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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 8
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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correctorreuters@abc.de
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(Den 15. Dezember, morgens)

Ich muß wieder auf den gestrigen Tag zurückkommen. Niemals war mir ein Abschied von Dir so schwer gefallen, obgleich mir nach jenem letzten glücklichen Abend auch nicht die geringste Lücke mehr im Innern zurückgeblieben war. Jedes Wiedersehen schien mir so ungewiß und so entfernt, ich schwankte einer ungewissen, lieblosen Ferne entgegen, und zum erstenmale fühlte ich mit ganzer Ungeduld die Unmöglichkeit, Dich überall, wohin es sei, mit mir nehmen zu können. Ich freute mich zuletzt nur auf eine einsame Stunde, wo ich nach Herzenslust unter ungehemmten Tränen meine eigene Trauer gleichsam würde umarmen und erschöpfen dürfen; denn – so bin ich – Aug in Auge noch mit dem geliebten Gegenstand, bleibt der äußere Teil meines Wesens meistens ohne lebhaften Ausdruck, so gierig sich auch der Schmerz aus der Tiefe hervorsehnt und auf eine stürmische Erlösung wartet. Es könnte jemand dieses Geberden kindisch, zum wenigsten übertrieben finden. Ist es doch keine Trennung auf Jahre hinaus, nicht einmal auf Monate! Sind wir doch nur wenige Stunden von einander! Aber hundert Meilen oder zwei – das ist im Grund gleichviel in dem Sinn, in welchem ich Dich vermisse. Wie oft bedürfte ich Deiner beruhigenden Nähe, wenn ich mir selbst nicht genug bin, oder Deines stärkenden Anblicks, wenn irgend eine Kraft in mir erschlaffen will! Doch, das ist nun so; ich muß mich gewöhnen, künftig mehr von mir selbst zu erwarten, ohne Dich deswegen aus dem Mittelpunkt meines Wesens zu entfernen.

Was manchmal die ungesuchte Berührung mit einem fremden, in seinem Kreise frisch-tätigen Menschen tut, um uns aus der drückenden Atmosphäre des eigenen befangenen Ichs herauszuheben, hab ich bei der Begleitung des Doktor Wurm recht wohltätig erfahren. Je mehr sich das Gespräch über auswärtige allgemeine Interessen verbreitete, desto nichtiger kam mir meine egoistische Stimmung vor, desto ruhiger wurd ich und fühlte mich nur umsomehr mit dem zufrieden, was ich doch immer besitze. Es war, wie Du weißt, der klarste goldenste Wintermorgen, so ganz gemacht, um nur die reinsten Spitzen der Gefühle in die zarte Bläue des Himmels zu tauchen – ich fühlte ganz, was es heißen wollte, als der gute ehrliche Wurm beim Abschied zu mir sagte: Gott segne Ihre Arbeit. Nach und nach geriet ich in eine dumpfe, doch behagliche Träumerei, in der sich tausend unbestimmte Eindrücke berührten, doch Du bildetest den Hintergrund; das Rollen der Räder, das Vorübereilen der äußeren Gegenstände betäubte mich aufs angenehmste, es sangen allerlei Melodien in meinem Kopf, denen ich zuzuhören genötigt war; dazu kam der Reiz einer ganz ungewohnten Gegend, Hügel an Hügel, die uns allmählich einschlossen, und hohe, jäh ablaufende Bergrücken. Dort ragte schon die herzogliche Teck. Das Pfarrort meines Großvaters nahm auf ein paar Augenblicke den Enkel auf, den es früher Einmal als kleinen Knaben gesehen hatte. Wir kannten uns nicht mehr, doch grüßten wir uns. Nun senkte sich bald der Weg nach dem Platz meiner Bestimmung hinunter, und ich war höchst erfreut über die Anmut seiner Lage. Die erste Begrüßung im Hause war gleich gar ungezwungen. Ein stattlicher Herr im reinlichen Hausrock, der Stadtpfarrer – hatte auf den ersten Blick etwas Väterlich-Einnehmendes für mich; man durchlief ungesäumt das Zunächstliegende – Warum haben Sie Ihre Jungfer Braut nicht mitgebracht? – sie sollte sich doch auch einbilden können wo und wie Sie jetzt leben! Nun, sein Sie mir herzlich, gegrüßt! Ihr Herr Vater hat mir in A. das Leben gerettet. – Ich war schon in Ihrem Hause zu Ludwigsburg usw.– Die Frau ist etwas ungelenker, aber wohlmeinend und freundlich. Außer den beiden ist nur noch eine Niece, Jeanette Brotbeck, da, die im Hauswesen mithilft, ein schüchternes, gutmütiges Ding. Beim Kaffee sprach der Pfarrer mit liebenswürdiger, wichtiger Schwatzhaftigkeit über die Altertümer des Orts, die Annehmlichkeiten meiner Wohnung, und ich verhieß ihm keine Ruhe zu lassen, bis er seine Nachgrabungen im Garten und Keller, wo eine Art Archiv vermutet wird, wieder fortsetze. Das Pfarrhaus war lange, eh es zu einem Edelsitz gemacht wurde, eine Kirche; jetzt hat es noch ziemlich das Ansehen eines Schlößchens, massive Mauern, je zwei zusammenstoßende Fenster in breiten, oben ausgewölbten Nischen. Die Aussicht meiner Stube geht auf den weitläufigen Garten, eine Seite des Orts und seitwärts die nahe Ruine. Die Einrichtung im Hause ist sehr ordnungsvoll, sauber, bequem und anständig.

So ist ungefähr die Umgebung Deines Eduards, und ich meine, wir dürfen beide zufrieden damit sein. Das allgemeine häusliche Verhältnis kann sich trefflich machen und, ich hoffe, das pastoralische auch.

Mein Herr Prinzipal – daß ich so sage – erklärte mir freimütig, er sei auf keine Weise ein Aner, sondern durchaus ein »Scripturarius«, ein dankbarer Schüler des alten Storr, doch folgt er in einem mäßigen Schritt, wie es scheint, auch noch ein wenig den Bewegungen der Litteratur mit dem Auge, verdient sich gerne noch ein Laudat von der Synode durch einen freiwilligen Aufsatz und sieht übrigens auf Pünktlichkeit im Amte, umsomehr, da er und die Gemeinde sich wechselseitig lieben. (Er selbst wird in der Kirche wohl nichts mehr versehen, auch bleibt mir wohl der übrige Teil der Geschäfte größtenteils, hingegen sind die Gottesdienste zwischen mir und dem Helfer billig verteilt. Sonntag Morgen (es wird bloß alle vierzehn Tage Nachmittags gepredigt), Kinderlehre in der Woche, Bußtage bleiben immerhin mir. – Ach, Kind! einen Wunsch hätt ich nur: daß mein beliebter Winter sich über Nacht auf und davon und dem Frühling Platz machte! Ich meine, wir wohnten dann um vieles näher beisammen. Oder ist es nicht so? Dehnt nicht der Winter, schon in der Vorstellung, alles viel weiter auseinander, verknüpft nicht der Sommer Bäume und Berge viel enger? Welche Lust, wenn ich an den herrlichen Morgen dann frühe hinüberfliegen kann zu Dir und wir lange, volle, liebe Tage haben! Oder wenn man eine allgemeine Familienwallfahrt auf die Teck macht, wobei auch Schütte sein wird und die lieben Mütter schlechterdings nicht fehlen dürfen!

(Eine Stunde später)

Ich komme soeben vom Amthaus und der sehr schönen Kirche; sie ist groß und im Innern von ungewöhnlich edler Bauart; namentlich machen zwei Reihen runder, bis zur Decke aufsteigender Säulen und das weite gotische Chor einen hohen, harmonischen Eindruck. Sie soll im Jahr 880 gebaut sein, was ich doch kaum glaube. Von großem Interesse war ein altdeutsches Gemälde mit vergoldetem Grund und gemalten Flügeltüren für mich; es stellt die Kreuzabnahme vor und ist sicherlich von seltnem Werte, aber für mich von ganz besonderm; denn bei einer der Nebenfiguren (wahrscheinlich Glieder der herzoglichen Familie, welche die Tafel stifteten) fiel mir eine rührende Ähnlichkeit mit meiner Geliebten in Haltung, Ausdruck und Scheitelhaar auf, dergestalt, daß mich der erfrorne alte Pfarrherr kaum mehr von der Stelle brachte. Meine liebste Zuhörerin in der Kirche – dacht ich – ist nun schon gefunden. In der Tat, ich werde nicht leicht die Kanzel besteigen, ohne dieser Gestalt einen geheimen Blick zuzuwerfen. – Laß mir solche unschuldige Kleinigkeiten, ich habe mir oft in den schlimmsten Fällen mit dergleichen Kindertroste geholfen und schäme mich seiner nicht.

Wo soll ich Dich nun denken, liebste Seele? Gewiß bist Du noch bei meiner lieben Mutter, und das soll mir sehr lieb sein, denn wie sehr ich mirs auch verhehle, so bekümmert mich den ganzen Tag die Sorge um sie, und mit Verlangen seh ich einer Nachricht entgegen. Diese könnte ich morgen haben, wenn Ihr geschrieben hättet! Ach ja, schreib überhaupt bald, es wird mir wohl tun!

Kommst Du nach Grötzingen, so grüße mir Alles aufs Innigste und sage der lieben Mutter und Rike, es sei trotz der hiesigen Raritäten denn doch ein ander Leben in Plattenhard gewesen – – Gewesen! was ist nicht schon alles gewesen! Viel viel Schönes, und doch, nicht wahr, mein Kind, wollen wir mit Vertrauen vorwärts schauen, was Schönes auch noch werden soll!

Leb wohl nun, Engel! Du stete Unruhe, Du ewiger Friede meines Herzens! Ich bleibe in Leid und Freude

Dein treuer Eduard

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