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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 37
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Ochsenwang, den 17. Februar 1832

Liebstes, teuerstes Herz!

Meine erste bittere Stunde in Ochsenwang muß also gerade die sein, welche hätte meine schönste sein können und sollen! Heut ist der lang ersehnte Siebenzehnte, die Sonne ist wieder aufs freundlichste aufgegangen, alle meine Gedanken waren seit Wochen auf diesen Einzigen Tag gespannt und vertröstet – nun ist er da, und die Mutter fehlt, Du fehlst und – ja, ich sag es gleich heraus, was meinen Verdruß vollkommen macht, – Du willst auch mit dem nächsten Termin nicht kommen! Laß mich gleich alles Andre bei Seit setzen und fragen, warum man mir auch diese nächste Hoffnung nehmen will?? Der Grund, von dem Dein Brief chen sagt, ist unmöglich der wahre oder einzige, und ich mag mich besinnen, wie ich will, einen andern, bessern oder, wo möglich, noch unbedeutenderen kann ich nicht finden. Was will denn, genau besehn, das heißen: das Logis sollte hier vorher in Ordnung sein, um einander dann ruhiger genießen zu können? – Das hätte zur Not, aber nur zur höchsten Not, noch gelten können, wenn Deine Ankunft mit der Abpackerei und dem Einräumen zusammengetroffen wäre (wiewohl uns Liebende das wenig geniert, sondern im Gegenteil auf eine heitere Art mit der Mutter zugleich beschäftigt hätte). – Nun aber, nachdem die Sachen hier sind und ihr beide schon Alles vorläufig in einigen Stand gesetzt antrefft, verschwindet jener Grund ja durchaus. – Ich mag nichts mehr drüber sagen. Ihr seht es so gut wie ich. – Du hast auch schon vergeblich auf mich gewartet, weißt also, wie mir zu Mut ist, indem ich dies schreibe. – Nur das noch: Am Montag oder Dienstag erhielt ich ein kleines Paket von meiner lieben Mutter mit Zucker, Kaffee, Tabak und dergleichen. Außerdem fand sich darin noch ein besonderer Umschlag, worein verschiedene neuere Briefe lieber Verwandter, mir zur Mitteilung, gewickelt waren; so auch ein kleines Schreiben Deiner lieben Mutter, welches gewiß wohlmeinend und gut, zum erstenmal den Zweifel wegen Deines alsbaldigen Hieherkommens zur Sprache brachte – mir zwar bereits zu einiger Unruhe, doch da meine Mutter mir jenen Zweifel gleichsam blos historisch vorlegte, überhaupt keine Silbe von ihr beigelegt war, so hielt ich die Äußerung Deines lieben Mutterchens nur für eine delikate Anfrage, dergleichen die Frauen, zumal die guten Mamas, hunderte aneinander tun. Ich dachte also, auch in Beziehung auf die Wagenbestellung nicht anders, als es verbleibe bei der ersten Abrede.

Wie unzähligemal stellte ich mich in der letzten Zeit vor den Kalender an der Wand und betrachtete mir den 17. Februar, Freitag, den Tag Constantiae (der eine so liebliche Anspielung auf eine schöne Dauer des eingegangenen dreifachen Vereins, nebenher, zu enthalten schien)! Wie hatte ich mich, besonders an den Abenden, wenn die Dämmerung über mein Dörfchen einsank, und der Mond hinter dem Turme vorkam, gewöhnt, im Voraus mit Deinem Schatten, mit dem Gedankengebilde der Tage, die nun nächstens kommen sollen, zu spielen und mir Alles so nahe als möglich vor die Seele gebracht, daß nur der körperliche Druck der Hände fehlte, um diesen Traum zur Wirklichkeit zu machen. Seit heute sind nun die Bilder, die sich immer küßten, alle auseinandergestoben und wollen sich nicht mehr habhaft werden lassen, bis Du mir wieder acht Tage anberaumt hast, wovon ich jedoch diejenigen schon ausstreichen darf, welche von heute bis zum Datum Deines nächsten Briefs vergehen.

Heut in aller Frühe klopfte es an meine Tür, ich hörte die Stimme des Schultheißen und fuhr vom Bette aus nur geschwind in Schlafrock und Pantoffeln und öffnete und hielt wie der blödeste Pinsel ein Päckchen von Deiner Überschrift in Händen, während der Schultheiß sagt: Aber die Mutter kommt eben nicht; das ist scheerig (soviel als ärgerlich). Ich las Deine lieben, lieben, bösen, bösen Zeilen, der Mann zog ab und ich warf mich, den Tag nicht anzusehn, wieder aufs Bett. – –

In zwei Stunden etwa werden die Wagen kommen, ich habe des Packens wegen Vakanz in der Schule gegeben, und während meine Stübchen ausgefegt werden, mich herunter in die Schule gesetzt (denn das ist in Einem Hause; der Schulmeister, der eine Zeitlang mit mir lamentierte, sitzt dort auf einer Bank und liest Zeitungen: »Zu Archangel ist am 20. Januar das Quecksilber in dem Thermometer gefroren, daß man die Grade nicht mehr unterscheiden konnte.« – So arg ist und war es doch auf meinem Eispalast noch nicht, dacht ich; heut haben wir einen so warmen sonnenklaren Tag, daß man wie durch ein Kristallfenster schon weit in den Frühling hineinsehn kann. Wärst Du da! Wärt Ihr da! So wird das Echo läuten, das ich diese Woche Einen Tag dem andern zurufen höre. Warum aber ich in dieser Zeit noch nicht nach Grötzingen gekommen sei? – Gewisser Hindernisse gar nicht zu gedenken (wie der Konfirmations-Unterricht und die stete, immer dringendere Kommunikation mit meinem Buchhändler, wegen der mir längst selbst genug verhaßten Druckbogen- Korrektur, ein Geschäft, Von dessen augenblicklichen und unaufschieblichen Anforderungen man keinen Begriff hat, bis man die Plackerei selbst erfuhr) – so ließ, aufrichtig gesagt, die nahe Hoffnung, Dich hier zu sehn, schon den Gedanken gar nicht bei mir aufkommen. Aber Du selbst, mein Kind, solltest mich zu gut kennen, um, wenn mir, auch noch so wohlwollend und liebreich, der leise Vorwurf einer Versäumnis dieser Art gemacht würde, Dir den alten, immer gleichen unantastbaren Begriff unsrer Liebe auch nur um die Linie eines Gedankens verrücken zu lassen. Einer Deiner letzten lieben Briefe läßt diese Saite ebenfalls, und zart und schön genug, aber doch mit einiger Wehmut anklingen. Ach, teure, einzige Luise, wie soll ich Dir ausdrücken, was täglich, stündlich, wenn auch zu Zeiten wortlos und verschwiegen, für Dich und durch Dich in meinem Innersten sich bewegt! wie ich mein wahres und eigentliches Dasein nur von der Stunde an rechne, die Dich mit mir verband! wie Alles, was ich sonst noch treiben, tun und hoffen mag, doch in demselben unveränderlichen Zirkel zu Dir, zum Lebenspunkte meines Friedens, meiner Freuden ruhig zurückfließt und dort seine Nahrung findet!

Seit wir uns kennen, es ist wahr, ist eine Veränderung meines Wesens vorgegangen, aber sie kann, wie ich Dich gerne überreden möchte und Du künftig gewiß noch einsiehst, nicht anders als zum Vorteil unserer Liebe sein, so wie sie zuverlässig auch die Frucht derselben war. Ich bin ruhiger geworden, weil ich mich sichrer in mir selbst fühle. Ich bin vielleicht weniger beredt, und eben in dem seligsten Genüsse Deiner Gegenwart bin ich es weniger als sonst. O denke hinter dieser stillern Art, mich zu benehmen, ja niemals etwas Anderes! Mein Herz fängt an, zu zittern und zu bluten, wenn ich denken müßte, Du wärst durch meine Schuld zuweilen irre an mir geworden, hättest die schöne Gewißheit unseres Ineinanderlebens, die mir niemals fehlt, auch nur um die Länge eines Pulsschlags entbehrt! – – Ich sage Dir, mir ist es auf Einmal ganz fremd und ungewohnt, dergleichen Dinge, deren heilige Wahrheit mir so lange, lange feststeht, in die Feder zu nehmen, wie ich es früher wohl ohne besondere Veranlassung von selbst getan habe. Aber freilich sollt' ich billigerweise nicht vergessen, daß ich ähnliche Versicherungen, wie Deine Briefe sie enthalten, sehr ungerne, ja schmerzlich vermissen würde, und daß der stärkste und feurigste Ausdruck Deiner Neigung immer auch mir der süßeste bleibt. – Ein seltsamer Egoismus! Doch auch gewiß der unschuldigste von der Welt und der Dir für die Stetigkeit meiner Liebe mehr Bürge sein kann als jedes Wort. Denn eben das entschiedene Vertrauen, das mein Herz in sich selbst setzt, läßt mich versäumen, die äußern Zeichen immer zu beobachten.

Die Schlüsse nun und Lehren, welche aus dem Bisherigen zu nehmen wären, sag' ich mir redlich selber, und so, mein teures, bestes Kind! so soll denn diese Materie künftig nicht einen trüben Hauch mehr über uns bringen. Fröhlich und aller guten Hoffnung voll, deren gewisse Erfüllung die Guten und Treuen allmächtig in sich selber tragen, laß uns in die nächste, die fernste Zukunft blicken und bald das Ziel ergreifen, das eine liebe Schwester, uns zu dem schönsten Vorgang, bereits gefunden hat! – – Wann werd ich Dich nun sehn? Mit dieser Frage, wie ich angefangen, schließ ich auch. Gewiß, ja ganz gewiß bringst Du die Antwort selber in weniger als acht Tagen. Bitte doch Dein liebes Mütterchen nochmals um das, was sie mir neulich in ihrer ersten Herzensgüte so unbedenklich zugesagt hat! Sag ihr, wir wollen jeden köstlichen Augenblick, der uns dann würde, als ihr Geschenk doppelt dankbar genießen. Grüße die lieben – Schwager und Schwägerinnen aufs Treulichste! Leb wohl!

Auf ewig und ganz der Deinige
Eduard

Verzeih die Schreibfehler in dem Brief, ich konnte ihn nicht mehr durchlesen, da der Bote geht.

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