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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 43
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Ochsenwang, den 24. Januar 1833

Ich bin, meine teuerste Luise, in hohem Grade überrascht und bekümmert durch Dein letztes Schreiben. Du hast mir bitteres Unrecht getan. Ich sage das mit reinem, ruhigem Herzen, im männlichsten Bewußtsein, obgleich nicht ohne tiefe Wehmut, da ich in jenem Briefe nicht etwa nur ein flüchtiges Mißverständnis erblicken, sondern beinahe die schöne und feste Wurzel unseres Verhältnisses durch das unbillige Mißtraun von Deiner Seite bedroht und angegriffen glauben muß, wofern mir nicht gelingen sollte, dasselbe auch bis auf die kleinste Spur aus Deiner Seele wegzuwischen. Welch ein köstliches, mit nichts abzukaufendes Zeugnis Deiner Liebe könnte Dein Brief mir sein, wenn jene dumpfe Saite nicht durch alles hindurchklänge! Soll ich denn jetzt erst einsehn lernen, daß meine Luise mich nicht kenne? Wie dürftest Du sonst an meiner Redlichkeit, an meiner Treue zweifeln? O gewiß, Du mußt alle neuern Briefe immer schon vorweg mit Argwohn in die Hand genommen haben, sonst würdest Du den Ausdruck der lautersten Zärtlichkeit nicht vermißt noch verkannt haben! Wenn Du mein immer reges Verlangen, Dich wiederzusehen, überall zu schwach ausgedrückt findest – ich bitte Dich, teures Herz! stand es in unserem gegenwärtigen Falle dem Manne nicht besser an, den Worten weniger einzuräumen und einen linden Schleier über den Gegenstand unsrer Ungeduld, unsres Kummers zu ziehen? Soll nicht auch Klugheit und Schonung bei der Liebe wohnen? Wäre es etwa löblicher gewesen, Dich durch wiederholte leidenschaftliche Ergüsse zu erweichen und Deinen Gram zu verdoppeln? Gott ist mein Zeuge, wie mein Herz oft brach, wie es zu tausend, tausend Malen im Stillen blutend überfloß, indes ich dem Papier nur soviel anvertraute, als Dein Bedürfnis fordern konnte, als ich mir selbst, Dir gegenüber, schuldig war. Wie manchesmal hab ich ein schon für Dich bestimmtes Blatt zerrissen und völlig umgeschrieben, das Dir in seiner ersten Gestalt zugleich willkommener und schmerzlicher hätte sein mögen!

So glaubte ich an meinem Teile recht und gut und vernünftig zu handeln. Ja, Du selber tatest Dir, wie ich sehr wohl bemerkte, in einem ähnlichen Sinne Gewalt beim Schreiben an, und wenn Du mir zuweilen Geduld und Mut zuriefst, wie wohl tat mir ein solcher Ton! wie gerne griff ich jedes Wort heraus, das mich etwa einen günstigen Schluß auf Deine eigene Stimmung machen ließ! Und Deine Klagen selbst – so lange sie das Schicksal, die Notwendigkeit betrafen, nicht aber meine Treue antasteten, dürft ich sie schelten? hab ich nicht aus ihnen, so wie sie meinem Schmerz zwar neue Nahrung gaben, so doch zugleich die ganze himmlische Süßigkeit Deiner Liebe gesogen? Mein Verbrechen war nur, daß ich, statt ebenfalls mit Klagen, weit mehr mit Trost antworten zu müssen glaubte. War aber dieser Trost etwa ein leichtsinniges und nichtiges Gerede? trug er die Farbe der Wahrheit, der zärtlichen Sorge, der innigsten Hingebung so wenig, daß er Dich beleidigen und irre machen konnte? Bei alle diesem scheint leider so viel klar, daß Du, abwechselnd, bald an der Notwendigkeit meines langen Ausbleibens zweifelst, bald im Gegenteil die Größe meines Übels übertreibst. Bei beidem kann ich mich nur auf meine Briefe berufen. Wenn ich etwa nicht ausdrücklich gesagt habe, daß ich in Ermanglung aller Hilfe die Feiertage allein funktioniert habe, so unterblieb dies nur darum, weil ich dies nicht eben mit sonderlichem Ruhm für meine Gesundheit hätte herausheben können; ich dachte, überhaupt gar nicht es nur berühren, da der Umstand, daß ich zur Not meine kirchlichen Geschäfte versehen kann, keinen Maßstab und kein Präjudiz für das Ganze und Wesentliche meines Zustands gibt. Daß ich aber, im Falle eine Dispensation vom Gottesdienst auf mehrere Wochen anginge, dadurch um vieles gebessert wäre, gesteh ich gerne zu.

In Rücksicht auf Döffingen kann ich, liebes Kind, Deine Ansicht noch immer nicht teilen. Auch wurde mir aufs Neue (von des Pfarrer Hoffmanns [Familie]) ernstlich und wohlmeinend abgeraten. Ich ließ mich auf Dein Schreiben ausdrücklich bei ihnen erkundigen. Dagegen bin ich entschlossen, mich um Thamm bei Ludwigsburg zu bewerben (es wäre denn, was aber bei diesem Anfangsdienst sehr unwahrscheinlich ist, daß es über siebenhundert Gulden angeschlagen würde). Es ist ein lieber und wohlgelegener Ort, wohin ich oft vom elterlichen Hause kam. Gewiß, wenn das Glück uns hier wohlwollte, hättest Du nichts Schöneres zu wünschen!

Wann der Termin unsres Wiedersehns sei? – Du willst, daß ich mit einiger Bestimmtheit hierauf antworte. Wenn ich nun sage: Ich bitte Gott und hoffe: auf den März, hab ich genug gesagt? oder bin ich lieblos, nicht anders zu sagen!? O daß Du auf den Grund meiner Seele schautest und erkennen möchtest, wie gut ich es meine für Dich und mich! Aber leider hast Du angefangen, mir zu mißtrauen – was helfen meine Worte? Und wenn ich alle Gründe wiederholte, die mein Entferntsein rechtfertigen: Du hörst sie nicht. Du hörst aus allem nur das eine heraus: er liebt mich nicht genug, er käme sonst! Ach, daß Du wüßtest, wie das Gefühl mich durchbohrt, mir das innerste Leben durchschneidet, von Dir, von Dir, Luise, nicht besser verstanden zu sein, in Deiner Brust einen Widerstand zu finden, wo ich den vollen heitern Glauben der Liebe erwarten kann, der mich noch nie verlassen hat Dir gegenüber.

Blick her! neig mir Dein Herz entgegen! leg in Gedanken Deine Hand hieher, wo sie so oft geruht hat! im vollesten, erschöpfenden Gefühl, daß wir uns ganz und ewig angehören, daß keines Menschen Seele auf weiter Welt sich inniger, glücklicher an Dich anschließen könne, als ich, Dein Eduard!! Wärs möglich, daß ich diese Worte ins hellste Morgenrot tauchte, damit sie, bis wir für immer nebeneinander und umeinander bleiben, mit unauslöschlichen Zügen vor Deiner Seele stünden! – – –

Über meine Gesundheit sei übrigens ganz unbesorgt und glaube nicht, daß ich Dir irgend eine Gefahr dabei verhehle! Nur geschont will sie vor der Hand noch sein. Die vollkommene Herstellung eines so unbegreiflich hartnäckigen Rheumatismus erfordert zwar Zeit, aber sie ist nicht zu bezweifeln. Nur im Fall einer Vernachlässigung hätte ich schlimme, vielleicht lebenslängliche Folgen zu befürchten. Lebewohl, mein einziges Leben! Erhalte Dir einen guten Mut und sei versichert, daß, wenn Gedanken aus der Ferne sich fühlen ließen, Du meiner persönlichen Gegenwart niemals gewisser sein könntest, als Du es dann meiner geistigen wärest!

Die versprochenen Mitteilungen ein andermal; nur einen Brief von Professor Schwab leg ich bei, der Dich gewiß freuen wird. Ich habe ihm die Sache zugesagt und will auf irgend etwas denken. Aber wenn mich der Körper drückt, so bedarf ich umsomehr eines stillen und ruhigen Gemüts und dazu, liebstes, bestes Herz, kannst Du durch ein freundliches und ermutigendes Wort das meiste beitragen.

Ich bin mit unveränderlicher Liebe
Dein treuer Eduard

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