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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 44
Quellenangabe
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authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Teinach, den 9. Juli 1833

Für Dich allein

So hat es nun wieder kommen müssen, daß, wie mir es meist begegnet, wenn ich mich einmal auswärts in Bewegung setzte, kein Stillstand sobald werden will. Laß Dir erzählen, und laß mich, indem ich mit Dir rede und Deine Worte zu hören, Dein Lächeln zu sehen glaube, eine Stunde mich selber wiederfinden.

Meine Stuttgarter Reise hatte die doppelte Absicht 1. meine nächste Zukunft vorzubereiten, 2. dem dringenden Rufe meines Onkels Prokurator, in dessen eigenen Angelegenheiten, nach Kräften ein Genüge zu tun. An das letztere dachte ich immer mit einiger Scheu, weil meine Stellung in der Sache, worum es sich handelt, wie Du weißt, ihr Mißliches hat und er von meiner Mitwirkung und gutem Willen sich von jeher weit mehr versprach, als unter so von Grund aus schief gedrehten Umständen selbst dem liebevollsten Eifer und der ausgedachtesten Behandlung möglich ist. Überdies wußte ich meine Tante im Bad und sah also nicht, inwiefern meine Anwesenheit in Stuttgart von Nutzen sein konnte, da meine früheren Unterhandlungen mit Zwischenpersonen, deren größter Teil in eigenem Interesse auf Seiten der Frau ist, immer nur wenig fruchteten. Indessen wollte ich hören, was man von mir verlange. Aber zu meinem größten Erstaunen war selbst auch mein Onkel noch nicht von Teinach zurückgekommen und vor acht Tagen nicht zu erwarten. Dagegen zeigt' mir Karl einen Brief, wonach er mich mit Schmerzen zu sich wünscht, ja wonach ich – ohne Zweifel auf Karls vorläufige Versprechungen – schon Samstag bei ihm sein sollte. Nach Teinach zu gehen war mir gleichwohl niemals in den Sinn gekommen, ich fand auch jetzt wenigstens so schnell keine Möglichkeit, vielmehr stand die Ochsenwanger Sonntagspredigt als unumgängliches Gespenst entgegen. Ich war in der größten Not und Verlegenheit, man beriet hin und her und endlich konnte ich gegen die Vorstellung, daß ich Samstag nach Hause reisen, meine Herde speisen und Anfang der Woche wieder hier sein könne und müsse, nichts weiter einwenden. So geschah es also. Freund Mährlen begleitete mich am schönsten Morgen die neue Weinsteige hinauf und so fort im Fluß des Gesprächs bis Hohenheim, wo er sich gern überreden ließ, das Chaisechen zu besteigen, das Bruder Louis anschaffte und kutschierte. Halb acht Uhr abends waren wir, nach einer muntern und sehr schnellen Fahrt, an Ort und Stelle angelangt. Ich fand die liebe Mutter um vieles besser aussehend, als ich sie verlassen. Ein Körbchen mit Erdbeeren war sogleich der freundlichste Albgruß und ich bemerkte, wie der Frieden unseres Dorfs, das wir im Abendschein spazierend in Pantoffeln und Hausrock umgingen, ganz neue Wünsche und Gedanken bei meinem stiller gewordenen Freund aus der Residenz erzeugten. – Wir, – ich und Du, wir kennen diese Wünsche auch für uns und machen Sie vielleicht noch früher wahr als jener –.

Aber was schwänzelt und schnobert und zerrt mir denn unaufhörlich um die Füße? was hat mich schon auf der Schwelle halb aufgefressen vor Freude? O Wunder, Joli ist da! – Sechs Stunden vor mir war er traurig und mutterseelenallein am Pfarrhaus eingetroffen. Wie er sich von mir wegverlor, in wieviel hundert Markungen von wenigstens fünf Oberämtern das arme Tier bei Tag und Nacht auf meiner Spur sich abgemattet und ausgehungert haben mag, kann ich ihm leider in den Augen nicht absehen, aber die Geschichte der berühmten hundert Tage von anno 15 könnte mir kaum denkwürdiger sein, als diese vier Tage es wären. Nun hab ich ihn doch wieder; er folgt mir wohlgewarnt nun immer hinter den Fersen, und mit großem Behagen las ich ihm neulich seinen Steckbrief in der Zeitung vor. Ein angenehmes Rot überzog dabei seine kindliche Wange, ich weiß nicht, ob aus Beschämung über das schmeichelhafte Signalement oder über die Dummheit seines Verlaufens. – Indessen Mährlen und Louis auf [den] Reißenstein gingen, versah ich meine beiden Kirchendienste. Um zwei Uhr waren wir schon wieder auf der Straßen, wir fuhren über Eßlingen und erreichten Stuttgart noch bei guter Zeit.

Des andern Tages macht ich einige Besuche. Unter anderm führte Mährlen mich in das Süskindsche Haus, wo ich seine Braut zum ersten Male sprach. Sie hat mir wohlgefallen, bescheiden, still und verständig, wie sie ist. Auch Flatt besuchte ich; das Resultat war so ziemlich das alte, er versprach mir zu schreiben, sobald ein taugliches Pfarrvikariat aufginge, oder wollte er einen Tausch einleiten. Ich weiß noch nicht, was ich tue. Ein Interim-Privatisieren wollt er abermals nicht gelten lassen. –

Der Sonntag flog weg, ohne daß ich zu Schwab gekommen wäre. Abends veranstaltete Onkel Heinrich, bei dem ich logierte, eine kleine Kollation in seinem Garten. So guter Dinge bin ich, außer bei Dir, lange nicht gewesen. Dienstag früh fuhr ich nach Teinach ab; ich machte die neun Stunden den lieben langen Tag, von Magstatt an, bis wohin Karl mich begleitete, allein, in meiner und meiner Gedanken Gesellschaft, die denn vom hundertsten aufs tausendste und am liebsten immer zu Dir hinliefen. Ach! warum konntest Du nicht an meiner Seite sein. Der Weg, das Tal von Calw an ist so schön und schweigsam, mit seinen dicht und schwarz bewachsenen Bergen, seinen frischen Wiesgründen und frischen Gewässern! Ganze Schichten alter Gefühle, die aus verschiedenen Zeiten mit diesen Gegenden bei mir verwachsen sind, lösten sich stellenweise vom Grunde meines Innern los, die älteste Erinnerung war aus meinem zwölften Lebensjahre. – –

Nun sitz ich hier inmitten einer kleinen buntscheckigen Welt, von ernsthaften Bergen eingeschlossen. Mein Onkel war mit Gesellschaft auf Zavelstein gegangen, als ich ankam. Dies ist eine uralte Ruine auf einem der höchsten Waldrücken, deren prächtiger Turm vom Zimmer aus, worin ich schreibe, vollständig angesehen wird. –

Später.
Am dritten Tage früh

Das Badeleben hier hat viel Ergötzliches, doch auch manche Stunde, wo man weder mit sich, noch mit andern etwas anfangen kann. Der Tag schnurrt herum, und abends weiß man kaum, ob man gelebt hat oder nicht. Man schwätzt, damit man schwätzt, und macht sich weis, man habe sich ganz trefflich unterhalten.

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