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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 19
Quellenangabe
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authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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[Owen,] den 20. Juni 1830

Diesmal, meine Liebste, denk ich Dir endlich wieder eine ansehnlich große Epistel zu, und das mit Recht; denn dieses stets miserable Wetter, dieser Himmel von Löschpapier ist ganz dazu gemacht, den Menschen auf eine kleine Buchstabenwelt zu beschränken, ihn in ein Schreibzeug, oder in ein Buch oder einen Strickstrumpf zu verwandeln. Aber laß mich vor allen Dingen nach Euch fragen, nach Dir und Deinem lieben Angesicht, ob es noch blüht und lächelt? Denn, aufrichtig, mein Kind, ich meine immer, Du habest den letzten Zug aus Hygieias Schale noch nicht getan. Die Apotheke teilt sich wechselsweise unter lieb Jettchen, lieb Mutter, lieb Rike und Dich. Die Gedankenlaute allein sind unerschütterlich. Im Ernst, was macht unser krankes Studentchen? Ich frage das in zweierlei Hinsichten, in zwei sehr verschiedenen, die denn aber doch eine natürliche Wechselbeziehung unter einander haben, wie ich als erfahrener philosophe d'amour wohl behaupten kann, ohne zu denjenigen zu gehören, welche ohne Weiteres Alles von der Liebe abhängig machen wollen. Ein kleines Bißchen – nicht wahr –? haben aber doch auch diese recht?

Unterbrechung durch eine unvermutete Fahrt nach Nürtingen. Hier bin ich wieder. Die Expedition geschah ganz aus dem Stegreif; die Doktorin Wurm (mit Mutter und Tochter) trug mir einen Platz in ihrem Gefährt an und so wurde rasch ausgeführt, was ich ohnedies halb im Sinn hatte. Wie ich einmal dort war, zogs mich herzinniglich vollends hinüber zu Dir – was Du wohl ohne Beteurung glauben wirst, aber der Himmel stimmte schlecht dazu und so ließ ich mirs denn auch gefallen, als gehorsamer Sohn am Bette meiner Mutter zu sitzen. – In unserem Tale wirst Du, und besonders von der jungen Welt, mit vieler Begierde erwartet. Wer aber mit offenen Armen dasteht, weißt Du so ziemlich. Ich hoffe, Du und meine Mutter werden sich recht bald zu einem artigen Plane vereinigen. Ja wohl, Du mußt mir dann durch alle die lieblichen Krümmen, Seitenpartien und Schlupfwinkel folgen, die mich mein träumender Sinn in Gedanken an Dich aufsuchen und entdecken ließ. Aber Du hast ja mit Gustel Wurm ein gemeinschaftliches Projekt hieher gemacht. Sie sprach mit vieler Bestimmtheit davon. Bist du wirklich hiezu geneigt, so liegt mir auch nichts daran. Wegen des versäumten Grußes hab ich mich verständigt. – Nun aber etwas zu meiner und Deiner Verständigung. Kern sagte Dir von dem Verdruß, den wir in Nürtingen bekamen, und Du hast Dich gegen Louis darüber ausgesprochen, so darf ich Dir nun wohl bekennen, daß ich bei jener Gelegenheit eine Kränkung erfuhr, wie sie mir, Gottlob, noch selten und niemals von jemandem begegnet ist, der sich mein Freund nannte. Ich hab ihn gar wohl verstanden, mag er nun die Sache wenden, wie es ihm gutdünkt. Meine Meinung über sein Wesen aber überhaupt hier zu entwickeln, nehm ich wahrhaftig großen Anstand, da ich aus Louis', wiewohl nur sehr unvollständigen Äußerungen beinahe schließen muß, Du habest mich im Verdacht der – Eifersucht. Ob ich Dir Unrecht tue, weiß ich nicht; auf jeden Fall wäre diese Erklärung meines Benehmens gegen Kern in der Tat für mich selber fast zu scharfsinnig! So höre denn und glaube mir, mein Kind, daß, was Deine Liebe zu mir betrifft, mich niemals ein Mißtrauen wegen eines Dritten beschleichen kann, und ferner höre: daß, wenn es auch nie eine Luise auf der Welt gegeben hätte, ich mich dennoch stets unfähig hätte fühlen müssen, mit Kern in dem Grade mich zu befreunden, den andere, und wie es schien, er selbst, von einer gewissen scheinbaren Verwandtschaft unseres Naturells erwarten zu können glaubten.

Mit dem Ausdruck überschwenglicher Liebe, woran, wie ich innig überzeugt bin, – ein Viertel Wahrheit, ein Viertel Enthusiasterei (eingebildete und gekünstelte Empfindung) und die Hälfte Schmeichelei ist, hat mich der eitle Mensch nicht allzu lange bestechen können. Einen Blick in seine Verkehrtheit tat ich unter andern auch bei der Veranlassung, als er sich gegen mich die Miene gab, er sei in das gute Jettchen verliebt, und der Dietrichsche Plan (Denk wird sagen, durch welchen Zufall er dahinter kam) schmerze ihn in der Seele. Ich schrieb diese Manövres schon damals einer Interessanttuerei zu, aber ganz lächerlich kam es mir vollends vor, wie er nachher, ängstlich ausbeugend, sich salvieren zu müssen glaubte, weil er fürchtete, ich könnte Anstalten machen, daß man ihn beim Wort nehme. Genug – und schon zuviel! – Freund Bauer schrieb indessen, und zwar in einem halb wehmütigen Ton. Ich begreife ihn wohl, wenn er mit einigem Unmut von der schriftstellerischen Sucht der heutigen Welt redet, aber unerwartet ists mir doch, daß er durch diese Vorstellung sich seine eigene Muse verkümmern lassen will, die doch wahrhaftig mit jener Misere nichts gemein hat und sehr viel beitragen könnte, wenn es darauf ankäme, das Schlechte durch Musterhaftes nach und nach zu verdrängen. Ich meine, diese halbe Resignation entspringt aus einem ihm selbst verborgenen Gefühl von poetischer Ermüdung, nachdem er im Alexander eine ganze Herrlichkeit von Poesie niedergelegt und dafür von Seiten seines dummstolzen Verlegers sowie von einzelnen Privatrezensenten nicht die wohlverdiente Anerkennung erhalten hatte. Ich denke, dieser Unmut geht vorüber, so wie die allgemeine Stimme für den Wert jener Schrift entschieden haben wird, deren Erscheinung sich noch immer durch Franckh verzögert. (Bauer bekam nämlich Verdruß mit ihm.) Mich selber hat er in demjenigen, was ich mir noch von meinem keineswegs untergrabenen Verhältnis zur schönen Melpomene verspreche, durch seine Klagen nicht irre gemacht. Er schickt mir ein komisch ernsthaftes Produkt von etwa acht Bogen, das ich vor fünf Jahren eigens für ihn geschrieben hatte, und worin unser phantatisches Orplider Leben, seine nächtlichen Eruptionen aus dem Stift usw. verherrlicht werden sollten. Ich will Euch gelegentlich einmal draus vorlesen.

Von Mährlen kommen lauter ganz begeisterte Briefe aus und über München. Er wird übrigens in kurzem ins Vaterland zurückkehren und hofft durch eine Supplikation sich ein Zehrgeld für einen gelehrten Aufenthalt, abermals in München, auszuwirken. Er legt es stark darauf an, auch mich aus meiner Ruhe herauszukitzeln und auf die hohe See des Lebens zu locken, was ihm jedoch nicht gelingen soll. In kurzem denkt er hier in Owen bei mir zu sein, um einige Tage im Wirtshaus zu logieren. Auch Lohbauer macht Hoffnung zu kommen; deswegen unterblieb meine Reise nach Stuttgart. Indessen hab ich mir selber zum Gesetz gemacht, mich mit beiden nur behutsam einzulassen; fürchte also nicht, liebste Seele, daß mein pastoralischer Grund und Boden ins Schwanken geraten könnte! –

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