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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 34
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Eltingen, den 7. August 1831
Geburtstag meines verstorbenen Bruders August

Liebstes, bestes Herz!

Es ist Sonntag Nachmittag halb vier Uhr: ich hatte noch bis den Augenblick auf einen Besuch meines Bruders Louis gewartet – die Kirchen waren vorüber, und die Unschlüssigkeit, was ich nun tun und treiben sollte, scheuchte mich ungeduldig von einer Stube in die andere, von einem Fenster zum andern. Die Frau Pfarrerin (gestern kam sie an) saß einsilbig und griff nach einer sonntäglichen Lektüre, Rikele machte Musik, und ich sah bald den Storchen auf'm Kirchdach, bald des Nachbars weißen Tauben, bald den Wolken zu, die ein Gewitter vorbereiteten.

»Wenn ich ein Vöglein wär
Und auch zwei Flüglein hätt«

– das übrige weißt Du – »flög ich zu Dir«. Nach dieser Weise gingen meine Gedanken. Ich stellte mir die letzten Stunden unseres Zusammenseins vor, ich ging weiter in die letzten Wochen zurück und sah mich Dir in allen Situationen gegenüber – auf dem schattigen Stege, wo wir den Faust anfingen – an der Ecke des lieben Wäldchens, wo er beendigt wurde – auf dem Rückweg von Nürtingen nach Grötzingen nachts in der herrlichen Mond- und Nebelbeleuchtung – auf der letzten Höhe von Plattenhardt herüber, wo Deine Tränen mir das Herz zerrissen – im Gärtchen zu Grafenberg, die Laube, das Mäuerchen, unsere Scherze im Angesicht von Hohenneuffen – der Besuch auf dem Grötzinger Turm am Markttag – dies und noch manches, ohne strenge Chronologie, wie sich die Blätter meiner Erinnerungen eben zufällig auseinanderschoben, stand wieder frisch und reizend vor mir auf. Wie ist es so schnelle anders geworden! Wie sehr verändert hat sich die Szene! Dort durft ich kaum zwei Schritte gehn, ein Boden, eine Treppe war zwischen uns, ich war in jedem Augenblick gewiß, Dich irgendwo zu finden, sei es am Herde, in der Küche oder beim Bügelbrett im Öhrn, wo denn trotz Rauch und Dampf ein Paar rote Lippen sich jederzeit gefällig zeigten – ach, Schätzchen, und nun wär ich zufrieden, nur zu wissen, auf welchem Fleck des Hauses oder Felds Du im Moment, da ich dies schreibe, den lieben Fuß aufsetzest, was Deine Hand berührt, worauf Dein Blick ausruht. Das könnte mich glückselig machen. Vor wenig Tagen noch ein Fürst im Überflusse Deiner Liebe, jetzt nasch ich an jedem verlorenen Bröselein und fühle wohl, daß es nicht sättigt.– –

Wenn ich ein Vöglein wär! – So verließ ich vorhin das Fenster und meine Pfarrleute und lief den Grillen nach auf meine Stube. Ein prächtiger Akkord des schnell entwickelten Gewitters gab meinen Träumereien plötzlich eine kräftigere und freudigere Gestalt: es war, als zerrisse ein Flor in meinem Innern: ich fühlte mich frei und erhoben, ja ich empfand mich Dir näher, und als die Schläge des Donners so heftig wurden, daß die Gegend meilenweit davon erschüttert schien, konnt ich mir einen Augenblick einbilden, derselbe Donner, den ich eben höre, müßte auch zu Deinem Ohre dringen, ja vielleicht schaudern unsre Nerven in einer und der nämlichen Sekunde zusammen und unsre Seelen berührten sich im Nu des Blitzes.

Jetzt goß der Regen in nasser platter Prosa nieder. – Ich sah mich nach einem Zeitvertreib um, und die Zeichnung mit den drei Kindern fiel mir in die Hände – ich sah die Gestalten wehmütig an, indes ich das Bleistift schärfte. – O! dacht ich, wie ist hier doch jeder Strich Verschwendung! Die tausend eifrigen und liebevollen Blicke, die ich, fast ohne aufzusehn, an diese Linien verlor – jeder einzelne hätte können ebenso gut auf der Gestalt der Liebsten ruhn, die nur drei Schritt von mir saß! – Und doch, das ist eigentlich eine ungerechte Selbstanklage: fühlt ich denn nicht, indes die Augen Dir untreu waren, den ganzen Zauber Deiner Nähe mir ruhig und befriedigt am Herzen hin und wieder spielen? Und ging Dirs nicht ebenso, derweil Deine Finger mit der Nadel verkehrten? O süße Viertelstunden, wo Liebende ein ganz erstaunlich großes Opfer zu bringen glauben, wenn Sie einmal freiwillig es über sich vermögen, zwischen einerlei Wänden (und ohne Zeugen an verschiedenen Tischen sitzend) weder mit den Händen noch den Lippen noch den Augen Notiz voneinander zu nehmen. Wers recht versteht, weiß freilich wohl, daß das eigentlich nur eine raffiniertere Art, sich liebzuhaben, ist. – Aber sieben Stunden auseinander – ich gestehe Dir, dieses Raffinement ist mir doch etwas zu stark. – Dort auf dem Stuhl an meinem Bette liegt das gelbe Tüchlein, das Du hier an dem Abend, als ich von Leonberg zurückgefahren kam, gegen Zahnweh umgebunden hattest – ich hab es indessen schon mehr als Einmal voll herzlicher Sehnsucht nach Dir an mein Gesicht fest angedrückt, dann es wieder sachte bei Seite gelegt und nicht gewagt, es umzubinden, gewiß nur, weil ich mir einbilde, es wäre dann nicht mehr so frisch und voll von Dir, und ich dürfe die ursprünglichen Falten, die es durch Dich erhielt, nicht verändern. Hoffentlich wirst Du mir diese rührenden Armseligkeiten eines liebeheimwehkranken Herzens nicht verlachen!

Aber nun hab ich drei Seiten vollgeschrieben und im Grunde noch kein vernünftiges Wort, was man so gewöhnlich darunter versteht, – keine ordentliche Schilderung meines pastoralischen Lebens, keine Amtsgefühle, nichts Hochehrwürdiges! Auch bin ich in der Tat nicht aufgelegt, Dir dies Kapitel weitläufig abzuhandeln; ich möchte immer nur so fort phantasieren. Und doch, ich muß befürchten, Du zeihest mich der Indolenz gegen den Kirchenrock: so wisse also nur –, ich trage ihn recht gerne und gewissenhaft, und besonders heut in der Morgenkirche hat er mir, wie ich glaube, auch ganz erträglich angestanden.

Herrn Dekan hab ich bei Zeiten meine Aufwartung gemacht, saß bei zwei Stunden bei ihm und hoffe, daß ich mich gut zu ihm stehen werde.

Auf dem Turm war ich noch nicht, auch will ich Dir versprechen, daß ich die Glockenstube nicht zur Studierstube machen will. –

Donnerstag den 4. August, also den Tag nach Deiner Abreise, erhielt ich morgens ein Billet aus Leonberg von meinem Onkel Heinrich, der mich dorthin in [den] Hirsch beschied: er hatte Aufträge von Herrn Maler Wächter: hier ist der Brief des letztern, den Du mir aber wieder zustellen mußt, da ich diese Handschrift als Talisman und Amulett gegen alle möglichen Influenzen und Grillen mit gutem Urteil brauchen werde. Mir ist jeder Buchstab von dem Manne heilig.

Zwei Tage Unterbrechung.
Fortgefahren den 10. August, Mittwoch früh.

Hauptsächlich war es die Angelegenheit mit Wächter, was mich bewog, am Montag früh den Weg nach Stuttgart anzutreten. Man hat etwa drei Stunden zu Fuß dorthin, Rikele, in der Absicht, für ihre Trauer einzukaufen, benützte die Gelegenheit und überdies war es beschlossen, dem lieben Denk in Cannstatt einen Besuch zu machen. Das wurde denn auch, nachdem ich erst bei Heinrichs zu Mittag gespeist, denselben Tag noch ausgeführt, und, weil man doch in Stuttgart übernachten mußte, die übrigen Besuche auf den folgenden Morgen ausgesetzt.

Herr Schwager schien sich trefflich als Badgast zu behagen, auch sagte er, er fühle sich bereits recht »angenehm erleichtert« durch die Kur. Wir setzten uns ein Stündchen in den Frösnerschen Garten, wo ich mehrere Bekannte sprach, und während Denk einige Familiaria und Ökonomika mit dem Bäschen zu verhandeln hatte, nahm ich gelegentlich ein warmes Bad. Wolfgang Möglings zufällige Begegnung war wechselseitig zu der größten Freude.

Um acht Uhr abends traf man wieder in Stuttgart ein.

Ich blieb, weil Prokurators mit Louis verreist sind, Mährlen nicht mehr auf mich eingerichtet war, bei Heinrichs über Nacht.

Des andern Morgens sah ich Adolf und ging um elf Uhr zu Wächter. Er zeigte mir eine geistreiche, jedoch noch äußerst rohe Skizze von dem künftigen Bild und versprach, sie nach Kräften ins Reine zu zeichnen. – Nach Tische war ich nicht länger als eine Stunde noch mit Mährlen zusammen. Indessen verspätete sich mein Abgang sehr und in Eltingen hatte man uns kaum mehr erwartet. Ich fühlt' mich wieder doppelt wohl in meiner stillen Behausung; das gelbe Halstuch lag auf meinem Bette, ich küßte es und konnte mir nicht versagen, es diese Nacht mir um den Hals zu knüpfen. – Ich mußte die Zeit her viel an Deine Gesundheit denken: was ich bei Heinrichs von Deinem neulichen Befinden in Stuttgart hörte, hat mir fast ein wehmütig Bild von Deiner Heimreise zurückgelassen. Ich brenne vor Begierde, die erste Nachricht von Dir und Deinem Zustand zu vernehmen. Ist anders, während Du das Gegenwärtige liesest, noch kein Briefchen für mich unterwegs, so bitte ich Dich recht innig, mir doch gleich zu schreiben, und recht wahrhaft und recht ins Einzelne, ohne mich zu schonen, nicht wahr?

Wie lebt Ihr überhaupt? Was macht meine teure Mutter in Grötzingen? Die Nachricht von der guten Mine plötzlichem Krankheitsanfall hat mich fürwahr im Augenblicke mächtig erschrecken wollen. Tausend Küsse von ihrem lieben Mann und alles Schöne und Liebe von mir. Ach, nachdem ich von Euch weg war, kam es mir beinahe vor, ich hätt Euch den Dank für so viel genossene Güte und Fürsorge lange nicht so kräftig und lebhaft in Wort und Miene ausgedrückt, als ich ihn im Herzen trug. Aber gewiß, Ihr glaubt mirs auch so! Nun lebe wohl, mein teures, einzig liebes Kind. Denke fleißig an mich und an die Zukunft, die uns bald erwartet. – –

NB. Es soll ausgemacht sein, daß wir am 16. d. M. beide zu gleicher Stunde, nämlich abends fünf Uhr, einen einsamen Spaziergang zur stillen Feier dieses heiligen Tages machen wollen. Geh Du den Weg zu jener ahnungsvollen Linde oder, im Fall das Wetter es nicht erlaubt, wirf ihr von einem Bühnenfenster einen liebevollen Blick und Grüße von mir zu! Ich suche einen vertraulichen Waldplatz, der mich schon kennt.

Grüße mir alle die Deinigen, besonders auch die lieben Schwestern, Rike und Jettchen!

Ewig der Deinige
Eduard

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