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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 24
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen, den 28. September 1830

Meine teuerste Luise!

Vor allem bin ich Dir eine Nachricht über meine Nachhausekunft am 20. September nachzuholen schuldig. Wie ich die letzten Stufen an unserem Hause hinabstieg und warum zweimal für Einmal, das weißt Du.

»War unersättlich nach viel hundert Küssen
Und mußte doch zuletzt mit einem scheiden.«

Und diesem einen zulieb kehrt ich nochmals um, indes Du unter der Haustür standest, scheu zurückgezogen, weil die Nürtinger Augen haben. Wen ich zuletzt noch auf der Straße sprach, weißt Du, wenn mich anders Dein Blick noch ein wenig durchs Fenster begleiten mochte. Das Hauptthema meiner Gedanken vor der Stadt errätst Du ebenfalls; es ist das alte, aber die Variationen werden nur immer schöner. Eine halbe Stunde von Dir entfernt, zog ich das geliebte Büchlein aus der Tasche, und wie ich so blätternd vor mich hin trollte, macht mich ein roter Schein, der das Papier verkläret (war das vielleicht schon eine böse Ahnung des kommenden Tinten-Unglücks?) auf das herrlichste Abendrot aufmerksam, das sich in meinem Rücken entzündet hatte. Der Himmel wollte mir mein Kind nochmals und auf brennendem Grunde zeigen. Eh ich Beuren sah, war es schon Nacht geworden; am Ende des Fleckens, eben da sich die bei seinen ersten Häusern abgebrochene Gedankenreihe wieder neu anknüpfen wollte, rasselt ein Wagen mit Rollengeschirr hinter mir drein, daß mir Hören und Sehen vergeht. – »Wohin noch?« ruft der Bursch; ich sagts. – »Fahren Sie mit mir, wir haben einen Weg; da auf dem mittleren Achsbalken schüttelts nicht.« Ich machte keine Umstände, hinauf und fort wie der Teufel! Das war nun doch eine schnelle Expedition und eine Unterhaltung, die einem nachts immer willkommen ist. »Wozu sind denn die Rollen da?« – »Es ist von wegen der Kunden – wenn ein Müller nur so subtil vorbeifährt, versäumt er viel.« – Nach einer Pause von einer Viertelstunde frag ich wieder: Sieht man in der Gegend um diese Zeit viel Irrlichter? »Ja wohl. Aber um Weihnachten geistern sie gar oft da den Berg auf und ab. Dort in der Klinge, über die wir eben gekommen sind, ists auch nicht ganz sicher« usw. Jetzt hast Du den Ton, aus dem die Unterhaltung ging. So war ich im Nu zu Haus; aber wie der Wagen still stand und das Geschmetter schwieg, war mir, als faßt ich erst wieder Fuß in der natürlichen Welt, als hätte mich ein Fiebertraum verlassen, der mich ins Gefolge des wilden Jägers versetzt hatte.

Des andern Tags nach der Kinderlehre nahm ich Dein Büchlein vor und schrieb, was Du finden wirst. Überhaupt findest Du dort hie und da eine Antwort auch auf Deinen lieben, lieben Brief vom Dienstag und Mittwoch, den ich meiner guten Mutter zuzuschicken mir nicht versagen konnte. Sie soll daraus entnehmen, daß Du gerne bei ihr warst. Es ist besonders recht gut von Dir, daß Du meiner Grille nachgibst und mich in Deine kleinen häuslichen Zustände, in den Wechsel zwischen Stube, Küche, Keller und Studierstübchen so anschaulich einführst, damit ich Dich überall stehn und gehn sehe.

Indessen hat meine Mutter mir Deinen Ring geschickt; er hat eine angenehme Form, aber ich begreife nicht, wie der Goldarbeiter meiner genauen Anweisung, die Du gelesen hast, so entgegen handeln konnte. Eh ich also weiß, ob Dir die Façon gefällt, send' ich den Ring wieder nach Nürtingen – ob man ihn nicht zurückgeben kann, um auf jener Instruktion zu bestehen. Meinen Beifall hätte jedoch auch diese Form. –

Aber nun, mein Schatz! hab ich Dir ein Verbrechen zu gestehen, wovon Du Dich wahrscheinlich bereits überzeugt hast. Dein Tagbuch hat die Beiträge von meiner Hand blutig genug bezahlen müssen. Ich habe mich tüchtig über mein eigen Ungeschick erbost. Wenn sich mit so einem Unglück noch ein erzwungener Trost verbinden läßt, so ists wenigstens der Vorteil, daß Du bei jedem neuen Blatt lebhaft an mich – zwar zuerst an mein Versehen, doch auch an meinen guten Willen erinnert wirst. –

Die nordteutsche Liebe a und b = a ist doch vergnügt von ihren Reisen zurückgekommen? Was macht sie sonst? Mag sie mich? Was macht das dritte glühende Herz und was schreibt D.?

Grüße mir Alles, besonders die liebe Mutter und Denks. In dieser Vakanz, will der Herr Pfarrer, soll ich einige Exkursionen mit seinem Sohne machen. Vielleicht wählen wir Urach am ersten schönen Tag.

Leb wohl, Einzige Liebe!
Ganz nur Dein
treuer Eduard

Die gelbe Tabaksbüchse wird von jedermann dergestalt bewundert, daß nächstens eine zweite in unserm Haus sein wird. Ich schone dies schöne Möbel aber auch aufs Zarteste, ohne mir jedoch den täglichen Gebrauch zu untersagen.

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