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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 21
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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Owen, den 17. Juli (1830) am Tage Augusta

Deine unvergleichlich lieben Zeilen (vom 15. Juli) in dem Pakete meiner Mutter erhielt ich gestern Abend spät, als ich eben ganz ermüdet von einer angreifenden, doch sehr gesunden Berg- und Waldpartie nach Hause kam; es wäre mir nicht möglich gewesen, noch eine Feder anzurühren und heute morgen find ich nur soviel Zeit, um Dir durch den Boten das Allernotwendigste zu schreiben, was mir auf dem Herzen liegt.

Zuerst, mein teures, herrliches Kind! dank ich Dir für die treue Liebe, die Dich noch in Nürtingen jenes Briefchen an mich schreiben hieß: es tat mir unbeschreiblich wohl, es tat mir wohl und weh, so wie mich Alles, was mir in diesen Tagen von Dir begegnet, zu weichem sehnsüchtigem Schmerze stimmt. Ich bemerke mit Freuden, daß wir uns in dem süßen Nachgefühl der verflossenen Tage völlig gleich sind. O wüßtest Du, wie mir zu Mute war, als ich neulich bei meiner Nachhausekunft (elf Uhr nachts) dieses Haus, diese Zimmer wieder betrat; jede Stelle, jede Wand und jeder Stuhl schien mich zu fragen: Bringst Du sie nicht mehr zurück? wo ist das liebliche Kind, das sich eine Zeit lang in diesen Räumen bewegte und Alles ausfüllte mit seinem eigensten Wesen, mit seiner stillen, seligen Gegenwart? – – Die beiden Frauen waren noch auf, zwischen allerlei Gepäcke, das umher lag; sie berieten sich sorgenvoll wegen der Cannstatter Reise, von der sie schon halb abgestanden hatten, weil das Kind, der Emil, den Abend krank geworden war und die Großmutter es nicht so zurücklassen wollte. Wirklich schrieb die Pfarrerin noch in derselben Nacht einen Brief, worin sie ihrem Manne den vereitelten Plan mitteilt. Ich blieb noch eine Zeit lang mit den Frauen auf und fühlte in ihrem schwankenden, bekümmerten Zustand in dem düsteren Zimmer, wo wir des Kindes wegen nur leise sprachen und auf den Zehen gingen, eine Art von Beruhigung für meine eigene Stimmung, wiewohl schon der Geist, in welchem der Freund Mährlen und ich uns auf der nächtlichen Herfahrt unterhielten, einen gewissen Frieden über mich gebracht hatte; manches kam da vor,

was von Menschen nicht gewußt oder nicht bedacht – –

Der Freund gab sich Mühe, mir mit wohlwollendem Sinne mein Verhältnis zu der Welt, – ideales und reales, – vor die Augen zu stellen, wobei wir denn freilich fanden, daß wir beide an einem und demselben Fehler leiden, wenn es je ein Fehler zu nennen ist. Indessen sag ich Dir zu Deinem Troste gerne zu, daß ich, soviel es ohne Zerstörung meines eigenen Selbsts möglich ist, Deine Wünsche zu erfüllen suchen will. Liebes Kind! wie rührt mich Deine Sorge, Deine Aufmerksamkeit! Doch, vergib, wenn es mir vorkommt, daß Du hierin doch etwas zu ängstlich bist! Das dumme Geschwätz über mein häufiges Außensein darf Dich nicht stören; ich werde, was das betrifft, meinen Weg nach wie vor gehen, denn soviel ist gewiß, die guten Pfarrleute haben keinen Teil daran; – wenn ich aber auf die herzliche Einladung zu Denks Taufe verzichte, so geschieht es allerdings mit Rücksicht auf das Verhältnis zum Haus; denn eben weil der Pfarrer abwesend ist, möchte ich nicht den Schein haben, meine Freiheit zu mißbrauchen: unter diesen Umständen muß ich denn auch von der Reise nach Stuttgart abstehen, wiewohl ich schon dachte, daß sie in Verbindung mit einem Besuch in Cannstatt eher eine freundliche als verhaßte Wirkung auf den Pfarrer tun müßte. Doch es sei! Der Gedanke, daß Du und meine gute Mutter dadurch beunruhigt würden, ist mir genug, das Projekt, so angenehm und nützlich es hätte werden können, fahren zu lassen. – Meinem geliebten Schwager und Schwägerin sage vorläufig in meinem Namen die innigsten Glückwünsche zu dem kleinen Ankömmling; er wird mich, wenn er einmal das Glück hat, Vikar zu werden, gewiß vollkommen entschuldigen, daß ich, als solcher, seiner Tauf- Solennität nicht beiwohnte; man lernt gar mancherlei als angehender Geistlicher, wovon die übrige vernünftige Welt nichts versteht!

Was mich bei alle dem tröstet, und was ich mir oft, wie oft! in stillem Entzücken wiederhole, das ist: Luise war bei mir! ich lebte mit ihr volle, reiche Tage im schönsten, reinsten Vorgefühle künftiger Zeiten! – Ach, mein Herz! ich kann Dir nicht sagen, was mir die Erinnerung dieser goldenen Woche ist! Ihr Wert steht gar nicht zu berechnen. Ich fühle mich so kräftig, mutig und erquickt, und im tiefsten Grund meiner Seele verbreitet sich eine stille, zufriedene Ruhe. – Deine reichen Tränen vor unserem Abschied waren mir unschätzbar teure und wichtige Zeugen Deiner mächtigen Liebe. – Glaube aber, ja glaube nur, daß ihr die meinige um nichts nachsteht! Und so leb' wohl, einziges Leben! Ich küsse Dich inbrünstig in die Ferne.

Dein Getreuer

Die zärtlichsten Grüße an Alles, was mich mag. Mährlen läßt bestens grüßen: wir haben wirklich eine sehr fruchtbare, wissenschaftliche Lektüre, die uns eifrigst beschäftigt. Ich lasse den Brief unversiegelt durch meine liebe Mutter an Dich gelangen, damit sie das Nötige daraus für sich entnehme – weil mir die Zeit zu einem zweiten an sie gebricht.

Ich kann diesmal mit meinen Worten kaum zu Ende kommen, so voll ist mir die Seele gegen Dich. Mir fällt unser neulicher Abschied beim Hardter Wäldchen wieder ein. Ich hatte, eh Du von mir gingest, noch so manches für Dich auf der Brust, doch war mir die Kehle wie zugeschnürt, denn der Augenblick drängte und war auch der rechte nicht. (Nun hat der Brief es ausführlich getan.) Als Du Dich schon rückwärts gewandt hattest und die ersten Gebüsche mir Deine Gestalt bereits verbargen, mußte ich unwillkürlich stillstehen und lauschen; mir war, Du würdest noch einmal hervorkommen, wir müßten uns nochmals, von aller Welt ungesehen, um den Hals fallen, und das Letzte, unausgesprochene Wort der Liebe uns aus den Augen nehmen. Aber die Büsche blieben still und taten sich nicht wieder auf. Ich wollte Dir nach, Dich zurückrufen ... [Lücke] oder vielmehr, ich wußte nicht, was ich wollte. Aber eine unbeschreibliche Wehmut, ein schreckhaft Gefühl von Verlassenheit bemächtigte sich mein in diesem Augenblick. – Ich ging langsam weiter – da kam ich vor den umgehauenen Baumstamm, worauf Du einmal gesessen und ich mich an Deine Knie gelehnt. Diese Erinnerung überwältigte mich ganz, ich hätte niedersinken und laut weinen mögen.

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