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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 3
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Plattenhardt, den 9. November 1829

Es ist nachts elf Uhr; ich war schon zu Bette, konnte aber nicht in Schlaf kommen, zündete Licht an und rede nun noch ein wenig mit Dir; morgen früh hätt ich den Bauern ohnehin nicht fortgelassen, ohne Dir für Dein Gestriges gedankt zu haben. Ja, Dein gestriges Briefchen! Sieh, mein Kind, ich sage Dir – und das mußt Du buchstäblich für Wahrheit nehmen, ich habe nie in meinem Leben, daß ich wüßte, ein geschrieben Wort gelesen, das' mein ganzes Wesen so entzückt, so rein über sich selbst erhoben hätte wie dies! Was soll ich noch weiter sagen? Amen also, und glaube Du's.

Höchst merkwürdig war mir das wunderbare Zusammentreffen unseres Nachblickens, wovon Du schreibst, um so mehr, als ich mich nur dies Einzige Mal umkehrte und demnach in eben dem Augenblick, da Du ans Fenster tratst. »Wunder hat die Liebe viel«, sagt Herr Ludwig Uhland.

Kaum hatt ich Deinen Brief bis auf den letzten verborgensten Honigtropfen ausgesogen und jede Silbe, jeden leisen Gedankenübergang mikroskopisch durchdrungen, so hör ich auf dem Gang eine derbe Stimme, die nach mir fragt. Ein Abendbesuch von Herrn Benkiser. Ich gestehe, daß meine Stirn sich ein wenig verzog, bis die Stimme im Zimmer war und ich das angenehmste Gesicht von der Welt machen mußte. Sage nur der lieben Mama und Rike (Friderike will mir doch etwas zu kostbar werden), ich sei hinlänglich gestraft für meine Unhöflichkeit an jenem frühern Abend, denn die Visite, blieb wieder bis dreiviertel auf elf Uhr, und ich durfte diesmal die Figur am Ofen nicht wohl spielen. Ich schwätzte recht brav, entwickelte sogar die Lehre vom Somnambulismus, und mein Gast ließ sich auch auf seine Art hierüber vernehmen. Eine seiner Perioden hab ich mir wörtlich gemerkt. »Es ist bedenklich, ja, ja! wenn man nämlich die Sach bedenken tut. – Aber, Herr Vikar, es glauben heutigstags viele Menschen gar nichts mehr, kein Gott nicht einmal, und nach'm Tod seis halt aus – und doch, wenn man nur z. B. d' G'stirn betrachet – 's könnts ja jeder aus seim eigene Leib, seine Sinnen, nämlich seim Verstand abnehmen! – 's ist drum bedenklich, wenn man des Ding so bedenkt.« Und als in der Weise nacheinander fort. – Nach zehn Uhr stand ich einmal mit einem erzwungenen Gähnen rasch vom Stuhl auf. Herr Benkiser blieb aber ruhig sitzen, und als er sich zuletzt doch empfahl, gab er mir auf der Treppe nicht undeutlich zu verstehen, daß ich dasselbe Amusement künftig recht oft haben werde. Nun nahm ich Deine Worte noch einmal vor und las dann noch eine Stunde in Eschenmayer. Meinem lieben Schwager Denk laß ich sagen, daß das Buch auf jeden Fall ungemein interessant und lesenswürdig sei, daß es mich übrigens ebenso sehr abstoße als anziehe. So viel herrliche, weite Ansichten und doch wieder so viel unerträglich Enges! Ich schrieb einige Proben für Denk ab, werde ihm aber, womöglich, das Buch noch selbst mitteilen. Grüß ihn, seine liebe Frau und Alles aufs Zärtlichste. Schreib mir auch von der Stimmung der besten Mutter. Gut, daß Du nach Nürtingen gehst! ich mags der meinigen so gönnen. Liebe sie nur recht von Herzen, sie verdients. An Onkel Georgii hab ich geschrieben. Tat ich recht, von Dir folgendes zu sagen? »Luise, welche Sie durch mich so liebevoll auf die Gesinnung ihres seligen Vaters hinweisen lassen (ein Auftrag, den ich gewiß mit Freuden vollziehe) – sagt mir jedesmal mit großer Bedeutung von der Ähnlichkeit, welche sie zwischen Ihnen und dem Verewigten finden will, und ich führe dies hier an, um die gedoppelte Achtung zu bezeichnen, womit sie Ihnen ergeben ist.«

(Etwas später)

Jetzt gute Nacht, Luise! meine Luise! – Dieser Name läuft, wie ein sanftes Echo, den Tag über und die Nacht durch mein Innerstes. Es ist eine heilige Stille um mich. Draußen liegt alles klar, wie am Tag. Der Mond zeichnet die drei vordem Fenster hell auf den Boden der lieben Stube, worein diesen Augenblick vielleicht ein lebendiger Traum Dich mit mir einführt – vielleicht ist jetzt ein heller Sommermorgen unter Deinem geschlossenen Augenlide – ach, wie einst, wenn ich früh herüber kam und Dich allein bei der Arbeit schon unterm Fenster sitzend fand, selber blühend Du wie der Morgen – wir sind einander noch fremde, höfliche Gestalten –

Du grüßest mich halblaut von fern – – Erwach! Erwache, mein Kind, und gedenke, daß ich Dein geworden bin seit jener kurzen Zeit! –

Welch eine unbeschreiblich schöne Nacht! – Ich öffne ein Fenster, höre die Melodie des Brunnens – blicke aufs Gärtchen hinunter – alles so leicht, so geistig in Schatten und Licht! Wie schwimmend sind alle Gegenstände.

Könnt ich Dich eine Minute lang haben! Nicht einen Kuß gäben wir uns – sondern stille, staunend, andachtvoll sah' ich Dich mir an die Seite gezaubert wie eine leichte Verkörperung meines heiligsten Gedankens, die ich nicht zu berühren wage, die leisen Trittes wieder entweicht, aber in mir eine unnennbare Seligkeit zurückläßt, die mich in den Schlaf hinüber begleitet.

Ist mir aber nicht jetzt schon so zu Mute? Tritt, o Kind, diesen Augenblick herein! und ich will nicht erschrecken, will nicht fragen: Bist Du Luftbild oder Leben? Ich wäre auf jedes Wunder gefaßt – – Zwölf Uhr. Schlaf wohl!

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