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Briefe an Luise Rau

Eduard Mörike: Briefe an Luise Rau - Kapitel 18
Quellenangabe
typeletter
authorEduard Mörike
booktitleVerschiedene Erzälungen
titleBriefe an Luise Rau
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20. Mai.
Nachmittags 4 Uhr

Bis hieher schrieb ich gestern im Gartenhause auf dem grünen Kanapee, übervoll von Deinem Briefe (d. d. 17. d.), den ich kurz zuvor erhalten hatte, und in dessen liebevollem Inhalt sich der Tag doppelt glücklich spiegelte. Nun zur Beantwortung. Vor allen Dingen muß ich Dich schelten, daß Du Deiner Liebe auf Kosten der Gesundheit erlaubst, Dich bis Mitternacht am Schreibtisch festzuhalten. Im Ernste, das ist mir sehr leid, das darf nie mehr geschehen. Weißt Du nicht, daß Du mein krankes Kindchen bist, das um diese Zeit bis über die Ohren ins Bette gehört? Hast Du mir nicht selber ehrlich heraus gesagt, welchen Unfall Du noch neulich mit Deinen Nerven hattest? Es hat mich genug erschreckt und Du mußt Dich auf alle Weise schonen. Ich darf mir diesen bösen Zufall gar nicht lebhaft vorstellen. Mir ists ein herzzerreißendes Bild – Still davon.

Wohl hast Du recht, daß auch mir dieser letzte Abschied viel kostete. Mir war, als hätt ich den ganzen Tag nur Deinen Schatten, nicht Dich selbst besessen; ich war wie berauscht, und wurde nüchtern und traurig bei dem letzten Händedruck.

Louis' ungesäumter Besuch in Grötzingen und seine Nachrichten hierüber waren mir viel wert. Ich hoffe, er überbringt Dir auch diese Blätter selbst.

Das gute Jettchen also ist nun fort. Die Post wird wohl vieles ins Reine bringen zwischen den Beiden. Sie wird nun in der Entfernung mit unbefangenerem Blicke sehen und unterscheiden, wenn anders nicht, was wohl auch zu geschehen pflegt, die Ferne sie noch mehr besticht. Der Mensch denkts, Gott lenkts. Ich möchte dem lieben Mädchen alles Gute gönnen.

Hannchen F. wird Euch besuchen? Das freut mich, vorzüglich auch um Deiner Erheiterung willen. Grüße sie von mir recht schön.

Du fragst, ob ich meine Mutter nicht in Stuttgart abhole? Es wäre nicht übel, wenn wirs zusammen tun könnten, aber ich hoffe es kaum, da der hiesige Herr Helfer eine Reise projektiert – und im Vertrauen gesagt, – mein Herr Pfarrer unser letztes um einen Tag verspätetes Heimkommen, wiewohl höchst unbillig, übelzunehmen schien.

Hier, mein Schätzchen, erhältst Du eine Tuschzeichnung von meiner Hand, an der freilich noch dies und jenes zu tun übrig bliebe. Indessen mags so hingehen. Es stellt die Szene aus Hamlet vor, wo die unglückliche Ophelia im Wahnsinn, phantastisch aufgeputzt mit Blumen, Stroh usw., ins Zimmer tritt und dergleichen Gaben verteilt. Ihr Bruder Laertes und die Königin sind zugegen. Komposition und Ausdruck ist ziemlich geraten.

Weil Du von einem Röschen schreibst, das Dir demnächst blühen werde, will ich Dir einen kleinen blumenhaften Traum, den ich vorgestern hatte, erzählen. Ich befand mich noch im Seminar zu Urach. Der jetzige Professor Plieninger, unser damaliger Lehrer der Mathematik, gab eben Unterricht und schloß die Stunde, gleichsam zu unserer Erholung, indem er (was jedoch in der Wirklichkeit nie geschah) einige spielende sinnreiche Rechnungsstückchen preisgab. Unter anderm sagte er von einem artigen Gebrauch im Orient, wonach die Leute zur Begrüßung der schönen Jahrszeit, Blumenkränze, bei Nacht, an den Haustüren ihrer Nachbarn oder Geliebten aufhängen. In der Mitte des Kranzes werden kurze Sprüche, Fragen und Artigkeiten angeschrieben, wobei jedoch die Buchstaben blos mit der Zahl angedeutet werden, welche sie jedesmal in der Ordnung des Alphabets einnehmen. So kämen auch die Worte vor: Liebt ihr mich noch? (Notabene: ohne Unterschrift, denn die schreibenden Personen müssen erraten werden). Diese Frage gefiel mir (im Traum) besonders wohl. Ich fing auch wirklich an, die Buchstaben abzuzählen und machte das L zum neunten, wiewohl es eigentlich der elfte ist, schrieb dann die Aufgabe (mit der übrigens ein sehr komplizierter Rechnungskunstgriff verbunden zu sein schien) auf das Pergament meiner Brieftasche, um es nachher Dir zu zeigen. Nun hatte sich unser Lehrer von jeher nie viel an mich gewandt, wenn es darauf ankam, daß man die Lösung der Exempel angeben sollte, denn er kannte mein Ungeschick hierin und schonte es soviel möglich. Diesmal aber kam er unerwarteter Weise und lächelnd gerade auf mich zu; er schien es vorausgesehen zu haben, daß diese romantische Aufgabe mich interessieren würde. (Sieh doch diesen feinen satirischen Zug meines Traums.) Ich erschrak nicht wenig und verbarg die Brieftasche eilig, denn ich hatte neben die Zahlen einen Frauenzimmerkopf gezeichnet und überdies Deinen Namen daruntergesetzt. Ich wurde feuerrot, er bemerkte es, und ich mußte ihm gutwillig meine Arbeit zeigen, mit der er jedoch sehr zufrieden war. – Ist das nicht sehr charakteristisch? Von einer orientalischen Sitte der Art hab ich übrigens nichts gehört. –

Weil wir nun schon an den naiven Zügen sind, so sollst Du auch noch eine Anekdote aus dem neusten Briefe meines Bruders Karl haben. Es heißt: »Vorgestern war ich mit Dorchen und den Kindern in Mengen; Friedrich ging dort mit mir in die Kirche; daselbst ist ein Johanneskopf auf der silbernen Schüssel. Ich sagte: Küsse diesen schönen Kopf! Er tats, aber er küßte sofort auch viele andere Gegenstände, die Altäre, den Taufstein, die Kirchenstühle . – Es kam mir anfangs rührend vor, aber als das Küssen gar nicht mehr aufhören wollte und endlich auch dem Boden der Kirche zuteil wurde, da wußte ich nicht, wie ich vor den Anwesenden, die endlich auch auf den lebhaften Eifer des Kindes aufmerksam wurden, das Lächeln verbergen sollte.« (Mein Schätzchen lächelt jetzt wohl auch.) Übrigens schreibt Karl ganz zufrieden. Er hatte sogar den festen Plan, in den verflossenen Tagen eine Reise zu uns zu machen , die aber, wie es scheint, durch die Krankheit der Frau Direktorin rückgängig gemacht ward. Hast Du keinen Brief von ihm erhalten? er sagt sowas. Schon vor vierzehn Tagen schickte er die musikalische Beilage für Dich. Ich vergaß nur, sie Dir neulich in Nürtingen zu geben. Es sind zwei niedliche Stücke, die mich, durch Deine Vermittlung, an den letzten Scheerer Aufenthalt erinnern sollten. –

Auch folgt hier das Vischerische Gedicht. Ich weiß gar nicht, wie es hieher kam; aber ich habe es soeben mit neuem Vergnügen wieder gelesen. –

Nun ists endlich doch genug mit Schreiben. Ich sage Dir ein tausendfaches Lebewohl! Bleibe gesund mein Engel! Bleibe ganz Deinem treuen

Eduard Noch eins: Doktor Abele ist ja für Kirchheim ernannt. Das ist recht vernünftig!

Grüße an Alles verstehn sich von selbst.

Am Abend des Maientags, nachdem ich Dich vor die Stadt begleitet hatte, begegnete mir Pfarrer Stirm auf der Brücke, beklagte sich, daß ihn Bauer damals im Herbst des vorigen Jahrs trotz einer schriftlichen Einladung nicht besucht hätte, und schien empfindlich, als ob i c h schuld gewesen wäre, was ich ihm denn doch mit Wahrheit ausredete. Bauer habe ihm (sagte er nun weiter, und das ist mir wichtig) gleich nachher von Ernsbach aus geschrieben, er werde im nächsten Jahr seinen Besuch bei mir wiederholen und sich dann mehr Zeit lassen.

Sollte wohl das ungewohnt lange Stillschweigen des Freunds bereits auf jenes Vorhaben deuten? Unmöglich wärs nicht. Sonst hatte ich immer nach vierzehn Tagen Antwort von ihm auf meine Briefe.

Zum Überfluß füg ich für Dich (weil Du und mit Recht den Anstand nicht verletzt haben willst) noch bei, daß ich mich gegen den Monsieur Stirm ganz scharmant benahm und auch sehr gnädig auf baldigen Besuch in seinem Hause gebeten wurde.

Ich werde Dir bald eine hübsche Lektüre schicken.

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