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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 29
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen, den 20. Februar 1831

Hattest Du denn, teuerstes Kind! eine Ahnung von dem, was mich am Abende Deiner Heimfahrt nach Nürtingen im Tiefsten bewegte? Sieh, mir war, als löste sich ein Teil von meiner Seele ab, ich stand wie betäubt in meiner Einsamkeit und hörte nur immer, indes die Dämmerung traurig niedersank, das Rollen der Räder im Ohr, die Dich entführten; ich sah, wie mein liebliches Kind, den Kopf in die Ecke geschmiegt, das graue Schattenspiel der äußeren Welt an sich vorüberfließen ließ, während in seinem Innern die Gedanken unschlüssig zwischen Lust und Wehmut wechselten.

In unabsehbar langer, magischer Perspektive zog das geliebte Nachtbild vor mir hin, und als ichs endlich aus dem Gesichte verlor, als der letzte Hufschlag verhallt schien:– da erschrak ich erst über die düstere Totenstille, die in mir und um mich herrschte. – Zu Scharen drang sich mir nun auf, was Alles ich Dir noch zu sagen, worüber Dich noch zu beruhigen gehabt hätte. – Ach, und am Ende war es doch nichts anders, als was Du bereits wußtest, was Du Dir selber sagen konntest.

Den andern Tag hatte ich teils in der Kirche, teils am Pulte zu tun; – nie fühlte ich ein lebhafteres Bedürfnis, ein durstigeres Verlangen nach derjenigen Beruhigung, welche mein Beruf unmittelbar mit sich bringt, und doch – nie fühlte ich mich unfähiger, Hand an die Arbeit zu legen und meiner Empfindung irgend eine Form zu geben. Das Evangelium hielt mir seinen ganzen Frieden entgegen und lockte mich tief und tiefer in jene stille Abgeschiedenheit des Geistes, wo der Engel unserer Kinderjahre uns wieder begegnet und mit uns weint. Aber was ich hier empfand, das gehörte nur mir, gehörte nur Dir – ich konnte die Brücke zur Predigt nicht finden, und was dort lauteres Gold gewesen war, das wurde stumpfes Blei, wenn ich die Feder ansetzte. Eine ruhige Trauer umhüllte mir jeden Gedanken. – Jetzt kann ich diesen Zustand nicht anders nennen als eine hypochondrische Exaltation: ich erkannte das gestern schon deutlich; man hatte mich zu einem jungen Menschen gerufen, ihm das Abendmahl am Krankenbett zu reichen; hier brach mir einigemal das Herz, und ich mußte, während ich die Legende verlas, die Stimme mit Gewalt zusammennehmen und die Tränen verbergen. Zu Hause nun wieder, mitten im verdrießlichen Zusammenleimen meiner Predigt, überrascht mich mit Einmal der Gedanken: »Vielleicht bekomm ich noch heut ein Wörtchen von Luise.« Und schon diese Hoffnung erheiterte plötzlich meinen ganzen Gesichtskreis. Auch stand es wirklich keine Stunde an, so waren Deine liebevollen Linien vom Samstag früh in meinen Händen, die ich denn nun wohl zehnmal nach einander las und an den Mund drückte.– –

Daß ich heute, gestern und vorgestern kaum eine Spur meines körperlichen Übels wahrnahm, macht mich nicht wenig froh und wohlgemut, und indem ich das bisher Geschriebene wieder durchlaufe, gereut michs fast, Dich mit meinen Quälereien unterhalten zu haben. Aber wem soll ich mich eröffnen, wenn ich es gegen Dich nicht darf? Und versprachen wir uns nicht, einander treulich alles mitzuteilen? – Vom kommenden Sommer hoff ich mit Zuversicht das Beste. Glaube mir, es wird alles gut gehen. – Ich fühle es wohl, daß mir die Unfälle in Scheer auch alles andere in einem zu trüben Lichte malen. –

Im Pfarrhause hat man – doch ohne alle Empfindlichkeit – herzlich bedauert, Dich nicht gesehen zu haben. Sie grüßen Dich besonders.

Nun leb wohl! Erhalte mir die Liebe der Deinigen! Ich küsse und umarme Dich

mit treuster Liebe ewig
Dein Eduard

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