dir bitte das Geld von meinem Geld geben man wird es mir hier bezahlen. Diese Marken werden Ende Mai außer Geltung gesetzt, müssen also sofort gekauft werden und sind angeblich nur in Prag zu haben.

Ist der Weg für Euch zwei zu schwer (wie soll man auch mit dem Kinderwagen in die Hauptposthalle hinauffahren? (Hast Du einen schönen Wagen? Ist Frau Weltsch ein wenig neidisch?) dann könnte vielleicht Pepa so gut sein (ja fährt er denn nicht nach Paris?) Ihm kannst Du dann auch das beiliegende Feuilleton der Brünner Lidové Noviny zur Beurteilung vorlegen; hält er die Sache für gut, natürlich müßte man auch noch mit Dr. Kral sprechen, könnte er sich vielleicht auch noch erkundigen, wo man Plätze für die Sanatoriumsschiffe bekommen kann und wie teuer das Ganze ist. Mußt ihm nicht gleich sagen, daß es leider in der Nummer vom ersten April stand, es stand ganz ernst drin, ein armer Kranker hier hat es voll Hoffnungen dem Doktor zur Beurteilung gegeben der brachte es mir, ich solle es durchlesen weil er tschechisch nicht versteht und ich war damals von dem Darmkatarrh so geschwächt daß ich wirklich 1, 2 Stunden daran glaubte.

Das sind die äußern Anlässe, im übrigen wollte ich Dir schon längst schreiben, aber ich war zu müde oder zu faul oder nur zu schwer, das ist ja kaum zu unterscheiden, auch habe ich immer irgendeine Kleinigkeit, jetzt z. B. wieder einen wilden Abscess, mit dem ich kämpfe. Daß Ihr zwei so flink seid, freut mich, aber Ihr sollt nicht zu flink sein, hier ist eine junge Bauersfrau, mittelkrank, übrigens lustig und lieb und hübsch in ihrer dunklen Tracht mit dem hin und herwehenden Ballerinenrock, die ist von ihrer Schwiegermutter immer zu sehr zur Arbeit angehalten worden trotzdem der Arzt dort immer gewarnt und gesagt hat:

Junge Frauen muß man schonen
so wie goldene Citronen

was zwar nicht ganz verständlich, aber doch sehr einleuchtend ist, weshalb ich mich auch zurückhalte neue Wege zu erfinden.

Immerhin, ein Weg wird notwendig werden, zum Direktor; es ist, um sich die Lippen zu zerbeißen. Am 20. Mai läuft der Urlaub ab (er hat Dich wirklich von der Urlaubsbewilligung verständigt?) was dann? Wohin ich dann fahre oder ob ich etwa noch bis Ende Juni hier bleibe ist eine nebensächlichere Überlegung (Seit dem Darmkatarrh der meiner Meinung nach vom Fleisch kam ist es so eingerichtet, daß ein Fräulein in der Küche, ich glaube einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringt nachzudenken, was man mir kochen könnte. Beim Frühstück macht man mir Vorschläge inbetreff des Mittagessens, bei der Jause inbetreff des Nachtmahls. Letzthin träumte das Fräulein aus dem Fenster hinaus, ich dachte, sie träume von ihrer Heimat Budapest, bis sie dann plötzlich sagte: »Ich bin aber wirklich gespannt, ob Ihnen abend das Salatgemüse schmecken wird«.) Wie soll ich aber wieder den Urlaub verlangen? Und wo ist ein Ende abzusehn? Es ist sehr schwer. Vielleicht einen Urlaub mit halbem Gehalt verlangen? Ist es leichter, um einen solchen Urlaub zu bitten? Es wäre leicht um Urlaub zu bitten, wenn ich mir und andern sagen könnte, daß die Krankheit etwa durch das Bureau verschuldet oder verschlimmert worden ist, aber es ist ja das Gegenteil wahr, das Bureau hat die Krankheit aufgehalten. Es ist schwer und doch werde ich um Urlaub bitten müssen. Ein Zeugnis werde ich natürlich vorlegen können, das ist sehr einfach. Nun, was meinst Du?

Doch darfst Du nicht glauben, daß man sich hier immerfort mit solchen Gedanken abgibt, gestern habe ich z. B. gewiß den halben Nachmittag mit Lachen verbracht und zwar nicht mit Auslachen, sondern mit einem gerührten, liebenden Lachen. Leider ist die Sache nur anzudeuten, unmöglich in ihrer ganzen Großartigkeit zu vermitteln. Es ist hier ein Generalstabshauptmann, er ist dem Barakenspital zugeteilt, wohnt aber wie manche Offiziere hier unten, weil es oben in den Baraken zu schmutzig ist, das Essen läßt er sich von oben holen. Solange viel Schnee war, hat er ungeheuere Skitouren gemacht, bis nahe an die Spitzen, oft allein, was fast tollkühn ist, jetzt hat er nur 2 Beschäftigungen, Zeichnen und Aquarellmalen ist die eine, Flötenspiel die andere. Jeden Tag zu bestimmten Stunden malt und zeichnet er im Freien, zu bestimmten Stunden bläst er Flöte in seinem Zimmerchen. Er will offenbar immer allein sein (nur wenn er zeichnet, scheint er es gern zu dulden, wenn man zusieht) ich respektiere das natürlich sehr, ich habe bisher kaum 5 mal mit ihm gesprochen, nur wenn er mich etwa von der Ferne ruft oder wenn ich unerwartet irgendwo auf ihn stoße. Treffe ich ihn beim Zeichnen, mache ich ihm paar Komplimente, die Sachen sind auch wirklich nicht schlimm, gute oder sehr gute dilettantische Arbeit. Das wäre alles, wie ich sehe, noch immer nichts Besonderes, ich sage ja und weiß es: es ist unmöglich das Wesen des Ganzen mitzuteilen. Vielleicht wenn ich versuche zu beschreiben wie er aussieht: Wenn er auf der Landstraße spazieren geht, immer hoch aufgerichtet, langsam bequem ausschreitend, immer die Augen zu den Lomnitzer Spitzen erhoben, den Mantel im Wind, schaut er etwa wie Schiller aus. Wenn man in seiner Nähe ist und das magere faltige (zum Teil vom Flötenblasen faltige) Gesicht ansieht, mit seiner blassen Holzfärbung, auch der Hals und der ganze Körper ist so trocken hölzern, dann erinnert er an die Toten (auf dem Bild von Signorelli, ich glaube es ist unter den Meisterbildern) wie sie dort aus den Gräbern steigen. Und dann hat er noch eine dritte Ähnlichkeit. Er kam auf die phantastische Idee, mit seinen Bildern in der Haupt-

 

nein es ist zu groß, ich meine: innerlich. Kurz, er veranstaltete also eine Ausstellung, der Mediciner schrieb eine Besprechung in eine ungarische Zeitung, ich in eine deutsche, alles im Geheimen. Er kam mit der ungarischen Zeitung zum Oberkellner, damit er es ihm übersetze; diesem war es zu kompliciert, er führte daher in aller Unschuld den Hauptmann zu dem Mediciner, er werde es am besten übersetzen. Der Mediciner lag gerade mit ein wenig Fieber im Bett, ich war bei ihm zu Besuch, so fieng es an, aber genug davon; wozu erzähle ich es, wenn ich es nicht erzähle.

Übrigens, um wieder an das Vorige anzuknüpfen, Du darfst auch nicht glauben, daß man immerfort lacht, wirklich nicht.

Die Rechnung von Taussig lege ich jetzt bei, ferner einen Ausschnitt für Elli, Felix betreffend, auch für die Deine kann es in Betracht kommen nach 10 Jahren, das ist nicht sehr lang, man dreht sich auf dem Liegestuhl einmal von links nach rechts, schaut auf die Uhr und die 10 Jahre sind vorüber, nur wenn man in Bewegung ist, dauert es länger.

Elli und Valli lasse ich natürlich wieder ganz besonders grüßen. Wie meinst Du es? Ich lasse sie grüßen, weil grüßen leicht ist und schreibe ihnen nicht, weil schreiben schwer ist? Gar nicht. Ich lasse sie grüßen, weil sie meine lieben Schwestern sind und schreibe ihnen nicht besonders, weil ich Dir schreibe! Am Ende wirst Du sagen daß ich auch Deine Tochter nur grüßen lasse, weil Schreiben schwer ist. Und doch ist Schreiben nicht schwerer, als alles andere, eher ein wenig leichter.

Leb wohl mit
den Deinen

F

Bitte grüße das Fräulein von mir

 

Nr. 97

[Matliary, 6. Mai 1921]

Also wirklich, meine arme kleine Schwester ist von ihrer großen Věra so in Anspruch genommen, daß sie mich ohne weiteres auf Aprilscherz-Sanatoriumsschiffen auf die hohe See hinausfahren läßt. So spiele ich also doch mit Deinem Ohr und wollte es gar nicht, schrieb ja daß das Feuilleton aus der Nummer vom ersten April kommt, aber bei dieser Briefstelle weinte wahrscheinlich Věra und wetzte ihre kleine Zunge.

Die Sommerfrische. Gewiß, das wäre das schönste, ich antwortete damals nur deshalb nicht, weil es mir damals so wie heute nicht durchführbar vorkommt. Mir wird übel, wenn ich daran denke, wie widerlich (nicht der Leichtsinn darin beleidigt mich, aber die Widerlichkeit, die gespensterhafte Widerlichkeit) ich mich in dieser Hinsicht in Prag benommen habe. Nun würde ja wenn ich mich vor jeder Berührung mit Věra hüten würde, keine wirkliche Gefahr für sie bestehn, der Arzt wird es bestätigen, aber im Gehirn bleibt ein Risiko doch, und nicht nur in meinem, auch in dem der andern. Darum glaube ich können wir nicht zusammenfahren.

 

Die Mutter, so lieb, schreibt mir heute wiederum wegen der Schiffe. Beim Hereinfall in Aprilscherze seid Ihr wirklich sehr hartnäckig, dabei hatte ich es nur auf Pepa abgesehn, aber Ihr wolltet ihn nicht allein lassen. Ich fürchte mich nur immerfort, daß Ihr Euch aus mir einen Spaß macht.

 

Wegen Věra mach Dir nicht zu große Sorgen, bedenke doch wie schwer es für Erwachsene ist, sich an Neues zu gewöhnen, selbst wenn sie zur Verteidigung des Bestehenden nichts Wesentliches anführen könnten. Du erwähnst die Käsl auf dem Tisch und sprichst die mit Furcht gemischte Hoffnung aus, die auch ich immerfort habe. Nun hat Vera den himmlischen Tisch verlassen und sieht von Deinem Arm auf den irdischen Tisch hinunter und er gefällt ihr nicht oder vielmehr es ist von Gefallen gar nicht die Rede, sie muß sich nur an ihn gewöhnen, das muß eine schreckliche für uns unvorstellbare Arbeit sein. Nur um sich dafür zu stärken, muß sie so viel »essen«, vielleicht auch um sich zeitweilig zu betäuben. »Die Welt ist ja nicht zum Aushalten« sagt sie sich manchmal »nur schnell sich volltrinken«. Und dann trinkt sie und dann weinst Du. – Ich mußte letzthin nur ins Nebenzimmer übersiedeln, in ein Zimmer überdies, auf dessen Balkon ich seit 4 Monaten liege und fast alle meine Möbel wurden mit hinübergenommen und doch hatte ich Mühe mich zu gewöhnen, bis sich schließlich nach paar Stunden ergab, daß dieses Zimmer mit der großen Balkontüre und mit viel Luft und Licht noch viel besser war als das vorige. So wird es Vera auch gehn. – Du mußt auch bedenken, daß für Věra das Essen der nächstliegende und am leichtesten zu erobernde Teil der großen Welt ist und so nützt sie aus und Du mußt es leiden.

 

Das ärztliche Zeugnis liegt bei. Mach also den schweren Weg und bald bitte. Ich bin dafür, gleich jetzt nur das halbe Gehalt zu verlangen, ich werde auch damit auskommen und es wird mir leichter sein es anzunehmen.

 

Grüß Elli und Valli trotz meiner gereizten Bemerkungen letzthin. Es ist eben an manchen Tagen so. Auch das Fräulein

Dein

Viel Glück zu Pepas Reise.

 

Nr. 100

An Julie und Hermann Kafka

[Ansichtspostkarte: Kafka in Matliary inmitten von Patienten und Personal]

[Matliary, Juni 1921]

Liebste Eltern, wie Ihr aus dem Bild seht, bin ich schon, wenigstens auf der rechten Wange, ziemlich dick. Herrn Glauber werdet Ihr wohl erkennen, sonst kennt Ihr aus Briefen nur Frau Galgon (Hutreparatur!) im Kopftuch, aber eine richtige Vorstellung von ihr bekommt Ihr nach dem Bild leider nicht.

Herzlichste Grüße auch für Onkel und Tante.

Euer F

Habt Ihr Euch in Franzensbad nicht auch photographieren lassen?

 

Nr. 101

[Postkarte]

[Stempel: Tatranská-Lomnice – 28. VII. 21]

Liebe Ottla, natürlich hast Du Dich schon an D. gewöhnt, wie könnte es anders sein. Allerdings, eine Stadt ist es und in Städten ist man verlassener als im Dorf. Übrigens schriebst Du ja daß Du es kennst, erwähntest einen Ort Babylon. – Hinzukommen, daran denke ich nicht mehr. Es ist auch hier nicht ganz so lärmend wie ich gefürchtet habe, der Lärm der Kinder ist angenehmer als der der Erwachsenen erstens ist er notwendiger und zweitens wird man für ihn durch das Dasein der Kinder belohnt. Vielleicht ist es bei Věra auch so. – Vor allem will ich aber am 20ten August, dem Ablaufstag des Urlaubs in Prag sein, nicht nur weil man nicht ewig betteln kann und außerdem Du die Fürbitterin nicht in Prag bist, sondern weil auch der Arzt eine weitere Besserung für unwahrscheinlich hält wenigstens sagt er es manchmal und es mag auch so sein. – Augenblicklich brennt mich am Schienbein der wildeste Absceß, den ich bisher hier hatte, ich lege mich lieber nieder.

Dein

In Domažlic gibt es Erinnerungen an Božena Némcová!

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