Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Eduard Mörike >

Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 31
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
publisher
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080807
projectid5045a4f0
Schließen

Navigation:

Owen, den 30. März 1831

Gewiß, mein teuerstes Herz! Du hast diesmal länger, als billig, auf einen Brief gewartet, und mir selbst hat es zwischen hinein nicht weniger weh getan als Dir, daß ich nicht schreiben konnte. Ich habe indessen böse Zeit gehabt; Du denkst ja leicht, warum. Wie fang ichs aber an, Dir zu eröffnen, in welchem Kreislauf von Hoffnung und Verzweiflung ich mich zeither umtrieb. Mit dem Ärgsten bin ich aufs Reine gekommen, drum möcht ich lieber ganz schweigen davon. Vor etwa acht Tagen setzte ich einen ausführlichen Brief an Dich auf, den ich nach langem heftigen Schwanken doch noch zurückhielt. Hieran tat ich wohl recht. Aber doch sagt mir eine innere Stimme, ich dürfe seinen Inhalt hier nicht ganz unangedeutet übergehen, ich dürfe Dir, teuerste Seele, eine Sorge nicht völlig verhehlen, die Dich, Dein Lebensglück, so nah angeht, und die mir darum wahrhaft heilig ist. Zwar hat sie seit einigen Tagen viel, sehr viel von ihrer ersten grellen Gestalt in meinen Augen verloren, ich denke jetzt besser von der Sache; aber den letzten Zweifel, der mir übrig bleibt, sollst Du doch hören. Aus der Beilage (es ist nur der Anfang des genannten Schreibens) magst Du ersehen, wie hoch damals meine Furcht gespannt gewesen, auf welches Opfer ich mich fassen zu müssen glaubte. Die Ungewißheit meiner Zukunft (infolge der Exzesse meines Bruders) ließ mir auch Dein Glück in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Ich sagte mir wohl selber lang und breit die Gründe vor, womit mancher Wohlgesinnte mir die Möglichkeit jedes Übeln Einflusses zu widerlegen meint, den jene Sache auf meine Existenz ausüben könnte; ich weiß mich frei von aller Schuld und kann Gerechtigkeit ansprechen: aber ich habe Ursache, mich vor den indirekten Folgen zu fürchten, womit der Widerwillen und das gewohnte Mißtrauen des Königs mich für meinen blinden Anteil an der Geschichte durch jahrelange Hintansetzung büßen lassen kann. Ich vernahm hierüber mehrere sehr spezielle Stimmen. Der König soll im höchsten Grad erbittert sein usw. Die Aussicht auf endlose Schleppereien und Hemmungen meiner ordentlichen Karriere brachte mich nun dem extremen Gedanken eine Zeit lang sehr nahe, daß ich als Theologe mein Heil nimmermehr finden werde. Ich entwarf in der Stille einen Plan, bei dessen gehofftem glücklichen Ausschlag ich vor allem Dein Wohl im Auge hatte, wenn Du Dich entschließen könntest, mich etwa ein Jahr im Auslande arbeiten zu lassen, um mir dann ebendorthin auch zu folgen. Dies war die Frage, die ich zunächst Dir und Deiner teuren Mutter vorlegen wollte. Ich sah jedoch bald das Zweifelhafte einer solchen Existenz ein; denn wenn meine Absicht war, mich erst auf eigenen Füßen durch selbständige Arbeiten einem Fürsten, wie etwa der bayerische ist, zu empfehlen und mich sodann um eine fixe Stelle zu bewerben, die mir angemessen wäre, so zeigten sich mir nach und nach hundert Schwierigkeiten – und doch schlug mein Mut, schlug das Vertrauen auf mein Talent, auch wenn ich es nicht übertrieben hoch stelle, immer von Neuem vor. Ich sah (wie ich damals dachte) keine andere Auskunft mehr, ich beschloß, Dir den Vorschlag zur Prüfung zu geben, und zitterte vor Deiner Entscheidung, insofern der Besitz Deiner Person davon abhing. Das beiliegende Blatt verrät Dir zur Genüge, wie mein Herz sich unter den Worten krümmte, die meine Feder schrieb.

Indessen wuchs mir bald ein ruhigerer, geduldigerer Sinn, ich schöpfte neue Hoffnung für meinen bisherigen Stand und dankte Gott, daß ich jene Blätter nicht an Dich geschickt. So steh ich nun, gelassen, aber noch nicht zweifelsfrei, im Herzen fest meine Liebe zu Dir, die in der ganzen Zeit auch nicht um einen Puls aussetzte. Das glaube; aber das darf Dich nie bestechen. O Kind, mein bestes Kind – ! Nicht wahr, Du kennst mich und trauest mir?

Ich habe nun nichts mehr zu sagen. Laß mich Deine Gedanken noch, wenn auch nur kurz, vernehmen, bevor ich zu Euch komme, das wird in der Woche vom 10. April an ganz unfehlbar geschehen. Ich sehne mich, bei Euch mich auszuruhn und auszureden! Sehr sehn' ich mich nach Dir! Oft staun ich selber, wie es möglich sei, daß wir so lang auseinander gewesen.

Ich denke wohl, es, obgleich nicht ohne Widerstand von Seiten des Hauses, so zu richten, daß ich mit Nächstem ganz hier abbreche. Mir schwindelt bald auf der Kanzel; das wird sich aber anderswo schon heben, sorge nicht. Nur als Vikar möcht ich für immer ausgedient haben – –

Du hattest Angst, ich sei krank gewesen; das eigentlich nicht; aber mein rechter Arm ist vollgeklebt mit Pflastern und tut mir auch nicht wenig weh. Es ist ein leichtes Frühlingsübel, das ich gern trage, schon um seines Namens willen. –

Grüße mir Alles, Deine beste Mutter, Alles! Die auswärtigen Gäste und Fritz besonders; ihm steh ich noch in großer Briefschuld, aber er muß mir verzeihen.

Noch eine Bitte: Ich möchte nicht, daß die Lieben in Bernhausen mit dem Gegenstand dieser Sendung betrübt werden. Ohne die äußerste Not sage also nichts. – Das dank ich Dir und Rike noch besonders, daß Ihr meine Mutter neulich besuchtet.

Lebe wohl Geliebteste! Mit allem, was ich bin und weiß und habe,

Dein Eduard

Ich lege einen Brief von Albert Zeller bei, der Dich wohl auch freuen wird. Es ist immer eine besonnene und gute, wenn auch vielleicht zu freundschaftliche Stimme. – – Ich finde ihn im Augenblick nicht. Kurz, meine Schrift, glaub ich nun selbst, wird gutes Glück machen.

Zuletzt zu lesen

Teuerste, einzige Luise!

Es werden bald zwei Jahre, seitdem ich von Nürtingen aus in einer stillen Nachtstunde jenen Brief an Dich schrieb, worin ich, von der Angst Deines Verlusts gepeinigt, um Deine Liebe, um Deinen Besitz flehte. Zwei Jahre bald, seitdem Du mein Glück entschieden hast, und nichts hat indessen diese Entscheidung mehr wankend gemacht. Aber aufs Neue wird die Wage unruhig, und – wer hätte es glauben sollen? ich muß es sein, der sie diesmal in Bewegung setzt. Doch nur von Dir, von Deinem reinen Willen hängt es ab, wie sie aufs Neue und dann auf Ewig zum Stillstand kommen soll.

Laß Dich diese Worte nicht erschrecken. Was damals das höchste Ziel meiner Wünsche, mein heißestes Gebet gewesen war, das ist es noch in diesem Augenblick! Ich schwöre Dirs im Angesichte Gottes: Du bist die Ruhe meines Lebens; das Schönste, Heiligste, was die Erde für mich hat, bist Du. Die Bande, die mein Leben an das Deine schlingen, haben sich in dieser Zeit eher tausendfach verstärkt, als daß sie auch nur um eine Linie nachgelassen hätten – ach, das weißt Du wohl, das sagt Dir jeder meiner Briefe, Dir sagts Dein eigenes Herz. Mich faßt ein Schauder bei dem unerhörten Gedanken, daß wir – Luise! wir uns jemals wieder fremd werden könnten. Und wenn ein Gott vom Himmel mirs geweissagt hätte, ich würde, vor wenig Wochen noch, keinen Sinn darin gefunden haben, ich hätte ihm nicht geglaubt, oder dieser Glaube würde mich zur Verzweiflung gebracht haben. In diesen neuesten Tagen des Unglücks und des Jammers vollends glaubt ich mit feurigen Armen des Geistes Dich umklammern zu müssen; denn dies sind die Zeiten, von denen man sagt, daß, um sie zu tragen, man zu zweien sein muß. Bald aber kamen auch Stunden ruhiger Überlegung, wo ich mehr Deiner als meiner gedachte. Auf Augenblicke gewann ich die Stimmung, wo der selbstsüchtige Wunsch des Einen sich dem Wohl des Andern opfern lernt, wo die Liebe Hand in Hand geht mit der Entsagung. – O Kind, mißdeute mir nichts! Nur um eine Frage ist es zu tun, die ich an Dein Herz richte; ich habe keine Absicht, und kein Falsch lauert hinter meinen Worten. – Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich ehrlich, offen und gut mit meiner Luise handle; ich habe im Gebet mein Herz ausgeschüttet vor Ihm und nicht, ohne Ihn zu fragen, den Entschluß zu diesem Briefe gefaßt. Keine Seele, auch meine Mutter nicht, weiß darum. Am allerwenigsten laß Dir den Gedanken beigehen, als leite mich hiebei irgend eine phantastische Grille, ein Kitzel überspannter, selbstgeschaffener Schmerzen – oder meine Eitelkeit wolle sich einen voraussichtlichen Triumph unserer Liebe bereiten, oder ich wolle Dich prüfen. – Nichts von dem Allem, bei Gott! Ich möchte die Sünde nicht verantworten, so grausam mit dem Herzen eines Engels zu spielen. Nein, sondern meine ernste Liebe zu Dir, mein Gewissen und Verstand verlangen, was ich wahrlich ungern tue.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.