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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 30
Quellenangabe
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authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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(Owen, den 7. März 1831)

Wenn ich in diesen Tagen der Unruhe, der Sorge und Verwirrung stündlich, ja ich darf sagen, augenblicklich Deiner gedacht habe, teuerste Luise, wenn besonders Dein neuliches Schreiben eine ganze Flut sehnsüchtiger Gefühle in mir aufgeregt hat, so ist es mir doch jetzt erst möglich, mich im Geiste ruhig Dir gegenüber zu setzen, Deine liebe Hand zu fassen und Dir mein ganzes Herz zu zeigen. So lange die Not mich unentschieden drängt und einengt, so lange ich nicht irgend einen Halt, einen Ruhepunkt gewonnen habe, ist mir der Weg zu Dir, Geliebte, abgeschnitten, das Wort versagt mir, und ich fühle, daß ich meinen Tumult nicht in das stille Heiligtum Deiner Seele hinübertragen darf. Du stehst wie ein Engel des Friedens vor mir, aber ich fürchte mich der Sünde, auf Kosten Deiner Ruhe Trost von Dir zu holen.

Du kamst in diesen Tagen nach Bernhausen, und ich bat den lieben Onkel, Dir und der teuren Mutter den Inhalt meines Briefes vom 3. d. M. mitzuteilen. Ich kann nun das Gesagte nur bestätigen und Dich versichern, daß mein Anteil an der Sache nicht um ein Haarbreit weiter geht, als Dir bereits bekannt ist. Ich war ein blindes Werkzeug und hatte keine Ahnung von der Gefahr, die meine Hände befördern halfen. Das ist nun zwar kein geringer Trost, und dennoch wollt ich vieles geben, wenn selbst der schwache Schein nicht auf mir läge. Wir hätten genug am größeren Unheil meines Bruders. Allein es ist nun so, und ich will glauben, daß, wo die Unschuld ist, auch bald wieder Licht hineinfallen müsse. Ich habe in meiner ganzen Handlungsweise bei der Sache nichts zu bereuen, und selbst mein Versuch beim Verhör, den Bruder so viel möglich zu schonen, wird mir von keiner vernünftigen Seele verargt werden. Ich wäre untröstlich, wenn ich, ohne durch die äußerste Not gedrungen, gutwillig, wie ein geängstigter Tropf, den Richtern das Heft in die Hände gegeben hätte und Karin aufgeopfert, da meine Aussage seinen Ruin verhindern zu können schien und alles auf dem Spiele stand. Der unerwartete Umstand, daß man mir einen Eid abforderte, mußte mich freilich zum Weichen bringen. Ich sagte die Wahrheit, soweit ich sie wußte, und dadurch ist nun freilich mein Bruder so gut wie preisgegeben. Doch wissen wir ja immer noch nicht, ob seine Schuld so groß ist, wie man vermutet. Ich habe den Inhalt des durch mich besorgten Briefes nie erfahren, und Karl selbst zeigte sich in manchen Stücken, auch bei der mündlichen Konferenz in Scheer, zurückhaltend gegen mich. Eine große Demütigung wird immer auf ihn warten, und der Vorwurf bleibt ihm, den Frieden der Familie auf eine unverzeihliche Art gestört zu haben.

Wie sichs für ihn nun auch entscheiden wird, meine und Louis' Ehre und Existenz kann nicht gefährdet sein. Ein ärgerliches Präjudiz jedoch kann längere Zeit auf uns lasten bleiben, und das ists, was mich nicht wenig bekümmert. Man hat meine Briefschaften unter Siegel gelegt, man wird sie vielleicht durchsuchen, und ich kann zu Gunsten meiner Rechtfertigung mir gar nichts besseres wünschen. Doch wär es möglich, man hielte das für Überfluß, und dann wäre mir die weite Reise nach Biberach (wo die Kommission niedergesetzt ist) und eine traurige Konfrontation mit meinem Bruder erspart. (Auch Deine Briefe sind in dem Paket, was Dich aber hoffentlich nicht stören wird.) Uns bleibt nun nichts, als den Ausgang mit Geduld zu erwarten. Ich bin ganz aus allem Geleise gebracht. Stündlich durchkreuzen sich bange Gedanken in mir, und oft ist Empörung und Grimm gegen meinen Bruder mein einziges Gefühl – gegen den, für welchen ich sonst Blut und Leben hätte lassen können!

Die Geschichte nagt am Leben meiner teuren Mutter: aber doppelt tut mirs weh um Euret-, um Deiner lieben Mutter willen, deren Gemüt noch weniger gemacht ist für dergleichen Stürme. Gewiß nimmt sie den innigsten Anteil: aber sie soll um meinetwillen nichts besorgen.

Mich tröstet Deine Liebe über alles; das glaube nur! O wärest Du zugegen gewesen, als ich Dein Briefchen (vom Donnerstag den 24.) erhielt! Nun wahrlich weiß ich erst, was ich schon längst zu wissen glaubte, warum die Kraft der Liebe eine göttliche heißt, und was der Gipfel ihres Segens ist. So lange Du mir lebst, hab ich die volle Bürgschaft meines Glückes und einer ungeschwächten Tätigkeit, die mich für manches andere entschädigt.

Ich schreibe den gegenwärtigen Brief unter den traurigsten Umständen, die auch hier im Hause herrschen. Die gute Pfarrerin ist seit acht Tagen tötlich krank an einer Lungenentzündung. Abele behandelt sie und gestern berief man auf sein Ersuchen auch den Dr. Härlin. Sie geben wenig Hoffnung oder keine. Der alte redliche Mann ist trostlos. Ich tue zur Erleichterung dieser angstvollen Lage, was ich kann und fühle, wie man durch eigenes und fremdes Leiden beinahe stumpf am Innern werden könnte. Übrigens sind eine Menge Menschen zur Hilfe im Hause beschäftigt. Die Amtmännin hat sich durch Sorge selbst aufs neue krank gemacht und ihr Mann geht elend wie ein Schatten; den Morgen wird der Sohn von Tübingen erwartet. In wenig Tagen wird sichs über das Leben der Frau entscheiden. Man fürchtet eine plötzliche Lähmung des Organs und dadurch den Tod. Es ist mir um des alten Pfarrers willen gar zu arg, an diese Veränderung zu denken! – O möchte ich Dich und Euch bald wieder sehen. Auch nach Deiner lieben Mutter verlangt es mich innig, und wahrlich mehr, als ich bisher mit der Tat zeigen konnte. Aber nun erst werdet Ihr wohl begreifen, was mich schon eine geraume Zeit her umtrieb, herüber und hinüber jagte. – Die guten Aussichten der lieben Rike haben meinen brüderlichsten Anteil. Das ist nun doch Ein Lichtblick vor der Hand. Ich denke, diesmal soll und darf es doch nicht wieder umschlagen! Habt Ihr indessen nicht neuere Nachricht? Wie ist des lieben Schwager Denks Examen ausgefallen? Doch das ist eine ungeschickte Frage: sie setzt aber wirklich keinen Zweifel voraus. Ich war neulich in Stuttgart: nur ein Tag hätte gefehlt, so hätten wir uns vielleicht dort treffen können.

Ich muß eilen, damit das Schreiben noch fortkommt. O wäre es schon in Deinen Händen. Ich denke mir, wie sehnlich Du darauf verlangst.

Deine Bitte wegen Kerns betreffend, so muß ich ja wohl nachgeben: nur weiß ich nicht, wie ich den Hochmut und die Grobheit dieses Menschen auf den Augenblick, da ich ihm freundlich schreiben soll, vergesse. Daß er sich die pretiöse Miene gibt, als hänge sein Kommen in Euer Haus von meinem Schreiben ab! – Sei's drum!

Noch darf ich nicht vergessen, Dir von meiner Gesundheit gute Nachricht zu geben. Ich nehme seit einigen Tagen Medizin von Abele, und das sehr gewissenhaft. Schon dies beruhigt mich gar sehr. Einen Beweis menschenfreundlicher Gesinnung muß ich Dir noch anführen. Während meiner neulichen Abwesenheit war, wie man mir sagte, der Oberamtsgerichtsaktuar Schall hier, mich zu besuchen und guten Mut zu machen; er gab zu verstehen, daß der Oberamtsrichter selbst ihn sende (dem ich vor und nach dem Verhör die aufrichtigste Sorge für mich anfühlen konnte); er ist ein weitläufiger Verwandter von uns. Eine schlaue Absicht liegt hier gewiß nicht zu Grunde. Schall war immer ein redlicher Freund von mir.

Nachschrift vom 8. März, morgens gegen 8 Uhr

Der Brief kam gestern nicht mehr fort, und so muß ich ihn heute noch mit einer Nachricht schließen, die gewiß auch dich mit Wehmut füllen wird. Vor einer kleinen Stunde starb unsere gute Kranke. Du kannst Dir denken, welcher laute Jammer das Haus füllt in dem Augenblicke, da ich dieses schreibe. Ihr Tod war sanft, sie sprach während der ganzen Krankheit nicht ein Wort über die Möglichkeit ihres Todes – und scheint auch nicht eigentlich daran geglaubt zu haben. Ich habe diese letzte Nacht noch bei ihr gewacht und war im Zimmer, als ihr letzter Seufzer erfolgte. Der erste Schmerz des alten Herrn und namentlich des Amtmanns war fürchterlich erschütternd. Ich kann von Herzen mit ihnen weinen; auch hab ich überhaupt eine Zeit, wo mir am wohlsten unter den Betrübten ist – könnt ich jetzt, o jetzt! auf eine Stunde bei Dir sitzen – wir wären auch betrübt, aber was wir einander auf dem stillen Grund der Seele läsen, wäre doch Wonne, wäre doch heiliger Friede.

Mein Kind! in dieser ernsten Stunde, wo stärkender Schauer des Ewigen über mich kommt, und nur das Bleibende vor meinem Geiste steht – hier drück ich mächtig in Gedanken Deine Hand und sage Dir für heute Lebewohl!

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