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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 41
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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correctorreuters@abc.de
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(Ochsenwang, im Sommer 1832)
Sonntag Abend

Für dich alleine

Wir sind es längst gewohnt, mein teures Kind, einander von der jedesmaligen Gestalt unseres Innern, – wie sie bei aller Stetigkeit und Reinheit unseres eigentümlichen Verhältnisses, doch unter so viel überqueren Einflüssen von außen sich selten lange gleich bleibt, uns selbst zu wunderbarem Troste in gegenseitiger Kenntnis zu erhalten; und wenn ich jemals diese Pflicht versäumte, so konnte ich den doppelten Unsegen immer sogleich am eigenen Herzen empfinden: ich lebte von mir selbst getrennt und war wie einer, der die Heimat eigensinnig meidet, in deren Schoß ihm doch, wie er so deutlich weiß, der Friede gleich gefunden wäre. – Aber wozu dieser Eingang? Er scheint bei Weitem mehr anzukündigen, als ich in der Tat zu sagen habe. Was mich seit Wochen und Monaten drückt und hindert und zerrt, ist Dir ja wohl bekannt. Dennoch komm ich mir selbst seit Kurzem mutloser, stumpfer, ärmlicher vor als je. Mich widert die Arbeit an, und so mancher Genuß, den ich sonst aus dem einförmigen Zustand meines Lebens wie aus dem eigenen Gemüt mitunter frisch und munter schöpfen konnte – Spiel und Ernst – das Alles ist wie ausgetrocknet, wie auf immer verschwunden. Oder wenn es wohl zuweilen geschieht, daß ein freier Gedanke, ein heitrer Blitz der Einbildung bei mir aufschießt, daß mir die Lust ankommt, einen längst fertigen Plan mit der Feder in der Hand keck anzufassen – so steht der böse Geist auch augenblicklich wieder da und läßt die schöne Täuschung nicht aufkommen, die mir die trübe Wirklichkeit, das kümmerliche körperliche Gefühl hätte vergessen lassen sollen. Wie anders (muß ich mir sagen), wie glücklich könnte ich sein mit einer kleinen, man sollte denken, so billigen Veränderung meiner äußern Lage – gesunde Luft und ein regeres Verhältnis zur Welt in der Art, wie sie mir gemäß ist – wie sehr ist nicht dadurch jede freudige Tätigkeit, die ganze Harmonie meines Wesens bedingt! Sieh, bestes Herz! oft wandelt mich, wenn mir das alles so klar vor der Seele wird und nirgends eine Handhabe vorschaut, den elenden Karren auch nur um eine Linie vorwärts zu stoßen, und ich die Tage so wegschwinden sehe ohne eine Spur von wahrhaftigem Leben, von tüchtigem Selbstbewußtsein, dergleichen ich doch sonst gehabt – mich ergreift dabei ein Gefühl von Bitterkeit, von Trotz und Ungeduld, das nur derjenige verstehen und verzeihlich finden wird, der sich je auf ähnliche unsinnige Art durch Indolenz oder Pedanterie seiner Vorgesetzten von seinem natürlichen Elemente abgeschnitten und nach seinem besten Teile gelähmt und vernichtet sah! – Wie manches, manches liebe Mal hab ich bei alledem denn doch auch wieder, über die öde, kahle und, wenn Du nicht wärest, ganz und gar freudlose Gegenwart wegschauend, mich in ahnender Lust nach der Zukunft gestreckt und wohl auf Stunden, solang das gut tun wollte, mich mit dem lieben Bilde vertröstet!! O meine einzige Luise, argwöhne nicht, daß diese Vorstellung nicht überhaupt das ihrige bei mir tue! Tat sie es nicht, wer weiß, welchem Zufall oder Laune ich längst die Ziehung meines Loses blindwagend überlassen hätte! Noch kam kein Zweifel in mein Herz, daß, da Du mir geschenkt bist, das Schicksal Gutes mit mir vorhaben müsse, daß mir Dein reiner, frommer Sinn das treueste Orakel für die Feststellung meiner innersten und eigensten Angelegenheiten gewesen sei und ferner bleiben werde; das heißt, ich werde meinem bessern Selbst treu bleiben um so gewisser, als Du mit meinem Genius verschwistert bist und Hand in Hand mit ihm die sanften Bande hältst, in denen sich mein Leben, mein Wollen hinbewegt. Aber Du fühlst nun auch mit mir, fühlst es mehr, als ich sonst jemandem zumuten darf, wie sehr ich Ursache habe, mit meiner gegenwärtigen Lage unzufrieden zu sein, da hier von keiner inneren Notwendigkeit, sondern nur von dem zwecklosesten, erbärmlichsten Drucke die Rede sein kann, worunter ich seufze. So mancher, der mich hört, sieht dies nicht ein; man könnte versucht sein, diesen Mißmut töricht, lächerlich zu finden – denn leider kann ich mein Gefühl so wenig jemandem zu kosten geben, als ich meine ganze Individualität auf einen andern übertragen kann samt all der zufälligen körperlichen Quälerei, die mir das Übrige doppelt und dreifach schwerer zu empfinden gibt. Kommt einer her in seiner heitern Wohlweisheit: »Melde Dich weg, so ist die Sache abgetan.« – Sehr bündig und kurz allerdings! Wenns damit geschehen wäre! Als wenn ich die Stockfische nicht kennte! Gebt mir die mäßigste Pfarrei in einer menschlichen Gegend, und ich will gesund werden und arbeiten und fröhlich sein in meiner Arbeit trotz Einem! Aber nein! hier muß ich sitzen, bis ich zu Stein werde! »Ei, so laß den Kirchenmantel eine Weile fliegen!« rät mir ein anderer (und das bin zuweilen ich selber). Allein das nehmen die Herren unten denn doch übel und machen gewaltig schiefe Gesichter. Auch ist die Sache bedenklich, wie ich wohl selbst in andrer Hinsicht fühle und lieb Luischen mit. Also was bleibt uns übrig? Geduld haben und fein bleiben und mich drüber vielleicht ruinieren.

Ich breche ab von der Misere und sage nur noch: Erhalte Du wenigstens, mein Herz, Dir Deinen guten Mut und mir Deine Liebe! Diese ist es, die auch ich bei all meiner Plackerei doch immer rein und unverletzt für Dich ausscheide; sie weiß sich, wenn Alles durcheinander kollert und fällt, doch ihr besonder Eckchen, wie ein harmlos Kind, zu bewahren und äugelt mich verstohlen daraus an, als wenn ich schon wissen sollte, was sie meine und für die Zukunft verbrieft und versiegelt hätte.

Ja, wahrlich sie hat recht, und Hoffnung lasset nicht zu Schanden werden. Aber – hilf mir über diese nächste Zeit hinweg! Schreibe mir bald, bestes und einziges Herz! Du bists allein, was meine armen Gedanken, die, des Tages überdrüssig, schon einwintern wollen, noch immer wach und rasch erhält. – Sei tausendmal geküßt und an die Brust gedrückt. Ich schreibe dies kurz vor Schlafengehn und lasse diesen Gedanken meinen Tagesabschluß sein, wie ich wieder mit ihm erwachen werde.

Ewig
Dein treuer Eduard

Grüße die lieben Deinigen aufs herzlichste!

Die Bittschrift um Hausen ist fertig.

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