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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 42
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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(Ochsenwang, den 28. Oktober 1832)
Den Tag nach Deinem Geburtstag

Wie dank ich Dir, mein bestes Herz, für Dein Schreiben vom 12. Oktober! Ganz, ganz hab ich darin Dich wieder erkannt und empfunden; noch jetzt drück ich sie an die Brust, diese lieblichen, tröstenden, zuversichtlichen Worte. Ich will denken wie Du, ich will, sofern es möglich ist, gelassen immer vorwärts blicken, und übrigens an meinem Teile tun, was die Gegenwart fordert.– –

Gestern, meine Luise! hab ich in reiner Herzensstille mich Deines Tags gefreut; mir ist, als fiele von ihm noch ein sanfter und rosiger Schein in die Ruhe des heutigen Sonntags herüber, und diese Nachfeier ist mir, nach vollendetem Tagwerk, noch ebenso heilig und süß, wie die vorhergegangne, eigentliche war; – ich setze mich an Deine Seite und halte Deine Hand, indem ich Dir von uns erzähle.

Seit einigen Tagen ist mein Bruder Karl bei uns und wird wohl ein paar Wochen bleiben. Er ist in gespannter und unruhiger Erwartung vom Erfolg der nach Regensburg und sonsthin gerichteten Sollizitationen um irgendeine Wiederanstellung in fürstl. Taxlischen Diensten. Ich und andere halten ihm wenig darauf und denken indes da und dort herum. Er macht sich hier verschiedene Vorarbeiten; auch die Musik wird wieder hervorgesucht; ein altes Klavier ist herbeigeschafft, vielleicht tritt bald ein besseres an dessen Stelle und dann soll es mit doppeltem Eifer an die Komposition eines kleinen Melodrams gehen, das ich gegenwärtig schreibe und das auch bald vollendet sein wird, da die Fragmente von früher schon vorliegen.

In dieser Woche wird Dorchen mit ihren drei Kindern uns auf einen Tag besuchen. Ihr Benehmen ist fortwährend musterhaft und für Karl insbesondere tröstlich. Auch der Vater [Dorchens] zeigt sich, wiewohl einige Spannung unvermeidlich bleibt, vernünftig und gut.

Wie klug und vorteilhaft ist es, unter allen Umständen, so weit man es vermag, die Fassung zu behalten, und wie viel leichter faßt man sich an seinem Teil, sieht man noch andere, die ungleich schwerer tragen, aufrecht und kühn ihrem Schicksal standhalten.

Was mich betrifft, die Bittschrift liegt schon längst im Konsistorium; ich werde aber jedenfalls wohltun, gleich vornweg zu vergessen, daß ich mich je gemeldet, und so wollen wirs auch ferner machen, denn

»Unverhofftes kommt am Schnellsten«.

Hier ist ein Brief von Mährlen; Ihm ist endlich doch was geglückt. Ich gestehe, daß ich bei der ersten Anzeige dieser Stelle im Regierungsblatt einen Augenblick an mich selbst gedacht habe, aber auch an Dich, und stand deshalb im selben Augenblicke wieder von jedem Versuch ab; denn die schönste und lieblichste Hoffnung – eine baldigst völlige Vereinigung mit Dir – wäre durch eine solche Auskunft (und hätte sie auch noch zu etwas Erfreulichem führen können) doch immerhin weiter hinausgerückt worden, als meine Sehnsucht leiden mag. (Stuttgart und sieben hundert will sich nicht reimen.) Freund Mährlen spricht nun in Bezug auf meine Aussichten, andeutungsweise, wie Du siehst, von Allerlei, am Ende aber heißt das doch mit der Stange im Nebel umhergehn. Ich kann vorderhand nichts tun, als etwa daß ich mir Männer wie Schwab (dessen Bruder jetzt ziemlich gilt) einigermaßen geneigt erhalte und übrigens, wenn meine Umstände nur sonst etwas poetischer werden, mit dergleichen Arbeiten fortfahre.

Die »Konvulsionen«, die wohl nicht sehr gefährlich sein mögen, werden Dich auch ergötzen.

Seine Aufforderung, in dieser Zeit nach Stuttgart zu kommen, finde ich, eben jetzt, nicht ganz am Platze und will eine dringendere Veranlassung erwarten, die ich selbst jedoch noch nicht absehe. Meine nächste Reise, denk ich, geht nach Gmünd. Indessen setzte ich die Kur immer gewissenhaft fort. Lobst Du mich nicht auch ein klein wenig? Solltest nur sehn, wie genügsam ich bei meinem kleinen Speisezettel bin.

Deines lieben Karls Unfall ist zwar verdrießlich, doch kann ihm, – wenn ich von mir selbst und meiner Antipathie gegen das Stift ausgehe – das Studium in der Stadt, der freieren Stellung und größern Selbständigkeit wegen, auch förderlicher sein. Auf alle Fälle, das bin ich gewiß, wird künftig die liebe Mutter ihre Hoffnungen auf ihn nichts desto weniger schön gerechtfertigt sehen; ich glaube Karin zu kennen und verspreche mir von seinem Charakter wie seinen Fähigkeiten, nicht ohne Grund, etwas Vorzügliches.

Dem lieben Fritz darf man nach Allem, was ich von der Stelle höre, gratulieren. –

Ich schließe nun mit tausend Grüßen an die lieben Deinen Alle, mit tausend Küssen für Dich. Laß mich bald wieder ein liebes Wort von Deiner Hand sehn! Indessen bleibt das letzte Briefchen immer in meiner nächsten Nähe und bleibt auch immer neu.

Du wirst in diesen Tagen ein kleines Zeichen des Andenkens zum 27. Oktober durch Klärchens Besorgung aus Stuttgart erhalten oder erhalten haben. Leider könnt ichs, von hier aus, nicht gleich selbst beilegen, denn auf der Alb und um die Alb war nirgends etwas Zierliches zu finden.

Leb wohl! mein Teuerstes! Gedenke mein! – Mit ewiger und ewig gleicher Liebe bin ich

Dein treuer Eduard

Karl grüßt noch besonders.

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