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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 32
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Stuttgart, den 13. Mai 1831
In Mährlens Gartenhaus. Morgens 9 Uhr

Meine liebste! liebste Luise!

Seit acht Tagen bin ich nun hier und – wie wirst Du Dich wundern – ich habe weder die hohenlohisch-russische Gesellschaft, noch den Stauffen zu Gesichte bekommen. Als sich am 7. dieses ein vierzehntägiger Landregen mit Wolkenbrüchen anzukündigen schien, (an dem Tage, auf den die Freunde ihren Reiseantritt festgesetzt hatten) glaubten wir nach gewissenhaftester Erwägung aller Umstände nichts Weiteres tun zu können, als die schriftliche Anberaumung eines neuen Termins von ihnen hier abzuwarten, oder hofften wir, sie würden unsere meteorologischen Zweifel vorahnend, der Sicherheit halber den kurzen Umweg über Stuttgart nehmen und uns mitziehen; denn daß sie allen Göttern zum Trotz den ersten Plan durchsetzen könnten, schien mit der Vernunft dieser Männer allzusehr zu streiten, zumal es auf eine Fußreise bei ihnen abgesehen war. Ich hatte demungeachtet einigemal den Vorschlag getan, wir beide sollten auf alle Fälle hinfahren: aber die überwiegende Furcht eines Fehlgangs schlug auch den besten Willen nieder. Man stellte sich den kahlen Stauffen vor mit seiner Aussicht auf ein regendunkles Land, an dessen grauem Horizont die Sonne Barbarossas ewig nicht aufgehen würde. Kurzum, man blieb im Trockenen zu Hause. Der Sonntag sah noch trüb genug und rechtfertigte unser Verhalten. Der Montag blickte heiterer und jeder neue Sonnenschimmer ging mir durch die Seele, als wollte er den Kleinmut Lügen strafen. Indessen trösteten wir uns noch immer mit unserem guten Recht. Allein, wie ward es zu Schanden, als Donnerstag früh der Brief ankam, den ich hier beilege. Sie waren richtig dort, sie hatten uns auf dem Rückweg noch in Ludwigsburg erwartet, aber das Schreiben, wodurch sie uns nach meiner Vaterstadt beschieden (sie hattens in Göppingen auf die Post gegeben), kam erst mit der Klage über dies abermalige Ausbleiben, also leider viel zu spät in unsere Hände. Wir fielen wie aus den Wolken; es ist ein teufelmäßiger Streich, und allerdings tragen nur wir die Schuld. Man sieht hier, wie bei aller Sünde, wiederum nur den Ursprung im Unglauben. »Diese Scharte muß ausgewetzt werden«, war nun unser erster Gedanke; beinahe hätten wir alles liegen und stehen lassen und wären Heilbronn zugestürmt. Das bleibt jedoch besser auf andere Zeit gespart und, mein Kind! in allem Ernst gesagt, als von dem ungesäumten Flug ins Unterland die Rede war, warst Du's, was mir urplötzlich auf die Seele fiel, und was den eilfertigen Plan nicht bei mir aufkommen ließ. Ich kann die süße Vorstellung immer nicht aufgeben, daß, wenn ich die Weinsberger Gegend wieder sehen soll, es nur mit Dir geschehen könne. Indessen vor der Hand bin ich an Stuttgart gewissermaßen gebunden: von allen Seiten wird mir ein eigentliches Bad mißraten und ich habe jetzt völlig darauf verzichtet: ich soll neben der Schellingschen Medizin eine einfache Brunnenkur mit Molken gebrauchen (letzteres ist mir abscheulich zuwider, ich tue es aber doch gewissenhaft). Wie schön wärs, wenn Du mich hier besuchen könntest! Ich muß täglich daran denken. Sollten wir zunächst wenigstens nicht ein Rendez-Vous in Bernhausen veranstalten?

Liebste Seele! wie Du mir überall gegenwärtig bist, wie mich Dein Gedächtnis oft mit plötzlichem, innerlichem Herzensjubel, oft mit weicher, süß beklemmender Rührung und Sehnsucht mitten im unschuldigen Genuß oder beim Anblick irgend einer lieblichen und neuen Erscheinung mächtig überfällt! so daß mir ist, ich müßte mich nur schnell wegwenden und zu Dir fliehen und mich in Dich verbergen und niemals wieder von Dir gehen. – Du bist jetzt wohl ziemlich allein mit Deiner lieben Mutter, denn eben sagt mir Louis, daß Jettchen jenen Donnerstag oder tags darauf doch noch nach Weilheim abgegangen, ein Brief von Deinem Eduard wird Dir darum doppelt willkommen sein: Du hättest einen solchen auch längst in Händen, wenn ich nicht immer gedacht hätte, ich könnte Dir etwas von Bauer schreiben: diese Ungewißheit ließ mich lange zu gar nichts kommen.

Nun wirst Du etwas von der Einteilung unseres Tages wissen wollen, was ich treibe, wie ich lebe. Zuvörderst unsre Wohnung könnte gar nicht anmutiger sein, als sie ist, ganz zwischen Gärten und ziemlich abgeschlossen von dem Lärm der Straßen. Bäume nicken und wehen am Fenster, und alle das bunte, grüne Leben umher läßt kaum den Blick recht ruhig auf Büchern und Papieren haften. Die Vögel legens drauf an, einen zeitig aus den Federn zu locken; ich könnte aber nicht rühmen, daß ich bisher sehr früh gewesen. Unsere Betten stehen in einem Stübchen. Um halb acht rauch ich die erste Pfeife am offenen Fenster; dann wird ins Arbeitszimmer vorgerückt, geschrieben, gelesen, oder, wenn die Sonne recht erquicklich scheint, setzen wir beide uns mit einer gemeinschaftlichen Lektür auf eine der Bänke, die, von hohem Gebüsch und Syringensträuchern überschattet, zur Seite eines artigen Bassins mit lebendiger Quelle stehen. Willkommene und unwillkommene Besuche unterbrechen den Vormittag, den wir gerne ganz eigen hätten, oft genug. Das Mittagessen nehmen wir bald da, bald dort; von jetzt an finden wirs bequemer und wohlfeiler, es regelmäßig in das Haus tragen zu lassen. Zum Kaffee werden wir zuweilen von meinem Onkel geladen: da wird dann ausgemacht, wo er uns auf den Abend treffen will. Ich gehe eine Stunde aufs Museum oder lasse mich vom Zufall irgendwo hinziehn; womöglich nimmt man auch noch etwas Vernünftiges vor, eh sich der Tag mit einem mäßigen Trunk Bier und einem frugalen Nachtessen im Wirtshaus beschließt. Zu Hause dann, eh Mährlen Licht anzündet, hab ich im stille stillsten Herzen noch ein andächtig Zwiegespräch mit Dir, indes die Luft des Gartens um mich duftet und aus der Nachbarschaft (sie ist meist theatralisch) ein Gesang oder Instrument vernehmlich herübertönt.

Mit den Hochwächtern hab ich aus guten Gründen wenig oder keine Berührung. Mit Albert Zeller kam ich mehrmals zusammen: ich lerne seinen weiten und gebildeten Geist täglich mehr schätzen.

Das Schillerfest hab ich mit angesehen. Die Kantate von Hetsch (einem Freunde von mir) war schön. Ich sah bei dieser Gelegenheit zum ersten Male Zimmermanns Braut. Beide saßen einander stumm und bleich wie Totenbilder gegenüber: er scheint wenig Freude an ihr zu haben. – Die bewußte Person hab ich meines Wissens nicht zu Gesichte bekommen: dagegen mehrere Bekannte und vorzüglich einen alten, sehr lang nicht mehr gesehenen Freund, Vikar Strauß von Ludwigsburg, mit dem ich denn auch bis Mitternacht im Hirsch mich einmal wieder durchaus expektoriert.

Im Theater war ich nur erst einmal, da Seydelmann weg ist; man gab Rossinis »Barbier von Sevilla«.

Fortgefahren den 14., Samstag

Gestern, Liebste! welch ein seliger Nachmittag! Mährlen, Louis und ich fuhren zusammen nach meinem väterlichen Ludwigsburg; es war beschlossen, daß die wenigen Stunden rein nur den heiligsten Erinnerungen, d. h. der Stadt selbst und ihren alten Plätzen, sollten gewidmet [sein] – nichts wollte man sehn, was an das neuere Zeitalter mahnte, und auf alle Besuche würde verzichtet. Es war das heiterste Wetter. Wir durchzogen die Straßen, die Alleen, ich betrat – als ein Fremder – mit wunderlichem Schauder das Haus meiner Eltern – o! wieviel Schönes ist da in Hof und Garten umgestaltet! Als ich einen Stumpf der herrlichen Maulbeerbäume, die mit den Zweigen sonst das Dach erreichten, so kläglich aus der Erde blicken sah, brannte mein Inneres von Schmerz – ich dachte lebhaft Deiner, ich weiß nicht warum, als wäre auch Dir das Alles genommen! – –

Wir durchstrichen die melancholischen Gänge der königlichen Anlage; in der Emichsburg hört ich die Windharfen flüstern, wie sonst: die süßen Töne schmolzen alles Vergangene in mir auf – ich sah die unterirdisch aufbewahrten Ritter-Antiquitäten wieder, die ich als Knabe, des Jahres einmal, mit schüchterner Ehrfurcht betrachten durfte; ich sah vom Turm die Umgegend, die Wege all, wo wir Kinder mit Vater und Mutter ausflogen!

An meinem Onkel selbst war die Rührung ersichtlich (auch er ist dort geboren), er sagte: »die heutige Fahrt ist mir ... [Lücke], wieviel hundertmal hab ich in den letzten zwanzig Jahren dies Ludwigsburg besucht und ich hab es nie in dem Sinn angeschaut wie heute. Ich habe von jeher in meinem Leben einen gewissen Zyklus der Begebenheiten und Gefühle wahrgenommen, mir ist ganz so, als wäre bald wieder ein Kreis geschlossen und dann wird es mit mir zu Ende sein.« – Ein solches Wort hab ich, der ich den Mann doch lange genug umgab, noch selten aus seinem Munde gehört. Wie rührend wars, er hatte dabei seinen jüngsten Buben, ein herziges, feines Kind von fünf Jahren, auf dem Schoß, und weder Kind noch Vater hatten den Mut von der Mutter zu reden. Letztere machte keine Miene zur Versöhnung: sie scheint sich auch über Adolfs Verlust zu trösten; wir begegneten ihr neulich in einem öffentlichen Garten in Gaisburg mit vornehmem Adelspack zusammen. –

Meine Luise! ich verlange unbeschreiblich nach einem Briefchen, nach einem Herzenslaut von Dir! sollte nichts unterweges sein, so laß es doch ja nicht zu lange anstehen. Du glaubst nicht, was man in einem so mannigfaltig und mitunter hohl-zerstreuendem Leben sich nach einem aparten, wahrhaften und stillen Gedankenwinkelchen umsieht, wo das tiefste Gemüt etwas zu naschen sucht. – Ich liebe Dich zwar an keinem Orte weniger als an dem andern, aber in der Ferne unter fremden Umgebungen fühle ichs doch lebhafter als jemals, wie sehr ich Dich liebe, oder vielmehr, ich möchte es dann an alle Wände schreiben, ich möcht es jedermann sagen, und finde doch fast niemand, dem ichs sagen könnte: darum hab ich nur Dich und das schriftliche Wort ist das einzige Medium.

Wann wir uns sehen, ist ja noch unbestimmt: in etwa vierzehn Tagen aber besuch ich Dich auf alle Fälle.

Der liebe Denk hat mich durch Louis und an die Volkssachen mahnen lassen: ich möchte sie ihm viel lieber vermehrt als in ihrem gegenwärtigen, noch ziemlich dürftigen Zustand schicken. Es hat, wie ich weiß, bei der Gesellschaft gar keine Eile und sie wüßten ihm für einen so schwachen Beitrag gewiß nur wenig Dank. –

Noch Eins: der Buchhändler Reimer macht mir doch gar zu lange – seine Ankunft ist nun wieder auf drei Wochen später ausgesetzt. Ich gehe nächstens an Brockhaus oder Cotta. – Eben zur rechten Zeit unterbricht mich Zeller. Grüße Alles, küsse die teuerste Mutter und sei Du selbst zu tausendmalen umarmt

von Deinem ewig treuen
Eduard

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