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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 9
Quellenangabe
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authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen, den 28. Dezember 1829

Nun sind sie vorüber, die festlichen Tage, die Du, o bestes Herz, mit so viel Wehmut hattest herankommen sehen, und ich kann es wohl mitfühlen, wie Du und die geliebten Deinigen alle sich nur zögernd von dem nun scheidenden Jahre losreißen, so viel Jammer es auch brachte! Der selige Vater hatte noch teil an seinen ersten Monaten genommen, und so schienen wir durch den eingebildeten Faden dieses doppelt ehrwürdigen Jahres noch mit seiner Gegenwart zusammenzuhängen, während jetzt eine neue Zeit beginnt, deren Schwelle er nicht mit uns betritt, deren Schwelle er nicht heiligt. Aber das sind Vorstellungen einer kleinlichen Phantasie; die vollkommene Liebe hat wenig mit der Zeit zu schaffen, und – Du hast das selber angedeutet – wenn wir in seinem Geiste leben, ist unsre Zukunft auch durch ihn geweiht.

O möchte doch Deine teure Mutter, die ich mit voller Seele auch die meinige nenne, dem heimgehenden Jahre versöhnt nachblicken und dem kommenden mit Vertrauen und Zuversicht die Hand bieten können, damit auch ihre Kinder es gerne tun! Ich denke hiebei besonders auch an die liebe Rike, deren heißeste Wünsche bald ihrer Erfüllung entgegengehen. Küsse die beste Mutter in meinem Namen und sag ihr, ich hätte ihr heute so gern geschrieben – aber morgen ist schon wieder zu predigen. Überhaupt ist mehr zu tun, als ich anfangs dachte, und den Tag unseres Wiedersehens kann ich darum noch immer nicht sicher bestimmen. Möglich wärs aber am 11. oder noch besser am 18. Januar. Dann, Kind, Herzenskind, bin ich wieder auf zwei Tage im Himmel und Du wenigstens in meinen Armen! Dein köstlicher und voller Brief vom 24. Dezember, wie hat er mich wieder erquickt und belebt! Aber Dein Dank für jene kleinen Geschenke war viel zu groß, und wenn Du sie nicht vollends zu nichts machen willst, so laß Dich erbitten, mir sie durch keine Gegengabe zu erwidern, wobei Du Deine Augen nicht schonen wirst! Soll und muß es aber sein, so eile wenigstens nicht auf Kosten der letztern und laß sie des Abends ruhn. Gelt, dies tust Du mir zur Liebe? Unter uns gesagt, ich weiß auf der andern Seite doch nichts Schöneres und Erfreulicheres, als Deine lieben Hände mit mir beschäftigt zu denken und am Ende die zarte, hundertfältig von Dir berührte und beschaute Arbeit an den Mund drücken zu dürfen!! –

Mit meiner lieben Mutter geht es doch entschieden der Besserung zu; ich danke dem Himmel inbrünstig, denn ich gestehe Dir, daß mich diesmal eine böse Ahnung verfolgen wollte. In einem ihrer Briefe zur Zeit Deines Aufenthalts in Nürtingen heißt es unter anderem:– – »Dir zu sagen, daß mir Dein liebes Luisle unendlich viel erleichtert, was mir seit dem Tode Deiner geliebten Schwester nicht mehr zu teil wurde; je mehr ich sie kennen lerne, desto teurer wird sie mir.« Ich habe Dir, meine Einzige, tausendmal im Stillen für Deine Treue gedankt.

Wie lebst Du denn nun? Wie lebt Ihr zusammen? Ist das Schema Eures Tages, die Teilung zwischen dem Ober- und Unterhaus sich immer noch gleich, wie ichs im November und Dezember kannte? Ich kann mir kein anderes und lieberes Bild davon machen. – Wird Herr Hofrat Rotteck seine Vorlesungen im Jahre 1830 fortsetzen? Wenn ers nicht im Sinn hätte, so würd' ich ihn schon um Deinetwillen unter Zusagung eines angemessenen Honorars feierlich darum ersuchen, denn gewiß wollte ich den Verdiensten des Herrn Hofrats niemals zu nahe treten.

Im letzten Briefe meines Bruders Karl heißt es: »Kennt und liebt Deine Luise Krummachers Parabeln, oder was sind sonst ihre Lieblingsbücher? Und was hast Du noch neuerlich von Bedeutung gelesen?« – Was die letztere Frage betrifft, so werd ich ihm antworten: »Luisens Briefe an ihren Eduard. Grötzingen und Nürtingen 1829.« Hinsichtlich der ersteren Frage muß ich Dich reden lassen. –

Apropos, weil wir ohnehin an der Lektüre sind, so will ich Dir doch eine Stelle hersetzen, die mir neulich in meinem über Alles werten Lichtenberg begegnete. Was hältst Du davon? »Was die Freundschaft, und noch mehr das glückliche Band der Liebe so entzückend macht, ist die Erweiterung seines Ichs und zwar über ein Feld hinaus, das sich im einzelnen Menschen durch keine Kunst schaffen läßt. Zwei Seelen, die sich vereinigen, vereinigen sich doch nie so ganz, daß nicht immer noch der, Beiden so vorteilhafte Unterschied bliebe, der die Mitteilung so angenehm macht. Wer sich sein eigenes Leiden klagt, klagt es sicherlich vergeblich; wer es der Frau klagt, klagt es einem Selbst, das helfen kann und schon durch die Teilnahme hilft. Und wer gern sein Verdienst gerühmt hört, findet ebenfalls in ihr ein Publikum, gegen welches er sich rühmen kann, ohne Gefahr, sich lächerlich zu machen.« –

Mein eigenes Leben und Treiben hier anlangend, so ist es so ziemlich einförmig, wie es denn bei gegenwärtiger Jahrszeit fast auch sein muß. Nach Kirchheim komm ich zuweilen, wiewohl dann, wenn ich beim Dekan nichts zu tun habe, nur auf die Post. Der hiesige Helfer ist zwar ein freundschaftlicher braver Mann und in gewisser Art lebendig, das heißt, er spricht schnell und viel, aber für den genauem Umgang wäre er mir nicht. Sein Gespräch bewegt sich überall gern auf der Oberfläche – er ist einer von den immer zufriedenen jungen Hausvätern, welche gewöhnlich um diese Zeit ausgemachte Egoisten sind, mit äußerst zuvorkommender Miene, aber im Grunde nur brauchbar für Frau und Kinder.

Was wollt ich geben um einen rechten Freund, der in der Gegend wohnte. Ich bedarf so gar sehr der Mitteilung und gelegentlicher Reibung, sonst gerat ich mit allem leicht ins Stocken – – meine Liebe ausgenommen, weißt Du wohl, aber man muß in der Welt nun einmal doch etwas mehr tun als einander gern haben. Nicht?

Gestern schoß mir der Gedanke durch den Kopf, alles mögliche zu tun, um etwa den Mährlen in meine Nähe zu bringen.

Das Anwerben neuer Freunde ist doch immer eine schwierige Sache und gewöhnlich werden sie nie so schmackhaft, wie die alten; sonst möchte ich wohl einen Versuch mit dem jungen Süskind machen, der als Vikar beim Dekan Bahnmaier in Kirchheim ist. Du glaubst nicht, welche unerträgliche Sehnsucht mich zuweilen plagt, eine Stunde Unterhaltung nach meiner Art und Bedürfnis zu bekommen. Wie glücklich bist Du in dieser Hinsicht gegen mich!

Nun noch Eins, was ich das letztemal schon schreiben wollte: versäume doch ja Dein Klavier nicht und den Gesang! Es liegt mir mehr daran, als es freilich jedesmal den Anschein hat, wenn wir beisammen sind, wo ich Dir keine Ruhe zum Spielen lasse, aber Du verstehst mich schon. Dies Dein Talent ist in meiner Vorstellung von Dir so ganz unzertrennlich mit Deinem geistigen Wesen verwachsen, daß ich es künftig zu keiner Zeit werde entbehren können. Nie tritt auch Deine Seele so rein und anschaulich aus ihrer Tiefe hervor, als wenn Du jene unvergeßlichen Lieder singst, unter denen sich mein Herz zum erstenmal zu Dir hinbewegte. Denk ich dieser Zeiten, jener Abende, weißt Du? so ist mir, ich träte in das innerste Heiligtum unserer Liebe, und ich müßte die Hände falten im glücklichsten Gefühle Deines Wertes.

»So laßt mich scheinen –« »Bleich flimmert –« »Kennst Du das Land –« »Die Sonn erwacht –« »Freudvoll und leidvoll –« »Mir leuchtet die Hoffnung –«

Diese sechse – nicht wahr ? – Du läßt sie nicht einschlummern? – Die Landschaft hängt ja noch immer Dir gegenüber, wenn Du Dich zum Spiel setzest, und Dir zur Seite steht mein Geist, so oft Du eins der sechse anstimmst.

Nun leb wohl, Teuerste, mir Allgegenwärtige!

Ewig Dein
treuer Eduard

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