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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 36
Quellenangabe
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authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Ochsenwang, den 22. Januar 1832

Teures, herziges Kind!

Ich weiß in der Tat selbst noch nicht, werde ich zuerst von mir oder von Dir, von uns beiden oder von meinem hiesigen Wohnsitz anfangen. Ich möchte hundert Dinge zugleich heraussagen, wie sie alle durcheinander in mir auf- und abgehen. Mein neuer Zustand erfüllt mich ganz und gar, und das Licht, das die letztverflossenen, unsäglich liebevollen Tage Deines Wiedersehens nun auf diese freundliche Gegenwart herüberwerfen, noch mehr die Aussicht, Dich in ganz ganz kurzer Zeit aufs Neue und in diesen traulichen Wänden zu begrüßen, zu umarmen, verbreitet einen so innig zufriedenen, seligen Reiz über meine einfach liebliche Umgebung, daß ich statt der Worte lieber ein paar schlichte Strahlen der schönen Sonne, wie sie soeben aus dem klarsten Himmel auf mein Papier fallen, an Dich senden möchte, um Dir einen Begriff von der Stimmung zu geben, die mich, solang ich nun hier bin, besitzt.

Es schlägt eben zwölf Uhr Mittag, ich habe gepredigt, zu Mittag gegessen und das Tischchen abräumen lassen. Ich kann, bevor die Kinderlehre anfängt, nicht unterlassen, dazwischen hinein ein wenig mit der Liebsten zu reden. Hatt ich Dich nur schon jetzt bei mir! Ich schwöre, es wäre Dir um kein Haar schlimmer zu Mute wie mir. So rein, so zärtlich, so kinderfroh kommt mir Alles, komm ich mir selber vor!

Noch hab ich nicht die deutlichste Vorstellung von der Gegend und dem Dorf, das mich umgibt: ich kenne eigentlich nur diese hellen, geweißten Stübchen, die sich mir schon ganz zu eigen gemacht haben, und die nächste Aussicht von den Fenstern; ich weiß nur, daß ich unter treuherzigen, zutraunsvollen Menschen wohne, die ich, wie eine kleine Herde, bald werde überzählt haben; aber was mir ein ganz besonderes stärkendes Gefühl gibt, das ist, wenn ich mich recht verstehe, der zwar noch unsichere, aber ungeheure Begriff von der atmosphärischen Höhe, worin ich mich befinde. Es fehlte wenig, so könnt ich mir einbilden, ich sitze auf dem Hospitium vom Sankt-Bernhard in einer warm geheizten Zelle oder im Knopf eines Münsters, nur daß ich nicht über die Plattform hinaussehe. Aber dem Reiher, dessen luftgewiegte Brust sich einer ganzen Welt mächtig fühlt, wenn er sich nun auf sein Felsennest niederläßt, muß es sein wie mir! Eine Ahnung des Lieblichen, was unter meinen Bergen, und des Schaurig-Großen, was um mich liegt, hatt ich beim Herauffahren. Einen prächtigeren Wechsel, als vom Breitenstein aus sich auftut, kann es nicht geben. Es ist nur ein kleiner Gang von meinem Hause aus dorthin. Wie ausgelassen selig wollen wir beide uns mit Augen in dieses Meer der Landschaft stürzen! Ich fühle schon vom Zimmer aus, wie lieblich kontrastierend die Beschränkung dicht an eine wahre Unendlichkeit grenzt, wie nur ein Schritt von jener zu dieser ist.

Herz! und in vierzehn Tagen Du bei mir! Wie werden wir so heimlich unsre zwei Stühle zusammenrücken, während der Topf im Ofen singt, die Morgensonne Dir auf das Strickzeug in den Schoß scheint, die Eine Hand über Deine Schulter legend, mit der andern ein liebes Büchlein haltend und lesend, was Du willst, oder schwatzend, was Du willst! Und dann nach Tische ein Spaziergang, der uns die Gesichter auffrischt und die Gedanken klärt. Sodann der geruhige Abend, von keinem ungebetnen Gast gestört; man redet von alten und künftgen Zeiten, von Innerem und Äußerem –

Und nachts, wenn Träume uns umschlingen,
Wird alles wie ein Lied verklingen.
(Ludwig Bauer)

Wir schlafen in zwei wohlseparierten Stübchen (weil wir ja bekanntlich bei Nacht uns eigentlich nichts angehn): aber der Mond, der hier offenbar ein ganz besonderes Licht hat, wird Dein Kissen so gut wie das meinige beschleichen, und die Träume kümmern sich ohnehin nichts um Schloß und Riegel. – Sage mir! läßt sich etwas Anmutigeres denken?

Und überhaupt gibt es eine schönere Warte, von welcher aus man im weiten Württemberger Lande das Auge nach allen möglichen Vakaturen richtet, wie der Falk auf die Taube?

(Fortgefahren 4 Uhr)

Das hiesige Kirchlein mußt Du sehn; es ist ganz der Pendant vom Pfarrhaus, reinlich und rührend klein, wie von Kinderhänden aufgestutzt. Ich brauche nur gelassen zu reden, so heißt das schon die Stimme erhoben. In der Kinderlehre hatt ich mein wahres Vergnügen; gewiß bin ich doch schon bei mancher Gemeine herumgekommen, aber so prompte und frische Antworten hörte ich nirgend. – Beim Anblick des Kirchturms (er liegt mir nur sechs Schritte vis-à-vis) muß ich immer lächeln; er ist gegen Wind und Wetter mit Holz überzogen; ich meinte anfangs, es wäre bloß ein hölzernes Gerüste, und augenblicklich erinnerte mich sein Ansehn an Pressels chinesisches Gartenhaus: Bauer würde in die Luft springen vor Freuden, so hoch, als der Turm selber ist, wenn er ihn sähe; denn auch die vier Läden sind akkurat so wie die, aus denen wir als Orplids-Wächter zu allen Stunden der lauen Tübinger Sommernächte herausgeguckt haben.

Kurz, es wird Dir überall gefallen. Und was sagte denn meine liebe Mutter von spannenlangen Luftlöchern in unserer Wohnung? Es sind in der vordern Stube wahrlich ihrer vier neue ansehnliche Fenster in bester Symmetrie; ich könnte mirs nicht traulicher wünschen. Komm, Schätzchen, bald und siehe selbst! Indessen lies den lieben Deinigen diese kurze Beschreibung; sie werden sämtlich herzlich drüber lachen, aber wenn man gleich mein Logis dreimal und sechsmal in den Grötzinger Palast stecken könnte, so dünk ich mich doch weit erhaben über solch niedre Pracht. –

Ich schließe nun und ergreife ein andres Blatt, um mich dem Dekan anzuzeigen.

Grüße und herze Dein liebes, teueres Mutterchen! Danke den lieben Denkischen nochmals in meinem Namen für alles Gute. Jedes Einzelne, Geschwister und die Kleinen grüße! Lebwohl mein einziges, mein treustes Herz. Ach, wüßtest Du, wie voll mir die Brust ist von Dir! Schreibe mir noch einmal, Du sollst sogleich wieder Antwort haben: – Ich merke wohl, ohne das geschriebene und gesprochene Wort wollet Ihr Mädchen unsereinen nicht verstehen!

Ewig Dein treueigenster
Eduard

Nachschrift. Sollten indes Briefschaften an mich nach Grötzingen addressiert gekommen sein, so sei so gut, sie mir doch mit dem Schnellsten zuzuschicken. – Hier ist auch noch der berühmte Schattenriß. Mache draus, was Du willst. Ich meine, es hat kaum zwei richtige Züge. Den griechischen Kaiser in dem Taschenbuch des lieben Jettchens, wenn sie's erlaubt, bring von Nürtingen mit. Ich sah's dort unvermutet liegen. Auch Deinen Almanach möcht' ich vollends lesen.

Ließ ich nicht auch Zimmermanns Gedichte bei Euch liegen?

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