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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 28
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Nürtingen, den 8. Februar 1831
In Eile

Teuerste Luise!

Beiliegenden Brief Mährlens (in Stuttgart) erhielt ich in voriger Woche, und gestern (Montags) erhielt ich einen zweiten, von höchst beunruhigendem Inhalt; er bestimmte mich noch abends spät um sechs Uhr hieher und vielleicht morgen nach Stuttgart zu fahren. Meine Leute in Owen und der Helfer sprachen mir aufs Äußerste zu, mich mündlich zu erkundigen, ja man wollte mir eine Reise nach Scheer selbst anraten– ein Rat, der mir zwar ein Beweis großer Teilnahme ist, den ich aber auf keinen Fall benutzen möchte, da mir eine solche unmittelbare Einmischung am Ende selbst noch Nachteil bringen könnte. – Mährlen schreibt am Sonntag: – »ich war kaum von Tübingen wieder hier angekommen, als ich unter manchfachen revolutionären Bewegungen, die im Oberlande gären sollten, auch den Namen Deines Bruders auf eine Art aussprechen und gewisse Tendenzen desselben bezeichnen hörte, die, wenn sie sich begründeten, um so gefährlicher für ihn ausfielen, als die Regierung im gegenwärtigen Augenblicke alle Kraft zusammennimmt, das schwindende Ansehen auf jede Gefahr hin aufrecht zu erhalten. Es hieß nämlich, revolutionärer Umtriebe und aufrührerischer Plakate wegen sei er arretiert worden, und man will von seiner Hand hier und in andern Gegenden des Landes Aufruhrblätter erhalten haben, wovon ich zwar welche vor Augen bekam, ohne jedoch in der sichtlich entstellten Hand eine Ähnlichkeit mit seiner wahren herauszubringen. Da das Gerücht hier ziemlich laut rumort und verschiedene Auslegungen dem Zweck dieser Motionen unterlegt werden, – wovon eine dahin lautet, daß Dein Bruder aus hohem Auftrag sich zum geheimen Inquisitor politischer Glaubensmeinungen habe brauchen lassen und sogar die genannten Plakate nur zum Herausholen verbreitet habe, eine andere aber ihn geradezu der Umtriebe aus eigener ernstlicher Sache bezichtigt, so könnt ichs gestern nicht länger über mich bringen und besuchte nach langer Zeit wieder den Herrn Prokurator, der mir die tröstliche Nachricht mitteilte, er sei bereits wieder seines Arrests entbunden, ohne mir aber im Grunde über den wahren Bestand der Sache näheren Aufschluß geben zu können. Ich bin aus mancherlei Rücksichten sehr gespannt, von Dir zu erfahren, was an der Sache ist. Daß Dein Herr Bruder in großen Verlegenheiten dermalen sich befindet, schließe ich aus einer acht Bogen starken Anklageschrift eines gewissen K. gegen ihn und den Oberamtsrichter von Rom, welche gestern dem Hochwächter zugeschickt wurde. – Aus dem Ganzen blickt ein rachedurstiges und feindselig erbittertes Gemüt hervor, daher ich Dir nur dies sage, daß weder die beigelegte Bittschrift an den König übergeben, noch irgend ein Artikel für den Hochwächter benutzt werden wird. (Mährlen ist nämlich einer der Redaktoren jenes Blattes) (weiter unten heißt es:) Mache, daß Du hieher kommst.« –

Als weitere Beilage erhältst Du hier ein kurzes Schreiben Karls an seine Schwiegermutter. Hieraus spricht viel Gewissensruhe. Aber ich fürchte doch, daß seine Feinde ihm einen bedeutenden Stoß beibringen. Was meine eigene Person betrifft, so sag ich Dir zu allem Überfluß, ich habe, wenn je an der Sache etwas Wahres sein sollte, nicht einmal als Mitwisser den geringsten Teil daran.

Was gäb ich nicht Alles hin, um nur von Karl selbst einiges wahre Licht über diese Teufelei zu erhalten! Ich werde heute nach Oberensingen gehen, da wir Ursache haben, zu glauben, daß die Direktorin Spezielleres von Dorchen darüber weiß. Hievon soll noch abhängen, ob ich morgen nach Stuttgart gehe. Namentlich liegt mir Alles daran, daß jene blamierenden Aufsätze nicht etwa irgendwo anders gedruckt werden. –

Wie wohl täte mir in diesen Zeiten Dein und Euer Anblick und doch, fürwahr, es ist jetzt auf keine Weise möglich. Auf den 2. Februar mußt ich leider schlechterdings auch resignieren. Die liebe Mutter kennt meine treuen und kindlichen Wünsche auch ohne das gewiß. Dein letzter, so lieb ausführlicher Brief war mir in diesen Tagen tiefer Verstimmung und Kümmernis unendlich viel wert. Habe tausend, tausend Dank, Du meine süßeste Hoffnung, Du mein teuerster Besitz! – –

Weil Du mit diesem gegenwärtigen Brief einigermaßen zu kurz kommst – ich habe diesen Morgen noch ihrer drei auszufertigen – so leg ich zu einiger Entschädigung einen fremden bei, von Vischer. Er war mir merkwürdig; nur wird Dir nicht Alles ganz verständlich sein. (Doch möcht ich nicht gern, daß Vischer je diese Mitteilung erführe.) Eine Stelle hab ich selbst vertilgt. Sein Gedicht konnt ich leider nicht schicken, da ich es seinen Bitten gemäß eilig nach Stuttgart fördern mußte. Ich will sorgen, daß es anderswo gedruckt wird, und eben jetzt eröffnet sich eine Gelegenheit.

Mein kleiner Roman hat, eh ich ihn ganz abschicken wollte, vorläufig noch einige unbefangene Leser bekommen, und nachdem, was sie darüber urteilen, sollte man Wunder glauben, was ich für ein seltenes Ding ausgeheckt hätte!

Nun noch Eins: Lasset Euch doch ja durch die fatale Geschichte Karls um meinetwillen nicht anfechten. Nur diese Ungewißheit tötet mich fast.

Jetzt leb wohl und liebe mich! Allerwärts die innigsten Grüße

Ewig
Dein treuster Eduard

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