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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 39
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Ochsenwang, den 8. April (1832)

Seele!

Der zweite April hat mir Rosen getragen, d. h. auf gut deutsch: vor sechs Tagen hab ich ein liebes, liebes Briefchen von meiner Teuersten auf dem bewußten rötlichen Papier samt einer kostbaren Beilage auf weißem erhalten. Ich schreibe Gegenwärtiges auch auf rotem – doch ist es nur der Schein durch den bekannten Fenstervorhang, auf den die Morgensonne fällt, und der alle Wände und Flächen mit dieser sanften Glut beleuchtet. Nie seh ich diesen angenehmen Schimmer mein Stübchen besuchen, ohne zu denken, daß er vor noch nicht langer Zeit auf Deiner Stirn, auf Deinen lieben Fingern lag, und so berausch' ich mich wohl ganze Viertelstunden in dieser purpurischen Nacht der süßen Gedanken, der lieblichsten, zartesten Wehmut. Ich sage Nacht und Purpur, denn jene lichte Dämmerung verdichtet sich zuletzt auch wohl, je tiefer die Gedanken gehn, bis zur dunkelseligen Selbstvergessenheit, wo die äußern Sinne sich zu schließen scheinen, Alles, was uns umgibt, verschwindet und versinkt und die innerste Seele die Wimpern langsam erhebt und wir, wenn ich so sagen darf, nicht mehr uns selbst, sondern den allgemeinsten Geist der Liebe, mit dem wir schwimmen, wie im Element, empfinden.

Es ist Sonntag; ich komme soeben von der Kirche. Außen ists kalt und schneidend windig, doch scheint die Sonne einem recht ins Herz, und der Frühling drückt einem zwischen dem stürmischen Unfug gleichsam verstohlen die Hand, als wollt er sagen: Wir kennen uns doch!

Liebste Luise, nun erst war es der Mühe wert (und wird stündlich mehr), daß Du hier bei uns oben wärest! Ich habe schon ganze Nachmittage im Freien zugebracht und ganz unerhörte Schönheiten der Gegend entdeckt. Ein Plätzchen besonders ist mir schon ganz ans Herz gewachsen und lieber als Breitenstein und Alles. Es heißt »der spitzige Fels«, und wenn der Breitenstein nördlich, so liegt der letztere südwestlich. Er kränzt, wie jener, dieselbe Albtraufe; die Aussicht allerdings um was beschränkter, aber ein reicher Vordergrund mit Bäumen, phantastisch aufgetürmten Steinmassen (was dort ganz fehlt) macht mir die Aussicht hundertmal genießbarer. Zwischen einem der Felsen sitzt man ohne alle Gefahr, wenn man nur erst drauf ist, wie in einem Lehnstuhl mit Moose gepolstert, und hängt die Füße gleichsam über die herrliche Galerie hinaus, daß einen die Lüfte des Himmels mit seligem Schauder berühren. – Da sieht man im Tal die Äcker und Felder, schon sauber gepflügt, in niedlicher Kleinheit, braun und grün abwechselnd, liegen, und drüberher zerstreut die Feldarbeiter wie Ameisen emsig zappeln und die Häuslein des Dorfs nur leicht hingewürfelt – das Alles aber in den linden, goldnen Duft und in ein lispelndes Meer von Frühlingsstimmen getaucht. »War Deine Luise auch schon da?« fragte mich die liebe Mutter, als ich sie vor etlichen Tagen hieher führte, in der ersten Verwunderung. Nein, sagt' ich, aber sei's um ein paar Wochen, so sieht sie's noch einmal so schön. Indessen hatte ich doch Dein liebes Briefchen mit mir an diesen Ort genommen. Wie hat sich das Veilchen hier an der Höhe entsetzt und doch so nach und nach gefreut! So wirds Dir gehen.

Letzten Freitag Nachmittag wollte ich endlich eine schon mehrfach vereitelte Zusammenkunft mit Herrn Franz Baur ausführen.

Wir hatten Neidlingen verabredet. Eh ich von Haus wegging, brachte man mir ein Paket von Vischer, eine neue Erzählung, die nicht geschickter hätte kommen können; ich sah voraus, es werde hie und da ein günstig Augenblickchen geben, wo so etwas, wie ein verstohlener Bissen, nur doppelt schmecken müsse. Der Weg durch den Wald hinunter und hüglichte Heiden hinab ist kurzweilig genug. Ich nahm den guten armen Tropf, meinen Schulmeister, mit, der, wenn er die ganze Woche Staub geschluckt hat, daß ihm Lung und Leber zusammenschrumpfen, wenn er Tag für Tag das Ungewitter seines Ehstands mit resignierter Verzweiflung getragen, für all die Plackerei am Ende doch die zwei Groschen nicht hat, um dies entsetzliche Einerlei auf einen Abend beim ruhigen Glas Wein zu vergessen. Mit Freuden machte er also auch diesmal meinen Wegweiser. Es war das schönste Wetter. Beim letzten Hügel, eh man den Ort noch recht gewahr wird, betritt man ein lichtes Eichengehölze, wo ich den ersten Kuckuck hörte. Mein Herz schlug merklich lauter bei diesem lieben Friedensgruß. Ich sage Dir, und es ist nicht zu viel gesagt, dies ist der Ton, der mir seit meiner Kindheit die Tränen schneller und freudiger ins Auge schießen läßt, als die rührendste Frühlings-Kantate von Haydn.

Wie seltsam mischte sich zu diesen Eindrücken, noch ehe wir das Wäldchen verlassen hatten, ein eben beginnendes Leichengeläute im vor uns liegenden Örtchen! Es klang nicht recht wie Trauer in mein Ohr und Gemüt. Es gibt ein kleines Sinngedicht vom guten alten Logau, das gehörte recht eigentlich hieher. Ich hab es einmal meiner Schwester Luise gesagt, und sie hatte eine innige Freude drüber:

»Ob Sterben grausam ist, so bild ich mir doch ein,
Daß Lieblichers nicht ist, als schon gestorben sein.«

Vom Schulmeister trennt ich mich auf der Straße; er ging die Leiche mit anzusehn und die Predigt zu hören. Ich aber suchte für jetzt einen kühlen Trunk. Den fand ich bei einem freundlichen Wirt. Baur war noch nicht da, und so zog ich denn mit aller Behaglichkeit das Vischersche Manuskript hervor und las eine volle Stunde, bis der Erwartete kam, ganz ungestört. Es ist eine sehr ergötzliche Geschichte voll treffender kleiner Details. Unter den ernstern Partien war mir das, was von der Natur der Träume gesagt wird, besonders angenehm. Ich war gleich entschlossen, diese Bogen auch Dir und Euch (wozu ich eigentlich nicht beauftragt worden) zu übersenden. In etwa sechs bis sieben Tagen sollt ichs aber notwendig wieder haben, da ich dem Vischer drüber schreiben und es irgendwo zum Druck unterbringen soll. Es ist unbegreiflich dumm, daß die Redaktion des Morgenblatts diesen artigen Beitrag, der dem vertrockneten Blatte ordentlich wieder jungen Saft gäbe, zurückwies.

Da Baur so spät eintraf (er hat ungleich weitern Weg wie ich), so blieb man nun auch über die Zeit sitzen. Es dämmerte stark, und er konnte auf keinen Fall mehr ans Heimgehn denken. Mein Schulmeister kam über dem Beraten bescheidentlich an unsern Tisch geschlichen und eröffnete sein Votum mir ins Ohr, das denn auch Beifall fand. Der gute Freund sollte in einem vierten Ort, eine Viertelstunde von Neidlingen, übernachten: dort sei eine leidliche Herberge, und ich könnte ihn ohne großen Umweg noch dorthin begleiten. Wir machten uns auf, und der Schulmeister wies den Weg aufs Beste, obgleich es unter dem Dreispitzhut ein klein wenig rauchte. Es war sieben Uhr, als wir in Hepsisau ankamen. Man verweilte sich aufs Neue. Baur bat flehentlich, diese Nacht, die ihm sonst unerträglich sein müßte, in Gottesnamen mit ihm zu teilen. Wir debattierten, der Leute wegen lateinisch, mit Heftigkeit hin und her; ich hatte keine Lust und sah voraus, mit welcher widrigen Empfindung ich am Morgen in einem sackleinwandenen Bette erwachen würde, – einen übel zerstückten Samstag vor mir. Ich erschöpfte alle meine Gründe, doch schien ein beharrliches Weigern zuletzt unfreundlich, da alles im Grunde so leicht zu machen und der Schulmeister als Bote bereit war, meine Mutter außer Sorge zu setzen. Ich blieb. Das Abenteuer hatte auf der andern Seite auch wieder sein Reizendes. Nach langen Bettzurüstungen führt man uns endlich in eine große Kammer, an deren Decke das nackte Ziegeldach hinter den Häupten unserer Bettstätten schief herunterlief. Übrigens war alles sauber und ordentlich (das Weißzeug über die Maßen grob, recht hautangreifend, aber rein, und, was in solchen Fällen immer meine erste Sorge ist, nicht waschfeucht).

Ich schlief unter einem hölzernen Himmel durchaus im gotischen Geschmack. Im Spaß warf ich den Joli auf diesen Bretterhimmel und entdeckte mit Erstaunen, daß dort eine vierschrötige Kinderwiege aufgestellt war (von der mir der Teufel sogleich in den Kopf setzte, es liege ein totes Kind darin). Wir lachten eine Weile über dies merkwürdige Nachtlager, endlich schlief Baur ein, ich aber las mit glockenhellen Sinnen die Erzählung zum Schlusse, legte die Papiere bei Seite, steckte die Pfeife aufs Neue an und verfiel in eigene Phantasien. Hat es gegen elf Uhr in selbiger Nacht nicht an Deine Kammerfenster mit Geisterfingern geklopft? Ich streifte mehr als einmal daran hin. Meine Gedanken zuckten wie stilles Wetterleuchten über Deinem schlafenden lieben Gesichtchen. – Ich konnte kein Auge zutun und weckte den Kameraden, der denn (wahrhaftig eine seltene Tugend!) sich sogleich willig und munter finden ließ, noch ein Stündchen zu schwätzen. Abermals Küchenlatein, weil wir die Wandnachbarschaft nicht kannten.

Ich gäbe was drum, wenn ich wüßte, was mir diese Nacht geträumt hatte! Ich fühlte nur nachher, daß es ein Chaos von Schönem und Widrigem war. Indes erwachten wir aufs Heiterste. Wer konnte auch anders; draußen stand der Vorbote des Mai wie ein Engel mit hohen Goldflügeln, wovon nur der Eine noch nicht recht entfaltet war. –

Mein Herr Kollega begleitete mich noch. Um zwölf Uhr saß ich beim Mittagessen an meiner lieben Mutter Tische. Die Predigt aber kam nicht zu kurz. –

Jawohl hat unsres alten Dichtervaters Tod auch mich erschüttert, auch mich in langes Nachdenken versenkt. – In Mährlens letztem Brief steht folgende Stelle: »Daß Goethe gestorben und begraben, wirst Du wissen. Die legio sacra hat nach ihm nur noch ein paar Mann; sind auch diese vollends unterm Boden, so haben die Affen und Meerkatzen freies Terrain, um mit den Hesperiden-Äpfeln und goldnen Kronen der Wissenschaft und Kunst zu spielen. Man darf nicht dran denken. Ein französisches Blatt hat einen gediegenen Aufsatz über Goethe; die teutschen Blätter sind bis jetzt nur dumm; Menzel triumphiert, der widerwärtige Wicht! Das Journal des Débats sagt: Wie in Frankreich nach der Epoche seiner großen Literatoren und Poeten die politische eiserne Zeit begönnen, so werde es jetzt in Deutschland gehen. – Man wird noch fünf bis sechs Bände Lebensgeschichte – merkwürdige Briefwechsel – und Faust, Tragödie in fünf Akten, erhalten. – Weil ich eben am Brief-Exzerpieren bin, setz ich Dir auch eine Stelle aus Vischers seinem hieher (ich würde Dir gerne den ganzen schicken, wage es aber bei meinem lieben Mädchen nicht, einiger zu kecker Späße wegen, die aber mich herzlich gaudieren durften). – Ich hatte ihm meine Meinung über Pauline Wächter (jetzt Pauline Abele) unverhohlen gesagt. Er schreibt nun darauf:

» – Ich wußte auch zur Zeit, da ich heidenmäßig in sie verliebt war, gar wohl, daß ihre Sentimentalität erborgt und ihr wahrer Charakter eine derbe Sinnlichkeit sei, die ich übrigens nicht verdammen konnte, da sie etwas Naives und Homerisches hatte. Sie ist und bleibt wunderschön – was kann man machen? Die Schönheit behält ihr Recht.«

Ich schrieb Dir dieses ohne alle Absicht ab, liebes Herz. Du wirst Dich durch unsre Ansicht nicht kränken lassen. Du weißt doch, wie viel Dir die Freundin gegolten hat und ferner gelten darf.

Von dieser Mitteilung aber wirst Du ohnehin – doch ich vergesse, daß Dein eignes Interesse Dir die Vorsicht gebietet. – Bei uns (ich meine die liebe Mutter und mich) ist schöner, lieber Friede. Der Mutter Gemüt ist ruhiger, seit Adolfs Existenz wieder ins Geleise gerückt worden. Er ist wieder bei Herrn Schweizlen, der ihn mit aller Freundlichkeit aufnahm.

Sieh! und was ich für ein ordentlicher Mensch geworden bin! (aber war ichs denn nicht immer?) Nur zwei Beweise!

1. Ich habe vor einiger Zeit die hiesige Kirchenregistratur rangiert. Sie ist größer, als Du gesehen. Alle gleichartigen Papiere wurden sorgsam rubriziert in etwa zwölf verschiednen Fächern. Über jedem Faszikel ein Makulaturbogen mit sauberer Überschrift, und Alles so eingeschichtet, daß ich jedes Aktenstück in einem Augenblick herauszuziehen imstande bin. – »Das ist nicht mehr als seine Schuldigkeit« – wird Herr Schwager Denk replizieren. Bon! Aber tun alle Pfarrer in der Nürtinger Diözese dermaßen ihre Schuldigkeit?

2. hab ich mir neulich ein sauberes Schreibbuch, und auf die Dauer, in Leder, binden lassen, das den Titel hat:

Collectaneen

Fremdes: Hinweisungen darauf – einzelne Stücke aus verschiednen Schriftstellern, Zeitschriften usw.

Eigenes: Gedanken; Einfälle, Lineae und Merkzeichen für künftige Arbeiten; Züge aus dem Leben, Bemerkungen – an mir selbst – an andern usw.

Ist das nicht löbliche Industrie?

Aber wie steht es bei Euch, meine Teuren? Sind die Federn im Reinen? – Sind die Studenten-Betten parat? Was macht die beste Mutter? Was die gute Rike, ihr Herz, ihr Gehör? und ist, was sie hört, Neues und Gutes von Schütte? Grüße mir alle zum Schönsten. – Sage, wird Deine liebe Mutter unser Wesen nicht auch einmal hier einsehn??

Ei, eine Hauptsache! Fast hätt ichs versäumt. Mir blüht ein sehr lieber Besuch! Der gute Bauer von Stetten wird mich nach Ostern besuchen. Ich soll, – will er, – eine Fußreise nach Blaubeuren mit ihm machen. Ist das nicht eine reizende Aussicht? Und wann?, wann kommt die liebe Grötzinger Karawane? Herzchen! wann drück ich Dich im Angesicht der jungen Berge an die Brust!? Ich will nicht untersuchen, wie sich die Etagen, worin man Freunde und worin man die Geliebte im Herzen wohnen hat, der Höhe nach und der Frequenz nach zu einander verhalten müssen – ich denke nämlich, so was zu fragen, wäre der pure Unsinn. Ich brenne aber recht nach Bauer – ich habe viel gut zu machen bei ihm – habe ihm Viel zu sagen und Viel von Dir. Gibt es wohl etwas Süßeres, als einem Freund von der Geliebten erzählen zu können? Ich kann das (und weiß auch warum?) bei keinem so recht, wie bei Bauer.

Nun lebe wohl! Meine Luise! Ja, ich weiß, was dieses Mein bedeutet!

Ewig
Dein Eduard

Meine liebe Mutter zankt, daß ich ihren Gruß noch nicht beigesetzt.

Ich höre für gewiß, daß Justinus Kerner mit Familie nach Nordamerika ziehn werde. – Apropos, Freund Nast daselbst hat durch eine reiche Heirat großes Glück gemacht. Er ließ mich grüßen.

Neulich war die Frau Pfarrerin von Bissingen mit dem Vikar bei uns oben. Es gefiel ihr ausnehmend. Deiner hat sie herzlichst gedacht. – Der Pfarrer von Schopfloch hat sich indes nicht blicken lassen. Nach den Feiertagen will ich die Pfarrhäuser das Lenninger Tal abwärts besuchen. Es ist mein fester Vorsatz. Gutenberg – Ober-Lenningen (dies besonders) – Unter-Lenningen – Owen – Dettingen.

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