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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 38
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Ochsenwang, den 25. März 1832
Sonntag Nachmittag

Liebstes, einziges Herzchen!

Eben komm ich von der Kinderlehr; ich habe kaum den Kirchenrock und die Stiefeln abgezogen, so sitz ich schon wieder an meinem treuen Pult, wo die Beantwortung dreier Briefe auf mich wartet und wiederum einmal eine starke Korrektur. – Eigentlich sollte dieser Quark zuerst beseitigt sein, eh ich mit rechter Lust Sinn und Gemüt nach Dir hinrichte. Doch sehn ich mich darnach, wie nach einem frischen Trunke zwischen der Arbeit.

Der Winter liegt uns wieder, seit heute Nacht, vor den Fenstern, die Sonne möchte gern scheinen und kann nicht, ein Vögelein singt auf dem nächsten Baum vor meiner Kammer:

Das ist nur Märzenschnee,
Der tut mir gar nicht weh;
Frühling ist nimmer weit,
Großmutter sagt' es heut.

Frühling und Liebe, das ist doch gewißlich wahr, stehn in einer Wahlverwandtschaft, die ich schon wieder durch alle Nerven spüre. Warum warst Du mein erster Gedanke, als gestern ein Kind uns einen Strauß frischer Schneeglöckchen brachte? – Sie stehen hier bei meinem Schreibzeug und ich pflücke Dir eins, eh ich den Brief nachher zusammenlege; eigentlich kommt es mir vor, als wollten sie alle zu Dir hin und seien nur für Dich gewachsen. Das Mädchen fand sie unter den Felsen des Breitensteins. War es nicht möglich, daß eine süße magische Erschütterung den Fels durchzuckt hätte, als Du neulich Deinen Fuß dort aufsetztest, und daß diese Knospen in jenem Augenblick zum ersten Mal sich öffneten? In Nürtingen neulich sah ich die ersten Veilchen, die Tante steckte sie mir auf den Hut. So reiste ich recht unterm Frühlingssegen; die Sonne brach einmal recht lebhaft vor, als wir vor Nürtingen draus waren, und ein Storch flog einmal über dem Gefährt hinweg. Erst in Nürtingen eigentlich war ich recht wach geworden. Der Weg von Grötzingen bis dahin flog mit Feld und Baum, mit Fluß und Häusern, nur wie ein Bild, wie der Schein einer wirklichen Welt an mir und unter mir weg – die paar Minuten in des lieben Denks Hause ausgenommen. – Es war eine dunkel-süße Flut unbestimmt ineinander fließender Gedanken, auf welcher Dein Bildnis in aller Anmut der Gebärde, in allen Lagen der Vergangenheit, zuletzt auch gar der süßen hoffnungsreichen Zukunft, tausendgestaltig sich vor mir bewegte. Du könntest mich phantastisch nennen und an der Einfalt meiner Liebe zweifeln, wenn ich mit all den bunten Farben Dir beschreiben wollte, in was für Zaubergärten ich mit Dir, von seliger Wehmut wie mit berauschendem Blütenduft überschüttet, mich hin und wieder ziehen ließ. – Es gibt für mich kaum einen reizendern Genuß in der Liebe, als eben dies Gemisch von Wohl und Weh, wo die dämmernde Wolke so eines Abschieds den vollen Glanz des himmlischen Bewußtseins überschleiert, wie ganz, wie eigen man einander habe! – – Genug! Du verstehst mich hierin.

Ich kehre wieder aufs platte Land zurück. In Kirchheim schickt' ich zu Abeles und auf die Post und blieb indessen vor dem Schloßgraben gemächlich in der Chaise sitzen. Noch bei sehr guter Tageszeit kamen wir in Bissingen an, wo wir die Menge Schachteln, Stockscherben und sonstige Haushaltungsutensilien, die uns in der Stadtschreiberei waren mitgegeben worden, einstweilen deponierten, bis sie den andern Tag sollten abgeholt werden.

Nun ging es bald zu Fuß die Steige hinauf. Der Hans mit den ledigen Pferden voran, man schnaufte absatzweise vier- bis fünfmal aus und ich sah mich schon zeitig nach der Buche um, wo ich – Du weißt schon was? mit heißen Lippen erlöste, was dort wie im Banne gelegen, mich sehnsüchtig erwartete. – Es war schon dunkel, als wir an Ort und Stelle anlangten. Meine liebe Mutter traf ich wohl im warmen Stübchen an. Ich bekam eine Lobrede für die zeitige Ankunft. Ich erzählte, was zu erzählen war, und hatte wie immer die Lieb' und Güte der Deinigen zu rühmen. Dir bind ichs auf, ihnen meinen wärmsten Dank zu wiederholen.

Ich schließe nun und drücke Dich ans Herz; Du könntests fühlen, wie!

Ewig und ganz
Dein Eduard

Laß mich bald auch ein Wörtchen von Dir sehen! Bald! Die liebe Mutter grüße aufs Liebevollste.

Gestern habe ich einen gar erfreulichen Brief über die guten Aspekten meines Romans erhalten.

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