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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 23
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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correctorreuters@abc.de
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Kirchheim, den 9. September 1830
auf der Post morgens 8 Uhr

Wenn vor meinem Parterrefenster eine Schar flugfertiger Tauben säße, wovon Eine auch den Weg nach Grötzingen nähme – sollt ich da die letztere nicht geschwind noch am Fittich erwischen und ihr ein Zettelchen um den Hals binden? Das heißt mit andern Worten: Könnt ich mitten im Posthaus sitzen, ohne einige Zeilen für Dich da zu lassen, die heute noch abgehen?

Gestern also war Disputation, ein langweilig Ding, von dem nicht viel zu erzählen ist; doch machte ich einige angenehme Charakterbemerkungen und erneute ein paar alte Bekanntschaften. – Das Mittagessen war auf der Post und fiel reichlich genug aus. (Die Herren betrachten das doch immer als eine Hauptsache. Ich machte den unmaßgeblichen Vorschlag, man sollte schon während des Disputierens (um des stärkenden Vorgefühls vom zweiten Akt willen) Messer und Gabel in die Bücher stecken beim Aufschlagen und Bezeichnen der Paginas.)

Um vier Uhr stahlen wir Jüngern, – Griesinger, Schmid (von Köngen), ein junger Pfarrer und ich – uns zu einem besondern Glas Weine fort, es wurde spät und später, sodaß der neue Vetter und ich uns gerne überreden ließen, hier zu übernachten. Ein hiesiger Oberamtsgerichtsaktuar, der artigste bescheidenste Mensch, der mir je vorgekommen, gesellte sich an unsern Tisch, und nachdem das widrige kommersierende Johlen einer Hohenheimer Studentenbande nach und nach ausgetobt hatte, wurde es erst recht traulich und lustig bei uns. – Wir blieben bis Mitternacht auf und teilten uns dann in zwei Zimmer, wo jeder ein vortreffliches Bette fand.

Der Griesinger, der mich duzen lernte, erschien mir in seinem Humor und in Allem doch weit gemäßigter und liebenswürdiger als früher. Ich enthielt mich während des fröhlichen Durcheinander-Schwätzens nicht, einige verstohlene Blicke in Deinen letzten Brief zu tun, und die Kameraden durftens wohl gemerkt haben; saß doch neben mir auch einer, den die Liebe zahm und geschmeidig gemacht hat (Griesinger).

Diesen Morgen verloren sich die andern bald, ohne Frühstück, weil allerlei amtliche Funktionen – Hochzeiten, Leichen usw. sie erwarteten. Ich ließ mir eine Tasse Kaffee bringen und forderte Feder, Tinte und Papier, meinem Schätzchen zu schreiben – (nur nichts weniger als einen Abschiedsbrief – versteht sich). Was mich aber besonders in Gedanken an Dich alarmierte, war die Annonce in der heutigen Zeitung: Romeo und Julie!! Alle Fest- und Lustglocken von Poesie schlugen und läuteten in mir zusammen; augenblicklich formierte sich ein Plan in meinem Kopf, wie es zu machen wäre, daß ich Dich und eins und das andere von Euch morgen Abend auf den bewußten grünen Bänken hätte! Aber schon nach fünf Minuten platzte die herrliche Luftblase. Ich sah ein – was doch unerhört ist –: Shakespeare muß an einer Freitagskinderlehre scheitern – anderer Hindernisse nicht zu gedenken – der Montag wäre mir wohl auch dadurch benommen – kurz – »Türm Ossa auf Pelion!« (dacht ich): Du erreichsts nicht.

Gut! was mich tröstet, ist Dein Briefchen und der Montag. Ich wiederhole Dir meinen Herzensdank für das liebliche Angedenken; der wärmste Kuß wird das Weitere hierüber sagen. Lieb Mutterchen soll machen, daß ich sie gesund antreffe, und Ihre übrigen, Schütte, Rike, Denk und Jettchen, lebet wohl bis dahin.

Unveränderlich Dein
treuster Eduard

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