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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 4
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Plattenhardt, den 26. November 1829
Abends bei Licht

Herzchen! Ich kam heute insofern ganz gut hier an, als ich weder Hals noch Bein gebrochen habe, noch auch von dem mörderischen Kerl eingeholt wurde, der uns damals im Grötzinger Wald pfiff; aber ich muß noch zu sehr von Deinem Wiedersehen berauscht gewesen sein, denn ich machte einen verdammt unnötigen Abstecher seitwärts von der Straße, kam endlich vor einem wildfremden Orte an, wo ich Räuber und Menschenfresser vermutete; auf meine Frage: Wie heißt denn das Ne – das Dorf da? hieß es aber zum Glück bloß »Harthausen«. Ich tat, als gehörte das ganz in meinen Reiseplan, und verbiß meinen Zorn. Ein hundert Schritte vor dem Ort begegnete mir eine Herd Schafe, die ihr kärgliches Gräslein gar geduldig aus dem hartgefrornen Schnee rupften; der Anblick gab mir plötzlich meine Ruhe wieder; ich dachte an eine ähnliche fromme Begegnung, die ich noch erst an Deiner Seite bei Nürtingen gehabt. Das ist eine Kleinigkeit, tat mir aber doch in der Seele wohl.

Liebs Kind, ich empfand es diesmal recht, welch ein reines Naturwesen doch der sonst so verpönte Winter an sich hat! wie auch er es versteht, einem das Herz weit zu machen. Siehst Du so von der Höhe die langen weißen Flächen, die blauen Albgürtel im zarten Nebel, die einzeln hervorstechenden Turmspitzen stiller Dörflein, – all das hoch überwölbt von der klarsten, gesündesten Luft, so teilt sich Dir ein Gefühl von Lust und Stärke mit, das wohl bald zu einer gewissen Feierlichkeit steigt, wie ein weichlicher Frühling sie kaum geben kann. Und wenn ich so hin ging in meinen Gedanken an Dich, so war es, als nähme all das reine Weiß eine leise Rosenfarbe an – ich fühlte Dich in Deiner ganzen Unschuld und fühlte dann mich selber so.– –

Du lächelst über meinen winterfrohen Enthusiasmus und greifst nach Deinem verbundnen Finger, dem die Jahrszeit nicht wohl bekommt – das fällt mir eben ein, und Du hast recht, ich wäre versucht, die obige Apostrophe mit breiter Feder durchzustreichen; der Gukuk hole den Winter, wenn er meinem Kind weh tut. Aber ernstlich, was macht der Schmerzenssohn ? Ich bitte Dich, flüstre siebenmal meinen Namen drüber weg! Gib acht! er heilt. O Liebste – ich höre Dich diesen Augenblick leibhaftig zu lieb Mutterchen und Eike sagen: »Ja, ich glaubs, Dir wisset nicht, wie weh das tut!«

Glaubst Du, ich wollte auf alle zehn Finger und auf alle zehn Zehen meiner Füße mir ein Rauchkerzchen stellen und sie alle zwanzig bis auf den Grund ruhig abbrennen lassen, ein süßer Geruch dem Herrn, daß Du verschont bliebest. Frage doch den Denk, was ein gewisser Mucius Scaevola getan. Ich bin seelenvergnügt, Kind, daß ich Dich einmal wieder gehabt habe. Frage die Madel, ob ich nicht sang und musizierte nach Herzenslust. Da strickt sie an meinem Pult, und ich extemporiere soeben:

Da sitzt die gute Madel,
Sie ist vom besten Adel,
Sie ist und bleibt die Pracht-Madill
Und tut halt, was sie will.

– Das sind närrische Dinge, gelt? Doch Du denkst nicht, daß ich leichtsinnig bin. Fürwahr, ich habe hier wohl drei wehmütige und ernste Stunden, bis ich wieder eine ganz vergnügte habe. Ich sei aber fröhlich oder ernst, so bist Du bei mir. Denke, wie mir heut beim Umkleiden das schwarze Band und Kreuz auf meiner Brust ins Auge fällt, erschrak ich ganz sonderbar, und eine Sekunde lang standst Du vor mir halb traurig wie eine Nonne. Der Geist des schönen Liedes kam über mich (und wird noch oft über mich kommen), das ich hier in einer Abschrift beilege als Pränumeration für »das schönste«, das Du mir abschreibst. Es ist aus Justinus Kerners »Reiseschatten«. – Nun muß ich noch ein wenig an meine morgende Leichenrede gehen (es ist ein Kind gestorben).

Gute Nacht, Seelchen! ja, eine gute Nacht! Grüße Alles aufs zärtlichste und – was ich Dich bitte, danke in meinem Namen den lieben Denkischen für alles Gute, das ich bei ihnen genossen. – ich vergaß es; – sieh! so ganz nahm ichs schon in der Familien-Liebe hin, als ob sich das von selbst verstünde. Danke der liebsten Mutter nochmals.

Adieu, mein Herz, mein Leben!

Noch eins: ich weiß, Dein böser Finger ist an der linken Hand, deswegen – nicht wahr? nur ein paar Linien! worin Du mir sagst, was Du mir nie genug sagen kannst, – daß Du mich gern hast, daß ich Dich gern habe – das ist das Paternoster, das ich alle Stunden bete.

Luise! schlaf wohl! Ich bin und bin ewig

Dein Getreuer

Das nächstemal also sehe ich Euch hier. Das versprochene Gedicht brauchst Du mir diesmal noch nicht zu schicken. Ich lege einen merkwürdigen Brief vom Herrn Pfarrer in Kirchenkirnberg bei.

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