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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 22
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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(Owen, im Sommer 1830)

»... das sich für die Welt ausbildete – und für diese sind wir gemacht – zeigt, daß es nur mitten in dieser groß zu werden vermochte. Goethe hat durch die unermeßliche Ausdehnung seiner Weltkenntnis gewiß nicht an Intension seiner poetischen Anschauung und Gefühls verloren; er wäre ohne jene nichts geworden. Kurz – was ich eigentlich sagen wollte, das Verbauern fürchte ich, das Verhocken, das Zusammenfaulen neben einem Weibe, Siebenschläfern, Vergauchen usw., wenn ich heute das Glück haben soll, württembergischer Pfarrer zu werden. Da mir jedoch auch dieses Glück, zu dem mich in Wahrheit die gegenwärtige Not zwingt, nicht lächeln will, so streck ich beherzt meine Hand nach Außen und pack einmal einen deutschen Fürsten beim Kragen. Ich glaubte den Taxis bereits halb erstickt und durch lauter Empfehlungen und Signalements ganz überrumpelt, als mich Dein Brief wieder auf die letzte Sprosse meiner Himmelsleiter herabwirft.« – – u. so weiter.

Nun, was sagst Du, mein vernünftiges Mädchen, zu diesem Raisonnement? Glaubst Du, es habe mich im Geringsten irre gemacht? Ich will Dir sagen, was ich mir ungefähr zur Antwort ausgedacht habe. Fürs Erste: Um sich alle Furcht vor dem Versauern als Ehmann vergehen zu lassen, soll er sich eine Luise kriegen, wenn noch eine zu haben ist. Fürs zweite, wer ihm denn sagte, daß ich oder er die zwei ersten Poeten der Welt werden sollen? – Daß ein universeller Schriftsteller oder auch nur ein poetischer Weltbürger, wenn er zwischen London und einem schwäbischen Dorf zu wählen hätte, das erstere vorzöge, versteht sich; ob aber eine Sekretär- oder Bibliothekarstelle bei einem Fürsten wie Taxis unserer etwaigen Produktivität einen höhern Schwung gäbe als der Gesichtskreis einer württembergischen Pfarrei, ist sehr zu bezweifeln. Ich will, wenn ich eine Luftveränderung für meine Gehirnkammer bedarf, aus einer kleinen Reise nach einer ansehnlichen Stadt mehr ziehen und meine poetische Musterkarte stärker bereichern als der verwöhnte Städter, der mitten auf dem Tummelplatze des gestalt- und farbreichsten Lebens wohnt; – eben die Seltenheit pikanter Erscheinungen schärft den Blick, der sie zu ergreifen und zu steigern hat. Wenige, aber starke Eindrücke von außen, – ihre Verarbeitung muß im ruhigen, bescheidenen Winkel geschehen; auf dem ruhigen Hintergrund wird sich ihr Kolorit erhöhen, und die Hauptsache muß doch aus der Tiefe des eigenen Wesens kommen; – was man von außen empfängt, muß teils bloße Anregung sein, teils sind es einzelne abgerissene Charakterlinien, zerstreute Züge usw. Wer bis in sein 26. Jahr in mannigfaltige Berührung mit gewöhnlichen und ungewöhnlichen Menschen kam und so ziemlich alle oberflächlichen und tiefer liegenden Richtungen des Lebens kennt, der soll im Übrigen, um die Welt darzustellen, getrost aus dem Brunnen eigener Phantasie schöpfen und sich auf sein Augenmaß verlassen, was die Korrektheit der Zeichnung betrifft. Überhaupt lebe ich der festen Überzeugung, bei einem Schriftsteller, der auch nur etwas mehr ist als z. B. Wilhelm Hauff (dies ohne alle Rücksicht auf uns gesagt), verhält sich die Notwendigkeit äußerer Anregung (und lebender Stoffe des Tages) zur Bedingung des eigenen Ideenfonds wie 4 zu 8°. Wer der letzteren Summe gewiß ist, der findet die erstere auch als Dorfpfarrer, und wenn er sich aus dem papierenen Produkte von beiden ein wenig Extralebensluft, d. h. Geld zu verschaffen weiß, so kann er die 4 zum Privatvergnügen seiner Frau und seiner selbst bis auf überflüssige 10 steigern. Wer die 8° nicht besitzt, der muß sie sich aus der andern Summe ergänzen und sich seine Kopien aus Teezirkeln, Gesellschaften usw. holen, den feinen Ton studieren, hinter jedem Stutzer und seiner Krawatte den Satyr spielen und das dann als Poesie drucken lassen. Er kann ein unterhaltender, guter Schriftsteller sein – aber kein Dichter; allein eben deswegen wird er mehr Glück bei der eigentlichen Lesewelt machen. – Bewegt sich die Poesie aber nicht gerade auf dem modernen Boden (und es wird ihr Vorteil sein, wenn sie dies nicht immer tut), so braucht man Mährlens Londoner Kaffees und öffentliche Plätze weit weniger – eine Iphigenie schreibt sich gar wohl ohne das, wenn man zuvor ein Johann Wolfgang von Goethe; aber – gehorsamer Diener! man kann eher noch vorher Minister sein.

Nun hab ich Dir aber wahrhaftig den Kopf übervoll geschwatzt. Lies es aber doch noch Einmal; ich bin gewiß, Du wirst mich verstehen und mir recht geben, auch abgesehen davon, daß ich Dein Eduard bin.

Nun, liebe Seele! ist mir, als war ich doch heute bei Dir gewesen, so lange war ichs auf dem Papier. Jetzt gute Nacht! Gedenke mein! aber sei nicht besorgt wegen meines kleinen Übels, es ist mehr Unbequemlichkeit als bösartig. Gute, gute Nacht!

Fühlst Du's nicht, wie ich Dir die Hand drücke? Grüße Alles, besonders auch die Schwester Rikele.

Noch eins: heut bekam ich wieder ein anonymes Geschenk, bestehend in einer ganz hübschen Tabakspfeife. Ich kann den Geber nicht raten. Am Ende wird mir bang vor dieser namenlosen Freundschaft – ich bin wie von Geistern umgeben. Schlaf wohl, Engelskind!

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