Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eduard Mörike >

Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 35
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
publisher
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid5045a4f0
Schließen

Navigation:

(Eltingen, im Herbst 1831)

... weil mir die Lust zu zeichnen auf eine Zeit vergangen ist. Doch das kann auch gut sein. –

Was sag ich Dir noch mehr von meinem Tun und Treiben? Daß ich privatim sehr fleißig die Zeit her gewesen, kann ich nicht rühmen. Es gibt sonst allerlei zu tun und – nichts zu tun. Die Leonberger Nähe kostet mich übrigens nicht viele Zeit. Ich bin in der Woche etwa dreimal dort und meistens aus Veranlassung Wolfgang Möglings, der beim Oberamtsgericht arbeitet. Ich lasse gelten, daß er ein ziemlich leichter Kamerad ist, mit dem ich im Grunde auch wenig gemeinschaftliches Interesse habe, was ernste Dinge betrifft.

Doch verläßt mich auch hier meine alte Pietät für Jugendfreundschaft nicht, und da er viel Anhänglichkeit für mich hat, so mag ich gern zuweilen eine Stunde schwätzen und lachen. Da ist nun auch ein pensionierter Major von Offterdinger, ein Mann von wenig innerlicher Resource und wenig Worten, aber von viel Gutmütigkeit: er hat den Feldzug von 1812 nach Rußland mitgemacht, trägt einen ansehnlichen Bart, ein Ordensbändchen und, ohne je zu reiten, sehr geräuschvolle Sporen; er lebt nicht gut mit seiner Frau, deren ziemlich gemein bürgerliche Erziehung in üblem Kontraste mit ihrer adligen Koketterie steht. Mit diesem Manne schlendert nun Mögling Tag für Tag bald da bald dort herum; auch ich habe zuweilen die Ehre ihres Besuchs, ich muß dann mit hinaus und man setzt sich in dem Garten des Majors in dessen niedlich ausgemaltes Lusthäuschen, das Du von Doktor Lechlers Hause aus mit der Inschrift: Ruhetal gesehen haben mußt. Zuweilen bring ich den alten Martismann auf seine Expeditionen, und dann brummt er etwas von Napoleon vor, das mir denn doch neu ist, insofern ein Augenzeuge es sagt.

Bei unserm lieben Baum bist Du gewesen? Wie mich das freute! Wie die Beschreibung Deiner Wallfahrt mich innig rührte! Der Baum hat, ich weiß nicht warum, was ganz besonder Ahnungsvolles, ja fast Persönliches für mich. Ich muß mir in der Gegend hier herum auch einen ähnlichen auffinden und eine geistige Kommunikationslinie zwischen den beiden und dadurch zwischen uns formulieren.

NB. Wenn Du gelegentlich wieder hingehst, bitt ich Dich doch um ein Blättchen von ihm. –

Was Du mir von der häufigen Unpäßlichkeit Deiner teuren Mutter schreibst, hat mich wahrhaft bekümmert und betrübt. Küsse mir ihre liebe Wange ausdrücklich mit meinem kindlichsten Gruße und meinen besten Wünschen für ihre Gesundheit. – – –

Eben wird mir ein unwillkommener Besuch angemeldet, eine Art von Benkiser – es war ein langes Debattieren, ob ich mich los mache oder nicht, aber man läßt mirs nicht zu, also schließe ich für diesmal, mein Herzchen! Ich muß jetzt von Hirschen und Hasen reden.

Noch das: Du schreibst um neues Briefpapier; daran soll Dirs nicht fehlen, das nächstemal, daß ich nach Stuttgart komme, besorg ichs von dort aus. Auch hab ich überdies einen artigen Siegelring von schwarzem Stahl für Dich gekauft, der dann zugleich mitkommen soll. –

Noch die kleine Bitte nicht zu vergessen: Ich kam neulich mit Rikele auf Hexen und dergleichen abergläubische Possen zu reden und sie rezitierte mir einige merkwürdige Verse aus einem Volkslied, die mich sehr begierig auf das Ganze machten, auf das sie sich aber mit aller Mühe nicht besinnen kann. Nun soll aber die Frau Pfarrerin in Neckarhausen das Lied ganz wissen; Du machst mir eine Freude, wenn Du Dirs gelegentlich in die Feder diktieren lassest und mir schickst.

Es beschreibt den Tod einer alten Hexe. –

Zum Schlusse; Montag früh.

Karls Bleiben in Biberach wird nun nicht mehr lange sein. Es handelt sich gegenwärtig darum, ob er seine Recoursschrift zurücknehmen soll, oder nicht: Viele finden es ratsam, weil man nicht immer dafür stehen könne, ob nicht noch Schlimmeres nachfolge. Er schreibt mir ganz glücklich über den Besuch seiner Frau. Das muß man sagen, Dorchen bleibt ein Muster der ehlichen Liebe und der schönen Konsequenz in Grundsätzen.

Tausendfachen Herzensdank fürs Löckchen! Fast war ich drumgekommen, eh ichs recht sah; ich hatte kaum Deinen Brief unterm offnen Fenster geöffnet, so nimmt ein Zugwind das Papierchen auf den Fittich und hinaus auf Gasse und Hof, wo es eine Zeitlang in den Lüften wirbelt und dann verschwindet. Ich setzte gleich Alles in Bewegung, den Raub wieder zu suchen und Frau Pfarrerin war denn auch zuerst so glücklich, es zu erwischen. – Da würde denn ein Poet aus dem vorigen Jahrhundert spornstreichs eine Ballade drüber machen, die etwa anfinge:

Horch, wie schalkhaft Amor handelt,
Und ein zärtlich Herze neckt,
In Zephiren sich verwandelt,
In die Windsbraut sich versteckt!

usw.

(Du mußt Dir den Vers im Ton des kleinen feinstimmigen Simpels vorsagen, mit dem ich Dich auf der Gartenmauer in Grafenberg unterhielt. Ich laß ihn hier im Haus auch zuweilen hören.)

Habt Ihr gegenwärtig auch schon so kalt? Ich habe heut bereits mein Couvert mit der Federdecke vertauschen müssen! Unsere Störche sind schon seit zehn Tagen fort. Ich sah ihnen neulich von oben ins leere Nest. »Sommer bist hin, Sommer bist hin«, so ist die Weise der Dreschflegel, die unsre ganze Nachbarschaft erfüllen.

Und nun lebwohl, mein Kind, mein teuerstes! Leb fröhlich und gesund und guter Dinge. Grüße mir Alles zum Schönsten.

Ewig Dein
Eduard

Hast Dich auch über Bauers ehrenvolles Glück gefreut? Herzliche Grüße von Rikele! doch sie wird vielleicht selbst schreiben.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.